In der Entwicklung zurück: Der Mercedes MGP W01 ist noch nicht siegfähig

Formel 1 2010

— 29.06.2010

Mercedes: Zwischen Genie und Reifen-Wahnsinn

Ratlosigkeit im Lager von Mercedes: Reifen arbeiten nicht richtig, Ideen führen in die Sackgasse - Weitere Anpassungen für Silverstone und Hockenheim

Was ist nur bei Mercedes los? Das neue Werksteam verspricht Woche für Woche erhebliche Verbesserungen für den MGP W01, doch der erwartete Fortschritt blieb bisher stets aus. Noch schlimmer: Die Konkurrenz landet mit Updates einen Volltreffer nach dem anderen und hängt die deutschen Silberpfeile immer weiter ab. Michael Schumacher und Nico Rosberg kämpfen vor allem im Qualifying mit stumpfen Waffen.

Dabei sieht die Entwicklung der Silbernen in der Statistik der Rundenzeiten gar nicht mal so schlecht aus. An den ersten sieben Rennwochenenden des Jahres brachte man jeweils beide Autos in den letzten Qualifyingabschnitt. Der Rückstand der besten Mercedes-Rundenzeit in Q3 betrug anfangs rund eine Sekunde auf die Pole-Position, später war der Abstand sogar geringer. In Kanada und Valencia war man sogar deutlich weniger weit weg, doch es reichte nicht zum Einzug in das Shootout um die besten Startplätze.

Es geht voran, aber nicht genug

Die Entwicklung zeigt eines sehr deutlich: Mercedes sind Fortschritte gelungen, aber diese reichten zur Verbesserung der Position bislang nicht aus. "Die Reifen harmonieren nicht mit dem Auto. Die anderen werden schneller, wenn sie die weichen Reifen aufziehen, aber wir nicht", klagt Schumacher über anhaltende Probleme in der Zeitenjagd. Die Silbernen können im entscheidenden Moment das "schwarze Gold" nicht nutzen.

"Warum wir im Qualifying nicht schneller sind, ist uns noch ein Rätsel, aber wenn dieses Rätsel einmal gelöst ist, dann können wir auch dieses Jahr noch Rennen gewinnen", bleibt der Rekordweltmeister auch nach herben Rückschlägen noch guter Dinge. Schumacher hat Geduld - und Vertrauen in den Technikerstab um Ross Brawn. "Sobald es Fortschritte gibt - und die werden kommen, da bin ich mir sicher -, wird die Belohnung dann umso schöner sein", meint der 41-Jährige.

Schumacher ist um Ruhe im Team bemüht. Gegenseitige Vorwürfe oder Sticheleien sind aus Sicht des erfahrenen Kerpeners nicht zielführend. Teamkollege Rosberg verfolgt eine andere Strategie. Der gebürtige Wiesbadener nennt die Dinge beim Namen. "Wir reden jetzt schon seit Wochen, dass wir bald vorne sind. Aber es kommt nichts - eher sogar im Gegenteil. Das ist natürlich nicht gut", sagt der 25-Jährige gegenüber 'Sky'.

Die Leistungen von Valencia sorgten für Kopfschütteln beim Weltmeistersohn. "Wenn man Zwölfter ist, sogar hinter beiden Williams, die vor zwei Wochen noch im Nirgendwo waren", erklärt Rosberg seine Enttäuschung, die er aber dennoch von einem Lächeln begleitet wird. Er kann sich gerade bei der Aussprache des Teamnamens Williams ein Lachen nicht verkneifen: "Von dort komme ich gerade - eigentlich um jetzt vorne zu fahren."

Rosberg spricht von einer "Katastrophe"

"Die vergangenen zwei Rennen waren enttäuschend", sagt der Wahl-Monegasse weiter. Seit zwei Rennen arbeiten die beiden Mercedes-Piloten im Qualifying mit stumpfen Waffen, denn die weichen Reifen bringen bei der Zeitenjagd kaum Vorteile. "Das ist eine Katastrophe. Wir müssen versuchen, das in den Griff zu bekommen." Das Problem ist allen im Team bekannt, einzig einen Weg zur Lösung hat man noch nicht gefunden.

"Ross ist nach Montréal in die Firma gekommen. Dort hat er allen 400 Mann gesagt: Höchste Priorität hat das Verstehen der Reifen. Das steht in der Prioritätenliste noch vor weiteren Upgrades", erklärt Rosberg den Kampf um Anschluss. "Dann haben sich alle hingesetzt und sind mit Ideen gekommen. Die besten Ideen haben wir genommen und ausprobiert. Leider nicht sehr erfolgreich. Bis jetzt jedenfalls."

"Und dann kommt noch dazu, dass unser Updatepaket - wieder mal - nicht die Erwartungen erfüllt hat. Das ist schon so ein wenig die Geschichte unseres Teams in diesem Jahr. Wir hatten wieder Updates, konnten es aber nicht voll ausnutzen, weil wir wieder Kompromisse eingehen mussten. Das hat uns dann nicht so weit vorangebracht wie wir uns erhofft hatten", meint der 25-jährige Mercedes-Pilot.

Mercedes brachte ein Auspuffsystem nach dem Vorbild von Red Bull mit nach Valencia. Die Abgase strömen tief aus, beschleunigen die Luft und lassen so den Diffusor besser wirken. Das Problem: einige Bauteile am MGP W01 wurden zu heiß, man musste Anpassungen vornehmen. Die Wirkung des neuen Systems wurde somit abgeschwächt.

Updates funktonieren nicht wie gewünscht

"Das Hauptproblem ist die Hitze. Einige Komponenten werden sehr heiß, wir mussten sie abdecken", beschreibt Teamchef Brawn. "Das raubt dem neuen System aber wieder Effizienz. Das bekommen wir vielleicht in Silverstone in den Griff. Aber wir mussten so viele Änderungen vornehmen, sodass das System wohl auch dann nicht die volle Leistungsfähigkeit zeigen wird."

"Nächste Woche müssen wir intensiv nachdenken und versuchen, die richtigen Entscheidungen zu treffen, um wieder an die Spitze zu kommen", sagt der Brite, der im Fahrerlager nach wie vor als Genie unter den Formel-1-Technikern gilt. "Wenn man sich seine 16-jährige Karriere anschaut, dann war er bei den Konstrukteuren nie schlechter als Dritter. Da sind wir momentan nicht", meint Rosberg mit Blick auf die Erfolgsgeschichte seines Chefs.

"Er ist nicht das große Genie, das unser Auto schneller macht", sagt der jüngere der beiden Mercedes-Piloten. "Seine Stärke liegt darin, das Beste aus den Leuten herauszuholen, die in unserer Firma arbeiten. Das ist ein fortlaufender Prozess. Wir sind noch in der Anfangsphase, weil wir ein junges Team sind. Das muss sich nun entwickeln und wir müssen uns im Zuge dessen steigern."

Das aktuelle Problem könnte ein typisches "Brawn-Problem" sein. Auch 2009, als der Wagen von Ross Brawn sensationell Jenson Button zum Weltmeister machte, war das damalige Fahrzeug ein "Reifenflüsterer". Genau diese Tugend wurde für den Mercedes Baujahr 2010 übernommen. "Unser Auto ist in vielen Aspekten sehr sanft zu den Reifen. Das hilft natürlich im Rennen, ist im Qualifying aber nicht gerade hilfreich", gibt Brawn zu.

Nach Hockenheim alles auf 2011?

"Im aktuellen Gesamtgefüge ist die Qualifikation enorm wichtig. Daher müssen wir das Problem lösen", stellt der Brite klar. Während man Aufwärmprobleme im Qualifying zu früheren zeiten mit veränderten Einstellungen von Sturz und Spur noch umschiffen konnte, ist dies heute nicht mehr möglich. Das Setup darf nach dem Qualifying nicht mehr verändert werden, im Rennen würden mit solch aggressiven Einstellungen die Reifen schnell zerstört.

"Man muss eine Einstellung finden, die im Qualifying und im Rennen funktioniert", beschreibt Brawn das aktuelle Dilemma. "Ein weiteres Problem sind die fehlenden Testfahrten. Als wir im Winter getestet haben war es viel kälter. Aber dieses Problem hat jedes Team. Wir machen eben keinen ausreichend guten Job." Im Werk in Brackley sitzen erneut 400 Mitarbeiter und brüten neue Ideen aus. Ob es diesmal etwas hilft?

"Wir versuchen erst einmal, unser neues Aerodynamikpaket vernünftig zum Arbeiten zu bringen. Wir planen Anpassungen für Silverstone und für Hockenheim", sagt Brawn. "Vom Ergebnis hängt dann ab, inwiefern wir uns vielleicht auf die kommende Saison konzentrieren. Natürlich arbeiten wir auch jetzt schon intensiv am nächstjährigen Auto. Das müssen wir tun. Die Gewichtung verschiebt sich eventuell, abhängig vom Ergebnis der kommenden Rennen."

Beobachter zeigten sich auch angesichts der Taktik im Valencia-Rennen etwas erstaunt. Mercedes rief Schumacher bei der frühen Safety-Car-Phase schnell zum Boxenhalt, dabei hatte der Rekordchampion zu jenem Zeitpunkt - im Gegensatz zur Spitze - die härtere Reifenmischung aufgezogen. "Diese Entscheidung ist total unverständlich, Schumacher wäre gut dabei gewesen", lachte ein konkurrierender Teamchef. Allerdings hatte der Kerpener auch Pech, denn man ließ ihn nach dem Reifenwechsel an der Boxenampel lange warten. Erst hat man kein Entwicklungs-Glück, dann kommt auch noch Rennpech hinzu...

Fotoquelle: xpb.cc


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