Brasilianische Opfer der Stallorder: Nelson Piquet jr. und Felipe Massa

Formel 1 2010

— 12.08.2010

Piquet jr. spricht Klartext: "Alle verwenden Teamorder"

Nelson Piquet jr. nimmt Stellung: Warum jedes Team Stallorder verwendet, wie sie versteckt eingesetzt wird, und wieso ihm Massa den Singapur-Skandal nicht verzeiht

Die Formel-1-Brasilianer und die Stallorder - eine fast schon unendliche Geschichte. Rubens Barrichello kann sowieso ein Lied davon singen, Felipe Massa wurde in Hockenheim Opfer eben dieser und bei Nelson Piquet jr. war sie sogar an seinem unrühmlichen Formel-1-Abschied stark mitbeteiligt. Der Weltmeisterspross donnerte mit seinem Renault in Singapur 2008 auf Anweisung des Teams absichtlich in die Leitplanken, um die Strategie seines Stallkollegen Fernando Alonso zu begünstigen - der Spanier siegte!

Auch im Fall seines Landsmannes Massa war Alonso der Nutznießer. Ein vergleichbarer Fall? Piquet jr. verneint in einem ausführlichen Interview in der brasilianischen Wochenzeitung 'Istoé': "Seine Situation ist komplett anders. Ich war bei Renault der junge Fahrer, kam in Alonsos Team. Er war mit Renault schon zwei Mal Weltmeister, Teamchef Briatore war sein bester Freund. Er erhielt die gesamte Aufmerksamkeit. Bei Massa ist es anders, er war vor Alonso da, kennt Ferrari schon lange. Und dann wäre da noch Jean Todt, der FIA-Präsident, der immer noch sehr viel Macht bei Ferrari hat." Nicolas, der Sohn des ehemaligen Ferrari-Chefs, ist Massas Manager.

Dass er dennoch für seinen Teamkollegen Platz machen musste, macht die Situation laut Piquet jr. noch schlimmer: "Es ist hart, wenn jemand wie Alonso später ins Team kommt und schneller ist. Doch Ferrari wird nie die Gelegenheit auslassen, einem Fahrer die Chance zu geben, die Lücke zur WM-Spitze zu schließen. Wenn Massa nicht will, dass dies passiert, dann muss er akzeptieren, dass er langsamer ist und muss schneller fahren. Er muss daran arbeiten, schneller als Alonso zu sein - es gibt keinen anderen Weg. Denn wenn Massa in der WM vor Alonso gelegen wäre, dann hätte er ihn vorbei lassen müssen.

Wie Alonso das Team auf seine Seite zieht

Piquet jr, bestätigt, dass Alonso diesbezüglich eine besonders harte Nuss ist - nicht bloß aufgrund seines enormen Talents auf der Rennstrecke: "Er ist sehr gut, sehr schnell und schlau - in jeder Hinsicht. Er ist schlau genug, um nett zu dir zu sein und um damit dein Vertrauen zu gewinnen. Doch im Rennen hilft er dir nicht. Er arbeitet mit dem Team, zieht die Strategien der anderen Teams in Betracht und ist extrem fokussiert auf das, was ihm wichtig ist. Er will immer mehr, fordert mehr, versucht alles und geht allen auf die Nerven - und wenn er eine starke Position im Team hat, dann bekommt er alles."

Der Brasilianer, der nach dem Formel-1-Aus sein Glück in der NASCAR-Serie versucht, zeigt sich wenig verwundert, dass Felipe Massa in Deutschland seinen Sieg an seinen ehemaligen Teamkollegen Alonso abtreten musste: "Nicht nur bei Ferrari gibt es Teamorder - bei allen Teams." Die Art und Weise, wie dies geschah, überraschte den 25-Jährigen dann aber doch: "Normalerweise versucht man, solche Dinge unauffälliger durchzuführen. Am Ende der Geraden bremst ein Fahrer ein bisschen früher, lässt den Teamkollegen die Lücke schließen und dann überholen. Natürlich ist das etwas schwieriger, wenn es um die Führung geht, doch er hätte es nicht so offensichtlich machen müssen. Da hat mich Massa überrascht."

Piquet jr. hat auch eine klare Vermutung, warum sich der Vizeweltmeister 2008 nicht um Unauffälligkeit bemühte: "Er wollte Ferraris Team-Spiel bloßstellen, um ein bisschen Wirbel zu verursachen. Denn eigentlich handelt es sich hierbei um eine normale Situation. Der gängigste Code ist der, den Ferrari benutzt - dass dein Teamkollege schneller ist als du. Massa hat das verstanden, wollte aber klarstellen, dass es kein Überholmanöver gegeben hätte, wäre es nach ihm gegangen."

Stallorder wird bis ins kleinste Detail vorher besprochen

Vor allem in der Vergangenheit war oft davon die Rede, dass die vom Reglement her klar verbotene Stallorder sogar vertraglich geregelt ist - das kann Piquet jr. nicht bestätigen: "Ganz ehrlich - ich kann mich nicht an so etwas erinnern. Doch es wird einem bei den Briefings vor dem Rennen sehr klar gemacht. Das Team entwickelt einen Code, der eingesetzt wird, um einen Fahrer anzuweisen, den anderen durchzulassen. Abgesehen davon werden sogar Orte markiert - normalerweise zwei - wo das Überholmanöver durchgeführt werden kann. Das ist ein Gentlemen's Agreement - nichts, das im Vertrag steht." Auch in Massas Fall glaubt Piquet jr. nicht an eine vertraglich geregelte Positionierung der Piloten: "Auch wenn ich Alonsos und Massas Verträge nicht kenne, glaube ich nicht, dass sie so eine Klausel im Vertrag haben, zumal Massa ja beim Saisonstart gleichberechtigt war."

Der ehemalige Renault-Pilot zeigt sogar Verständnis für die Herangehensweise der Teams - und verweist auf die 1980er Jahre, als Vater Nelson Piquet Formel 1 fuhr: "Die Fans beziehen sich bei der Betrachtung der Formel 1 immer noch auf die Konkurrenz zur Zeit meines Vaters, der einen teaminternen Kampf gegen Nigel Mansell hatte. Das Team war völlig zerrissen - es gab zwei völlig verschiedene Crews im gleichen Team, die Mechaniker und Ingenieure sprachen nicht einmal miteinander. Und was passierte 1986? Beide verloren die Weltmeisterschaft an Prost und McLaren. Williams gewann fast alle Rennen, doch Prost sicherte sich Punkt für Punkt den Titel, während die zwei stritten. Heute ist klar, dass der Sport soweit kommerzialisiert ist, dass diese Art von Herumalbern nicht mehr erlaubt ist, weil es dir die WM kosten kann."

Warum Massa und Piquet jr. nicht mehr miteinander reden

Sogar für viele Formel-1-Experten war der Singapur-Skandal um Piquet jr. dermaßen albern, dass sie ihn zunächst kaum für möglich hielten. Doch er erschütterte die Formel 1 in ihren Grundfesten - und zerrüttete auch das Verhältnis zwischen Felipe Massa und Nelson Piquet jr. Der nunmehrige NASCAR-Pilot erzählt: "Das Verhältnis zu Barrichello und Massa war immer sehr freundschaftlich - sie haben mich immer sehr gut behandelt, gaben mir viele Tipps. Doch nach Singapur war Massa auf mich beleidigt, denn er denkt bis heute, dass er die Weltmeisterschaft 2008 wegen mir verloren hat."

Der Grund: Piquet jr. löste mit seinem Crash eine Safety-Car-Phase aus, die den Ferrari-Piloten nicht nur um die sichere Führung brachte - viel schlimmer war, dass er beim Boxenstopp zu früh losgeschickt wurde und den Tankschlauch mitschleifte. Massa verlor wertvolle Zeit, schließlich wurde ihm sogar noch eine Boxendurchfahrtsstrafe aufgebrummt - er wurde schließlich enttäuschter 13., Titelrivale Hamilton rettete Platz drei. Beim spektakulären WM-Finale in Brasilien fehlte Massa ein Punkt auf Weltmeister Hamilton.

"Für ihn spielt es keine Rolle, dass er in Ungarn nicht ins Ziel kam, dass er und Ferrari Fehler machten - sein Pech sei dabei noch gar nicht erwähnt: Bei Gott - die letzte Runde in Interlagos war reines Glück für Lewis und Pech für ihn", verweist Piquet jr. auf Hamiltons glückliches Überholmanöver an Timo Glock in den letzten Sekunden des Rennens, das schließlich die WM entschied. "Er ist immer noch schwer beleidigt. Ich verstehe es, doch ich leide darunter nicht mehr. Ich habe nie mehr mit ihm gesprochen. Hin und wieder laufen wir uns über den Weg, doch wir halten keinen Kontakt."

Fotoquelle: xpb.cc

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