Christian Horner sieht Mark Webber in einer sehr guten Ausgangsposition

Formel 1 2010

— 30.08.2010

Horner-Interview: "Sebastian wird zurückschlagen"

Teamchef Christian Horner wird Mark Webber den Wunsch nach einer Stallorder nicht erfüllen - Vertrauen in Sebastian Vettel weiter ungebrochen

28 Punkte trennen die beiden Red-Bull-Piloten nach dem gestrigen Rennen in Spa-Francorchamps, aber der Schein trügt: Würde man diese Differenz ins alte Wertungssystem umrechnen, wären es nicht einmal elf Punkte. Daher kommt für das österreichisch-britische Team eine Stallorder nicht in Frage, wie Teamchef Christian Horner klarstellt.

Frage: "Christian, habt ihr heute auch über die Mercedes-Strategie nachgedacht, Mark Webber so lange auf dem ersten Satz Slicks zu lassen, bis der Regen kommt?"
Horner: "Das haben wir in Betracht gezogen. Wir haben die Situationen mit unseren Spionen rund um die Strecke und dem Radar sehr genau studiert. Natürlich wäre es ideal gewesen, mit den weichen Reifen zu fahren, bis der Regen einsetzt, aber der Regen schien nie wirklich so nahe."

Lob für die Boxencrew

"Als dann die Hinterreifen abzubauen begannen, haben wir entschieden, Mark reinzuholen. Beinahe hätte er Kubica beim ersten Stopp überholt, und beim zweiten haben die Jungs dann großartige Arbeit geleistet, denn beim Wechsel auf Intermediates ging Mark locker am Renault vorbei."

Frage: "Als Lewis Hamilton, Mark und Robert Kubica vor dem letzten Stopp noch einmal an den Boxen vorbeigefahren sind, habt ihr da schon überlegt, Mark an die Box zu holen?"
Horner: "Das Problem ist, dass die Intermediates unglaublich schnell kaputt gehen, wenn es nicht richtig nass ist. Als das diskutiert wurde, waren wir gerade mit Mark am Funk und haben besprochen, dass es die Inters zerstören kann, wenn man sie zu früh aufzieht. Dafür reicht schon eine Aufwärmrunde."

"Daher hatten wir leider die Situation, dass sie sich eine Runde durchkämpfen mussten. Lewis war da der glücklichste Mann in Belgien, als er ins Kiesbett kam, aber die Leitplanken nicht traf! Das war der richtige Übergangspunkt, um auf Inters zu wechseln."

Frage: "Wisst ihr schon, was bei Marks Start schiefgegangen ist? Eure Starts sind ja generell nicht die besten..."
Horner: "Nein. Ich glaube, wenn man sich mal ausrechnet, wie gut unsere Starts statistisch gesehen sind, dann können wir es mit jedem anderen Team aufnehmen. Das heute sah wie ein Anti-Stall-Fehler aus, aber ich kann mich irren. Das wäre der erste seit zweieinhalb Jahren. Aber bevor ich mich dazu äußere, muss ich mir die Daten anschauen."

Frage: "Mark hat in der Pressekonferenz angedeutet, dass er sich nun wünscht, vom Team in der Weltmeisterschaft unterstützt zu werden. Wie siehst du die WM-Situation jetzt?"
Horner: "Es sind noch 150 Punkte zu vergeben. Die beiden haben sich ein bisschen vom Rest abgesetzt, weil die anderen drei Titelanwärter nicht punkten konnten. Aber ich glaube, es ist noch zu früh, um das in Betracht zu ziehen, denn alle fünf Fahrer sind noch in dieser Weltmeisterschaft."

Punktesystem täuscht ein wenig

"Außerdem sind die Abstände bei diesem Punktesystem irreführend, denn man kann dramatisch schnell aufholen. Bei 150 Punkten, die noch verfügbar sind, ist es zu früh für solche Diskussionen. Wenn Lewis und Mark im nächsten Rennen ausfallen und Sebastian oder Jenson gewinnen, dann sind sie wieder drin. Keiner der fünf Fahrer ist aus der WM-Entscheidung raus."

Frage: "Kannst du Marks Wunsch verstehen?"
Horner: "Mark ist Sportler und Realist. Er kennt die Zahlen besser als jeder andere und daher ist er auch realistisch genug, um zu wissen, dass sich das Blatt sehr, sehr schnell wenden kann. Er ist aber in einer großartigen Position. Wenn wir Monza mit einem ähnlichen Ergebnis überstehen und dann wieder auf Strecken kommen, die zu unserem Paket passen, dann stehen wir sehr gut da."

Frage: "Safety-Car am Hungaroring, heute die Kollision mit Jenson Button: Macht Sebastian zu viele Fehler?"
Horner: "Ich glaube nicht, dass man das so sehen darf. Mark hat diese Saison mehr Rennen gewonnen als jeder andere Fahrer. Darunter waren einige großartige Vorstellungen. Er ist definitiv in der Form seiner Karriere. Basierend auf dem, was wir bisher gesehen haben, muss man sagen, dass er toll in Form ist, aber noch einmal: Das Blatt kann sich schnell wenden. Es wäre leichtfertig, Sebastian nicht mehr als Titelanwärter zu sehen."

"Sebastian ist ein sehr talentierter Fahrer. Heute war halt nicht sein Tag. Dass Jenson so früh gebremst hat, hat ihn überrascht, aber der Zwischenfall mit Liuzzi war nicht sein Fehler, ebenso wenig wie die Berührung mit Kubica in der ersten Runde. Es hat einfach nichts zusammengepasst, aber er muss ruhig und konzentriert bleiben, dann könnte es sich für ihn noch zum Guten wenden."

Frage: "Ist es deine Aufgabe, dich mit Sebastian hinzusetzen, mit ihm zu sprechen und ihn eventuell ein bisschen abzukühlen, ihm die Fehler zu erklären?"
Horner: "Niemand weiß das besser als er selbst. Er ist eine sehr reife Persönlichkeit, er kann seine Leistung selbst analysieren. Ich bin mir sicher, dass er zurückschlagen wird. Es wäre dumm, ihn schon abzuschreiben."

Kein Vorwurf an Vettel

Frage: "Will er einfach zu viel?"
Horner: "Schwer zu sagen. Manchmal musst du in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen. Heute hat er einen Fehler gemacht, als er gegen Jenson kämpfte. Jenson hat ein bisschen früh gebremst, was Sebastian total überrascht hat. Er wollte ihm ausweichen und schlitterte dadurch in einen Dreher, durch den - unter sehr schwierigen Bedingungen - Jenson eliminiert wurde."

"Außerdem war er viel schneller als Jenson und wollte unbedingt vorbei. Man konnte sehen, dass Lewis vorne davonzog. Sebastian ist aber ein großartiger Rennfahrer und er ist immer noch sehr jung. Es wäre leicht, ihn zu kritisieren, aber er ist noch relativ unerfahren. Ich bin mir sicher, er wird aus dem heutigen Tag seine Lehren ziehen."

Frage: "Sebastian wurde schon 'Baby-Schumi' genannt, aber er macht in einer Saison mehr Fehler als Michael Schumacher in vier oder fünf Jahren. Sebastian sagt selbst, dass die Kurve komplett trocken war, und Jenson Button hat nicht früher als sonst gebremst. Warum also so eine Aktion?"
Horner: "Erstens habt ihr ihn 'Baby-Schumi' getauft, nicht wir. Für uns war er immer Sebastian Vettel. Zweitens hat es sehr wohl geregnet, das konnte man an Jensons Visier sehen."

"Jenson war an der Spitze der Gruppe in einer schwierigen Position, als er den Bremspunkt einschätzen musste. Er hat früher gebremst als Sebastian erwartet hätte, musste in der Situation ja auch ein bisschen konservativer bremsen. Dadurch, dass Sebastian ausweichen wollte, blockierten auf einer Bodenwelle seine Räder. Er hat Jenson nicht absichtlich getroffen. So was passiert halt."

Frage: "Glaubst du, dass Hamilton nun der Hauptgegner im Titelkampf ist?"
Horner: "Das war er schon vom Saisonbeginn an. Er ist ein großartiger Fahrer und er ist dieses Jahr sehr gut gefahren. Er wird bis zum Ende dieser Weltmeisterschaft sicherlich eine Bedrohung bleiben."

Noch eine schwierige Strecke

Frage: "Wie wichtig ist es, in Monza wieder gut zu punkten?"
Horner: "Monza wird sicher ein schwieriges Wochenende für uns, aber wir waren in Montréal und Valencia besser als erwartet. Außerdem werden wir auf schlechten Strecken wie hier immer noch Zweiter, während wir Jenson in Ungarn, auf einer schlechten Strecke von McLaren, überrundet haben. Insofern bin ich heute sehr ermutigt."

Frage: "Glaubst du, dass Monza eure schwächste Strecke der Saison ist?"
Horner: "Ja, mit Sicherheit. Ein bisschen Regen könnte uns helfen. Danach kommen wir wieder auf Strecken, die viel besser zu unserem Auto passen."

Frage: "McLaren und Mercedes sind zufrieden mit den neuen FIA-Tests hinsichtlich der flexiblen Frontflügel. Ihr auch?"
Horner: "Angesichts dessen, dass wir an unserem Auto nichts ändern mussten, sehe ich keinen Grund, warum sie nicht glücklich sein sollten. Die interessante Frage ist, wer dieses Wochenende den flexibelsten Flügel hatte, denn ich garantiere euch, das waren nicht wir!"

Frage: "Martin Whitmarsh sagt, dass sich die Frontflügel, die er dieses Wochenende gesehen hat, ganz anders verhalten als zuletzt am Hungaroring..."
Horner: "Ich kann versichern, dass es die gleichen Flügel sind, die wir vor einem Monat in Ungarn im Einsatz hatten. Ob das bei unseren Konkurrenten auch so war, kann ich nicht beurteilen, aber dieses Wochenende war wahrscheinlich ein silberner Flügel der flexibelste im Feld."

Frage: "Kann es sein, dass ihr für die Rennen nach Monza wegen der neuen FIA-Tests nicht mehr den gleichen Vorsprung haben werdet wie zu einem früheren Zeitpunkt dieser Saison?"
Horner: "Ungarn spielte uns natürlich in die Hände, denn dort gibt es keine Geraden und viele Kurven. Hier gibt es viele Geraden, aber Singapur sollte gut für uns sein, Japan auch. Südkorea sollte okay sein. Wir wissen, dass diese Strecke und Monza McLaren-Terrain sind. Da müssen wir halt den Schaden begrenzen, was uns heute mit Mark gelungen ist. Als Team den zweiten Platz mitzunehmen, ist ein sehr gutes Ergebnis für uns."

Fotoquelle: xpb.cc

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