Martin Whitmarsh hat ab sofort nur noch einen Piloten mit vagen Titelhoffnungen

Formel 1 2010

— 08.11.2010

Whitmarsh: "Es war einen Versuch wert"

McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh über den misslungenen Taktikpoker von Interlagos und die verbliebenen Titelchancen von Lewis Hamilton

Die vorletzte Runde im diesjährigen Kampf um die Weltmeisterschaft hatte einen großen Verlierer. McLaren brachte Lewis Hamilton und Jenson Button in Interlagos nur auf den Plätzen vier und fünf ins Ziel. Konsequenz: Der amtierende Champion kann seinen Titel definitiv nicht mehr verteidigen, Hamilton muss auf ein großes Wunder in Abu Dhabi hoffen, denn er liegt 24 Punkte hinter Fernando Alonso zurück. McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh gibt die Hoffnung trotzdem nicht auf.

Frage: "Martin, Lewis konnte in der Anfangsphase nicht mit Alonso mithalten. Woran lag das?"
Martin Whitmarsh: "Er war mit dem Auto nicht ganz glücklich. Es lief besser, als er erstmal an Hülkenberg vorbei war. Er hat dort zu viel Zeit verloren, später konnte er die Zeiten von Fernando fahren. In der Phase, als er von Hülkenberg aufgehalten wurde, war er einfach nicht schnell genug. Er kam einfach nicht schnell genug vorbei."

"Hülkenberg war an diesem Wochenende besonders angestachelt, er hat gekämpft. Das hat uns leider mehr aufgehalten als alle anderen. Aber das passiert eben, wenn so jemand von der Pole-Position startet. Damit müssen wir dann zurecht kommen. Wir mussten kämpfen, um vorbei zu kommen. Unsere Taktik war dabei richtig."

"Jensons früher Stopp war richtig. Das hat es ihm ermöglicht, sich konsequent nach vorne zu schieben. Es war eine gute Strategie. Am Ende haben wir gepokert, aber es hat sich nicht ausgezahlt. Ich bin dennoch davon überzeugt, dass es richtig war, es zumindest zu versuchen."

Frage: "Warum konnte Fernando auch in Brasilien wieder früh an Lewis vorbeikommen?"
Whitmarsh: "Das ist Motorsport, so etwas passiert. Fernando ist ein guter Fahrer, Lewis auch. Es ist eben passiert. Lewis ist sicherlich darüber enttäuscht. Aber wenn man sich den Speed an diesem Wochenende mal anschaut, dann waren wir eben nicht so schnell wie gewünscht. Lewis konnte nicht so schnell fahren wie er wollte."

"Wir sammeln uns und machen weiter. Lewis wird nun versuchen, in Abu Dhabi zu gewinnen. Wenn bei anderen einiges falsch läuft, dann kann er womöglich sogar am Ende als Weltmeister daraus hervorgehen. Das kann man nie wissen."

Frage: "Warum habt ihr beide Fahrer in der Safety-Car-Phase noch einmal hereingeholt?"
Whitmarsh: "Wir haben am Ende etwas gezockt, aber es hat sich nicht ausgezahlt. Der Reifenpoker hat es aber auch nicht schlimmer gemacht. Die Reifen bauten ab, kühlten hinter dem Safety-Car erheblich ab. Wir hatten nach den Stopps einige Fahrzeuge mehr zwischen uns und den führenden drei Autos, die in Front hatten also weniger Druck. Es hat sich letztlich nicht ausgezahlt - schade."

"Uns war klar, dass wir uns anschließend durch eine Reihe von Nachzüglern arbeiten müssten. Ehrlich gesagt, hatten wir dabei auf blaue Flaggen und etwas mehr Kooperation gehofft, um schnell dort hindurch zu kommen. Leider hat das nicht so gut geklappt. Die Entscheidung war richtig, weil das Risiko dabei eher gering war. Einen Versuch war es wert."

"Früher wurden die Führenden hinter dem Safety-Car an den Nachzüglern vorbei gewunken. Natürlich hätte mir das gut gefallen, wenn das auch jetzt noch so wäre. Aber das ist eben nicht mehr so. Wir wussten das, als wir unsere Entscheidung trafen. Es hängt immer von vielen Kleinigkeiten ab, ob so etwas funktioniert. Diesmal hat uns beispielsweise Hülkenberg einen Strich durch die Rechnung gemacht. Im nächsten Rennen kann es schon wieder ganz anders laufen."

"Die Strategie von Jenson war gut und er hat sich toll durch den Verkehr gearbeitet. Er ist wirklich gut gefahren, hat schöne Überholmanöver gezeigt und einige Zähler eingefahren. Es gab also auch durchaus positive Aspekte. Wir haben alles in unserer Macht stehende getan, der Meisterschaftszug ist wohl ohnehin abgefahren. Aber solange mathematisch noch etwas möglich ist, machen wir natürlich Druck."

Frage: "Um die Meisterschaft mit Lewis noch zu gewinnen, müsste aber viel passieren..."
Whitmarsh: "Es bleiben immer mal wieder Autos stehen und kommen nicht ins Ziel. So etwas ist dann kein großes Wunder, sondern so etwas erlebt man im Motorsport immer wieder. Warten wir mal ab. Wenn Lewis gewinnt, Alonso nicht ins Ziel kommt und die anderen beiden nicht allzu viele Punkte holen, dann ist er vorne."

"Wir erleben einen intensiven Kampf um die Meisterschaft. Das ist fantastisch. Wir gehen ins letzte Rennwochenende dieser Saison und es können potenziell noch vier Piloten Weltmeister werden. Fernando sieht natürlich sehr stark aus. Aber wir haben selbst schon erlebt, dass im allerletzten Moment einer Saison etwas schief gehen kann. Es lief schon mal gegen uns, aber auch mal für uns. Man muss alles versuchen, weil alles passieren kann. Das liegt in der Natur des Motorsports."

Frage: "Bei den Konstrukteuren ist die WM zugunsten Red Bull entschieden..."
Whitmarsh: "Nun steht wieder mal ein neuer Name auf der Trophäe. Das ist doch toll für den Sport. Sie haben das bestimmt verdient. Jetzt werden sie alles versuchen, auch den Fahrertitel noch zu holen. Fernando wird ebenfalls alles geben und Lewis auch."

"Dem Sport kann doch kaum etwas besseres passieren als unter solchen Voraussetzungen in das Finalwochenende zu gehen. Wir erleben ein Meisterschaftsjahr von epischem Ausmaß. Wir haben es sehr genossen, hatten aber unsere Höhepunkte und Tiefschläge. Jetzt warten wir mal ab, was im allerletzten Rennen passiert."

Frage: "Adrian Newey ist dein Ex-Kollege, der nun für drei unterschiedliche Teams Gewinnerautos konstruiert hat. Was für eine Leistung, oder?"
Whitmarsh: "Ich muss Christian (Horner; Anm. d. Red.) und Adrian an dieser Stelle gratulieren. Für ihn, für den Teamchef und für Red Bull ist es ein tolles Ergebnis, sie haben das redlich verdient. Wir gratulieren denen, können leider in der Konstrukteurswertung nichts mehr ausrichten. Wir müssen nun zusehen, dass wir Platz zwei halten. Es sieht gut aus, aber man darf sich nie zu sicher sein. Wir können mit Lewis noch die Krone holen und Platz zwei bei den Konstrukteuren absichern - das ist alles jetzt noch drin. Das ist so toll an diesem Sport."

Frage: "Hat es dich überrascht, dass die Red Bulls im Rennen nicht die Positionen getauscht haben?"
Whitmarsh: "Nein, das hat mich überhaupt nicht überrascht - keineswegs. Alle waren natürlich gespannt, wie sie sich verhalten werden. Ich denke, dass sie so nun eine schwierigere Aufgabe vor sich haben, aber gerade das macht es auch sehr interessant."

Frage: "Bis zur Saisonmitte habt ihr gut auf Titelkurs gelegen, danach nicht mehr. Welche Lektionen habt ihr in der zweiten Saisonhälfte gelernt?"
Whitmarsh: "Was soll man da schon lernen? Man muss sein Auto immer weiter voranbringen, damit es schneller wird, und man darf sich keine Fehler leisten. Wir haben Fehler gemacht und unser Auto war nicht schnell genug. Wir geben aber weiter Vollgas und schauen mal, was wir im nächsten Rennen leisten können."

"Wir haben schon viele Meisterschaften gewonnen, wissen also, was man dafür tun muss. In diesem Jahr war Red Bull sehr stark und Ferrari hatte eine sehr gute zweite Saisonhälfte. Drei Teams schenken sich an der Spitze nichts. Das hat dazu geführt, dass bislang fünf, jetzt aber immerhin noch vier Piloten um den Titel kämpfen können. Das ist fantastisch. Aus meiner Sicht hat es das noch nie gegeben, dass drei Teams in solcher Qualität mit ihren Fahrern um die WM gekämpft haben."

"Ich schätze, es ist das erste Mal in der Geschichte, dass im letzten Rennen noch vier Leute Weltmeister werden können. Das ist Ausdruck der Qualität und des hochklassigen Wettbewerbs - toll für den Sport. Ich hoffe, dass die Leute ihren Spaß an dieser fantastischen Saison haben."

"Die Saison ist noch nicht vorbei, aber bisher sind die normalen Dramen ausgeblieben, die sonst als wilde Geschichten aus dem Fahrerlager herauskamen. In diesem Jahr wird über den Wettbewerb der Teams geschrieben, über den Kampf der Piloten. Das ist einfach super, ich finde das erfrischend."

Frage: "Wie stehst du zu den Zwischenfällen, die Jenson oder die Sauber-Techniker erlebt haben?"
Whitmarsh: "So etwas hat man hier in den vergangenen Jahren immer wieder gehört. Die Organisatoren des Rennens können daran nicht viel ändern. Es ist in den vergangenen Jahren immer weiter eskaliert. Heutzutage kommen diese Leute mit Maschinenpistolen. Das hat natürlich mittlerweile ein erhebliches Ausmaß, es ist beängstigend. Da müssen sie sich hier vor der Fußball-WM und den Olympischen Spielen wirklich mal Gedanken machen. Dieses Land muss wirtschaftlich auf die Beine kommen. Wenn das klappt, dann bekommt man auch solche Probleme in den Griff."

Fotoquelle: xpb.cc

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