Lewis Hamilton, Peter Prodromou, Sieger Mark Webber und Nico Rosberg

Formel 1 2010

— 11.07.2010

Webber: "Nummer zwei" siegt in Silverstone!

Entscheidung am Start: Mark Webber triumphiert in Silverstone, Sebastian Vettel nach Reifenschaden nur Siebter - Podium für Nico Rosberg

Stinksauer war Mark Webber, als er für das gestrige Qualifying seinen neuen Frontflügel an Sebastian Vettel abtreten musste, doch heute gab der Red-Bull-Pilot in Silverstone die richtige Antwort: Webber sicherte sich den Sieg beim Grand Prix von Großbritannien und ging damit auch in der Weltmeisterschaft wieder an seinem Teamkollegen vorbei.

"Nicht schlecht für eine Nummer zwei, oder?", meinte der 33-Jährige schnippisch, nachdem ihm Teamchef Christian Horner über Boxenfunk zum Sieg gratuliert hatte. Horner ist sich dessen bewusst, dass die Stimmung spätestens seit gestern vergiftet ist, und meint zur angespannten Unterhaltung nach der Zieldurchfahrt: "Er kann sagen, was er will. Wir geben unser Bestes, um beide Fahrer gleich zu behandeln. Wir hätten den Frontflügel ja nicht in der Mitte teilen können."

Stunk bei Red Bull hält an

Horner spricht auch von einem "großartigen Teamergebnis", obwohl Polesetter Vettel nur Siebter wurde. Der Deutsche erlitt gleich in der ersten Runde einen Reifenschaden und hatte anschließend keine Chance auf den Sieg. Die britischen Fans freuten sich indes am meisten über die starke Rennperformance des "Champions-Dreamteams" McLaren: Lewis Hamilton wurde Zweiter, Jenson Button vom 14. Startplatz aus noch Vierter.

Die Vorentscheidung fiel bereits am Start, denn Webber kam hervorragend weg und setzte sich innen vor Vettel, der kurzzeitig versuchte, dem Australier den Weg abzuschneiden, aber rasch einsah, dass das keinen Sinn hat. Im schnellen Rechtsbogen Copse wollte auch Hamilton mit Webber mitziehen, dabei schlitzte der Lokalmatador Vettel aber mit dem Frontflügel die Flanke des rechten Hinterreifens auf! "Ein Rennunfall, das kann passieren", findet 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer.

"Diesmal hat er geschafft, was ihm in Valencia nicht gelungen ist", ärgert sich Vettel über seinen Konkurrenten, gesteht aber im gleichen Atemzug ein: "Ich habe nichts gespürt." Der Valencia-Sieger musste noch in der ersten Runde an die Box kommen, fiel auf den letzten Platz zurück und schien mit eineinhalb Minuten Rückstand auf verlorenem Posten zu stehen. Dass er trotzdem noch sechs WM-Punkte sammelte, gleicht einem Wunder.

Vettel bitter enttäuscht

"Viel denken tut man in so einer Situation nicht. Man begreift schnell, dass da nichts mehr geht", seufzt Vettel. "Wir haben auf eine Safety-Car-Phase gehofft - und die kam dann auch. Es war aber schwierig, mit einem Reifensatz, der schon das ganze Rennen drauf war, wie ein heißes Messer durch die Butter zu pflügen. Ich weiß gar nicht, wievielter ich geworden bin. Im Endeffekt haben wir ein paar Punkte gerettet. Das war vielleicht das Wichtigste."

Zu Hilfe kam ihm eine Safety-Car-Phase in der 28. Runde, weil Pedro de la Rosa (Sauber) bei Start und Ziel Teile seines Heckflügels verloren hatte. Dadurch konnte Vettel zur großen Mittelfeldgruppe aufschließen und sich diese für Überholmanöver zurechtlegen. Der Reihe nach schnappte er sich Vitaly Petrov (Renault), Nico Hülkenberg (Williams), Michael Schumacher (Mercedes) und in der vorletzten Runde auch noch Adrian Sutil (Force India).

Sutil war für Vettel der härteste Gegner, hatte auf den Geraden den deutlich besseren Topspeed - und reagierte zurecht ein wenig verschnupft auf die doch harte Attacke seines Landsmannes. Trösten kann er sich mit Platz acht und einer neuerlich starken Leistung - sowie einem Überholmanöver gegen sein einstiges Vorbild Schumacher. So landeten vier Deutsche auf den Positionen sieben bis zehn, insgesamt fünf Deutsche in den Punkterängen!

Ungefährdete Solofahrt von Webber

Vorne ließ Webber nach dem gewonnenen Start nichts anbrennen - weder beim Boxenstopp in Runde 17, eine Runde nach Hamilton, noch beim Restart in Runde 31. In der Schlussphase konnte er es sich leisten, nichts mehr zu riskieren und vom Gas zu gehen, weshalb er letztendlich nur 1,3 Sekunden Vorsprung auf Hamilton über die Ziellinie brachte. Die beiden fuhren den ganzen Nachmittag in ihrer eigenen Liga.

"Ich habe mein Bestes gegeben und es hat funktioniert", freut sich Webber über seinen dritten Saisonsieg. "Es war ein guter Grand Prix, ich hatte ein Fernduell mit Lewis. Die Leute sehen das von außen nicht so, aber es war wichtig, alles richtig hinzubekommen. Nach dem Boxenstopp habe ich dann vor allem die Reifen geschont. Das Safety-Car war natürlich nicht ideal für mich, aber zum Glück konnte ich den Abstand kontrollieren."

Auch Hamilton kann mit seinem zweiten Platz durchaus leben: "Das Auto war gut zu fahren. Es war nicht so schnell wie der Red Bull, aber wir haben mit dem uns zur Verfügung stehenden Paket das Beste herausgeholt. Platz zwei ist ein großartiges Ergebnis", so der McLaren-Pilot. "Mark hat einen Superjob gemacht, aber sein Auto ist auch superschnell. Ich dachte in den ersten Runden, dass ich vielleicht an ihm vorbeikomme, aber danach hatte ich keine Chance mehr."

Drittes Podium für Mercedes

Hinter den beiden wurde Nico Rosberg (Mercedes) Dritter, stand damit zum ersten Mal seit Schanghai wieder auf dem Podium. Rosberg erwischte einen guten Start, lag zunächst an vierter Stelle, fuhr dann aber einen langen ersten Stint mit den weichen Reifen und ging dadurch an Robert Kubica (Renault) vorbei. In der Schlussphase ließ er gegen den von hinten drückenden Lokalmatador Button nichts mehr anbrennen.

"Ich bin superhappy", strahlt Rosberg über seinen dritten Podestplatz im Silberpfeil. "Ich hatte einen guten Start und hatte dann Kubica vor mir, der viel langsamer war, und hinter mir war Alonso, der gepusht hat. Letztendlich habe ich das Ergebnis aber der Strategie zu verdanken - Ross (Brawn, Teamchef; Anm. d. Red.) hat einen tollen Job gemacht, mich auf den weichen Reifen draußen zu lassen, denn so kam ich an Robert vorbei und konnte vor Alonso bleiben."

"Ein Podium für Nico ist ein guter Lohn für all die harte Arbeit", lobt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. "Nico war echt Spitze - er hat rausgequetscht, was ging." Während Mercedes endlich wieder in Normalform unterwegs war und McLaren mit der gewohnt starken Rennpace Schadensbegrenzung betreiben konnte, erlebte Ferrari einen Nachmittag zum Vergessen: Fernando Alonso wurde 14., Felipe Massa 15.

Vor allem Alonso dürfte sich grün und blau ärgern, denn der zweifache Weltmeister war mitten im Kampf um das Podium, als er sich an Kubica vorbeibremste und dabei von der Strecke musste. "Er hat mich auf die Wiese gedrückt", schimpfte er gleich am Boxenfunk, während Kubica meinte: "Er hat mich neben der Strecke überholt!" Antwort vom Renault-Kommandostand: "Wir haben es Charlie schon gesagt."

Alonso und die Kommissare: Schon wieder!

FIA-Rennleiter Charlie Whiting leitete den Fall an die Rennkommissare um Nigel Mansell weiter, die entschieden: Durchfahrstrafe für Alonso! "Viel zu hart", urteilt Ex-Formel-1-Pilot David Coulthard. "Wenn er nicht neben die Strecke gefahren wäre, hätten sie sich berührt." Mercedes-Testfahrer Nick Heidfeld widerspricht: "Er hätte ihn halt wieder vorbeilassen sollen. Das war einfach dumm." Fakt ist: Wegen der Safety-Car-Phase fiel Alonso fast bis ans Ende des Feldes zurück.

Der heißblütige Spanier, der sich schon bei seinem Heimrennen in Valencia ungerecht behandelt fühlte, fuhr in der Folge mit dem Messer zwischen den Zähnen, konnte aber bis auf ein paar nette Zweikämpfe und die schnellste Runde (1:30.874 Minuten) keine Highlights mehr für sich verbuchen. Doch der eigentliche Tiefpunkt aus Ferrari-Sicht war sicherlich die Berührung der beiden Teamkollegen gleich am Start!

Denn Massa erwischte im Gegensatz zu Alonso einen guten Start und schlitzte sich ausgerechnet am zweiten Ferrari im Feld den Reifen auf. Besser lief es für Rubens Barrichello (Williams) und Kamui Kobayashi (Sauber), die hervorragende Leistungen ablieferten und als Fünfter und Sechster ins Ziel kamen. Kobayashi gewann durch die Strategie sogar einen Platz gegen Schumacher und setzte damit ein persönliches Highlight.

Enttäuschung bei Schumacher

Der siebenfache Weltmeister ärgert sich indes "nicht nur über das Qualifying, auch im Rennen sind ein paar Sachen nicht geradeaus gelaufen", gibt er mit einem Hauch von Enttäuschung im Gesicht zu Protokoll. "Nach dem Boxenstopp habe ich ein paar Fehler gemacht, weil ich wusste, dass das die Runde ist, auf die es ankommt. So habe ich nicht einen Platz gegen Barrichello gewonnen, sondern einen gegen Kobayashi verloren."

Auch Sutil war trotz seiner starken Vorstellung, die mit einem besseren Qualifying noch weiter vorne hätte enden können, nicht hundertprozentig glücklich. Vor allem ärgert er sich im Nachhinein über das verlorene Duell mit Landsmann Vettel, das seiner Meinung nach nicht ganz fair abgelaufen ist: "Er hat mich angeschoben und ist vorbeigefahren. Hätte er es fair gemacht, wäre er nicht vorbeigekommen", schimpft der Force-India-Pilot.

Aus britischer Sicht war aber neben Hamilton dessen McLaren-Teamkollege Button als Vierter der Mann des Rennens. Der amtierende Weltmeister hatte zwar keine Chance gegen die dominanten Red Bulls ("Sie waren einfach schneller - das ist ein Problem!"), fuhr aber eine starke erste Runde und gewann durch einen langen ersten Stint noch mal einige Positionen. Die Strategie brachte ihm letztendlich zwölf Punkte ein.

Tolle Aufholjagd von Button

"Das Team hat mich am Funk gefragt, ob ich schneller fahren kann. Da habe ich geantwortet: 'Natürlich!'", schildert Button die clevere Strategieentscheidung beim ersten und einzigen Boxenstopp. "Schade, dass ich Nico nicht mehr erwischt habe, aber vom 14. Startplatz noch Vierter zu werden, bedeutet wichtige Punkte für die Meisterschaft. Blöd, dass ich wieder ein bisschen Boden auf Lewis verloren habe, aber ich bin dran."

Den "Kleinen Preis" der neuen Teams entschied diesmal Jarno Trulli für sich, im 501. Lotus-Grand-Prix 0,2 Sekunden vor seinem Stallgefährten Heikki Kovalainen. Timo Glock (Virgin) wurde unmittelbar hinter den beiden 18. Insgesamt sahen 20 von 24 gestarteten Autos die Zielflagge; Jaime Alguersuari (Toro Rosso), de la Rosa, Kubica und Lucas di Grassi (Virgin) schieden aus. Bis auf bei Alguersuari streikte bei allen die Technik.

In der Weltmeisterschaft hat Hamilton (145) seinen Vorsprung auf Button auf zwölf Punkte ausgebaut. Dahinter folgen Webber (128), Vettel (121), Alonso (98) und Rosberg (90). Immer mehr deutet also auf ein Duell McLaren gegen Red Bull hin. McLaren führt mit 278 Zählern auch die Konstrukteurs-WM an. Auf den weiteren Plätzen liegen Red Bull (249), Ferrari (165) und Mercedes (126). Weiter geht es in zwei Wochen in Hockenheim.

Fotoquelle: xpb.cc


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