Der Teamchef und sein Megastar: Whitmarsh kennt Hamilton seit 14 Jahren

Formel 1 2010

— 26.07.2010

Whitmarsh ist überzeugt: "Lewis kann der Größte werden"

McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh sieht Lewis Hamilton auf den Weg zu neuen Formel-1-Rekorden: "Sein großes Plus ist seine Menschlichkeit"

Lewis Hamilton bestreitet aktuell seine vierte Saison in der Formel 1. Der 25-Jährige Brite kam 2007 als Zögling von McLaren-Boss Ron Dennis in die "Königsklasse" und schlug auf Anhieb ein wie eine Granate. Gleich im ersten Jahr gab es die Vizemeisterschaft - nur ein Punkt fehlte am Ende -, in der zweiten Saison folgte der erste WM-Titel. Nach einem mittelmäßigen Jahr 2009 könnte Hamilton in dieser Saison Titel Nummer zwei feiern.

Der McLaren-Star führt die Meisterschaft nach elf Saisonläufen an. Teamchef Martin Whitmarsh sieht den jungen Schützling auf einem perfekten Weg. "Lewis kann die Rekordbücher der Formel 1 neu schreiben", so der Brite begeistert. "Ich hoffe, dass ihm noch zehn gute Jahre bleiben. Er kann der größte Fahrer aller Zeiten werden, denn er hat die Zeit auf seiner Seite. Er kann sogar Schumachers Rekorde brechen." Whitmarsh setzt mit solchen Ansagen nicht nur den Fahrer, sondern auch sein Team unter Druck.

Hamilton auf großer Rekordjagd

"Michael hat phänomenale Rekorde aufgestellt, aber ich würde mir wünschen, dass ein McLaren-Pilot sie bricht", meint Whitmarsh. Der Teamboss will seinem Piloten jedoch kein Abziehbild von Schumachers Karriere abverlangen. "Michael hat es auf seine ganz eigene Art bewerkstelligt und ich bin sicher, dass Lewis seinen eigenen Weg gehen will. Man muss mal daran denken, daran glauben, es etwas sacken lassen. Dann muss man es Schritt für Schritt angehen."

Whitmarsh ist fest davon überzeugt, dass nicht er allein diesen Traum hegt. "Ich halte es für unwahrscheinlich, dass nicht auch er selbst mal daran denkt oder solche Tagträume hat", erklärt der 53-Jährige, der Hamilton seit 14 Jahren genauestens kennt. "Lewis ist ein absoluter Gewinnertyp. Sein großes Plus ist aber seine Menschlichkeit. Ich würde ihn mir nicht anders wünschen." Mit dieser Darstellung widerspricht Whitmarsh der gängigen Vorstellung, Hamilton sein ein Star aus der Konserve, herangezüchtet von Dennis - eine gefühllose Rennmaschine, programmiert auf Sieg.

"Er ist in gewisser Weise verletzlich", beschreibt Whitmarsh seinen Star. "Ihn schert es sehr wohl, was Leute von ihm denken. Es ist ihm wichtig, wie Menschen im nächsten Umfeld, aber auch weltweit ihn sehen. Das macht ihn zu einem Menschen. Und das unterscheidet ihn von anderen Weltmeistern", meint der McLaren-Teamchef. Hamilton sei eben kein Roboter, sondern einfach nur ein Mensch mit einer außergewöhnlichen Begabung für den Rennsport.

Der Mensch in der Maschine

"Eltern wären begeistert, wenn die Tochter Lewis oder Jenson Button mit nach Hause brächten", malt Whitmarsh ein Bild von "Schwiegermutters Lieblingen" in McLaren-Farben. Er fügt lächelnd hinzu: "Aber Eltern wären entsetzt, wenn die Tochter einige der anderen Weltmeister der vergangenen 20 Jahre mit ins Haus bringen würde. Oft haben solche Champions einen unbändigen Eigensinn. Sie kümmern sich überhaupt nicht um Gefühle oder Sichtweisen von Menschen aus ihrem Umfeld."

"Die meisten sind einfach nur auf den Erfolg fokussiert. Sie wollen einen Job erledigen. Wenn das auf Kosten anderer geht, oder dabei Kollateralschäden entstehen, so ist ihnen das egal", zeichnet Whitmarsh ein hartes Bild von den Weltmeistern vergangener Jahre. Namen nennt der Brite nicht. Aber mit welchen Champions arbeitete Whitmarsh direkt zusammen, kann sich also ein Urteil erlauben? Senna, Prost, Mansell, Häkkinen, Alonso, Räikkönen - und nun Hamilton und Button.

Wichtig sei in den kommenden Jahren, dass sich der jüngere der beiden britischen Stars im Team von Randgeschichten freimache, um sich noch besser auf den Job konzentrieren zu können. "Es wollen sich immer wieder Leute ein Stück vom dicken Hamilton-Kuchen abschneiden", sagt Whitmarsh mit Blick auf seinen Schützling, der nach der Trennung von seinem beratenden Vater Anthony Hamilton immer noch kein neues Management hat.

"Ich bekomme immer noch regelmäßig Anrufe und Briefe von Leuten, die unbedingt Lewis' Manager sein möchten. Ich schätze, dass er sich letztlich für eine der großen Agenturen entscheiden wird, die auch außerhalb des Motorsports aktiv sind", sagt der 53-Jährige, dessen Team derzeit viele Managementaufgaben übernimmt. "Ich wünsche mir sehr, dass er diese Strukturen im kommenden Winter passend aufstellt."

Gute Beratung ist die halbe Miete

Er setzte seinen Angestellten keineswegs unter Druck. Im Gegenteil: Es sei kein Ultimatum für Hamilton, sondern eher die Zusage, dass ihm das Team für den Rest der Saison den Rücken freihalte. "Er soll das nicht während der Saison klären, denn das lenkt nur ab. Wenn er sich dann entscheidet, dann soll er eine simple Lösung wählen. Lewis hat das Potenzial für einen Superstar, auch außerhalb der Formel 1. Er könnte auch bei MTV moderieren oder so etwas. Aber das neue Management sollte ihn möglichst als Vollgastier sehen."

"Man muss erkennen, dass er ein Typ ist, der die unglaubliche Gabe hat, einen Rennwagen außerordentlich schnell zu bewegen. Alles andere könnte nur von diesen Dingen ablenken. Eine Management-Agentur kommt bestimmt zwischendurch mal in Versuchung, ihn auch in anderen Feldern zu etablieren. Aber er selbst muss es entscheiden", meint der Teamboss. Hamilton sei in den vergangenen Monaten dermaßen gereift, sodass er solche Entscheidungen durchaus nun ohne Hilfe von außen treffen könne.

Lange Jahre sei der Formel-1-Pilot von seinem Vater und Dennis regelrecht angeleitet worden. "Er ist erwachsen geworden", sagt Whitmarsh. "Ich hoffe, dass er sich seine Menschlichkeit bewahren kann. Als sein Teamchef wünsche ich mir, dass er dagegen immun ist, wenn mal jemand von ihm fordert, beim Erreichen der Ziele über Leichen gehen zu müssen. Lewis ist ein Kämpfer, aber es gibt eben Grenzen. Er wird anderen nicht wehtun wollen. Ich wünsche mir einfach sehr, dass er so bleibt."

Fotoquelle: xpb.cc


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