Pirelli-Motorsportchef Paul Hembery freut sich auf die neue Herausforderung

Formel 1 2010

— 30.06.2010

Interview: Warum Pirelli Formel 1 macht

Pirelli-Motorsportchef Paul Hembrey im Exklusivinterview: Die Gründe für das Formel-1-Comeback, die Chancen für die "mittelfristige Zukunft"

Bei Pirelli läuft die Entwicklung eines neuen Formel-1-Reifens ab sofort auf Hochtouren. Die Italiener kehren 2011 in die Königsklasse zurück und müssen nun innerhalb kürzester Zeit eine Nachfolgeprodukt für den Bridgestone-Pneu bauen. Die ersten offiziellen Tests sollen im Anschluss an das Saisonfinale in Abu Dhabi im November erfolgen. Erst dann bekommen die Formel-1-Teams einen ersten Eindruck vom Gummi der Zukunft.

Aber schon zuvor wird Pirelli erste Versuche auf der Strecke starten. Angeblich will man sich einen Toyota oder BMW des Vorjahres verschaffen und mit einem prominenten Piloten auf die Testbahn gehen. Gerüchten aus Finnland zufolge soll Kimi Räikkönen als Testpilot im Gespräch sein. Eine Entscheidung steht jedoch noch aus. Warum Pirelli sich dem harten Formel-1-Geschäft stellt und keine Scheu vor der kurzen Entwicklungszeit hat, erklärt Motorsportchef Paul Hembrey im Interview mit 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Paul, wann fiel überhaupt die Entscheidung, dass Pirelli in die Formel 1 zurückkehren möchte?"
Paul Hembery: "Erst vor zwei Monaten haben wir uns wirklich intensiv damit beschäftigt. Natürlich haben wir immer alle großen Motorsportserien im Blick behalten: MotoGP, Le Mans, Formel 1, Dakar und so weiter. Da haben wir eigentlich jedes Jahr unsere Machbarkeitsstudien erstellt. Als uns klar wurde, dass es in der Formel 1 wohl keine schnelle Lösung geben wird, da haben wir uns über mögliche Lösungen für die Teams Gedanken gemacht."

"Die Zeiten haben sich geändert. Die Teams sind mittlerweile bereit, sich in gewissem Maße an unseren Kosten für die Entwicklung in der Formel 1 zu beteiligen. Diese Tatsache hat es uns ermöglicht, den Schritt in die Formel 1 wieder gehen zu können."

Stabilität als Wunschszenario

Frage: "Spielte das besondere Verhältnis zum Rechteinhaber der Formel 1 aus den 1980er-Jahren noch eine Rolle?"
Hembery: "Nein, das ist lange her. Bernie Ecclestone mag sicherlich die italienische Lebensart sehr gern, aber das war sicherlich kein Faktor in diesen Verhandlungen."

Frage: "Im Gegensatz zu einem anderen Bewerber hat sich Pirelli bei konkreten Äußerungen zum Reifenformat zurückgehalten. Es kann also bei 13-Zoll-Rädern bleiben, oder es können später auch 15- oder 16-Zoll-Räder kommen..."
Hembery: "Ja, ganz genau. Wir wollen niemandem etwas vorschreiben, sondern Hand in Hand gehen. Damit haben wir in der Rallye-Weltmeisterschaft gute Erfahrung gemacht. Wir wollen ein Partner sein, auch wenn wir eigentlich nur Zulieferer sind. Es stand eben von vornherein fest, dass kein Reifenkrieg gewünscht wird und man die aktuellen Regeln behalten möchte. Die großen Topteams hätten bei einer kurzfristigen Veränderung vielleicht sogar Vorteile gesehen."

"Die großen Teams können mit ihren Ressourcen und ihrer Erfahrung am ehesten einen Vorteil aus einschneidenden Veränderungen ziehen, während es für kleinere Teams Probleme und zusätzliche Kosten gebracht hätte. Wir haben es im Sinne des Sports gehalten. Darauf hat auch die FIA größten Wert gelegt. Die FIA gibt die Rahmenbedingungen per Reglement vor und wir liefern entsprechend."

Frage: "Wäre Pirelli auch gekommen, wenn es einen Reifenkrieg gegeben hätte?"
Hembery: "Wir kommen nach rund 20 Jahren wieder zurück und müssen unsere Erfahrungen im Rennbetrieb erst sammeln. Wir hätten bestimmt keine Angst vor Konkurrenz. Mit dem richtigen Team, dem richtigen Auto und den richtigern Fahrern wären wir sicherlich auch dann siegfähig. Aber wir haben gar nicht darüber die diskutiert. Wenn wir drei Jahre hinter uns haben, können wir uns vielleicht mal darüber unterhalten."

"Die Zeiten haben sich geändert. Ich glaube nicht, dass die Öffentlichkeit den harten Kampf um eine halbe Sekunde nur durch die Reifenleistung überhaupt wahrnimmt. Als Reifenhersteller geht man in der Formel 1 an die Spitze des Motorsports. Es ist doch komisch, wenn man dann plötzlich davon abhängt, dass man das richtige Auto und den richtigen Fahrer ausstattet. Man kann dann schnell zu einem Loser werden."

Pirelli will aggressive Mischungen

Frage: "Was kann die Formel 1 Pirelli geben und umgekehrt?"
Hembery: "Wir kommen, um das Spektakel zu verbessern. Wir werden Lösungen anbieten, die echtes Racing und Überholen ermöglichen. Was wir in Kanada gesehen haben, lässt sich wahrscheinlich kaum irgendwo anders reproduzieren, weil die Bedingungen einzigartig waren. Aber wir können extreme Lösungen anbieten, die interessante Strategien hervorrufen. So etwas wünschen sich die Teams und die Promoter."

"2013 kommt ein ganz neues Reglement. Dort können wir uns als Reifenhersteller ebenfalls einbringen. Wir haben da Umweltaspekte und auch Technologie im Auge. Unsere Firmenphilosophie steht für "grüne Performance". Vor dem Hintergrund von Umweltschonung geht es bei Reifen immer auch um Leistung und Sicherheit. Immerhin spielt ein Reifen keine ganz unwichtige Rolle für das Fahrzeugverhalten auf der Straße."

Frage: "Werden Reifen in der Formel 1 vielleicht nicht sogar als Performance-Bremse genutzt?"
Hembery: "Man kann das nur zu einem gewissen Maße unterschreiben. Im Wettbewerb sollte man die Performance der Reifen nie unterschätzen. Einen Formel-1-Reifen kann man nicht im Regal eines jeden Herstellers finden. Solche Pneus kommen aus den Hightechabteilungen von Unternehmen wie zum Beispiel unserem. Ich kann die Frage schon irgendwie nachvollziehen, aber unterschätzen sollte man es wirklich nicht. Ein solches Produkt können nur die wenigsten Reifenhersteller überhaupt anbieten."

Frage: "In zwei Jahren kommen wieder ganz andere Regeln. Nun entwickeln sie also für viel Geld einen Reifen für nur gerade einmal zwei Jahre. Ist das nicht Verschwendung?"
Hembery: "Naja, die Teams helfen uns schon bei der Entwicklung und der Produktion mit einem gewissen Beitrag. Die Gesamtausgaben unseres Unternehmens ändern sich nicht, sondern es kommt nur zu Verschiebungen in den einzelnen Budgets wie zum Beispiel beim Werbeetat. Man darf nicht vergessen, dass die Formel 1 eine der wenigen Möglichkeiten ist, seine Marke und sein Produkt weltweit in die Auslage zu stellen. Davon gibt es nur sehr wenige."

"Die anderen Chancen gibt es nur alle vier Jahre (Olympia; Fußball-Weltmeisterschaft; Anm. d. Red.), die Formel 1 fährt aber jedes Jahr. Das ist einzigartig und sehr wichtig aus unserer Sicht. Das alles wird uns bei der weiteren Entwicklung unseres Unternehmens helfen, vor allem in den neuen Märkten. Wir sind in Asien, in den USA und hoffentlich auch bald in Indien und Russland. Das sind Wachstumsmärkte, da geht es ordentlich voran. Wir sehen das also als große Chance."

"Man darf also nicht nur die Kosten sehen, sondern man muss auch die Chancen erkennen. Für uns ist dies eine gute Gelegenheit, die Pirelli-Produkte weltweit zu vermarkten. Es liegt dann an uns, unsere Standorte so auszubauen, dass wir dem erhöhten Bedarf auch gerecht werden können."

Ausschreibung nicht notwendig

Frage: "Und dennoch: Der Vertrag läuft drei Jahre, es besteht also die Möglichkeit, dass man für 2013 etwas ganz Neues entwickeln muss und dann nach einem Jahr der Vertrag nicht verlängert wird. Ist das nicht gefährlich?"
Hembery: "Natürlich könnte das passieren. Aber wir haben frühzeitig mit den Teams das Gespräch gesucht und verhandelt. Die Teams wollen doch auch keine ständigen Wechsel, sondern sie wollen Stabilität. Die wollen nicht alle zwei oder drei Jahre einen neuen Reifenlieferanten, weil es für die Teams dramatische Änderungen bedeutet. Wir müssen sehen, dass das Regelwerk 2013 aus Sicht der Teams, des Sports und auch für uns einen Sinn ergibt."

Frage: "Sie können sich mit den Teams einigen, aber das letzte Wort hat doch immer noch die FIA..."
Hembery: "Ja, das stimmt. Aber unser Verhältnis zur FIA ist bestens. Das Rallyeprogramm hat das doch bewiesen. Wir hatten drei tolle gemeinsame Jahre. Mit den 'Star Drivers' hatten wir sogar ein gemeinsames neues Projekt mit der FIA. Es gab immer wieder Leute, die behauptet haben, dass wir ein schlechtes Verhältnis zur FIA hätten. In der Praxis stimmt dies aber nicht."

"Wir haben uns bis zu deren Bekanntgabe zurückgehalten und deren Entscheidung als Motorsporthoheit respektiert. Wenn in einem solchen Sport drei Parteien beteiligt sind, dann gibt es immer wieder Leute, die einen Keil dort hinein treiben wollen. Wir sind sehr froh, dass wir eine Lösung gefunden haben, mit der alle drei Parteien nun glücklich sind."

Frage: "Eigentlich hätte man bezüglich des Reifenpartners eine Ausschreibung starten müssen. Waren sie nicht irritiert, dass es keine Ausschreibung gab?"
Hembery: "Nein. Jeder, der im vergangenen halben Jahr die Zeitung gelesen hat, hat festgestellt, dass die Formel 1 einen Reifenlieferanten ab 2011 sucht. Ich bin sicher, dass man so ziemlich jeden großen Reifenhersteller kontaktiert und nach der Möglichkeit gefragt hat, ob man Reifen für die Formel 1 liefern kann."

"Wenn man eine Ausschreibung hätte machen wollen, dann hätte sie im vergangenen Jahr stattfinden müssen, um den Teams und Unternehmen genügend Zeit einzuräumen. Aber auch so hatten alle Hersteller genügend Zeit, es sich zu überlegen. Die Entscheidung wird deshalb nun so akzeptiert. Probleme hätte es nur geben können, wenn bei den Teams keine Einigkeit geherrscht hätte. Aber es gibt einen Konsens. Wir haben da niemandem eine Pistole auf die Brust gesetzt. Wir haben Vorschläge gemacht und die wurden akzeptiert."

Formel-1-Projekt nicht nur drei Jahre

Frage: "Ihnen bleibt nur wenig Zeit für die Vorbereitung, auch zum Jahr 2012 könnte es wieder knapp werden mit der Entwicklungszeit. Macht ihnen das keine Sorgen?"
Hembery: "Nein. Wir denken ohnehin nicht kurzfristig, also nicht nur über diese drei Jahre Vertragslaufzeit. Wir sehen es als mittelfristiges Programm. Von Langzeitprogramm kann man heutzutage bei großen Unternehmen ohnehin kaum noch sprechen, den dafür ändern sich Management und Gesamtlage oft zu schnell. Unsere Absicht ist es aber, es nicht als Dreijahres-Programm zu sehen, sondern eher auf länger Sicht."

Frage: "Haben die Teams eigentlich einzelne Verträge mit ihnen, die sich unterscheiden?"
Hembery: "Nein. Es gibt Werksteams, es gibt starke Privatteams. Wir haben keine einzelnen Verträge gemacht. Die möglichen Deals als Erstausrüster bei den Herstellern sind ohnehin dann wieder ein ganz anderer Geschäftsbereich. Wir trennen das deutlich."

"Wir haben zum Beispiel mit Ferrari einen Vertrag bezüglich der Ferrari-Challenge. Dieser Vertrag läuft völlig unabhängig, egal, ob wir in der Formel 1 sind oder nicht. Mit Mercedes arbeiten wir zum Beispiel bei einigen Driving Schools zusammen. Das sind ganz normale kommerzielle Dinge. Solche Verträge laufen natürlich weiter, sind aber vollkommen unabhängig von unserem Engagement in der Formel 1."

Frage: "Wenn Mercedes also morgen einen Vertrag mit Pirelli als Erstausrüster unterschreibt, dann hat das nichts mit Formel 1 zu tun?"
Hembery: "Ja, genau. Das liegt dann nur an den Stärken unseres Produkts für die Straße und vielleicht am Preis. Das wird einzig zwischen deren Einkauf und unserem Verkauf verhandelt."

Frage: "Welches sind die stärksten Märkte für Pirelli?"
Hembery: "Lateinamerika ist der größte Markt für uns und Europa natürlich auch. Unsere Wurzeln liegen in Europa und Lateinamerika. Wir wachsen derzeit in Asien und Nordamerika am stärksten. Die Erstaustatter-Verträge machen ohnehin nicht einen solch großen Teil unseres Geschäfts aus, Aftermarket spielt eine viel größere Rolle."

Frage: "Wo haben sie Produktionsstandorte?"
Hembery: "Fast überall auf der Welt: China, Lateinamerika, Brasilien, Venezuela, USA, Großbritannien, Deutschland, Italien, Rumänien. Wir werden bald ein neues Joint-Venture in Russland bekanntgeben. In Russland und Rumänien enstehen große Standorte von Pirelli. Wir haben vor allem in den neuen Märkten ganz neue Hightech-Fabriken."

Pirelli auch auf Kappen, Autos,...

Frage: "Was konnte Pirelli beim WRC-Engagement für die Formel 1 lernen?"
Hembery: "Zum Beispiel die Eigenheiten der Teams. Es gab dort einige Mannschaften, die sich durch mehr Informationen einen kleinen Vorteil verschaffen wollten. Damit mussten wir umgehen. Natürlich haben wir den logistischen Bereich kennengelernt. Wenn man auf der ganzen Welt Rennen fahren will, dann muss man die Logistik gut organisiert haben."

"Was auch sehr wichtig ist: Man lernt sein Produkt genau kennen. Das hat uns sehr geholfen. Wir haben auch viel dadurch gelernt, dass wir plötzlich statt sechs Teams ganze 17 Mannschaften ausrüsten mussten. Wir haben das ganz gut hinbekommen. Dank der Enheitsreifen gewinnen wir jedes Rennen, aber auch der Letzte ist immer auf unseren Pneus unterwegs (lacht)."

Frage: "Irritiert es dich nicht, dass die Reifen nur dann Gesprächsstoff liefern, wenn sie schlecht funktionieren?"
Hembery: "Es ist doch völlig klar, dass bei Siegen immer Team und Fahrer im Vordergrund stehen. Das ist ganz normal so. Nur ganz selten kommt es im hochklassigen Sport vor, dass ein Fahrer nach einem Sieg daherkommt und sagt, dass er wegen der Reifen gewonnen hat. So sieht die harte Realität für Reifenhersteller aus. Natürlich würden wir gern im Wettbewerb glänzen, aber selbst dann sagt doch kein Fahrer, dass er wegen der Reifen gewonnen hat. Das passiert extrem selten."

"Für ein solches Szenario braucht es schon besondere Bedingungen. Ich kann mich an eine Gelegenheit erinnern. Das war Petter Solberg, der bei der Rallye Sardinien gewann. Er kam damals vom fünften oder sechsten Platz nach vorne. Bei Regen hatten wir für ihn einen Reifen, der auf einen Kilometer um drei Sekunden schneller war. Das war eine absolute Ausnahme. So etwas passiert dann und wann mal, aber wirklich höchst selten."

Frage: "Wird es begleitende Maßnahmen zur reinen Reifenlieferung geben?"
Hembery: "Ja, die Möglichkeiten in der Formel 1 sind bezüglich der Platzierung von Bannern und Werbung sehr gut. Merchandising müssen wir uns noch anschauen. Wir sind ein Reifenhersteller und kein Modelabel. Aber vielleicht bringen wir da eine spezielle Kleidung. Mal sehen. Wir werden an Tribünen präsent sein, die Fahrerkappen für das Podium stellen. Außerdem werden alle Fahrzeuge unser Logo auf der Nase tragen. Und natürlich wollen wir auf den Reifenflanken einen möglichst großen Schriftzug zeigen."

Fotoquelle: xpb.cc


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