Marc Surer stieg am Wochenende am Norisring in den VW Scoricco

Formel 1 2010

— 06.07.2010

Surer: "Vettel ist ein logischer Kandidat"

Ex-Formel-1-Pilot Marc Surer im Interview: Über seine zwei Titelkandidaten, die künstliche Show in der Formel 1 und den Einsatz im Scirocco R-Cup

Nach seinem furchtbaren Unfall bei der Hessen-Rallye 1986 steigt Marc Surer nur sehr selten in Rennfahrzeuge. Am vergangenen Wochenende war es mal wieder soweit. Der 'Sky'-Co-Kommentator nahm als eine von insgesamt fünf Rennlegenden am Volkswagen Scirocco R-Cup auf dem Norisring teil und überzeugte dort mit konsequenten Überholmanövern. Im Anschluss an sein Rennen stellte sich Surer den Fragen von 'Motorsport-Total.com'.

Frage: "Marc, seit Saisonbeginn sind ehemalige Toppiloten als Rennkommissare im Einsatz. Findest du die Idee gut?"
Marc Surer: "Ja, absolut. Das ist die beste Idee, die Jean Todt jemals hatte. Im Winter haben sie mich auch angefragt, aber bei mir geht das wegen des Fernsehjobs nicht. Außerdem zahlen sie nichts (lacht). Die Idee ist grandios. Es gibt deswegen weniger Strafen. In den vergangenen Jahren ist das regelrecht ausgeartet. Man wurde für jede Kleinigkeit bestraft. Die Fahrer wissen, dass gewisse Dinge ohne Absicht passieren können. Es gibt so viele kleine Zufälle. Falls etwas wiederholt passiert, dann sollte man einen Fahrer bestrafen."

Wird Überholen in der Formel 1 zu einfach?

Frage: "War es früher einfach so, dass die Rennstewards zu wenig Ahnung hatten?"
Surer: "Die sind zu weit weg. Die sind vielleicht vor 50 Jahren mal in einem Tourenwagen gefahren, aber sie können nicht begreifen, was es bedeutet, mit einem heutigen Fahrzeug zu fahren. Allein schon wegen der unglaublich vielen Verstellmöglichkeiten und Knöpfen am Lenkrad können mal Fehler passieren. Außerdem: Wir klagen alle über wenige Überholmanöver. Wenn es aber ein Fahrer versucht und es geht schief, dann wird er gleich bestraft. Das kann doch nicht sein! Er sollte eher belohnt werden."

Frage: "Abgesehen von Bahrain waren alle Rennen des bisherigen Jahres sehr spannend. Muss man wirklich noch etwas für die Show machen?"
Surer: "Ich habe gerade jetzt im Scirocco R-Cup meine Erfahrungen mit dem Boost-Button gemacht. Das ist ein lustiges Feature, aber es bringt nicht so viel, weil es alle nutzen können. Im kommenden Jahr haben wir wieder KERS, außerdem kannst du den Flügel flach stellen. Was will man denn noch? Überholen wird nur noch auf der Geraden stattfinden. Es wird das Ausbremsen auf den letzten Drücker nicht mehr geben."

"Ich vergleiche das immer mit Handball und Fußball. Was ist spannender: Handball, wo es viele Tore gibt, oder Fußball, wo es wenige Tore gibt? Beim Handball ist ein Tor normal, da jubelt kaum jemand und es geht gleich weiter. Im Fußball ist es aber eine riesige Sache. Ein Überholmanöver in der Formel 1 war schon immer etwas Spezielles. Sogar in unserer Turbozeit, als wir den Ladedruck hochdrehen konnten, konnte der andere auch hochdrehen. Ich finde, man übertreibt es mit diesen Spielereien."

Vettel und Hamilton als Titelfavoriten

Frage: "Wen siehst du in diesem Jahr als Titelfavoriten?"
Surer: "Ich muss gleich zwei Fahrer nennen. Mein Favorit ist Sebastian Vettel, mein Gefühl sagt mir aber, dass es ihm Lewis Hamilton sehr schwer machen wird. Vettel ist für mich ein logischer Kandidat. Er war im vergangenen Jahr Vizemeister und hätte es mit weniger Pech auch da schon schaffen können. Er ist intelligent genug, um das packen zu können."

"Hamilton hat uns immer wieder begeistert mit seiner angriffigen Fahrweise. Er ist der 'Überholkönig' in der Formel 1. Man traut es ihm einfach zu, dass wenn er die Chance bekommt, er es auch tatsächlich gewinnt."

Frage: "Wo reihst du Michael Schumacher in der Hierarchie der deutschen Fahrer ein?"
Surer: "(überlegt lange) Eigentlich auf Platz drei: Vettel, Rosberg, Schumacher."

Frage: "Es gibt anhaltende Gerüchte um einen möglichen Verkauf von Sauber. ART-Teilhaber Nicolas Todt und auch Gerhard Berger sollen in Hinwil gewesen sein..."
Surer: "Ich kennen Peter Sauber gut und er sagt mir, dass es für ihn nicht zur Debatte steht. Da wäre für ihn die allerletzte Lösung, wenn wirklich gar nichts mehr vorwärts geht. Er zieht das im Moment überhaupt nicht in Betracht. Das nehme ich ihm natürlich so ab. Ich meine aber, dass er es tun sollte, wenn er das Team sinnvoll abgeben kann. Warum soll er sich quälen und eigenes Geld investieren, wenn es jemanden gibt, der seriös ist."

Frage: "Könntest du dir persönlich vorstellen, in einem Team eine Managementposition einzunehmen?"
Surer: "Ich mache meinen Fernsehjob schon viele Jahre und habe meine Erfahrungen mit BMW gemacht. Ich finde, dass solch ein Job viel zu anstrengend ist. Wenn du so etwas machst, dann hast du keinen Acht-Stunden-Job, es sind auch nicht zwölf Stunden, sondern es ist ein 24-Stunden-Job. Du hast die ganze Zeit dein Handy an, bist immer parat. Ich habe gelernt, das Leben zu genießen. Nach meinem Rallyeunfall habe ich ein geschenktes Leben. Und das möchte ich genießen."

Biogas-Motor als gute Antriebsvariante

Frage: "Du bist am Norisring im Scirocco R-Cup gefahren. Seit wie vielen Jahren war das dein erster Rennstart?"
Surer: "Ich bin einmal zwischendurch in der MINI Challenge mitgefahren, aber das liegt auch schon mindestens drei Jahre zurück. Es ist gut, so etwas ab und zu zu machen. Dann weiß man auch, warum man aufgehört hat. Es trifft dich der Frust, wenn du im Training nicht so schnell bist wie du gedacht hast. Es ist aber schön, zwischendurch mal wieder Rennfahrer zu sein. Ich rede alle zwei Wochen über andere Fahrer. Das mal wieder von der anderen Seite zu erleben ist toll. Es ist alles wie früher: Frust und Ärger, wenn du die Kurve nicht sauber erwischt hast."

Frage: "Wie lief es denn für dich?"
Surer: "Es gab ein Auf und Ab. Ich war im Freien Training gut, aber habe dann zur Qualifikation alles falsch gemacht. Ich war nur auf Platz 14. Im Rennen konnte ich dann aber fünf Gegner überholen. Ich war zufrieden, denn in einem solchen Cup nach vorne zu kommen ist sehr schwierig. Alle Autos sind gleich, alle Fahrer haben die gleichen Push-to-Pass-Möglichkeiten. Wenn man dann fünf Plätze gutmacht, dann kann man sehr zufrieden sein."

Frage: "Welchen Eindruck hast du vom Push-to-Pass?"
Surer: "Man kann es taktisch einsetzen, es ist eine zusätzliche Aufgabe. In der Qualifikation habe ich genau das falsch gemacht. Als ich eine freie Runde hatte, hatte ich keinen Boost mehr übrig. Vorher war ich immer auf den Verkehr aufgelaufen. Das System richtig zu nutzen, ist eine zusätzliche neue Aufgabe."

Frage: "Wie findest du das Konzept, dass Legenden gegen junge Nachwuchsfahrer antreten?"
Surer: "Ich finde es vor allem deshalb gut, weil immer mehrere Legenden dabei sind. Auch wenn ich jetzt im Rennen gegen viele jüngere Leute gefahren bin, so misst du dich an den anderen alten Hasen. Wenn du als einzelner Gaststarter - wie zum Beispiel in der MINI Challenge - mitfährst, dann wirst du meist geschlagen, weil die anderen Piloten das ganze Jahr fahren. Das hast du keine große Chance. Bei uns gab es eine passende Messlatte: Was machen die anderen Vier? An denen misst du dich. Wir waren schön im Feld verteilt, daher war es eine gute Sache."

Frage: "Im Volkswagen Scirocco R-Cup wird mit Biogas gefahren. Merkt man als Fahrer einen Unterschied?"
Surer: "Überhaupt nicht. Er springt etwas langsamer an, aber das ist auch schon alles. Wenn du fährst, dann merkst du gar nichts. Ich finde das Konzept wirklich gut. Es gibt einem ein gutes Gefühl, wenn man Motorsport betreiben kann und dabei die Umwelt deutlich weniger belastet. Wenn es eine solche Möglichkeit gibt, dann sollte man sie auch im Motorsport nutzen."

Fotoquelle: xpb.cc


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