Mit einem Scooter fuhr Sebastian Vettel selbst zurück in den Paddock

Formel 1 2010

— 24.10.2010

Vettel: "Das ist die Story des Jahres"

Sebastian Vettel im Gespräch: Wie er den Ausfall in Yeongam erlebt hat, warum er den Kopf nicht hängen lässt und immer noch Weltmeister werden kann

Alles schien in Yeongam für Sebastian Vettel zu laufen: Über Funk forderte er indirekt einen Rennabbruch wegen schlechter Sicht - vielleicht auch, weil die Grenze für volle Punkte gerade überschritten war, was bedeutete, dass er in der "virtuellen" WM-Wertung bereits in Führung lag. Doch in der 46. von 55 Runden ließ ihn sein Renault-Motor im Stich.

Vettel fuhr mit einem Scooter selbst zurück in den Paddock und hatte schon wieder ein Lächeln im Gesicht, als er sich von Motorsportkonsulent Helmut Marko und Teamchef Christian Horner trösten ließ. Denn selbst nach einem katastrophalen Doppelausfall für Red Bull beim Grand Prix von Südkorea ist die WM-Chance noch nicht dahin: Zwei Rennen vor Schluss fehlen 25 Punkte (entspricht genau einem Sieg) auf den neuen Spitzenreiter Fernando Alonso.

Sicher scheinenden Sieg verloren

Frage: "Sebastian, wie oft bist du heute durch Himmel und Hölle gegangen?"
Sebastian Vettel: "Zuerst muss ich sagen, dass es mit diesen Bedingungen das bisher schwierigste Saisonrennen war. Man musste sich immer anpassen. Natürlich ist man enttäuscht, denn ich kann nichts dran machen, aber im Endeffekt bin ich sehr zufrieden mit dem Rennen. Ich hatte den Rest des Feldes jederzeit im Griff und konnte Gas geben, wenn ich musste."

"Ich denke, es wäre kein Problem gewesen, die zehn Runden noch fertig zu fahren. Jetzt stehe ich aber hier und das Rennen läuft noch. Ist natürlich bitter, denn es wären sehr wichtige Punkte gewesen. Das ist so ein bisschen die Story des Jahres."

Frage: "Schwieriges Rennen, alles richtig gemacht und dann so ein Moment. Was geht einem da im Kopf vor?"
Vettel: "Ich habe gehofft, dass sich das Problem in Luft auflöst und alles wieder gut wird, aber in dem Moment ist einem schon klar, dass es vorbei ist. Wenn die Leistung abfällt, ist es nur noch eine Frage der Zeit, und wenn dann weißer Rauch aufsteigt, ist das Thema ganz erledigt. Was soll man da machen?"

"Einschlafen kann ich heute Nacht gut, denn ich kann nichts dafür. Es war ein perfekter Tag, trotz ganz wenig Training. Vorne zu fahren, ist nicht einfach, denn wenn man hinterherfährt, sieht man, wenn der Vordermann sich dreht oder vielleicht rausrutscht. Dann weiß man, dass es glatt ist, aber so ist man immer der Erste auf der Strecke. C'est la vie!"

Frage: "Bis dahin war es ein perfektes Wochenende. Was ist eigentlich genau passiert?"
Vettel: "Ich glaube nicht, dass es nur gut gelaufen ist, sondern es ist perfekt gelaufen! Bei sehr, sehr schwierigen Bedingungen habe ich bis zum Schluss versucht, die Reifen zu schonen. Was genau passiert ist? Ausgangs Kurve 14 habe ich die rechte Zylinderreihe komplett verloren. Ich bin dann noch zwei Kurven mit vier Zylindern gefahren, aber die Power war schon weg. Ich hatte starke Vibrationen und dann war es eine Frage der Zeit, bis ich anhalten musste."

Frage: "Wann hast du gemerkt, dass es mit dem Motor ein Problem geben könnte?"
Vettel: "Gar nicht, das kam urplötzlich. Es gab keine Anzeichen für den Defekt."

Frage: "Kommst du mit den Motoren jetzt noch in Probleme? War dieser Motor noch einmal eingeplant?"
Vettel: "Nein. Ich glaube, das wäre sowieso das letzte Rennen gewesen."

Beim Löschen selbst Hand angelegt

Frage: "Du hast den Motor selbst gelöscht, oder?"
Vettel: "Ja. Das Problem ist, dass die Streckenposten hier neu sind - da ist es vielleicht besser, wenn man den Feuerlöscher selbst in die Hand nimmt. Es hätte mich beinahe auch noch hingelegt, als ich dem koreanischen Streckenposten den Feuerlöscher aus der Hand gerissen habe, weil es unheimlich rutschig war! Dann weiß man als Fahrer einfach besser als die Streckenposten, die das Auto nur einmal im Jahr sehen, wo man genau reinhalten muss, damit sich das Feuer nicht ausbreitet."

Frage: "Wenn du das Auto anders geparkt hättest, hätte es noch einmal eine Safety-Car-Phase geben können. Dann hätten die anderen wieder zu Alonso, Hamilton und Massa aufgeschlossen. Aber daran denkt man in dem Moment wahrscheinlich nicht, oder?"
Vettel: "Daran habe ich sofort in dem Moment gedacht, aber was bringt's? So weit muss man dann auch Sportsmann sein. Andersrum wünscht man sich das auch nicht."

Frage: "Was ist dir eigentlich durch den Kopf gegangen, als du mitbekommen hast, dass Mark Webber ausgeschieden ist?"
Vettel: "Nicht viel. Ich wusste ja, dass es - egal was passiert - noch ein sehr, sehr langes und schwieriges Rennen wird. Das ist auch eingetreten. Gerade bei solchen Bedingungen ist man sehr mit sich selbst und seinem eigenen Auto beschäftigt, von daher hat man den Kopf voll und ganz auf dem, was gerade passiert, und nicht darauf, wer vielleicht neben der Strecke steht."

Frage: "Vorbei ist es noch nicht, zwei Rennen sind noch zu fahren. Wie gehst du nun an das Wochenende in São Paulo heran?"
Vettel: "Genau wie an die letzten Wochenenden! Es gibt keinen Grund, den Plan zu ändern. Natürlich ist das kein Vorteil, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass wir heute die 25 Punkte geholt hätten. Dann wäre die Situation ein bisschen anders, aber so fahren wir einfach unsere zwei Rennen. Es ist noch nicht vorbei, von daher schauen wir mal, was die Zielflagge in Abu Dhabi sagt."

Frage: "Was überwiegt denn nun: die Enttäuschung oder die Hoffnung, dass es noch klappen könnte?"
Vettel: "Natürlich bin ich enttäuscht, aber man sieht's mir auch an: So tragisch ist es auch wieder nicht. Natürlich ist es sehr gravierend für die Meisterschaftssituation. Es ist noch nicht zu Ende, aber ich kann mir heute nichts auf die Kappe schreiben, habe alles richtig gemacht. Von daher habe ich keinen Grund, die Packung zu weit hängen und das Kinn weit sinken zu lassen - Kopf hoch! Wir haben noch zwei Rennen. Da versuchen wir, Spaß zu haben und wieder das Maximum herauszuholen."

Frage: "Ist das heute die vielleicht bitterste Stunde deiner Karriere?"
Vettel: "Wir haben noch die Chance, Weltmeister zu werden. Wenn ich jetzt noch fahren würde, wären die Chancen theoretisch ein bisschen besser, aber jetzt lassen wir uns erstmal überraschen, was die letzten beiden Rennen bringen und was die anderen machen. Es kann schnell was passieren. Den Rest werden wir sehen."

Saison voller Höhen und Tiefen

Frage: "Diese Saison ist eine unglaubliche Achterbahn bei dir, es geht auf und ab in kurzer Zeit..."
Vettel: "Das Wichtige ist aber, dass es für die Abs immer Erklärungen gibt. Und wie schon gesagt: Natürlich ist es ein sehr harter Moment für das Team, auch mit Marks Ausfall, aber wenn ich auf mich schaue, dann weiß ich ganz genau, dass der letzte Grund in der Reihe die eigene Leistung und der Speed waren. Das hat immer gepasst. Hat es mal nicht gepasst, dann gibt es einen Grund dafür."

Frage: "Hätte man denn das Rennen wegen der einbrechenden Dunkelheit abbrechen müssen?"
Vettel: "Im Nachhinein betrachtet hätte uns das etwas gebracht! Ich hatte keine gravierenden Schwierigkeiten und konnte das Auto immer noch dort anhalten, wo ich wollte, aber es wurde teilweise schon sehr, sehr schwierig, in der ersten Kurve und im ersten Sektor den Bremspunkt zu sehen. Ich hatte ein leicht getöntes Visier drauf. Es wurde immer schwieriger."

"Ich hatte eigentlich keine Zweifel, dass ich die zehn Runden nicht da bleiben kann, wo ich war, aber es hat mich halt unglücklich getroffen. Auch beim Überrunden hatte ich haarige Momente mit den HRTs, wobei ich jedes Mal rund eine Sekunde verloren habe. Ich denke, ich war pro Runde um zwei, drei Zehntel schneller als Fernando, wenn ich das wollte. Den Vorsprung da wieder aufzubauen, war also nicht so leicht."

Frage: "Wie schwierig war es, die Intermediates in Schuss zu halten? Einige hatten damit am Ende Probleme..."
Vettel: "Die zehn Runden hätten den Bock nicht mehr geschossen. Ich habe immer versucht, die Reifen zu schonen, nicht zu viel Wheelspin zu haben, sie nicht zu überfahren, sie hie und da ein bisschen zu kühlen. Das hat sehr gut funktioniert. Zu sagen, dass meine Reifen wie neu waren, wäre gelogen - natürlich leiden sie unter den Bedingungen, denn wir wissen, dass der Intermediate kein sehr standhafter Reifen ist. Aber das war für alle gleich und ich konnte immer reagieren."

Frage: "Wie viel Glück hattest du beim letzten Safety-Car, als Alonso und du eine Runde länger draußen geblieben sind? Da hätte es euch ganz blöd erwischen können..."
Vettel: "Beide Male Glück und Pech, würde ich sagen. Beim ersten Mal war ich schon auf der Zielgeraden, als das Safety-Car angezeigt wurde, und beim zweiten Mal fast das Gleiche, ein bisschen davor."

"Beide Male war es unmöglich, darauf zu reagieren, sonst hätte man natürlich gleich den Anker geschmissen und nach rechts gezogen. Für die anderen war es dann natürlich deutlich leichter, denn ich lag ja beide Male zwischen zweieinhalb und fünf Sekunden voraus. Aber das ändert jetzt auch nichts mehr."

Fotoquelle: xpb.cc

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