Die Tage, an denen Formel-1-Rennen immer ausverkauft sind, sind längst vorbei

Formel 1 2010

— 21.05.2010

Von hohen Eintrittspreisen und leeren Tribünen

Analyse mit Williams-Geschäftsführer Adam Parr: Warum Formel-1-Tickets so teuer sind und wer an den hohen Preisen letztendlich verdient

Barcelona sollte mit Lokalmatador Fernando Alonso im Ferrari sowie zwei weiteren Spaniern im Feld eigentlich ein Publikumsmagnet sein, der klassische Grand Prix in Monte Carlo sowieso. Doch die Zuschauerzahlen der beiden vergangenen Rennen lassen die Alarmsirenen aufheulen: An den Circuit de Catalunya kamen am Sonntag 98.113 Motorsportfans (Kapazität: 140.000) und auch in Monte Carlo blieben viele Tribünenplätze leer. Eine Woche vor dem Rennen waren nur 68 Prozent aller Sonntagskarten verkauft.

Gründe dafür gibt es viele, in erster Linie aber sicher die extrem hohen Eintrittspreise, die für halbwegs komfortable Plätze je nach Strecke bis zu 500 Euro kosten - von elitären Paddock-Club-Tickets, die sich Otto Normalverbraucher sowieso nicht leisten kann, ganz zu schweigen. In vielen Fällen verdoppeln sich die Kosten pro Grand-Prix-Besuch dann auch noch, schließlich bezahlen sich Anreise und Unterkunft auch nicht von selbst. Das gilt weniger für Camper, die noch halbwegs billig davonkommen, aber umso mehr für Familienausflüge.

Nur ein Randthema neben Reifendiskussionen

Die Problematik der sinkenden Zuschauerzahlen wurde bei einem FOTA-Meeting in Monte Carlo "im Vorbeigehen" besprochen, wie Adam Parr verrät: "Wir alle wollen das Wochenendformat verbessern und die Sache attraktiver gestalten. Es gibt da ein paar Ideen, es ist aber noch zu früh, darüber zu sprechen, denn wir haben noch keine gesamtheitliche Philosophie, für die eine dezidierte Entscheidung gefallen ist", so der Williams-Geschäftsführer im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Eine bessere Show ist eine Sache, ändert aber nichts an der Kostenproblematik. Die beschäftigt Formel-1-Fans auf der ganzen Welt seit Jahren, doch unternommen wird de facto nichts. Dabei hat die Teamvereinigung FOTA im März 2009 in Genf ein umfangreiches Reformprogramm vorgestellt, in dem reduzierte Eintrittspreise ein wichtiger Punkt waren. Passiert ist nichts. "Wir haben keine Kontrolle über die Ticketpreise", argumentiert Frank Williams. "Bernie ist ein guter Geschäftsmann. Er trifft diese Entscheidungen."

Doch die weit verbreitete Mär, dass Ecclestone die Ticketeinnahmen in die eigene Tasche steckt, ist Unfug. Tatsache ist, dass die lokalen Veranstalter selbst entscheiden können, wie sie die Eintrittspreise gestalten. Tatsache ist jedoch auch, dass sie zu hohen Eintrittspreisen gezwungen werden, weil sie massive Gebühren an die FOM (Formula One Management) überweisen müssen. Diese liegen durchschnittlich im Bereich von rund 25 Millionen Euro. Für eine Strecke wie etwa den Hockenheimring ist das ein ordentlicher Brocken.

Dieses Geld fließt aber nicht direkt in Ecclestones Tasche, wie viele Fans dem Formel-1-Geschäftsführer der Königsklasse unterstellen, sondern in den berühmten Einnahmentopf, den sich der Inhaber der kommerziellen Rechte (CVC und Ecclestone) und die Teams 50:50 aufteilen. Sprich: Die Teams selbst profitieren von den hohen Grand-Prix-Gebühren und sind damit indirekt eine der Ursachen für die teuren Eintrittskarten und somit wohl auch für die immer öfter leer stehenden Tribünen.

Überseerennen teilweise unklug geplant

"Der Grund dafür, dass es kostet, was es eben kostet, ist, dass die Kosten in der Formel 1 immer weiter nach oben gegangen sind", erklärt Parr und beschwert sich über Einzelheiten des Rennkalenders, die er aus logistischer Sicht als unklug empfindet: "Zum Beispiel werden wir als Teams mit dem Grand Prix von Kanada nie und nimmer Geld verdienen. Wir subventionieren dieses Rennen, wenn man so will. Es ist ein einzelnes Überseerennen - verrückt! Aber es ist eine sehr schwierige Situation."

Die Eintrittspreise billiger zu gestalten und dafür mehr Karten zu verkaufen, "ist nicht unser Thema, sondern das der Veranstalter. Deren Aufgabe ist es, den Gewinn zu maximieren", so Parr. "Wenn es mehr Sinn macht, die Tribünen zum halben Preis auszuverkaufen, dann werden sie das tun. Wenn es mehr Sinn macht, 20 Prozent der Plätze frei zu haben, dafür aber mehr Geld zu verlangen, dann ist das ihre Entscheidung. Gucci würde auch mehr Handtaschen verkaufen, wenn sie nur zwei Dollar kosten würden."

"Es kostet eben Geld, eine solche Marke zu pflegen, und die Formel 1 ist noch teurer. Wir haben zwölf Teams, die im Durchschnitt wahrscheinlich 100 Millionen Euro pro Jahr ausgeben. Das sind 1,2 Milliarden Euro, die wir ausgeben, um diese Show zu bieten", argumentiert der Williams-Geschäftsführer. Die 50 Prozent der Formel-1-Einnahmen, die unter den Teams aufgeteilt werden, decken diese Kosten seiner Aussage nach "nicht einmal annähernd".

Für die von Parr angesprochenen Veranstalter kommt eine drastische Reduktion der Eintrittspreise derzeit aufgrund der hohen Grand-Prix-Gebühren nicht in Frage: "Das funktioniert mathematisch nicht", sagt Karl-Josef Schmidt, der Geschäftsführer der Hockenheim-Ring GmbH. "Angenommen, wir halbieren die Preise, dann brauchen wir doppelt so viele Zuschauer. Das würde nicht funktionieren. Wir haben das sogar in Betracht gezogen, aber wir sind zu dem Schluss gekommen, dass sich das Risiko nicht lohnen würde."

Kränkelt das System?

Parr verteidigt jedoch die hohen Kosten, auch wenn er ihnen grundsätzlich ablehnend gegenübersteht, und wirft ein: "Wenn man die finanziellen Rahmenbedingungen für einen Live-Besuch eines Formel-1-Rennens grundlegend ändern will, dann muss man auch die Kosten für das Antreten in der Formel 1 grundlegend verändern. Die Menschen wollen außergewöhnliche Autos mit außergewöhnlicher Technologie und Namen wie Ferrari und Mercedes sehen. Sie wollen die besten Fahrer der Welt sehen."

"Ich glaube, wir können die Kosten in der Formel 1 signifikant reduzieren, wenn meine Kollegen in der Formel 1 vernünftig agieren. Neun von zehn dieser Kollegen würden das am liebsten schon morgen in die Hand nehmen", gibt der Brite zu Protokoll und zieht einen Vergleich heran: "Nehmen wir Tiger Woods (Golf) oder Andy Murray (Tennis; Anm. d. Red.): Die haben null Kosten. Also liegt es rein in ihrem Ermessen, wie viel sie von ihren Sponsoren verlangen. Williams ist aber eine Firma mit 500 Leuten. Wir verdienen nur die Hälfte dessen, was wir brauchen, aus den Formel-1-Einnahmen."

"Am besten wäre es so", findet Peter Sauber, "wenn man einen großen Teil aus dem Bernie-Geld und mit zwei, drei Sponsoren bezahlen könnte. Dann würde die Formel 1 auf guten Beinen stehen." Aus dem FOM-Topf erhält ein Mittelfeldteam wie Sauber geschätzte 25 Millionen Euro pro Jahr, das Budget liegt aber eher bei deren 75. Dass es sich auch die Teams nicht leisten können, die FOM-Einnahmen zu verlieren, versteht sich von selbst. Der Fehler liegt im System.

Weniger an der Show, wie Parr findet. Zwar habe das Wetter in dieser Saison manchmal nachgeholfen, aber "Tatsache ist, dass die Rennen gut waren. Wir hatten fünf spannende Rennen, wir haben eine sehr spannende Weltmeisterschaft und ein paar fantastische Fahrer. Alles ist offen. Zufälle wie das Wetter oder der Unfall von Alonso, durch den er von hinten starten musste, sind ja auch Teil der Show." Die leider immer weniger Menschen vor Ort mitverfolgen können...

Fotoquelle: xpb.cc


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