Sebastian Vettel hatte einen Arbeitstag voller böser Überraschungen

Formel 1 2010

— 09.05.2010

Vettel: Lieber Punkte sichern als aufgeben

Red Bull wollte Sebastian Vettel wegen des Bremsdefekts schon zurückbeordern, aber er fuhr noch auf das Podium: Seine Analyse eines turbulenten Rennens

Sebastian Vettel hatte es schon nach der Qualifikation angekündigt: Vorfreude sei trotz der Red-Bull-Dominanz in Barcelona noch nicht angebracht. Und er sollte Recht behalten. Der Spanien-Grand-Prix hatte für den Heppenheimer zahlreiche unangenehme Überraschungen parat, von Balanceproblemen über einen langen ersten Stopp bis hin zu einem Bremsdefekt.

Sein Red-Bull-Team wollte Vettel wegen des Bremsschadens schon zum Aufgeben überreden, doch er entschied sich, weiterzukämpfen. Und das wurde belohnt: Trotz all des Pechs schaffte er als Dritter noch den Sprung auf das Podium und holte 15 wichtige Punkte für die Weltmeisterschaft. Nach dem Rennen berichtete Vettel noch einmal detailliert, was ihm in Barcelona alles widerfahren ist:

Frage: "Sebastian, waren das heute eher 15 gewonnene Punkte oder zehn verlorene?"
Sebastian Vettel: "Da weiß ich jetzt auch nicht, was ich sagen soll. Ich glaube, eher 15 gewonnene. Bei den vielen Dingen, die heute wieder in die Hose gegangen sind, können wir damit zufrieden sein, glaube ich."

Frage: "Gab es heute irgendetwas, das dir nicht passiert ist? Ein ungeplanter Boxenstopp, Bremsprobleme und was war das für ein Zwischenfall mit Lewis Hamilton?"
Vettel: "Nun, heute ist einiges schiefgelaufen. Der Start war okay. Ich hatte keine Chance, Mark zu überholen. Es wäre das Risiko nicht wert gewesen, da es innen, wo er war, recht rutschig war. Also wollte ich es nicht außenrum versuchen. Ich war nicht schnell genug. Mark ist heute in seiner eigenen Liga gefahren, aber aus irgendwelchen Gründen hatte ich heute Probleme."

"Ich hatte eine Menge Probleme. Ich denke, dass wir zu früh gestoppt haben. Vielleicht war erwartet worden, dass Lewis in der gleichen Runde reinkommt, aber das war nicht der Fall. Der Wechsel auf harte Reifen war etwas schwierig, also konnten wir ihn mit der Strategie nicht schlagen. Wir hatten auch das Pech, dass ich in der Box lange warten musste, bis der Ferrari von Fernando Alonso vorbei war und Jenson Button reingefahren war. Man kann ja nicht einfach losfahren, dass einem noch einer in die Kiste rauscht, sondern muss ein bisschen warten. Das waren die zwei, drei Sekunden, die uns gefehlt haben, um locker vorn zu bleiben."

"Es hat sich wie ein Neun-Sekunden-Boxenstopp angefühlt, wir haben viel an Boden und die Position verloren. Lewis kam dann eine Runde später rein und konnte mich überholen. Es war eng in Kurve eins, aber er hatte die Innenlinie. Es war ein bisschen kritisch, weil da auch noch ein überrundetes Auto war, wir sind also zu dritt in die Kurve. Ich musste ausweichen, damit wir nicht kollidieren."

"Danach war es unmöglich, zu überholen. Ich habe gemerkt, dass das Auto etwas besser wurde, aber sobald man näher aufschließt, hat man keine Chance zu überholen, da man den Grip verliert. 15 Runden vor Schluss habe ich dann die vorderen linken Bremsen verloren und in den letzten zehn Runden hatte ich Glück, dass ich nach hinten zu Michael Schumacher so viel Abstand hatte. Ich konnte das Auto nach Hause bringen."

"Ich weiß nicht, wie ich mich fühlen soll. Platz drei ist nicht schlecht, aber wir hatten ein schreckliches, schlechtes Rennen, in dem sehr viel passiert ist. Es ist gut, dass ich ein paar Punkte mitnehme, aber wir müssen weiter arbeiten und pushen. Das Auto ist schnell, aber man muss das auch jedes Mal nutzen können. Die Chance, durchzukommen, liegt bei 50 zu 50. Mark hatte ein Rennen ohne irgendwelche Probleme, aber für mich war es genau umgekehrt."

Frage: "Du hattest schon zu Rennbeginn Probleme mit der Balance. Kamen die so unerwartet, dass du nicht mehr pushen konntest?"
Vettel: "Ich denke, der ganze Nachmittag war eine Überraschung. Die Strecke war in keinem guten Zustand. Ich glaube, dass die Rundenzeiten generell sehr langsam waren. Es war etwas seltsam, dass ich am Anfang so viel verloren habe. In den ersten beiden Runden konnte ich dicht dranbleiben, aber dann habe ich kontiniuerlich verloren - irgendwann war es sogar schwierig, Lewis auf Abstand zu halten."

"Am Ende konnte ich den Abstand wieder etwas vergrößern, aber es war sehr schwierig, weil es sehr wenig Grip gab. Ich weiß nicht, warum das Auto anders war als am restlichen Wochenende. Dann haben wir leider beim Boxenstopp die Position verloren. Danach war es ziemlich langweilig, hinter Lewis herzufahren. Ich hatte Probleme mit der Balance. Es wurde ein bisschen besser, als die Strecke schneller wurde."

"Und dann hatte ich plötzlich das Bremsversagen und bin in Kurve sieben von der Strecke abgekommen. Ich hatte Glück, dass ich das Auto ins Ziel bringen konnte und dass hinter mir die Abstände so groß waren. Ich habe es geschafft, ohne Bremsen Dritter zu werden, was kein Desaster ist. Das sind viele Punkte, aber das Ergebnis ist ein bisschen anders, als der Nachmittag verlaufen ist."

Frage: "Was wurde gemacht, als du dann zum zweiten Mal an die Box gekommen bist? Hattest du einen Reifenschaden?"
Vettel: "Es wurden nur Reifen gewechselt. Vielleicht haben sie kurz nachgeschaut, aber so etwas kann man nicht auf die Schnelle reparieren. Ich bin dann wieder rausgefahren und hatte noch drei Bremsen am Auto. Gegen Ende wurde es dann ein bisschen kritisch, weil man keinen weiteren Defekt haben will. Um ehrlich zu sein, glaube ich, dass es nur Glück war, dass ich das Auto nach Hause gebracht habe."

Aufgeben kam nicht in Frage

Frage: "Waren denn die Reifen vor dem zweiten Stopp hinüber oder war es nur eine Sicherheitsmaßnahme?"
Vettel: "Ich habe Kurve sieben angebremst - und bumm! Und dann bin ich geradeaus gefahren. Ich hatte gesehen, wie irgendetwas vom Auto weggeflogen ist und ich hatte schon in der Vergangenheit Bremsversagen, von daher war es extrem schwierig. Jedes Mal, wenn ich die Bremse angetippt habe, hat das Auto massiv nach rechts gezogen und ließ sich nicht richtig bremsen. Also wusste ich, dass etwas nicht stimmt. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, dass es nun vorbei ist. Und dann fährt man natürlich an die Box. Sie haben die Reifen gewechselt, vielleicht auch kurz nachgeschaut, haben nichts gesehen und mich wieder rausgeschickt."

"In der Runde danach hat mich das Team aufgefordert, reinzukommen und aufzugeben. Ich habe gefragt: 'Gibt es keine Chance, noch ein paar Punkte zu sichern?' Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass ich Vierter bin, aber ich sagte dem Team, dass ich es liebend gern noch versuchen würde, weiterzufahren und ein paar Punkte zu holen. Ich dachte, dass vielleicht zwei oder drei Punkte besser sind als nichts. Aber es stellte sich heraus, dass es wesentlich mehr waren und ich es sogar auf das Podium geschafft hat. Von daher war es ein sehr glücklicher Tag."

Frage: "Wie schwer ist es für einen Rennfahrer, bei solchen Bremsproblemen das Auto langsam zu fahren?"
Vettel: "Ich habe eben versucht, die Zeit in den Kurven rauszuholen, aber auf der Bremse ging eben gar nichts mehr. Gott sei Dank hatten wir großen Abstand nach hinten und ich konnte mir das Rennen einteilen. Aber Mitte der Geraden habe ich den Fuß vom Gas und habe angefangen, mit dem Motor runterzubremsen, also runterzuschalten und die Bremse so wenig wie möglich zu benutzen, um eben einen weiteren Schaden zu verhindern."

Frage: "Tut das nicht in den Ohren weh, wenn man die Geräusche hört, wenn man mit dem Motor bremst?"
Vettel: "Ja, es ist sicherlich nicht so gesund für den Motor. Auf der anderen Seite aber ist es nicht so, dass er überdreht. Es sollte also kein Problem sein. Aber es hört sich natürlich nicht so schön an."

Frage: "Die meiste Zeit bist du hinter jemand anderem hergefahren. Ist es möglich, dass der Red Bull im Verkehr mehr an Speed oder Balance verliert als andere Autos?"
Vettel: "Ich bin in diesem Jahr kein anderes Auto gefahren, ich weiß es nicht. Ich denke, dass jedes Auto Grip und Downforce verliert, wenn man hinter einem anderen herfährt - abhängig vom Abstand. Dazu war es heute Nachmittag sehr, sehr windig und böig, soweit ich das aus dem Cockpit gesehen habe. Vor allem in Kurve sieben hatte man beim Bremsen Rückenwind und es war sehr schwierig, einzulenken."

"Und wenn dann eine Böe kommt, bläst es dich einfach weg. Es war also schwierig, und es wird natürlich nicht einfacher, je näher man ein anderes Auto vor sich hat. Ich denke aber nicht zwangsläufig, dass es bei uns schlimmer ist als bei anderen. Wir hatten in diesem Jahr andere Rennen, bei denen ich anderen problemlos hinterherfahren konnte. Natürlich verliert man Grip und beschädigt seine Reifen, aber das ist bei jedem so."

Frage: "In fünf Rennen hattest du drei Mal Probleme mit der Zuverlässigkeit. Wie sehr setzt dich das unter Druck?"
Vettel: "Mich nicht, denn ich kann nichts anders machen. Ich wusste, dass ich hinter Lewis war, aber um ehrlich zu sein, war ich um Sekunden schneller. Es ist sehr schwer, seine wahre Pace einzuschätzen, aber wie Fernando sagte, war er am Ende nicht langsam. Sie sind also eine ähnliche Pace gefahren, deshalb denke ich, dass wir alle innerhalb von ein paar Sekunden lagen. Also habe ich versucht, das Rennen als Dritter zu beenden, Motor, Reifen und auch Bremsen zu schonen. Und dann - bumm - kam der Defekt."

"Ähnlich wie wir das mal in Bahrain im Freien Training hatten. Es kam sehr überraschend, weil ich das Auto eigentlich geschont hatte. Denn ich hatte nichts mehr zu gewinnen und nichts mehr zu verlieren. Völlig überraschend hat sich dann die vordere linke Bremse verabschiedet und es ging geradeaus."

Fotoquelle: xpb.cc


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