Adam Parr ist innerhalb kurzer Zeit zum starken Williams-Mann aufgestiegen

Formel 1 2010

— 15.08.2010

Parr: "Williams ist mein Leben!"

Der neue Williams-Vorsitzende will das britische Traditionsteam konsequent wieder nach vorne führen: Adam Parr im Portrait

Williams hat sich in den vergangenen Monaten zukünftsfähig gemacht. Teamgründer Frank Williams und Teilhaber Patrick Head holten sich mit dem Österreicher Toto Wolff einen weiteren Teilhaber an Bord, der bisherige Geschäftsführer Adam Parr wurde im Juli mit dem Vorsitz des Formel-1-Teams betraut. Der Generationswechsel beim ehemaligen Weltmeisterteam ist somit auf den Weg gebracht. Nach wirtschaftlich und sportlich schwierigen Zeiten soll es nun wieder bergauf gehen.

Eine Schlüsselrolle fällt dabei Parr zu. Der 45-Jährige ist seit 2006 im Team und gilt nun als Nachfolger des mittlerweile schon 68-jährigen Frank Williams. Dabei hat sich Parr mühevoll in die Formel-1-Welt hineinarbeiten müssen. Der Brite hatte bis vor gar nicht allzu langer Zeit mit dem PS-Zirkus rein gar nichts zu tun.

Im Kreise großer Berühmtheiten

"In jeder einzelnen Sekunde denke ich an Williams", sagt Parr im Interview mit 'Motorsport-Total.com'. Der neue Williams-Vorsitzende hat sich nicht nur innerhalb kürzester Zeit den Rennbazillus eingefangen, sondern im großen Geschäft Formel 1 auch neue Herausforderungen gefunden, die es andernorts in dieser Form nicht gibt. "Williams ist mein Leben, ich liebe es. Ich habe in meinem Leben schon viele verschiedene Dinge gemacht, aber jetzt könnte ich mir nichts anderes mehr vorstellen."

Der Weg des Mannes aus Großbritannien in die große Formel-1-Welt ist über viele Jahre alles andere als vorgezeichnet. Adam Parr wird am 26. Mai 1965 in London geboren. "Ein ganz besonderes Datum", lacht er. "Damals gab es den wichtigen Boxkampf von Muhammad Ali gegen Sonny Liston, der schon nach knapp zwei Minuten beendet war. Mein Vater hat den Fight nachts um zwei live im Fernsehen geschaut."

Die Familie hält keine Motorsportgene für den Zögling bereit. Im Gegenteil: In der Jugend ist Parr im Zuge der Trennung der Eltern eher etwas orientierungslos. Der junge Adam wächst bei seiner Mutter und seinem Stiefvater auf, wird von ihm adoptiert und bekommt den Nachnamen Parr. Mit seiner "neuen Familie" zieht er nach Northamtonshire um, geht in Brackley - wo die heutige Mercedes-Formel-1-Fabrik steht - zur Schule.

Parr wechselt später auf das legendäre Eton College. "Das war eine tolle Zeit, außerdem habe ich damals einen interessanten Jahrgang erwischt", verrät er. "Boris Johnson war mit mir dort, der heutzutage Bürgermeister von London ist. Abhisit Vejjajiva war in meiner Klasse, der hat es zum Premierminister in Thailand gebracht. Und der aktuelle britische Premier David Cameron war auch dort. Was für ein Jahrgang..."

Vom Bänker zum Racer

Parr gerät zufällig in höhere Kreise, die ihm in der späteren beruflichen Laufbahn immer wieder nützlich sein werden. "Zu Vejjajiva habe ich immer Kontakt gehalten. Ich habe ihn gemeinsam mit meiner Familie besucht. Er ist ein sehr netter Kerl. Irgendwie haben es viele Jungs von damals weit nach oben geschafft", sagt der Williams-Vorsitzende. "Mein Elternhaus passte eigentlich gar nicht zu dieser elitären Schule. Aber die Ausbildung dort war erstklassig. Ich hatte dann das Glück, dass ich in Cambridge angenommen wurde."

Vor seinem Englisch-Studium an der Elite-Universität reist Parr ein Jahr lang durch die Weltgeschichte. "Ich war beispielsweise in China. Damals - also 1983 oder 1984 - war es alles andere als einfach, auf eigene Faust mal gerade nach China zu reisen. Dann erlebte ich drei ganz wichtige Monate in Japan. Das war herausragend. Ich wollte unbedingt nach dem Studium dorthin zurück. Das habe ich später in Diensten von Barclays auch geschafft."

"Ich hatte bei der Bank ungefähr fünf Minuten vor dem großen Finanzcrash von 1987 angefangen." Parr übernimmt im Auftrag des Bankhauses einige Investmentgeschäfte in den Bereichen Minen und Bodenschätze. Es folgt später der Wechsel zur Minengesellschaft Rio Tinto. Zwei Jahre verbringt Parr wieder in der Heimat, anschließend geht es für zwei Jahre nach Südafrika. Dort reift im aufstrebenden Bänker eine neue Idee: Dem Englischstudium soll eine Ausbildung zum Juristen folgen.

Parr nimmt sich ein Jahr Auszeit, absolviert sein schnelles Jurastudium in Westminster. "Eher eine Umschulung", wie der Brite lachend beschreibt. Er praktiziert anschließend drei Jahre als Anwalt, hat es im Zuge dessen teils mit spektakulären Prozessen zu tun. Nach einem Anruf des Rio-Tinto-Bosses kehrt er jedoch noch einmal ins Minengeschäft zurück.

Treffen sich zwei Briten in Australien...

Sechs Jahre arbeitet Parr im bekannten Geschäftsfeld, unter anderem ist er in Australien im Einsatz. Dort - also am anderen Ende der Welt - kommt es zur entscheidenden Begegnung. "Im Jahr 2000 habe ich Frank Williams erstmals getroffen. Das kam durch einen Geschäftspartner, der ihn mir nach dem Grand Prix in Australien vorstellte", erklärt Parr im Rückblick. "Wir kamen sofort gut miteinander aus, blieben anschließend in Kontakt."

"Etwa ein Jahr nach unserem ersten Treffen klingelte abends mein Telefon. Frank war dran und fragte mich, ob ich mir grundsätzlich vorstellen könnte, für sein Team zu arbeiten", sagt der 45-Jährige. "Vor dem ersten Treffen mit Frank war ich kein Formel-1-Fan. Mich interessierte eigentlich nur, wie sie es schaffen, in der Formel 1 dermaßen konstant große Schritte voran zu gehen. Das war das, was ich für meinen Beruf daraus lernen konnte."

"Aber nach einer gewissen Zeit habe ich mich mehr und mehr mit dem Motorsport beschäftigt", erklärt Parr das Feuer, das in ihm immer mehr aufflammte. "Im Sommer 2006 sagte Frank dann endgültig, dass ich für ihn arbeiten soll." Parr überlegt nicht lange, stimmt einem Treffen zu. Innerhalb kurzer Zeit werden die Rahmendaten für einen Wechsel zu Williams festgezurrt.

"Wir haben uns getroffen, auch Patrick Head war dabei. Ich weiß es noch genau, weil es fand in einem höllisch lauten italienischen Restaurant in Chelsea statt", lacht Parr. "Dort haben sie mir dann den Job als Geschäftsführer angeboten." Parr stimmt sofort zu. Drei Jahre lang wird in dieser Konstellation zusammengearbeitet.

Klare Kompetenzbereiche abstecken

Im Juni 2009 folgte die nächste Veränderung in der Unternehmsstruktur. Ein Österreicher trat auf die große Bühne. "Als Toto Wolff hinzukam, mussten wir etwas umstrukturieren." Der leidenschaftliche "Petrolhead" aus Österreich wird dritter Teilhaber neben Frank Williams und Patrick Head. "Frank hat die Mehrheit und er hat alles unter Kontrolle. Patrick und Toto haben im Vergleich eher kleinere Beteiligungen, aber selbst als Minderheitseigner haben sie natürlich gewisse Rechte."

Der Vorstand wird im Juli 2010 neu besetzt. Ab sofort leitet Parr das Rennteam - zumindest nominell. Er trägt als Vorsitzender die Verantwortung, mischt sich aber längst nicht in alle Bereiche des Tagesgeschäfts ein. "Mein Job war von Anfang an eher die finanzielle, die rechtliche und die politische Seite des Geschäfts. Wir haben die neue Aufgabenteilung klar kommuniziert, weil es aus meiner Sicht sehr wichtig ist, dass die Leute wissen, mit wem sie es bei uns zu tun haben."

"Es muss nach außen immer klar sein, wer welche Kompetenzen hat. Wenn schnelle Entscheidungen gefragt sind, dann weiß man, an wem man sich wenden muss", erklärt der Geschäftsmann. "Als ich mit Frank ganz zu Beginn gesprochen habe, fragte ich ihn: 'Frank, du hast mit riesigen Unternehmen wie Canon oder Renault zusammengearbeitet. Wo liegt bei diesen Firmen der größte Unterschied zu deinem Team?' Er sagte dann: 'Ganz klar: die Entscheidungswege. Die sind viel klarer vorgezeichnet in solchen Unternehmen'."

Bei Williams waren damals die Entscheidungswege kaum nachvollziehbar. Das sollte sich unter der Führung von Parr schnell ändern. "Wenn man sogar als vergleichsweise kleines Formel-1-Team solch wirre Entscheidungskompetenzen hat, dann ist das übel. Es ist schlimm, wenn Leute wie Jean Todt oder die Medien nicht wissen, wer was zu sagen hat." Daher wurden schnell klare Abgrenzungen installiert.

Auf dem Niveau der Weltmeister

"Frank kann gewisse Dinge, die ich niemals lernen werde. Das gilt für Patrick oder für Sam Michael genauso. Jeder hat seinen Fachbereich, der bei uns nun ganz klar abgegrenzt ist", beschreibt Parr die neue Aufteilung bei Williams. "Ich muss als Vorsitzender dafür sorgen, dass das Unternehmen die richtige Strategie verfolgt. Ich muss diese Strategie nicht allein umsetzen, sondern daran sind alle beteiligt. Aber ich muss dafür Sorge tragen, dass alle nötigen Mittel zur Umsetzung vorhanden sind. Wir brauchen die richtigen Leute, die richtigen Hilfsmittel."

Die Vorgaben setzt Parr im Moment zufriedenstellend um. "Abseits der Strecke haben wir Großes geleistet", blickt er stolz auf seine Arbeit. "Wir haben nicht nur überlebt, sondern wir haben es in den vergangenen drei Jahren geschafft, zwei Drittel unserer Schulden abzubauen." Ein großer Erfolg, denn Williams ging phasenweise finanziell am Krückstock, musste sich Vorschusszahlungen von Bernie Ecclestone abholen.

"Sportlich ist bei uns niemand zufrieden mit den Leistungen der vergangenen Jahre. Aber man muss sich mal anschauen, wie eng es in der Formel 1 zugeht", erklärt Parr die Ergebnisse auf der Strecke. "Wir sind nicht meilenweit weg, sondern nur ein ganz wenig zurück. Schauen wir mal auf das Qualifying: In Montréal waren wir mit einem Auto zwischen den Mercedes, in Valencia haben wir beide geschlagen und in Silverstone waren wir wieder zwischen den beiden. Wir sind also auf Augenhöhe mit dem Gewinner der letztjährigen Titel. Das ist doch keine Schande."

"Natürlich sollte es noch besser sein. Wir müssen noch ein oder zwei Zehntelsekunden finden - und das können wir ganz bestimmt", sagt Parr. Er fügt hinzu: "Ich bin nicht so dumm und behaupte, dass wir bald den Titel holen. Aber wir haben einen Plan und wir wissen, was wir leisten können. Ich bin sehr stolz auf das, was wir in wirklich extrem schwierigen Zeiten geschafft haben."

Fotoquelle: xpb.cc

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