Mark Webber fühlt sich bei Red Bull nur als Nummer zwei der Herzen

Formel 1 2010

— 04.11.2010

Webber-Interview: Die Nummer zwei der Herzen

Mark Webber erklärt im Interview, warum er sich bei Red Bull als Nummer zwei der Herzen fühlt und wie er trotzdem noch Weltmeister werden kann

"Nicht schlecht für eine Nummer zwei, oder?" Mit diesem provokanten Sieger-Funkspruch ließ Mark Webber die Öffentlichkeit nach der Frontflügel-Affäre in Silverstone erstmals wissen, dass er sich bei Red Bull nicht so geliebt fühlt wie Sebastian Vettel. Aber der Australier ließ sich nicht unterkriegen und liegt zwei Rennen vor Schluss 14 Punkte vor seinem Teamkollegen (und elf hinter Spitzenreiter Fernando Alonso). Im Mediengespräch analysiert er die Situation vor dem Grand Prix von Brasilien in São Paulo.

Frage: "Mark, du hast die Weltmeisterschaft ziemlich lange angeführt. Was ändert sich jetzt, wo nur noch zwei Rennen zu fahren sind und du nur noch Zweiter bist?"
Mark Webber: "Es ist eigentlich kein riesiger Unterschied. Ob es nun fünf, acht, elf oder 14 Punkte Vorsprung sind, ändert nicht viel - erst wenn es mehr als 20 sind, kannst du deine Einstellung ein bisschen ändern, aber es war ja immer ziemlich eng."

Alonso ist die wichtigste Messlatte

"Ich lag ein paar Rennen lang in Führung. Wenn du vorne bist, kannst du nur zurückfallen, aber jetzt bin ich Zweiter und ich habe noch zwei Rennen, um wieder nach vorne zu kommen. Das bedeutet, dass ich wieder so fahren muss wie damals, als ich die WM-Führung übernommen habe. Sprich: Topergebnisse und im Idealfall vor Fernando ins Ziel kommen, denn er ist der Kerl, den es zu schlagen gilt und der die beste Ausgangsposition von uns allen hat."

Frage: "Hilft es dir irgendwie, dass Fernando hier sozusagen Staatsfeind Nummer eins ist?"
Webber: "Das ändert auf der Strecke überhaupt nichts. Was sollen die Fans schon machen, um ihn einzubremsen?"

Frage: "Du hast diesen Grand Prix im Vorjahr gewonnen. Glaubst du, dass Fernando dein Hauptgegner sein wird?"
Webber: "Ich sage nicht, dass er der einzige Mann ist, den es zu schlagen gilt, aber klar ist: Wenn wir nur noch hinter ihm ins Ziel kommen, werden wir nicht Weltmeister. Wir brauchen Topergebnisse und müssen vor ihm ins Ziel kommen. Er hat keine perfekte Ausfallsrate, was ein Vorteil sein kann, aber wenn er nicht ausscheidet, dann müssen wir ihn schlagen. Sollten wir ihm hier ein paar Punkte abnehmen können, wäre das nett - je mehr, desto besser."

Frage: "Gab es Diskussionen mit Sebastian Vettel über seine Rolle an diesem Wochenende?"
Webber: "Es ist ein normales Rennen."

Frage: "Nicht wirklich, oder?"
Webber: "Es ist ein normales Rennen."

Frage: "Seid ihr in einer Position, in der ihr am Sonntag eure Teamstrategie anpassen könntet, sodass ein Fahrer dem anderen Fahrer hilft?"
Webber: "Das könnte eine Möglichkeit sein, aber man muss an alle Eventualitäten denken und abwarten, wie sich alles entwickelt. Vielleicht ist ja Adrian Sutil mittendrin oder es gibt wechselhaftes Wetter. Am Donnerstag schon über das Rennen zu sprechen, ist sehr schwierig."

Keine Hoffnung auf Nummer-eins-Status

Frage: "Findest du, dass man Sebastian befehlen sollte, dich zu unterstützen?"
Webber: "Wenn das bisher nicht passiert ist, dann wird es auch jetzt nicht passieren."

Frage: "Aber die Situation war bisher anders..."
Webber: "Zwischen Seb und mir hat sich seit fünf oder sechs Rennen nichts verändert. Der einzige Unterschied ist, dass nun ein anderer Fahrer die Weltmeisterschaft anführt."

Frage: "Was hältst du von Gerhard Bergers Aussagen bei 'Servus TV' nach dem Grand Prix von Südkorea?"
Webber: "Ich weiß, dass Gerhard in seiner aktiven Zeit einige schwere Unfälle hatte - genau wie ich, zum Beispiel in Le Mans oder Valencia. Ich würde nie einen anderen Fahrer mehr als notwendig gefährden. Ich habe die Kontrolle über das Auto verloren. Wenn Gerhard nun sagt, dass ich auf einmal wieder die Kontrolle über das Auto hatte, um absichtlich Gegner aus dem Weg zu räumen, dann macht mich das zu einem Genie, nicht wahr?"

Frage: "Überrascht es dich, dass solche Aussagen bei einem Red-Bull-Sender getätigt werden?"
Webber: "Absolut."

Frage: "Das ist nicht sehr hilfreich, oder?"
Webber: "Ich habe da eine dicke Elefantenhaut."

Nummer zwei der Herzen?

Frage: "Hast du die dieses Jahr schon öfter gebraucht?"
Webber: "Wenn du um die Weltmeisterschaft kämpfst, dann schenken sie dir die nicht wie die Medaillen bei den Commonwealth-Games, sondern so ein Titel ist schwierig zu gewinnen und da wird es hie und da mal Turbulenzen geben. Das gehört dazu."

Frage: "Hast du mit Gerhard darüber gesprochen?"
Webber: "Er kennt mich nicht so gut, also..."

Frage: "Besteht die Gefahr, dass Red Bull gar keine Weltmeisterschaft gewinnt, wenn Sebastian und du nicht zusammenarbeiten? Wie wird das im Team gesehen?"
Webber: "Das musst du das Team fragen. Ich bin ein Fahrer und ich glaube natürlich, dass das Risiko dafür steigt, wenn wir gegeneinander fahren und uns möglicherweise aus dem Rennen schießen. Wenn du bis zum Schluss volle Attacke gehen musst, kann dich das vielleicht die Weltmeisterschaft kosten. Es ist aber nicht meine Entscheidung und ich halte es für wichtig, wie wir mit der Situation umgehen. Aber das entscheiden die Leute, die das Team leiten."

Frage: "Würdest du Sebastian helfen, wenn die Punktesituation andersherum wäre?"
Webber: "Das ist eine schwierige Frage. In diesem Team gibt es viele wirklich gute Leute und es führt kein Weg daran vorbei, dass wir sehr gerne Weltmeister werden würden. Wir befinden uns in unterschiedlichen Phasen unserer Karrieren, daher ist es nicht so einfach, wie es sich einige vielleicht vorstellen. Ich müsste darüber sehr genau nachdenken, um ehrlich zu sein."

"Aber Seb lag dieses Jahr aus verschiedenen Gründen nie in Führung, ich schon. Was auch immer passiert ist, jetzt sind noch zwei Rennen zu fahren und der Punktestand ist so, wie er ist. Ob wir uns für die richtige Herangehensweise entschieden haben, werden wir am Montag nach Abu Dhabi wissen."

Überlegenheit zu wenig ausgenutzt?

Frage: "Wenn Red Bull nach bisher 14 Pole-Positions in 17 Rennen nicht Weltmeister wird, wie würde sich das anfühlen?"
Webber: "Die Leute klammern sich an die Pole-Positions, aber sie verstehen nicht, dass die Punkte nicht am Samstag, sondern am Sonntag vergeben werden - auf die Sonntage kommt es an. Wenn ihr mich am Saisonbeginn gefragt hättet, ob ich Weltmeister werden kann, hätte ich wohl verneint, aber ich habe vier Rennen gewonnen, darunter Monaco, stand neunmal auf dem Podium - es war ein sensationelles Jahr für mich. Ich kann dem Ganzen noch die Krone aufsetzen und würde das liebend gerne tun. Wenn nicht, dann geht am Montag nach Abu Dhabi trotzdem wieder die Sonne auf."

Frage: "Du scheinst immer noch nicht das Gefühl zu haben, dass das Team komplett hinter dir steht..."
Webber: "Technisch betrachtet war alles sehr, sehr gut."

Frage: "Und menschlich?"
Webber: "Das ist doch verdammt offensichtlich, oder?"

Frage: "Warum?"
Webber: "Wenn ein junger Spund daherkommt, dann fliegen ihm immer die Herzen zu. So ist das einfach. Das ist auch in Ordnung, denn ich hatte eine großartige Gelegenheit und ein großartiges Auto, um in diesem Jahr tolle Dinge zu erreichen, was mir auch gelungen ist. Das habe ich gerade erklärt. Ich habe auch Lieblingsmenschen im Leben, Menschen, mit denen ich lieber zusammen bin als mit anderen. So tickt der Mensch einfach."

Viele Sympathien im Fahrerlager

Frage: "Aber von vielen im Fahrerlager wirst du unterstützt. Freut dich das?"
Webber: "Schon, ja. Es war ein tolles Jahr für die Formel 1 - viele Menschen haben aus verschiedenen Gründen zugeschaut. Ich weiß nicht, wie es in anderen Ländern war, aber die 'BBC' hat in Großbritannien gute Arbeit geleistet und die Menschen konnten die Formel 1 sehr gut verfolgen, was faszinierend war. Von mir hat niemand angenommen, dass ich mitmischen würde, weshalb jetzt viele mit mir sympathisieren. Ich habe jedenfalls jede Minute davon genossen."

Frage: "Angenommen, du schaffst es nicht, wäre es dann eine gerechte Niederlage?"
Webber: "Ja."

Frage: "Damit hättest du kein Problem?"
Webber: "Fernando hat Hockenheim gewonnen und war der schnellste Fahrer des Tages."

Frage: "Nein..."
Webber: "Doch. Er hat Felipe überholt und hat sich von ihm abgesetzt - ansonsten wäre er vielleicht in ihn reingefahren. Wenn Felipe zehn Sekunden vorne gelegen wäre, hätte sich die Frage gar nicht gestellt."

Frage: "Christian Horner hat diese Woche gesagt, dass es nicht richtig wäre, wenn Fernando Alonso Weltmeister wird, weil Red Bull fair gespielt hat..."
Webber: "Es wäre nicht die erste Weltmeisterschaft, die durch Stallorder entschieden wird, und es würde sicher nicht die letzte bleiben."

Frage: "Gibt es irgendeinen Grund zur Annahme, dass Red Bull an diesem Wochenende nicht das stärkste Auto haben könnte?"
Webber: "Nein. Wir sollten hier gut sein und vorne mitfahren, bestimmt. Da spricht nichts dagegen. Es ist eine hervorragende Gelegenheit, ein Ergebnis einzufahren."

Fotoquelle: xpb.cc

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