Jan Lammers ist an diesem Wochenende im Scirocco auf dem Lausitzring am Start

Formel 1 2010

— 05.06.2010

Lammers: "Webber wirkt wie neugeboren"

Der frühere Formel-1-Pilot Jan Lammers im exklusiven Interview über die heutige Formel 1, den Titelkampf 2010 und die "Playstation-Piloten"

Jan Lammers greift wieder ins Lenkrad: Der niederländische Rennfahrer ist an diesem Wochenende im Scirocco R-Cup von Volkswagen unterwegs und setzt sich dabei erstmals mit dem Erdgas-Antrieb auseinander. Was der ehemalige Formel-1-Fahrer von alternativen Antriebs-Technologien und der modernen "Königsklasse" hält, gibt Lammers im exklusiven Interview mit 'Motorsport-Total.com' zu Protokoll. Auch das Comeback von Michael Schumacher ist ein Thema für den 54-Jährigen.

Frage: "Jan, Sie sind Ende der 1970er-Jahre in die Formel 1 aufgestiegen. Wie hat sich diese Rennserie seither verändert? Was ist heute anders als früher?"
Jan Lammers: "Ich denke, der größte Unterschied ist, dass der Sport damals ungeheuer technisch war. Heutzutage ist hingegen vieles elektronisch geregelt - gerade im Hinblick auf die diversen Fahrhilfen."

"Die Formel 1 folgt gewissermaßen den Trends der Automobilindustrie. Die Lenkung ist leichtgängiger, die Bremsen bestehen aus Kohlefaser und das Cockpit an sich ist deutlich ergonomischer geformt als damals. Du spürst den Fahrtwind kaum, wenn du im Auto sitzt. Es ist heute also vergleichsweise 'gemütlich'. Zu meiner Zeit musstest du überaus hart trainieren."

Frage: "In welcher Epoche hatten die Fahrer Ihrer Meinung nach mehr Spaß - zu Ihrer Zeit, als die Autos noch recht brachial und gefährlich waren, oder heutzutage, wo es viele Fahrhilfen gibt?"
Lammers: "Ich denke, die Formel 1 ist zugänglicher geworden für eine größere Gruppe an Fahrern. Wir alten Haudegen halten die junge Generation eben für Playstation-Piloten."

"Das ist aber nicht respektlos gemeint. Betrachtet man die Bedienung des Fahrzeugs, so ist diese heute deutlich einfacher als früher. Aber so ist das Leben, es entwickelt sich eben auf diese Weise. Ein modernes Handy kommt ja schließlich auch ohne eine Tastatur aus. Das ist also eine normale Entwicklung, der ich entspannt gegenüber stehe."

Lammers wünscht sich mehr Sport in der Formel 1

Frage: "In den vergangenen Jahren haben sich die großen Hersteller tendenziell aus der Formel 1 zurückgezogen, wohingegen immer mehr Privatteams dazugekommen sind. Wie gefällt Ihnen diese Entwicklung? Würden Sie gerne wieder mehr Hersteller in der Formel 1 sehen?"
Lammers: "Ich persönlich hätte es begrüßt, wenn die Hersteller etwas Geld in die Privatteams gesteckt hätten, um diese Rennställe die Arbeit machen zu lassen."

"Die Hersteller hätten sich in diesem Fall eher als Sponsor oder als technischer Partner engagieren können, statt ihr Team als Rennabteilung zu verkaufen. Letzteres verschlingt nämlich deutlich mehr Geld. Vielleicht wäre der Sport auf diese Weise etwas gediegener geblieben und nicht so sehr zu einem Business geworden."

"Jetzt hat man nicht unbedingt den Eindruck, zu einer Sportveranstaltung zu gehen. Dieses Gefühl hast du nicht nur bei der Formel 1, sondern auch schon bei der DTM. Es ist fast ein Businessgipfel, wo der Rennsport im Hintergrund abläuft. Mir wäre es lieber, die Formel 1 hätte wieder ein Image, das sich mehr am sportlichen Geschehen als am Business orientiert."

Ein Comeback nach zehn Jahren Abstinenz

Frage: "Sie sind nach zehn Jahren Abstinenz in die Formel 1 zurückgekehrt und haben - ähnlich wie Michael Schumacher - ein Comeback gegeben. Was waren dabei Ihre größten Schwierigkeiten? Was war die Herausforderung dabei?"
Lammers: "Mir fiel das eigentlich recht leicht. Ich war zehn Jahre nicht am Start. Mein letztes Rennen hatte ich 1982 absolviert."

"1992 kehrte ich dann zurück - und es war einfach. 1982 hatte ich den Theodore pilotiert und 1992 gab ich mein Comeback in einem March. In diesem Jahr bin ich aber auch für Toyota angetreten. Das war bei den Sportwagen. Diese Fahrzeuge waren auf manchen Strecken sogar schneller als die Formel 1. Ich hatte also kaum Schwierigkeiten."

"Nach zehn Jahren kam ich wieder einmal nach Suzuka und lag am Samstagmorgen im Nassen auf Rang sechs. Ich war überaus positiv überrascht. Ich bekam halt eine Chance, es noch einmal zu versuchen. Ich dachte mir: 'Wenn ich diese Gelegenheit jetzt nicht beim Schopfe packe, werde ich mir das niemals verzeihen.' Also tat ich es."

Lammers: Webber ist Titelfavorit

Frage: "Glauben Sie, dass Michael Schumacher an seine erste Karriere anknüpfen und wieder so gut sein kann wie zu seinen Glanzzeiten?"
Lammers: "Ich denke, er ist fast schon besser. Überhaupt war es die beste Entscheidung, die er treffen konnte. Jetzt weiß er, wer wirklich seine Freunde sind. Ansonsten hätte er das niemals herausgefunden."

"Wenn du Erfolg hast, gibt es schließlich sehr viele 'Ja-Sager', wie wir sie nennen. Diese Personen machen dir Komplimente und sagen dir hübsche Dinge. Aufgrund seines Comebacks wurde Michael von vielen Leuten kritisiert. Manche gehen sogar so weit und kritisieren seine Leistung zu Beginn der Saison."

"In meinen Augen ist das aber vollkommen lächerlich. Ich finde, er hat eine gute Entscheidung getroffen. Michael verdient etwas Geld und ist wohl der Einzige, der die Formel 1 als Hobby betreibt. Er muss nicht mehr antreten. Seine Leistungen sind noch immer ganz außergewöhnlich."

Frage: "Wer wird Ihrer Meinung nach in diesem Jahr die Formel-1-WM gewinnen?"
Lammers: "Da gibt es viele Kandidaten. Ich muss aber sagen: Webber hat in der Vergangenheit sehr lange als überaus vielversprechendes Talent ausgesehen. Irgendwie ist er aber in eine gewisse Abwärtsspirale gelangt."

"Seine Aussichten sind förmlich verblasst. In Australien hatte er 2010 das vermutlich schlimmste Rennen seines Lebens. Das scheint ihn regelrecht wachgerüttelt zu haben. Auf mich wirkt er wie neugeboren. Er hat gute Chancen, denn was er tut, ist überaus überzeugend."

Wer ist der nächste Niederländer in der Formel 1?

Frage: "Seit Christijan Albers gab es keinen niederländischen Fahrer mehr in der Formel 1. Sehen Sie einige Talente, die es auf absehbare Zeit in die Formel 1 schaffen könnten?"
Lammers: "Im Augenblick nicht. Ich vereine aber nicht alles Wissen und die neusten Informationen über mögliche Kandidaten in mir. Vielleicht hat jemand wie Giedo van der Garde das passende Umfeld, das ihn zu einem möglichen Hoffnungsträger machen könnte."

"Die ganze Formel 1 und das Kommen und Gehen von Talenten ist insgesamt aber recht oberflächlich. In der Vergangenheit war es härter, hinein zu gelangen. Warst du erst einmal dabei, konntest du auch recht lange dabei bleiben."

"Heutzutage ist der Verschleiß an Jungtalenten indes viel größer - und geht auch schneller vonstatten. Das liegt zum Teil auch daran, dass die Fahrzeuge einfach zu bedienen sind. In der Vergangenheit war das Körperliche irgendwo auch eine gewisse Hürde. Wir werden sehen, was sich da tut."

Der Spaßfaktor ist groß beim Scirocco-Cup

Frage: "Kommen wir auf Ihren aktuellen Renneinsatz im Scirocco R-Cup zu sprechen: Fühlen Sie einen Unterschied, weil das Auto einen Erdgasantrieb hat? Welche Eindrücke konnten Sie bislang davon gewinnen?"
Lammers: "Da spürt man nicht allzu viel. Man muss bedenken: Ich habe Fahrzeuge mit 1.200 PS, richtig viel Grip und riesigen Reifen pilotiert - vor allem im Sportwagen-Bereich. Ich fühle mich einfach sehr wohl dabei, wenn ich bei solchen Autos einfach nur bremsen, lenken und wieder aufs Gas steigen kann."

"Die hohe PS-Zahl macht das attraktiv. Beim Scirocco bremse ich hingegen fast jedes Mal zu spät (lacht; Anm. d. Red.). Wahrscheinlich bin ich etwas zu wild unterwegs! Ich muss mich immer wieder zurücknehmen und bedächtig agieren, um in diesem Rennwagen schnell zu sein."

Frage: "Was halten Sie in diesem Zusammenhang vom Push-to-Pass-Knopf? Ist das in Ihren Augen eine gute Idee?"
Lammers: "Ja, sehr sogar. Das bringt ein weiteres strategisches Element mit sich. Besonders, wo man doch an der Seite des Fahrzeugs erkennen kann, wie viele dieser Einheiten den Piloten noch zur Verfügung stehen. Für den Wettbewerb bringt das dennoch eine gewisse Überraschung mit sich."

Welchen Weg muss die Formel 1 einschlagen?

Frage: "Wie stehen Sie zu alternativen Antrieben? Ist das Ihrer Meinung nach die Zukunft des Motorsports?"
Lammers: "Was der ultimative Motor sein wird, muss erst noch herausgefunden werden, denke ich. Vor allem im Bereich der Elektroautos wird sich vermutlich noch sehr viel tun."

"Irgendwo wird es aber sicherlich auch immer einen Platz für einen Benziner- oder einen Dieselmotor geben - und auch Biosprit ist ein wichtiges Thema. In etwa 20 Jahren werden wir wissen, wie die neue Motorengeneration aussehen wird."

Frage: "Wie stehen Sie diesbezüglich zu den Entwicklungen in der Formel 1? KERS könnte beispielsweise auf absehbare Zeit zurückkehren..."
Lammers: "Ja, aber dann auf bessere Art und Weise. In der Vergangenheit war das eigentlich eher eine Marketing-Geschichte, aber nicht wirklich effektiv."

"Man wollte damit einfach 'grün' aussehen, viel gebracht hat das System allerdings nicht. Was sich da tun wird, kann ich nicht absehen. Ich sage immer: Einerseits gibt es Motorsport, andererseits die Formel 1. Diese beiden Sachen haben nichts miteinander gemein."

"Das ist ein Duell der Giganten und letztendlich wird wohl eine Entscheidung getroffen werden, die auf dem Marketing basiert. Sicher ist nur: Die Formel 1 will 'grün' aussehen und kann nicht damit fortfahren, den Sprit einfach so zu verblasen. Man kann es sich nicht mehr länger leisten, Umweltverschmutzung zu betreiben. Die Sponsoren machen so etwas schlichtweg nicht mehr mit."

Fotoquelle: xpb.cc


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