Bereits 1981 gab es erstmals ein Concorde-Agreement in der Formel 1

Formel 1 2010

— 07.09.2010

Steiniger Weg zum neuen Concorde-Agreement

Bandenstreit, Internetkosten und Co. zeigen, mit welchen Bandagen vor den nächsten Concorde-Verhandlungen schon jetzt Position bezogen wird

Es ist gerade mal ein Jahr her, dass der jahrelang schwelende Streit zwischen den Teams, der Sporthoheit FIA und dem Inhaber der kommerziellen Rechte (CVC und Bernie Ecclestone) beigelegt wurde. Mehr als drei Jahre lange Verhandlungen und die Gründung der Teamvereinigung FOTA waren erforderlich, um den großen Formel-1-Streit im Sommer 2009 zu beenden.

Das Ergebnis der mühsamen Einigung war das insgesamt sechste Concorde-Agreement seit der Erstversion im Jahr 1981. Insgesamt dauerten die Verhandlungen mehr als fünf Jahre, aber Ende 2012 läuft der "Verfassungsvertrag", in dem zum Beispiel die Verteilung der Einnahmen des Formel-1-Zirkus genau geregelt ist, aus. Daher wird bei aller täuschenden Harmonie schon jetzt wieder Position für die nächste Verhandlungsrunde bezogen - wenn auch derzeit nur hinter den Kulissen.

Teams wollen mehr Geld

Denn der Weg zu einem neuen Concorde-Agreement, das voraussichtlich von 2013 bis 2018 laufen soll, ist lang und steinig. Der Punkt, der möglicherweise am meisten für Kontroversen sorgen wird, ist wieder einmal das liebe Geld: Derzeit werden 50 Prozent aus dem Einnahmentopf unter den Teams verteilt, während die restlichen 50 Prozent in die Taschen von CVC/Ecclestone wandern. Dass die Teams mehr wollen, liegt auf der Hand - die Rede ist von 75 statt der bisherigen 50 Prozent.

Den Hauptakteuren mehr Geld zu geben, erscheint auf den ersten Blick nur logisch, doch wie so oft steckt der Teufel im Detail. Denn CVC, der Hauptinhaber der kommerziellen Rechte, hat für das Formel-1-Engagement milliardenschwere Finanzierungspläne aufgestellt, die sich nicht von selbst abbezahlen. Das heißt, dass CVC und Geschäftsführer Ecclestone auf hohe Einnahmen angewiesen sind - mit ein Grund für zum Beispiel extrem hohe Veranstaltungsgebühren in der Königsklasse.

Martin Whitmarsh wünscht sich jedenfalls einen harmonischen Verhandlungsbeginn im bevorstehenden Winter. Dass die zu erwartenden Meinungsverschiedenheiten zur Drohung einer "Piratenserie" der Teams führen könnten, sei "eine Option", aber er plädiert eher für einen "vernünftigen" Weg: "Wir sollten zusammenarbeiten und nicht gegeneinander kämpfen. Die Formel 1 ist gut darin, Konflikte zu schüren, aber es wäre besser, an einem Strang zu ziehen."

"Die Teams brauchen die FIA nicht und die FIA braucht die Teams nicht. Die Teams brauchen den Rechteinhaber nicht und der Rechteinhaber braucht die Teams nicht. Wir könnten alle unsere eigenen Wege gehen", erklärt der McLaren-Teamchef. " Die FIA kann ihre FIA-WM machen, es kann eine GP1 von CVC geben und die Teams können den Grand-Prix-Sport weiterführen. Die Teams sind groß genug und hart genug, um das durchzuziehen. Aber es wäre kontraproduktiv."

Muskelspielchen haben schon begonnen

Vielmehr werden die Teams zunächst einmal ausloten, wie realistisch es ist, ihren Anteil am Einnahmentopf aufzustocken. Doch abgesehen von diesem großen "Kriegsschauplatz" gibt es noch zahlreiche kleinere "Schlachten", die sich auf das neue Concorde-Agreement auswirken könnten. So ist es zum Beispiel kein Zufall, dass die LKW-Zugmaschinen der Teams wegen ihrer Werbeaufkleber seit einiger Zeit nicht mehr im Paddock stehen dürfen.

Das wurde beschlossen von Allsport Management, einer Firma aus dem CVC/Ecclestone-Imperium, die die Vermarktung etwa der Werbebanden an der Strecke oder des exklusiven Paddock-Clubs betreibt. Allsport pocht neuerdings darauf, alle Werberechte für die Strecke, die Boxengasse und den Paddock zu besitzen, und verbietet es den Teams, in bestimmten Bereichen für die eigenen Sponsoren Werbung zu machen.

Zudem stößt den Teams sauer auf, dass sie von den Veranstaltern aufgrund der exorbitant hohen Veranstaltungsgebühren von bis zu 35 Millionen Euro pro Grand Prix immer mehr zur Kasse gebeten werden. So berichtet ein Teammanager, der nicht namentlich genannt werden möchte, von enormen Preissteigerungen für die Infrastruktur an der Strecke. Damit gemeint sind Kostenfaktoren wie die Hospitality, Strom, Telekommunikation und Internet.

Vor allem die Internetkosten sind nicht zu unterschätzen, denn die Teams schicken an jedem Rennwochenende Unmengen von Telemetriedaten zwischen Strecke und Fabrik hin und her. Eine Preissteigerung von 900 Prozent von einem Jahr auf das nächste zieht da nicht spurlos vorüber. Das wiederum ist ein Grund, weshalb die Teams ihre Vereinbarung zur Kostenkontrolle (Resource-Restriction-Agreement oder kurz RRA) prinzipiell verlängern möchten.

Kein RRA ohne neues Concorde

Am Sonntagmorgen des Grand Prix von Belgien fand in Spa-Francorchamps ein FOTA-Meeting statt, bei dem das RRA einer der Tagesordnungspunkte war. Obwohl das RRA inzwischen selbst von den großen Teams als positiv bezeichnet wird, ist eine Verlängerung unwahrscheinlich, solange die Teams nicht die Bedingungen des nächsten Concorde-Agreements (und damit ihrer Einnahmenbeteiligung) kennen. RRA und Concorde-Agreement gehen also Hand in Hand.

Auch wie künftig mit den Testfahrten umgegangen wird, könnte sich auf die Verhandlungen auswirken. Fest steht, dass es auch 2011 nur vier Wintertests geben wird: einen dreitägigen zu Beginn, dann drei viertägige. Hinzu kommen die Young-Driver- und Pirelli-Testtage unmittelbar nach dem Saisonfinale 2010 in Abu Dhabi. Reguläre Testfahrten während der Saison, wie sie von den großen Teams gefordert werden, sind nicht geplant.

"Testen bringt nur denen einen Vorteil, die sich das leisten können", argumentiert Force-India-Betriebsdirektor Otmar Szafnauer gegenüber 'auto motor und sport'. "Es ist gut für den Sport, wenn auch die großen Teams bei der Entwicklungsarbeit Rückschläge verkraften müssen." Das Argument, dass es sonst keinen Sport gibt, in dem man nicht trainieren darf, kontert Toro-Rosso-Teamchef Franz Tost: "Es gibt auch keine Sportart, in der ein Testkilometer zwischen 700 und 1.000 Euro kostet."

Bandenstreit, Internetkosten und Testfahrten sind nur drei von vielen Beispielen für die zahlreichen Brücken, die gebaut werden müssen, wenn es ab 2013 ein neues Concorde-Agreement geben soll. Ebenso spannend ist die Frage nach dem neuen Reglement, schließlich planen die Verantwortlichen für 2013 eine Regelreform. Unter anderem sollen Ground-Effect und Turbomotoren ein Comeback feiern, wie 'Motorsport-Total.com' herausgefunden hat.

FOTA-Chef hofft auf Zusammenarbeit

FOTA-Chef Whitmarsh wünscht sich faire Gespräche mit der FIA und dem Inhaber der kommerziellen Rechte sowie eine gesunde Zusammenarbeit, "denn dann kann unser Sport noch viel großartiger werden. Für einen Verhandlungstango braucht es immer zwei, aber ich glaube, es wäre gut, wenn sich die Teams und der Inhaber der kommerziellen Rechte außerhalb des Rampenlichts einigen könnten, um die Zukunft des Sports über 2012 hinaus zu sichern."

Der McLaren-Teamchef weiß, dass in den Verhandlungen auch von den Teams Garantien verlangt werden könnten: "Wir brauchen überall Stabilität", gibt er zu Protokoll. "Wenn wir uns darüber unterhalten, dass 2013 bis 2018 die nächste Periode für eine Unterschrift sein könnte, dann müssen wir in Betracht ziehen, wie viele von uns 2018 noch in diesem Sport aktiv sein werden. Wenn es einige nicht sein sollten, brauchen wir einen verantwortungsbewussten Nachfolgeplan."

"Ich persönlich finde es bemerkenswert, dass die Formel 1 so erfolgreich ist. Ich mache CVC keinen Vorwurf, denn alle Beteiligten haben diesen Sport schlecht gemanagt. Es gibt kein zentrales Marketing, keine Strategie, keine echte Zusammenarbeit", kritisiert Whitmarsh. "Wir kümmern uns zum Beispiel viel zu wenig darum, das Interesse junger Menschen zu entfachen. Wie viele Milliarden-Dollar-Geschäfte gibt es sonst, die nicht einen Dollar in ihr eigenes Marketing investieren?"

Genau solche Punkte möchte vor allem die Teamvereinigung FOTA ansprechen, sobald über die finanziellen Rahmenbedingungen des neuen Concorde-Agreements prinzipiell Einigkeit herrscht. Aber: "Ich bin optimistisch", gibt Whitmarsh zu Protokoll. "Es ist großartig, dass die Formel 1 ein so starkes Produkt ist, dass sie überlebt hat, wie schlecht sie von uns gemanagt wurde - und mit uns meine ich auch die Teams."

Fotoquelle: xpb.cc

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