John Booth gehört zu den zugänglichsten Teamchefs im Formel-1-Paddock

Formel 1 2010

— 18.08.2010

Booth: "Wir ziehen kein Image runter"

Interview mit Virgin-Teamchef John Booth: Wie er Timo Glock halten will, warum er sich über Bernie Ecclestone ärgert und was er vom CFD-Ansatz hält

John Booth ist ein Racer der alten Schule, ein Verweigerer des Schickimicki-Schnickschnacks in der Formel 1. Anstatt sich selbst zu ernst zu nehmen und nur noch mit Terminvereinbarungen für die Medien verfügbar zu sein, schlendert er während der Virgin-Happy-Hour im Paddock persönlich von Tisch zu Tisch, um jedem die Hände zu schütteln und in entspannter Atmosphäre Hintergründe zu erläutern.

Virgin will eben anders sein: jung und dynamisch wie Red Bull, aber gleichzeitig auch bodenständig und leicht zugänglich. Der Erfolg ist jedoch noch nicht so da wie beim Vorbild aus Österreich. Booth erklärt im Interview mit 'Motorsport-Total.com', wie die Sparvereinbarung der Teams dabei helfen soll, es langfristig ganz nach oben zu schaffen, und was er unternehmen will, um Wunschpilot Timo Glock trotz Renault- und Sauber-Interesse auch nächstes Jahr bei Virgin zu halten.

Glock: Erwartungen übertroffen

Frage: "John, man hört von Virgin immer, dass ihr froh seid, einen Fahrer in Timo Glocks jungem Alter, der aber dennoch schon so erfahren ist, bekommen zu haben. Hat Timo alles erfüllt, was ihr euch von ihm erwartet habt?"
John Booth: "Ja. Er hat die Erwartungen sogar übertroffen. Als beim Testen im Winter Teile gefehlt haben oder auch als wir schwierige Rennen hatten, hat er sich nicht ein Mal öffentlich über das Team beschwert oder es kritisiert. Er hat immer 100 Prozent gegeben, immer."

Frage: "Und glaubst du, dass Virgin umgekehrt alles erfüllt, was Timo erwartet hat?"
Booth: "Ich hoffe, dass das jetzt der Fall ist - am Anfang sicher nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass Timo immer wusste, wie schwierig es ist, ein neues Team um ihn herum aufzubauen. Dazu trägt er viel bei."

Frage: "Timo hat einen Dreijahresvertrag, nicht wahr?"
Booth: "Ja."

Frage: "Mit Optionen, nehme ich an..."
Booth: "Keine Optionen im ersten und zweiten Jahr, wenn ich es richtig im Kopf habe. Ab dem dritten schon."

Frage: "Rein aus vertraglicher Sicht würde er also auch 2011 definitiv für Virgin fahren, richtig?"
Booth: "Ja, das stimmt."

Frage: "Gleichzeitig ist dir aber sicher bewusst, dass andere Teams an Timo interessiert sind."
Booth: "Ja. Ich finde aber, dass die Situation in diesem Jahr nicht anders ist als vergangenes Jahr. Es liegt an uns, ihm zu zeigen, dass wir mit dem Auto Fortschritte machen. Dann wird er auch glücklich sein."

Frage: "Was könnt ihr unternehmen, um ihn zu halten? Besteht die Gefahr, dass ihr euch zu sehr auf die Weiterentwicklung des aktuellen Autos konzentriert, um Timo zu beweisen, dass es vorangeht? Denn darunter würde das 2011er-Auto wahrscheinlich leiden..."
Glock: "Das ist ein schrittweiser Vorgang. Es ist nicht einfach, in sechs Monaten aus dem Nichts ein Formel-1-Team aufzubauen. Andere Teams in dieser Boxengasse empfinden das auch als schwierig. Timo sieht schrittweise Fortschritte und wir werden versuchen, diese bis Jahresende beizubehalten."

Verärgert über Ecclestone-Kommentare

Frage: "Chefdesigner Nick Wirth sagt offen, dass es keinen Sinn macht, einen Fahrer zum Bleiben zu zwingen, der in ein anderes Team will. Würdet ihr euch so eine Freigabe mit einer bestimmten Ablösesumme versüßen lassen?"
Booth: "Darauf möchte ich nicht eingehen, denn das ist nicht mein Zuständigkeitsbereich im Team. In Fahrerverhandlungen bin ich nicht direkt involviert."

Frage: "Bernie Ecclestone hat kürzlich über zwei Teams geschimpft. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass eines davon Virgin ist. Was ging dir durch den Kopf, als du sein Statement gelesen hast?"
Booth: "Ich war nicht besonders erfreut, denn solche Kommentare können für ein Team wie unseres großen Schaden anrichten."

"Für uns ist es derzeit schwierig - wie für andere Teams auch, wie für alle neuen Teams. Umso mehr müssen wir uns um Sponsoren kümmern, aber da können solche Kommentare destabilisierend sein. Zum Glück sind die meisten Partner langfristig an uns gebunden. Aber wenn Bernie so ein Statement von sich gibt, dann steckt immer etwas dahinter. Das muss man halt herausfinden."

Frage: "Ist mir schon klar: Es gibt angeblich einen 20-Millionen-Pott, der unter allen neuen Teams aufgeteilt wird, aber jedes Team erhält mindestens zehn Millionen. Sprich: Würde Virgin wegfallen, hätte Bernie zehn Millionen mehr in der Tasche..."
Booth: "Ja. So in etwa."

Frage: "Glaubst du, dass es auch daran liegt, dass er und die breite Öffentlichkeit mehr von der weltbekannten und riesigen Marke Virgin erwartet haben?"
Booth: "Wenn du dir ansiehst, was wir bisher aufgebaut haben, dann ist das doch gar nicht so schlecht. Zunächst mal unser optischer Auftritt: Der ist so gut wie der eines jeden anderen Teams im Fahrerlager - da ziehen wir kein Image runter!"

"In der Formel 1 hat es wahrscheinlich schon 30 oder 40 neue Teams gegeben, von denen sich einige nie für ein Rennen qualifiziert haben. Wir sind in jedem Rennen am Start und kommen Schritt für Schritt näher. Wir stehen dort, wo wir uns erwartet haben, vielleicht sogar ein bisschen weiter vorne. Und wenn ich mir die Autos anschaue, dann sehen sie toll aus."

Virgin bei einem Topteam besser aufgehoben?

Frage: "Was für ein Prozentsatz eures Budgets wird aus der Virgin-Tasche finanziert?"
Booth: "Das möchte ich ehrlich gesagt nicht verraten."

Frage: "Ich frage aus folgendem Grund: Hätte Richard Branson dieses Geld genommen, um ein Topteam zu sponsern, dann hätte ihm das zumindest kurzfristig wahrscheinlich mehr gebracht, meinst du nicht?"
Booth: "Es fällt mir sehr schwer, dazu etwas zu sagen. Richard hat das ja schon versucht und hatte vergangenes Jahr als Brawn-Sponsor für wenig Geld eine fantastische Präsenz. Anscheinend haben ihn die Rahmenbedingungen für dieses Jahr aber nicht mehr überzeugt."

"Richard verfolgt die Philosophie, junge und frische Projekte zu unterstützen. Klar, für uns ist es derzeit schwierig, aber ich bin mir sicher, er wird an diesem Team noch viel Freude haben, sobald wir erfolgreicher werden. Wir sind ein Projekt, das versucht, die Dinge anders anzugehen. Das weiß Richard zu schätzen."

Frage: "Kannst du Licht ins Dunkel der Eigentumsverhältnisse des Virgin-Teams bringen? Wie sieht die Vereinbarung zwischen euch und der Virgin-Gruppe aus? Ist es ein reines Titelsponsoring oder sind auch Anteile involviert?"
Booth: "Kein Kommentar."

Frage: "Wenn ich dich frage, ob das Virgin-Engagement in der Formel 1 ein langfristiges ist, wirst du natürlich mit ja antworten. Aber ist das auch vertraglich zwischen dem Team und Virgin langfristig geregelt?"
Booth: "Ja, unser Vertrag ist langfristig."

Frage: "Virgin ist wie besprochen eine dynamische und große Marke, im Formel-1-Paddock nur mit Red Bull vergleichbar. Siehst du Virgin langfristig den gleichen Weg wie Red Bull einschlagen?"
Booth: "Als Red Bull in die Formel 1 kam, war die Formel 1 noch ein ganz anderes Pflaster. Damals wurde in Überfluss Geld ausgegeben. Was Red Bull ausgeben musste, um das zu erreichen, was sie jetzt gerade erreichen, ist überwältigend. Ich bin mir nicht sicher, ob es für ein heutiges neues Team noch leistbar wäre, es genauso zu machen."

Budget um 50 Prozent erhöht

Frage: "Ihr macht ja kein Geheimnis daraus, dass euer Budget in etwa bei der ursprünglich von der FIA anvisierten Budgetobergrenze von 45 Millionen Euro liegt..."
Booth: "Das stimmt. Als wir unsere Nennung eingereicht haben, lag die geplante Budgetobergrenze bei 30 Millionen Dollar. Darauf haben wir unseren Businessplan ausgerichtet. Wie du weißt, haben wir unser Budget seither um gut 50 Prozent erhöht."

Frage: "Über wie viele Niederlassungen verfügt das Team im Moment?"
Booth: "Über drei. Da ist erstens unsere Hauptfabrik in Sheffield in Nordengland. Dort werden die Autos gebaut und für die Rennen vorbereitet. Dann haben wir ein kleines Büro in London, innerhalb des Gebäudes der Virgin-Gruppe. Dort haben sie ein bisschen Platz für uns reserviert. Und dann noch Nick Wirths Forschungs- und Entwicklungsanlage in Bicester."

Frage: "Mit jeweils wie vielen Mitarbeitern?"
Booth: "Ungefähr 40 oder 45 in Sheffield, wo wir im gleichen Areal wie die alte Manor-Fabrik untergebracht sind. Das ist vor allem das Rennteam. Dann hat Nick ungefähr acht Formel-1-Designer und im kommerziellen Büro in London sind sie derzeit 15."

Frage: "Das RRA (freiwillige Vereinbarung der Teams zur Reduktion der Kosten; Anm. d. Red.) sieht vor, dass die erlaubten Ausgaben eines Teams auch damit zusammenhängen, wie viel intern und wie viel extern entwickelt und produziert wird. Wird Wirth Research als intern oder extern betrachtet?"
Booth: "Als extern, würde ich sagen, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob das mit den detaillierten Formulierungen des Concorde-Agreements übereinstimmt. Aber ich meine schon."

Frage: "Themenwechsel: Ihr verzichtet ja auf einen Windkanal und setzt beim Design ausschließlich auf CFD-Technologie. Bist du immer noch davon überzeugt, dass das der richtige Weg ist?"
Booth: "Da gibt es zwei Seiten. Erstens glaube ich daran, weil ich denke, dass die Formel 1 in fünf Jahren nur noch so arbeiten wird. Der andere Faktor ist, dass wir in Silverstone, Hockenheim und Budapest massive Fortschritte gemacht haben. Das wäre mit konventionellen Mitteln in finanzieller Hinsicht nicht möglich gewesen."

"Bei CFD gehen die Teile direkt vom Computer in die Produktion. Ansonsten müsste man erst einmal teure Modelle bauen, diese dann im Windkanal testen, das Design gegebenenfalls modifizieren, neue Modelle bauen, diese wieder testen. Das könnten wir uns nicht leisten. Ich gehe davon aus, dass wir nur über zwei Drittel des Budgets von Lotus verfügen. Ohne CFD könnten wir mit ihnen nicht Schritt halten."

Technikteam soll erweitert werden

Frage: "Mir wurde erklärt, dass ihr eure Designs mit dem CFD-Simulator von Nick Wirth in Echtzeit verändern und testen könnt. Kannst du erklären, wie das funktioniert?"
Booth: "Nein (lacht; Anm. d. Red.)! Nicht nur, weil ich nicht will, sondern weil ich wirklich nicht kann. Das ist Nicks Bereich. Ich habe natürlich schon gesehen, wie das funktioniert, aber ich kann es nicht erklären. Aber alle Formel-1-Teams haben heutzutage ziemlich hochgestochene Simulationsprogramme und sogar Simulationshardware. Es geht dabei auch nicht nur um die CFD-Simulation."

Frage: "Nick sagt, dass eure CFD-Werkzeuge gut funktionieren, aber die Ideen immer noch von den Designern kommen müssen..."
Booth: "Absolut!"

Frage: "Das impliziert dann ja aber, dass ihr nicht die richtigen Leute habt, wenn man es kritisch betrachten will."
Booth: "Du darfst nicht vergessen, dass wir bei null begonnen haben. Wir konnten uns für unser erstes Auto nicht auf Daten aus dem Vorjahr stützen. Wir legen jetzt gerade die Basis, auf die wir später aufbauen wollen."

Frage: "Ich schneide dieses Thema an, weil ich von dir wissen möchte, ob es Pläne gibt, das Technikteam zu stärken. Oder steht das schon für die nächsten Jahre?"
Booth: "Nein, keinesfalls! Wir wollen unser Technikteam stetig erweitern. Nächstes Jahr werden 350 Mitarbeiter erlaubt sein, im Jahr darauf 280. Ich denke, wir werden uns so bei 250 einpendeln."

Frage: "Letzte Frage: Richard Branson ist ein sehr berühmter Mann, bekannt für seine vielen PR-Stunts. In der Formel 1 könnte er doch aufregende Dinge machen. Fehlt ihm dafür einfach die Zeit oder wird diese Gelegenheit zu wenig wahrgenommen?"
Booth: "Es fehlt die Zeit. Ich glaube, er war schon bei vier Rennen und wird noch zu drei oder vier weiteren kommen. Ihm sind Dinge wie der Umweltschutz oder der Weltfrieden ein großes Anliegen - und dafür wendet er viel Zeit auf. Jedes Mal, wenn ich ihn anrufe, sitzt er gerade in einem Flugzeug nach Australien oder er macht wo einen neuen Vertrag. Seine Zeit ist sehr wertvoll."

Frage: "Wie groß ist sein Interesse am Team? Ich nehme an, du rufst ihn manchmal an, um ihn auf dem Laufenden zu halten, richtig?"
Booth: "Er erhält täglich Updates. Graeme Lowdon (Geschäftsführer des Virgin-Teams; Anm. d. Red.) ruft ihn immer an."

Fotoquelle: xpb.cc

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