Nach dem Qualifying gab es bei Williams eine improvisierte Minifeier

Formel 1 2010

— 07.11.2010

Williams skeptisch: Sieg außer Reichweite?

Die große Analyse: Wie Patrick Head und Rubens Barrichello den Sensations-Polesetter loben und warum sie trotzdem nicht an den ganz großen Coup glauben

Nach der grandiosen Pole-Position von Nico Hülkenberg in São Paulo dominierte eine Frage das Fahrerlager: Hat der 23-Jährige damit endlich sein Williams-Stammticket für 2011 gelöst? Doch es bleibt dabei: "Dazu geben wir vor Saisonende keinen Kommentar ab", lässt Teilhaber Patrick Head seinen deutschen Wunderknaben weiter zappeln.

Tatsache ist, dass Hülkenberg seinen Chancen mit der Galavorstellung (über eine Sekunde Vorsprung auf Sebastian Vettel) sicher nicht geschadet hat. Dementsprechend ist er auch zu Scherzen aufgelegt: "Das sollte doch eine Gehaltserhöhung geben, oder? Nein, Spaß beiseite: Ich denke, die Situation bei Williams ist offen", sagt der GP2-Champion von 2009 und fügt an: "Ich bin guter Dinge, dass wir diese Geschichte erfolgreich abschließen werden."

Sicher sein kann er sich allerdings nicht, denn Pastor Maldonado klopft mit dem GP2-Titel 2010 und venezolanischen Erdölmillionen in Grove an die Tür. Außerdem hatte Frank Williams seinerzeit auch keine Skrupel, Damon Hill als amtierenden Weltmeister rauszuschmeißen. Doch Head hat derzeit verständlicherweise keine Lust, Hülkenberg den "blauen Brief" zu überreichen: "Wenn wir jemandem schlechte Nachrichten übermitteln müssen, dann schicke ich Adam Parr", witzelt er.

Barrichello von Hülkenberg begeistert

Rubens Barrichello würde seinem Teamkollegen auf jeden Fall behalten: "Nico ist stark", lobt der Routinier. "Ich glaube, ich habe einen der stärksten Teamkollegen, vor allem angesichts seiner Jugend. Alles, was er macht, hat Hand und Fuß. Ich mag auch seine Einstellung, denn er hat nicht viel Erfahrung, aber die Art und Weise, wie er übersetzt, was er über das Auto denkt, gefällt mir. Er drückt sich einfacher aus als ich, aber richtig. Das zeigt, dass er ein Champion ist."

Auch Head spricht dem jungen Deutschen ein Kompliment aus: "Ich finde, er hat sich während der Saison enorm gesteigert. Das impliziert, dass er am Saisonbeginn schlecht war. Nun, sein Niveau am Beginn war gut, aber die Formel 1 wirft unweigerlich große Herausforderungen auf, was die Komplexität des Autos und die Komplexität des Umfelds sowie die Qualität der Konkurrenten angeht. Das kann man mit anderen Formelserien nicht vergleichen."

"Er hat jetzt natürlich eine Pole-Position in der Tasche, aber ich habe das auch davor schon gesagt: Man spürt, dass er im Cockpit jetzt alles besser unter Kontrolle hat", analysiert der Brite. "Er weiß, wann er schnell sein muss und wann er besser Luft lässt. Zum Beispiel ging er heute Morgen auf Intermediates raus, fuhr einen Run und sagte zu Tom McCulloch (seinem Renningenieur; Anm. d. Red.), dass er mit dem Auto zufrieden ist."

"Er fuhr nur neun Runden, andere um die 20, aber er hatte kein Problem, sondern er war zufrieden und wollte nichts ändern. Also hat er sich den Satz Intermediates für das Qualifying aufgehoben. Das ist eine reife Herangehensweise. Ich glaube nicht, dass er Angst vor einem Abflug hatte, aber er sah einfach keinen Sinn darin, unnötig viel zu fahren", sagt Head und fügt an: "Am Saisonbeginn hätte er sich da vielleicht noch anders entschieden..."

"Er ist heute eindeutig sehr gut gefahren, aber der Einsatz wurde auch von der Boxenmauer sehr gut geleitet", hält er fest und plaudert aus dem Nähkästchen: "Bei Rubens wurden in der Box gerade die Trockenreifen aufgezogen, als Tom Nico fragte, ob die Strecke schon Trockenreifen zulässt. Nico antwortete: 'Nein, es ist zu nass dafür.' Und Tom antwortete: 'Rubens lässt gerade Trockenreifen aufziehen.' Dann kam auch Nico sofort rein und wechselte!"

Der Schlüssel zur Pole-Position war die Reifentemperatur: Während Barrichello nicht genug Hitze in seine Bridgestone-Slicks brachte, traf Hülkenberg den Peak optimal. Head erklärt: "Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass die Kombination aus Nico Hülkenberg und Williams im Trockenen schneller ist als die Kombination aus Sebastian Vettel und Red Bull, aber er bekam die Reifen besser ins Temperaturfenster als alle anderen."

Hamilton "rollende Schikane" vor Barrichello

"Das lag sicher an seiner Fahrweise und daran, dass er eine aggressive Runde aus den Boxen gefahren ist und dann drei weitere aggressive Runden hintereinander absolvierte", so der 64-Jährige. "Rubens hingegen hing hinter Lewis Hamilton fest, der langsam herumbummelte - warum auch immer. Er war wirklich extrem langsam und dadurch fiel die Reifentemperatur in den Keller. Rubens fand leider keinen Weg an ihm vorbei."

"Ich weiß nicht, was los war", ärgert sich Barrichello, "aber Hamilton ist eine sehr langsame Aufwärmrunde gefahren. Ich musste Abstand nehmen und meine Temperatur sackte gnadenlos in den Keller. 1:14.4 und 1:16.2 - das ist eine andere Welt, was den Grip angeht!" Wie groß der Temperaturunterschied genau war, will der Routinier nicht verraten, es seien aber auf jeden Fall "deutlich mehr als fünf Grad" gewesen.

"Solche Chancen musst du nutzen. Das hat Nico besser gemacht als alle anderen", so Barrichello. "Er war sehr gut darin, die Temperatur im Reifen zu halten. In den Daten kann man sehen, dass seine Reifentemperatur viel höher war als meine. Er hat einfach alles richtig gemacht: Er ist zum richtigen Zeitpunkt rausgefahren, war der Letzte, der die Ziellinie überquert hat, hatte keine Gegner vor sich - und fuhr dann noch eine fantastische Runde. Ich freue mich für ihn."

"Nico", ergänzt Head, "fuhr drei Runden am Stück und Rubens nur zwei, aber man muss fairerweise sagen: Rubens' zweite Runde war langsamer als Nicos zweite. Nico hat einen großartigen Job gemacht." Und zwar nicht wegen eines Regensetups, wie von einigen spekuliert wurde: "Die Wettervorhersage war ja von Anfang an gut, daher haben wir uns für eine Trockenabstimmung entschieden", stellt Head klar.

Auch Barrichello bestätigt: "Ich bin auf einem totalen Trockensetup", so der Williams-Pilot, der seinem insgesamt 18. Heim-Grand-Prix im Autódromo José Carlos Pace mit Vorfreude entgegenfiebert, denn: "Die Startaufstellung ist so durcheinandergemischt, dass es mit Sicherheit ein grandioses Rennen wird. Ich weiß nicht, wer welchen Topspeed gehen kann, wer eine Regenabstimmung hat - es soll ja trocken werden."

Aber den Traum von der ganz großen Sensation, vom Sieg beim Grand Prix von Brasilien, träumt bei Williams noch niemand: "Wir sind auf den Geraden schneller als in den letzten Rennen, aber es würde mich schon überraschen, wenn uns die Red Bulls und Alonso auf der Start- und Zielgeraden nicht überholen sollten", befürchtet Head. "Nico wird sie nicht kampflos vorbeiwinken, aber er wird sich fair verhalten, denn er weiß genau, dass die anderen um die Weltmeisterschaft kämpfen."

Alle WM-Favoriten im Williams-Sandwich

Daran, dass die vier WM-Anwärter genau im Williams-Sandwich starten, hat Head "noch keine einzige Sekunde" gedacht: "Nico hat sich seine Pole verdient und er hat keine Reputation als schmutziger Fahrer, aber er wird nicht kampflos Platz machen. Wenn sie vorbei wollen, müssen sie sich das Überholmanöver schon erkämpfen. Ich glaube schon, dass die Red Bulls und Alonso vorbeikommen werden, aber wir werden sehen. Im Trockenen sind sie eindeutig schneller als wir."

Auch Barrichello bleibt Realist: "Heute haben wir unsere Chance ergriffen, aber morgen ist ein anderer Tag. Wir müssen ein sehr starkes Rennen fahren, um mit beiden Autos in die Top 6 zu kommen." Der 38-Jährige spricht aus eigener Erfahrung, denn in Spa-Francorchamps sicherte er sich 1994 auf Jordan ebenfalls sensationell die Pole-Position, doch die Führung war rasch dahin und das Rennen endete mit einem Abflug ohne einen einzigen Punkt.

Daher gibt er seinem Teamkollegen den Ratschlag, den Start von der Pole-Position genauso zu handhaben wie sonst auch: "Er muss es nur genauso machen wie immer", empfiehlt der Lokalmatador aus Brasilien seinem deutschen Stallgefährten. "Ich wusste damals, dass ich keine Chance auf den Sieg hatte, aber ich hatte eine große Chance, dem Team ein gutes Ergebnis zu schenken. Das muss auch für morgen unser Ziel sein."

Positiv: Hülkenberg kann als einer der Wenigen auf einen praktisch neuen Motor zurückgreifen, denn sein Cosworth-V8 hat lediglich zwei Runden vom dritten Freien Training in Suzuka sowie das heutige Qualifying auf dem Buckel. Das könnte insofern ein Vorteil sein, als ein frischerer Motor immer etwas mehr Punch hat als ein gebrauchter - gerade bei Cosworth. Die britischen Aggregate bauen mit zunehmender Kilometerleistung stärker ab als die Konkurrenz.

Teamchef Frank Williams konnte der ersten Pole-Position seit Nick Heidfeld auf dem Nürburgring 2005 übrigens nicht beiwohnen, denn der Brite tut sich den langen Flug von London nach São Paulo wegen seiner körperlichen Behinderung schon seit Jahren nicht mehr an. Zu Hause in Großbritannien verfolgte er das Qualifying aber natürlich gespannt mit - und unmittelbar danach griff er sofort zum Hörer, um mit dem Team zu sprechen.

"Ich hatte ihn ungefähr fünf Sekunden danach am Telefon! Er hat gesagt: 'Gut gemacht!' Dann ging es aber gleich ums Rennen morgen und was wir machen sollen", lächelt sein langjähriger Partner Head. "Frank weiß, dass Startpositionen ein Teil des Spiels sind, aber er hat sich erkundigt, ob wir irgendwelche Probleme mit dem Auto haben. Ganz ehrlich: Selbst wenn, er hätte sie wahrscheinlich auch nicht lösen können..."

Fotoquelle: Williams

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