Die Stimmung zwischen Mark Webber und Sebastian Vettel ist vergiftet

Formel 1 2010

— 31.05.2010

Vettel vs. Webber: Spielt Red Bull wirklich fair?

Die meisten Experten sehen die Schuld an der Kollision bei Vettel, Red Bull gibt aber Webber die Schuld - David Coulthard: "Langsam baut sich Druck auf"

"Unsere Fahrer verstehen sich gut und wissen genau, dass unsere Erfolgschancen am größten sind, wenn sie zusammenarbeiten", sagte Adrian Newey wenige Minuten vor dem Start des gestrigen Rennens in Istanbul. Gut eine Stunde später stieg Sebastian Vettel mit einigen unschönen Gesten aus seinem Red Bull, während Mark Webber vom ersten auf den dritten Platz zurückfiel.

Die Kollision der beiden Teamkollegen sorgt immer noch für Diskussionsstoff. Vettel erklärte in seiner ersten Stellungnahme, dass man sich nur die "eindeutigen TV-Bilder" ansehen müsse, um sich ein Urteil zu bilden: "Ich lag innen und hatte Vorrang für die nächste Kurve", so der Unglücksrabe. "Viel mehr gibt es da eigentlich nicht zu sagen. Gerade unter Teamkollegen ist so etwas natürlich immer blöd, aber man sollte sich auch gegenseitig den Platz geben."

Die TV-Bilder sind aus Sicht der meisten Fahrerkollegen tatsächlich eindeutig, sprechen aber eher für Webber: "Sebastian ist reingezogen", urteilt Mercedes-Pilot Nico Rosberg. "Für mich war es sehr deutlich, denn Mark hat sich überhaupt nicht bewegt, aber Sebastian hat sich nach rechts treiben lassen. Da war halt Mark. Für mich ist es ganz klar Sebastians Fehler, obwohl er schon vorne war. Das war zwischen Teamkollegen nicht ohne."

Fahrer geben Vettel die Schuld

Lewis Hamilton war zum Zeitpunkt der Kollision direkt hinter den Red Bulls und konnte den Unfall wie in Zeitlupe aus der Logenposition beobachten. Sein Urteil: "Ich halte es nicht für einen Rennunfall, aber ich behalte meine Meinung lieber für mich", so der McLaren-Fahrer, der dann aber doch verrät: "Ich habe alles gesehen. Mark hatte ein bisschen Pech, denn er hätte nicht ausweichen können. Ich finde, er hat genug Platz gelassen, aber zum Glück ist er ins Ziel gekommen."

Die Liste der aktuellen und ehemaligen Rennfahrer, die die Meinung von Rosberg und Hamilton teilen, ist schier endlos: Martin Brundle, David Coulthard, Christian Danner, Anthony Davidson, J.J. Lehto und viele mehr sehen die Schuld bei Vettel und widersprechen damit der internen Ansicht bei Red Bull. Denn von Teamchef Christian Horner und Motorsportkonsulent Helmut Marko wurde gleich mal Webber an den Pranger gestellt.

Horner und Marko hatten zunächst noch ausgesagt, Vettel hätte sich neben den Australier setzen können, weil er zu jenem Zeitpunkt die besseren Reifen hatte. Am Abend musste Horner dann zähneknirschend zugeben, dass Webber bereits in den Benzinsparmodus geschaltet hatte, Vettel aber noch nicht. Warum man bei einer Doppelführung ein solches Kommando gibt und einen Zweikampf regelrecht heraufbeschwört, ist vielen ein Rätsel.

So schreibt zum Beispiel der renommierte Journalist Michael Schmidt in einem Bericht auf 'auto motor und sport' von "versteckten Kommandos" bei Red Bull: "Das Team wollte Vettel an Webber vorbeilotsen, unter dem Vorwand, dass Vettel unter Druck von Hamilton stünde", findet Schmidt, der für seine Sachlichkeit geschätzt wird, klare Worte. Und: "Die Aussage, dass Webbers Reifen nachgelassen hatten, was es Vettel erlaubte, schneller zu fahren, war eine Schutzbehauptung."

Die Optik ist natürlich schief, wenn es eine teaminterne Karambolage gibt, die einen Fahrer einen möglichen Hattrick kostet, dieser aber in der ersten Reaktion nicht aufgemuntert, sondern gleich einmal "aus der Hüfte raus" (Norbert Haug) scharf kritisiert wird. Man wird den Eindruck nicht los, dass Red Bull den im eigenen Haus "aufgezogenen" und aufstrebenden Vettel ein bisschen mehr liebt als Webber, der sich bereits im Herbst seiner Karriere befindet.

Aber: "Das stimmt nicht. Wir behandeln beide Fahrer gleich", entgegnet Marko auf die Frage, ob es wahr ist, dass die Österreicher im Team eher auf Vettels, die Briten eher auf Webbers Seite stehen. Auch Stardesigner Newey will von einer Bevorzugung nichts wissen: "Wir stellen immer sicher, dass beide Fahrer gleiches Material bekommen. Es sind erst sieben Rennen gefahren - da wäre es noch viel zu früh, einen Fahrer zu bevorzugen."

Renningenieur als Sündenbock?

Als Sündenbock musste gestern Abend Ciaron Pilbeam herhalten - Webbers Renningenieur soll seinen Schützling nicht früh genug über Vettels Attacke informiert haben. "Es war ein Kommunikationsproblem", meint Marko. Alexander Wurz winkt jedoch ab: "Es wird jetzt viel über Funksprüche und so weiter diskutiert. Zum Schluss ist alles egal, denn wir müssen uns auf die paar Fahrsekunden konzentrieren, bevor es zur Karambolage gekommen ist."

"Da sehe ich eindeutig einen Mark Webber, der seinen Sieg natürlich nicht am Silbertablett herschenken mag. Er fährt geradeaus, wie das Charlie Whiting (FIA-Rennleiter; Anm. d. Red.) immer haben will, und dann gibt es den Moment, wo Vettel daneben ist und einfach nach rechts rüberzieht. Das war für mich der Fehler und der Auslöser für die Karambolage", glaubt der langjährige Testfahrer, der den Fehler "zu 95 Prozent" bei Vettel sieht.

Auch er meint, dass Red Bull Webbers Verhalten ungerecht bewertet: "Alle ehemaligen Rennfahrerkollegen sind einer Meinung, nämlich dass es Vettels Schuld ist", stellt Wurz im 'ORF' klar. "Wir wissen natürlich nicht, was es im Team für Absprachen gegeben hat, aber nichtsdestotrotz: In dieser Situation hätte Vettel nicht rüberziehen müssen oder sollen. Es ist zurückzuführen auf Vettels Rüberziehen. Das war schuld an der Karambolage."

Der Österreicher lässt die Kollision noch einmal Revue passieren: "Als Vettel eine halbe Autolänge vorne war, fing er an, sich mehr Platz zu verschaffen, und zog plötzlich nach rechts rüber. Das war der Fehler. Webber kann sich nicht in Luft auflösen. Der ist dort, fährt auch mit 290 km/h die Gerade runter. Du kannst nicht vom anderen erwarten, dass er es dir auf dem Silbertablett hinlegt. Er kann sich nicht wegbeamen, er kann sich nicht in Luft auflösen."

Niki Lauda ist einer der wenigen Experten, die widersprechen: "Vom Team her gesehen war es ein Fehler von Mark. Sebastian war schneller und Hamilton hat hinten gedrückt, also hätte er ihn vorbeilassen müssen", findet der dreifache Weltmeister. "Er wurde aber von seinem Ingenieur nicht informiert, ist sein eigenes Rennen gefahren und hat nicht ans Team gedacht. Sebastians Angriff war natürlich brutal. Webber wollte sich wehren, weil er gewinnen wollte. Das war der größte Fehler."

"Webber hat ihm wenig Platz gelassen - einen Teamkollegen drückst du nicht fast auf die Wiese", sagt Marc Surer. "Die Kollision kam zustande, nachdem Vettel rübergefahren war, das stimmt schon. Aber in dem Moment, wo Vettel die Nase vorne hätte, hätte ihm Webber Platz lassen können. Wieso fuhr er da Mitte Straße weiter? Dann zog natürlich Vettel eindeutig nach rechts, noch vor dem Bremsen. Webber wollte sich halt auch nicht einfach geschlagen geben."

Surer kann Vettel verstehen

Außerdem: "Wenn Webber ihn nicht gesehen hätte, hätte er ihn eh nicht abgedrängt", winkt der 'Motorsport-Total.com'-Experte ab und fügt an: "Webber wusste genau, dass er kommt. Aber man hätte ihm schon sagen können: 'Lass ihn ziehen!' Wenn einer so schön aus dem Windschatten vorbeigeht, musst du halt irgendwann nachgeben. Webber hat eben nicht nachgegeben, das war sein Fehler. Und Vettels Fehler war, dass er rübergezogen ist."

Laut Horner habe Vettel "das Recht dazu" gehabt, Webber aus dem Windschatten heraus anzugreifen, weil er im Gegensatz zum Australier noch genug Benzin hatte, um den Benzinsparmodus erst später zu aktivieren. Das lag nicht etwa am Fahrstil des Deutschen, sondern vielmehr daran, dass er über weite Strecken des Rennens im Windschatten fahren konnte, während Webber als Führender mehr Luftwiderstand aus dem Weg räumen musste.

"Sebastian", erklärt Teamchef Horner, "hatte von hinten eine Menge Druck von Hamilton, daher musste er Mark angreifen. Unsere Priorität war zu jenem Zeitpunkt, das Rennen zu gewinnen. Selbst wenn wir die Positionen getauscht hätten, wären wir noch Erster und Zweiter gewesen. Wir reden da von 43 Punkten, mit denen sich beide Fahrer in der Meisterschaft von den McLaren-Fahrern absetzen hätten können." Doch es kam bekanntlich anders.

Red Bull hat das anerkannt schnellste Auto im Feld - und das sogar ohne F-Schacht-System. Aber: "Die treten sich zu oft selbst auf die Zehen", analysiert Ex-Rennfahrer Brundle und spielt damit auf die vielen technischen Probleme und Fehler an, die in dieser Saison schon Punkte gekostet haben. "Sie haben die Qualifyings dominiert und waren immer auf Pole-Position, sie haben die Pace, aber trotzdem führt McLaren die Weltmeisterschaft an!"

"Langsam baut sich Druck auf", vermutet auch Red-Bull-Berater Coulthard. "Die Performance ist Jahr für Jahr besser geworden und jetzt ist es das beste Auto. Da kommt es unweigerlich zu haarigen Situationen zwischen den Fahrern, was für das Teammanagement das Allerschwierigste ist. Dieser Moment hat sich irgendwie abgezeichnet. Es ist jetzt im siebten Rennen passiert, aber früher oder später wäre es sowieso dazu gekommen."

Die große Frage ist nun, ob zwischen Vettel und Webber jetzt ein erbitterter Stallkrieg beginnt oder ob sich die beiden aussprechen können. Vor dem nächsten Rennen in Montréal soll es in Milton Keynes einen Krisengipfel geben. Bisher hatten die beiden ein professionelles, aber kein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Wir erinnern uns: Das war bis Imola 1988 auch zwischen Ayrton Senna und Alain Prost der Fall...

Fotoquelle: xpb.cc


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