Teamchef Stefano Domenicali jubelt mit Sieger Fernando Alonso

Formel 1 2010

— 26.09.2010

Domenicali: "Fernando war heute fantastisch"

Rennanalyse mit Stefano Domenicali: Fernando Alonsos perfekteste Fahrt seiner Karriere und warum nun der Kopf den WM-Kampf entscheiden kann

Stefano Domenicali hat allen Grund zur Freude: Nach dem triumphalen Heimsieg in Monza gelang es Fernando Alonso auch heute in Singapur, die vollen 25 Punkte mitzunehmen. Der Ferrari-Pilot verbesserte sich dadurch in der Weltmeisterschaft auf den zweiten Platz, nur noch elf Zähler hinter Mark Webber. Nach dem Rennen analysierte der Ferrari-Teamchef in der Hospitality der Scuderia wie immer das zurückliegende Rennen.

Frage: "Stefano, wie fühlst du dich nach diesem erstaunlichen Rennen?"
Stefano Domenicali: "Es war wirklich ein großartiges Rennen, sehr spannend, sehr intensiv. Ich denke, dass wir das Rennen gestern im Qualifying gewonnen haben. Angesichts der heutigen Performance von Red Bull wäre es sehr schwierig gewesen, sie unter normalen Umständen zu schlagen, solange nichts Außergewöhnliches passiert."

"Daher bin ich sehr zufrieden, denn Fernando hat ein unglaubliches Rennen hingelegt - immer cool, Runde für Runde konzentriert. Auch das Team war sehr stark, denn wir haben die Situationen, zum Beispiel mit dem Safety-Car, richtig gehandhabt, und wir hatten den Abstand und den Verkehr unter Kontrolle. In den letzten Runden mit den gelben Flaggen und dem Feuer hätte noch etwas passieren können. Daher finde ich, dass es eine sehr gute Leistung war."

In der Fahrer-WM schon auf Platz zwei

"Auch von den Punkten her war es ein sehr wichtiger Sieg, denn in der Fahrerwertung haben wir einen Schritt nach vorne gemacht. Das war unser Ziel. Vier Rennen vor Schluss ist die Situation jetzt weit offen. Schade, dass wir gestern das zweite Auto wegen eines Getriebeproblems verloren haben, denn für Felipe war es vom letzten Platz aus unmöglich, ein besseres Ergebnis zu holen. Wir probierten eine Strategie, bei der wir in der ersten Runde an die Box kamen, um von einem etwaigen Safety-Car zu profitieren. Leider kam es aber für unsere Strategie nicht zum richtigen Zeitpunkt raus."

"Danach war es mit den abgefahrenen Reifen nicht möglich, sehr viel mehr auszurichten. Kubica ist am Ende mit neuen Reifen ja in einer ganz anderen Liga gefahren. Aber insgesamt war es ein großartiges Ergebnis, eine großartige Leistung. Schön zu sehen, dass das Team immer noch fokussiert und konzentriert ist, denn wir wissen, dass wir außer ein paar Siegen noch nichts erreicht haben. Die Weltmeisterschaft ist noch lange nicht gewonnen."

Frage: "War das das perfekteste Rennen, das Fernando je gezeigt hat?"
Domenicali: "Ja. Es war wirklich ein großartiges Rennen, von der ersten bis zur letzten Runde, obwohl so viel passiert ist."

Frage: "Eine Frage zu Fernandos Boxenstopp: Habt ihr damit auf Red Bull reagiert oder warum gerade in der 29. Runde?"
Domenicali: "Nein. Das war unsere Entscheidung, denn wir haben bis dahin den Verkehr hinter uns im Auge behalten. Als klar war, dass wir vor Lewis bleiben würden, weil er davor an der Box war, bedeutete jede weitere Runde mehr Risiko, hinter einem möglichen Safety-Car festzusitzen. Damit wäre das Rennen kaputt gewesen, also haben wir uns entschieden, an die Box zu kommen. Ich glaube, dass Red Bull uns gefolgt ist. Aber wir kamen rein, weil wir fanden, dass es der richtige Moment dafür war."

Frage: "Musste Fernando während des Rennens auch mal Bremsen und Reifen oder das Auto generell schonen?"
Domenicali: "Ja. Wir haben versucht, das Auto so gut wie möglich zu managen, aber Vettel hat von hinten viel Druck gemacht. Fernando musste das handhaben - und das hat er perfekt gemacht. Er war heute fantastisch."

Frage: "Glaubst du, dass genug Pace im Auto steckt, um auch die letzten vier Rennen zu gewinnen?"
Domenicali: "Das weiß ich nicht. Unsere Gegner sind so stark, dass es besser ist, jetzt einmal abzuwarten. Ich habe meinen Leuten gesagt, dass für uns die Zuverlässigkeit wichtig ist, denn dieses Wochenende haben wir dafür als Team einen hohen Preis bezahlt. Was die Performance angeht, insbesondere auf diesem Streckentyp, scheint das Auto jetzt besser zu sein, aber wir bekommen noch einige kleine Updates, nichts Gravierendes."

"Ich glaube, jetzt wird sich viel in den Köpfen der Fahrer und der Leute, mit denen sie arbeiten, abspielen. Ich glaube, das ist wichtiger als signifikante Schritte in der Performance, denn alle Teams befinden sich jetzt in der Lage, dass sie die Ressourcen auf das neue Auto umleiten müssen, sonst sind sie dann zu spät dran. Daher erwarte ich ein interessantes Ende dieser Saison."

Frage: "Ist es jetzt in erster Linie ein mentaler Kampf zwischen Fernando und den anderen vier WM-Anwärtern?"
Domenicali: "Natürlich ist das Auto weiterhin entscheidend, Zuverlässigkeit und Performance, aber wir wissen: Wenn es so eng ist und es entscheidende Momente wie hier im Qualifying und im Rennen gibt, dann macht der Kopf den Unterschied aus."

WM-Titel nun reine Kopsache?

"Du musst da sein, im richtigen Moment überholen, darfst aber nicht zu viel riskieren, denn das kann in einem Ausfall enden. Es wird sicher ein sehr intensiver Kampf. Ich sage nicht, dass das Auto nicht entscheidend ist, denn ohne gutes Auto kannst du es vergessen, aber der Kopf ist im WM-Kampf ein weiteres Element."

Frage: "Fernando hat in dieser Saison einige Fehler gemacht, aber seit einigen Rennen ist er absolut makellos. Findest du, dass er von den fünf Titelanwärtern im Kopf am stärksten ist?"
Domenicali: "Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht. Dafür weiß ich über die anderen Fahrer, die ich sehr respektiere, zu wenig. Sicher ist das eine der Stärken von Fernando. Ich hoffe, dass er am stärksten ist, und ich kenne seinen Charakter, aber letztendlich ist es Teamwork. Wir verlassen uns auf ihn, aber wir müssen auch mit unseren Leuten an der Strecke und zu Hause arbeiten, denn wenn das Team nicht perfekt arbeitet, dann ist es schwierig, zu gewinnen."

Frage: "Drei Siege in den vergangenen fünf Rennen - wie hat das Team diesen Turnaround geschafft?"
Domenicali: "Ihr kennt mich: Ich bin nicht der Typ, der niedergeschlagen ist, wenn es mal nicht so läuft, und ich verfalle nicht in Euphorie, wenn wir gewinnen. Das Team muss cool bleiben, bodenständig und hart arbeiten. Wir wissen, was wir tun, wissen genau, wann wir einen Fehler machen oder andere besser waren als wir. Das ist Teil des Spiels, des Lebens."

"Aber das Wichtigste ist, nach vorne zu schauen und nie aufzugeben. Daran halten wir uns. Das ist jetzt die entscheidende Phase der Saison. Wir müssen sehr, sehr cool bleiben. Ich freue mich schon auf Japan und hoffe, dass wir dort ein perfekt vorbereitetes Auto, perfekt vorbereitete Fahrer und ein perfekt vorbereitetes Team haben werden, denn wenn du jetzt einen Fehler machst, dann tut das doppelt weh."

Frage: "Ihr habt Fernando vor ziemlich genau einem Jahr für 2010 bestätigt. Damals hast du in Suzuka gesagt, dass du dir eine Führungspersönlichkeit wünschst. Ferrari begann diese Saison sehr stark, dann passierten einige Fehler, aber jetzt habt ihr die Wende geschafft. Ist das die Führung, die du damals gemeint hast?"
Domenicali: "Genau. Das ist die Haupteigenschaft, die wir an Fernando kannten. Er ist sehr cool und ruhig. Gestern konnte man im TV den Funkspruch hören, als wir ein Problem mit dem Motorenmapping hatten. In solchen Situationen bleibt er ganz gelassen. Das brauchen wir und das ist ein wichtiges Element seiner Führungsstärke."

Frage: "Möchtest du die Ferrari-Ergebnisse für die letzten vier Rennen tippen?"
Domenicali: "Lieber nicht, denn ich liege in solchen Dinge immer falsch! Ich erwarte, dass McLaren in Japan sehr stark sein wird - und Red Bull ist ja schon sehr stark. Das wird schwierig. Japan wird also eine Strecke sein, auf der wir eher defensiv agieren müssen."

"Dann kommt Südkorea. Wir müssen die Strecke erst einmal sehen, denn wenn du dich nach den Simulationen zum Beispiel für den F-Schacht entscheidest, kommst du nach dem ersten Training drauf, dass alles ganz anders ist. Außerdem ist der Asphaltzustand noch unbekannt. Brasilien sollte okay sein und Abu Dhabi ist nicht wirklich perfekt für uns, aber schauen wir mal, wie dort dann die WM-Situation ist."

Frage: "Du hast den Glauben an die Weltmeisterschaft nie aufgegeben, obwohl es zeitweise nicht gut ausgesehen hat. Ist dieser Glaube nach zwei Siegen aus eigener Kraft stärker als je zuvor in dieser Saison?"
Domenicali: "Rein von den Punkten her ist unser mathematischer Rückstand kleiner geworden, aber die Situation ist so komplex und wettbewerbsintensiv, dass wir cool bleiben müssen. Natürlich glaube ich daran, dass wir alles beisammen haben, um bis zum letzten Rennen zu kämpfen. Das habe ich schon immer gesagt und dabei bleibe ich auch."

Fotoquelle: xpb.cc

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