Felipe Massa vor Fernando Alonso in Hockenheim: Und dann kam der Funk...

Formel 1 2010

— 12.09.2010

Teamorder-Diskussion: Von Moral und Machenschaften

Bezüglich des bisherigen Teamorder-Verbots herrscht nach wie vor große Uneinigkeit: Abschaffung des Paragrafen als einzige Lösung?

Der Fall der Teamorder von Ferrari in Hockenheim hat nicht nur große Diskussionen aufgelöst, sondern auch für zwei Fronten im Fahrerlager gesorgt. Die Tatsache, dass die Formulierung des Stallregie-Verbots unzureichend ist, sorgte schließlich für die kuriose Situation, dass die FIA zwar Ferrari für schuldig befand, aber von weiteren Strafen absehen musste. Man hatte keine Handhabe, aufgrund der Funksprüche aus Hockenheim war nichts eindeutig belegbar.

"Die FIA hat einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen", meint Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Der Chef von Sebastian Vettel und Mark Webber ist nicht der einzige Verantwortliche im Paddock, der es nun als gegeben hinnimmt, dass man sich zukünftig für 100.000 Dollar einen Freibrief für Teamorder erkaufen kann. Fest steht, dass man am Paragrafen 39.1 des sportlichen Reglements arbeiten muss. Das hat auch die FIA erkannt.

Die Frage ist, ob man das Verbot komplett fallen lässt, oder sich eine konkretere Formulierung des Paragrafen einfallen lässt. Letzteres dürfte äußerst kompliziert werden. "Ob es nun verboten ist oder nicht: Teamorder wird es immer geben", sagt Vitantonio Liuzzi. Der Italiener ist davon überzeugt, dass die Teams immer Mittel und Wege finden können, um notfalls die Positionen der beiden Fahrer zu tauschen. Mit dieser Meinung steht der Force-India-Pilot nicht allein da.

Ist die Formel 1 ein Teamsport?

"Wenn es im letzten Rennen um den Titel geht und ein Fahrer muss Dritter werden, liegt aber hinter seinem Teamkollegen auf Platz vier, dann wird jedes Team irgendetwas in die Wege leiten. Dann kommt ein längerer Boxenstopp oder was auch immer", betrachtet auch Timo Glock die Situation von der praktischen Seite. "Die Teams geben viel Geld auf dem Weg zum möglichen Titelgewinn aus. Wir Piloten sind Angestellte des Teams, das ist unser Arbeitgeber", merkt Liuzzi an.

Genau diese Aussagen führen zur grundsätzlichen Frage, mit der man sich in Zukunft auseinandersetzen muss: Ist die Formel 1 ein Teamsport, oder steht der individuelle Erfolg der Piloten im Vordergrund? "Das ist ein sehr schwieriges Problem. Wir haben eine Fahrer- und eine Teammeisterschaft", sagt Mercedes-Teamchef Ross Brawn. "Damit ergeben sich teilweise unterschiedliche Prioritäten. Wenn wir keine Fahrermeisterschaft haben würden, würde sich die Frage nach einer Stallorder nicht stellen."

Die Abschaffung der Fahrerwertung könne keine ernsthafte Option sein, findet Brawn. "Es macht aber auch keine große Freude in die Saison starten, wenn ein Fahrer einen Sonderstatus gegenüber dem anderen hat", so der Brite, der Michael Schumacher zu Ferrari-Zeiten durchaus auch mal per Teamorder half. "Wenn es am Ende der Saison eine Prioritätenausrichtung gibt, dann hat jeder dafür Verständnis. Es ist eine Herausforderung für die Formel 1, da eine Lösung zu finden."

Die Fronten sind in dieser Diskussion derzeit verhärtet. Dass die Ferrari-Verantwortlichen die Abschaffung des Teamorder-Verbots befürworten, überrascht niemanden. Auch Frank Williams würde diesen Weg gerne gehen. "Stallregie kommt nicht oft vor, sondern höchst selten. Und auch nur dann, wenn ein Team zwei gleich starke Fahrer hat", so der Teamchef. "Wir haben damals den Preis bezahlt, als wir Mansell und Piquet freie Fahrt gaben." 1986 nahmen sich die beiden Ex-Weltmeister im überlegenen Williams viele Punkte weg, Alain Prost fuhr im McLaren zum Titel.

Auch aus Sicht von Peter Sauber lässt sich ein nachhaltiges und überprüfbares Verbot der Stallorder nicht realisieren. "Es tun doch alle", so der Schweizer. Auf der Gegenseite formiert sich eine Gruppe, die an den moralischen Werten gerne festhalten möchte. Martin Whitmarsh - McLaren-Teamchef und derzeit gleichzeitig Vorsitzender der Teamvereinigung FOTA - wehrt sich gegen die Forderung nach der Abschaffung des Verbots.

Moral: In welche Richtung muss man denken?

"Ganz klar: Wir haben schmerzhafte Erfahrungen gemacht, als wir 2007 beide Titel verloren haben", sagt Whitmarsh. "Wir hätten es einfacher haben können und waren phasenweise sicherlich etwas in Versuchung. Aber ich bin stolz darauf, dass wir es auf diesem Wege durchgezogen haben. Was andere denken, ist mir egal. Wir haben fairen Sport betrieben und werden das auch in Zukunft tun." Gegenüber 'Autosport' fügt er an: "Es gab einen klaren Regelverstoß. Wenn das noch einmal passiert, sollte man eine höhere Strafe erwarten dürfen!"

"Ich verstehe die Teams nicht, die Stallorder weit von sich weisen", sagt Virgin-Pilot Timo Glock und schüttelt angesichts der McLaren-Haltung etwas mit dem Kopf. Auch das moralische Argument, dass man einen Fahrer im sportlichen Wettkampf nicht künstlich einbremsen dürfe, zähle nur wenig. Man dürfe schließlich nicht die Kehrseite dieser Moral vergessen. In der Fabrik arbeiten 500 Leute, die nur aufgrund der ehrenhaften Herangehensweise möglicherweise die Früchte der harten Arbeit nicht ernten dürften. "Man muss auch immer an die denken, die sich das Rennen auf den Tribünen oder am Fernseher anschauen", fügt Glock hinzu.

"Die Zuschauer werden das dann jeweils schon zu werten wissen", stimmt Liuzzi zu. "Ich habe Verständnis dafür, dass Teams im Titelkampf alles für einen Erfolg geben und alle Chancen nutzen." Auch unter den Fahrern herrscht Uneinigkeit. "Ich bin hier, um alle mit fairen Mitteln zu besiegen. Wenn ich mit nicht legalen Mitteln Erfolge feiern dürfte, dann wäre ich nicht glücklich", so Jenson Button. Bevor er zurückstecke, würde er lieber mit dem Sport aufhören, so der Weltmeister.

"Falls es solche Situationen bei uns geben sollte, dann würden sie allein aufgrund der Zusammenarbeit zwischen Jenson und mir, also auf unserem gegenseitigen Respekt basieren", meint Lewis Hamilton. Der Button-Teamkollege weiter: "Wenn ich den Titel irgendwann nicht mehr holen kann und Jenson hat noch Chancen, dann würde ich von mir aus die passende Rolle spielen. Ich würde ihn allerdings nicht vorbeiwinken, ich würde nur aufpassen, dass nichts passiert, wenn er mich angreift."

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone ist derzeit bemüht, für die Zukunft eine klare Lösung auf den Weg zu bringen. Der Brite, der bei der Sitzung des Motorsport-Weltrates am Mittwoch in Paris anwesend war, sieht nur eine einzige Chance: Abschaffung des Verbots. "Die Teams sollten frei über ihre Strategien entscheiden können. Solange es die Regel gibt, sollte sie allerdings bestmöglich von allen eingehalten werden." Im Hintergrund arbeitet Ecclestone gemeinsam mit einigen Fahrern (unter anderem Michael Schumacher) und Verantwortlichen bereits an der Streichung des Paragrafen.

Fotoquelle: xpb.cc

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