Die Scheichs können stolz darauf sein, was sie auf die Beine gestellt haben

Formel 1 2010

— 10.11.2010

Abu Dhabi: Die modernste Formel-1-Strecke der Welt

Vorschau: Weil in Abu Dhabi nicht nur Öl sprudelt, sondern auch Geld, entstand dort die vielleicht beeindruckendste Rennstrecke der Welt

Die Rennpremiere in Abu Dhabi stand im vergangenen Jahr unter dem Motto "Joint he Party!" - und auch in diesem Jahr dürften die Zuschauer am Yas Marina Circuit ein Motorsport-Spektakel erleben: Gleich vier Fahrer können sich beim Saisonfinale der Formel 1 noch zum Weltmeister krönen, was ein überaus spannendes Schlussrennen verspricht. Der Kurs in Abu Dhabi weiß aber auch abseits des Titelkampfs zu glänzen - und wie!

Im Februar 2007 wurde die Welt erstmals darauf aufmerksam gemacht, dass in Abu Dhabi, dem größten der sieben Emirate der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), etwas Großes passieren könnte. Kimi Räikkönen und Co. kamen damals in den Mittleren Osten, um den Appetit der Bevölkerung auf den Motorsport anzuheizen. Die Veranstaltung sorgte weltweit für Schlagzeilen und motivierte vor allem die zahlungskräftigen Scheichs, noch mehr Geld in ihr ohnehin schon ehrgeiziges Grand-Prix-Projekt zu investieren.

Geld spielt keine Rolle

Wirtschaftskrise hin, Wirtschaftskrise her: Geld scheint im Mittleren Osten nach wie vor keine Rolle zu spielen. Denn während der Rest der Welt in praktisch allen Bereichen den Gürtel enger schnallen muss, kam man in Abu Dhabi auf die einmalige Idee, dass man doch eine ganze Insel entwickeln könnte. Für die Kleinigkeit von 40 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 27 Milliarden Euro) erhielt eine Firma namens Aldar Properties PJSC den Auftrag, auf 2.500 Hektar den spektakulärsten Freizeitpark zu errichten, den es gibt.

Als Aldar im Februar 2007 nach der Formel-1-Demonstration anrückte, war die Yas-Insel noch wüst und leer - aber selbst der liebe Gott hätte das Gelände wohl kaum imposanter bebauen können. Bis zu 45.000 Mitarbeiter schufen eine eigenständige kleine Welt mitten in Abu Dhabi - und mittendrin die modernste Formel-1-Strecke aller Zeiten. Alleine am Yas-Marina-Circuit arbeiteten bis zu 14.600 Mitarbeiter gleichzeitig.

Die involvierten Projektzahlen kann man als Normalsterblicher kaum noch realisieren: In 35 Million Mannstunden wurden 1,6 Millionen Kubikmeter Erdreich verschoben, 720.000 Quadratmeter Asphalt und 225.000 Kubikmeter Beton verbaut, 25 Kilometer Kabel verlegt, ein 17 Kilometer langes Drainagesystem - ganz abgesehen von 430.000 Quadratmetern Grünflächen, die gestaltet und mit 5.000 Bäumen bepflanzt werden mussten. Dazu kommen 40 Kilometer Randsteine.

Das alles geschah im Endeffekt nur, um für 24 Formel-1-Autos eine 5,554 Kilometer lange Rennstrecke zu schaffen, auf der am Wochenende zum zweiten Mal gefahren wird. Diese führt gegen den Uhrzeigersinn und beinhaltet 21 Kurven sowie eine der längsten Geraden des Grand-Prix-Kalenders. Zwischen Kurve sieben und acht sowie zwischen Kurve zehn und elf sollten sich die besten Überholmöglichkeiten auftun.

Start in der Dämmerung: Das Beste zweier Welten

Eine weitere Besonderheit ist, dass nicht wie sonst üblich um 14 Uhr Ortszeit gestartet wird, sondern um 17 Uhr. Bei einem voraussichtlichen Sonnenuntergang um 17:37 Uhr am 14. November bedeutet das, dass es in der Dämmerung losgeht und der Zieleinlauf unter Flutlicht erfolgt. Der Veranstalter will auf diese Weise "das Beste aus zwei Welten" präsentieren: Einerseits Abu Dhabi bei Tageslicht, andererseits aber auch beleuchtete Highlights wie eben das Yas-Marina-Hotel.

Komfort ist in Abu Dhabi indes nicht auf die in der Formel 1 arbeitenden Menschen beschränkt, denn es wurden auch alle 50.000 Zuschauersitzplätze vollkommen überdacht - nicht etwa als Regenschutz, sondern vielmehr als Schattenspender. Auch das gibt es auf keiner anderen Rennstrecke. Wer bereit ist, ein paar Euro mehr auf den Tisch zu legen als anderswo, der kann sogar vom Yas-Marina-Hotel direkt über eine Brücke in den Paddockbereich gelangen.

Auf der Yas-Insel gibt es noch sechs weitere Hotels, eine Dragsterstrecke, eine Fahrschule und einen Jachthafen. Doch solche Attraktionen hat heute jede neue Grand-Prix-Piste zu bieten. Daher ging Entwickler Aldar auch hier einen Schritt weiter - und errichtete quasi als "Rahmenprogramm" mal eben einen Ferrari- und Warner-Bros.-Themenpark, einen Wasserpark, ein Einkaufszentrum, Golfplätze und zahlreiche andere Freitzeitangebote. Der 60 Meter hohe Sonnenturm wird mit Solarenergie gespeist und ist als Aufenthaltsort für Ehrengäste geplant. Geld spielt keine Rolle.

Wikipedia: Abu Dhabis Geschichte

Abu Dhabi ist die Hauptstadt und mit 1,6 Millionen Einwohnern auf 67.340 Quadratkilometern das größte der sieben VAE. Das Emirat wurde 1791 als Siedlung nahe einer Süßwasserquelle vom Beduinenstamm der Bani Yas unter Schachbut bin Dhiyab gegründet, nachdem sie von seinem Vater Dhiyab bin Isa entdeckt worden war. Sie verlegten ihren Hauptsitz nach Abu Dhabi. Grund war die zunehmende Expansion der Wahhabiten aus dem Nadschd, die sich auch gegen die Beduinen an der Golfküste richtete. 1833 löste sich Dubai unter dem Clan der Al Maktum vom Emirat Abu Dhabi.

Unter Scheich Zayed bin Khalifa (1855 bis 1908) begann der Aufstieg des Emirats. Ihm gelang die Wahrung der Souveränität gegenüber dem britischen Machtanspruch. Abu Dhabi entwickelte sich zu einem bedeutenden Zentrum des Perlenhandels. Die nach seinem Tod ausbrechenden Machtkämpfe wurden erst unter Scheich Schachbut (1928 bis 1966) beendet. Allerdings brach 1930 mit der Einführung der japanischen Zuchtperlen die Perlenfischerei als wichtiges wirtschaftliches Standbein für das Land zusammen.

Erst mit Beginn der Erdölförderung und der Ablösung Schachbuts durch seinen Bruder Scheich Zayed bin Sultan Al Nahyan (1966 bis 2004) konnte sich die Wirtschaft des Emirates wieder entwickeln. Am 2. Dezember 1971 entließ Großbritannien die Staaten der sogenannten "Waffenstillstandsküste", zu denen auch Abu Dhabi gehört, in die Unabhängigkeit. Unter Führung des Emirats Abu Dhabi wurden die VAE aus Abu Dhabi, Dubai, Schardscha, Adschman, Umm al-Qaiwain und Fudschaira gegründet. Am 10. Februar 1972 trat Ra's al-Chaima als siebentes und letztes Mitglied der Föderation bei.

Wikipedia: Abu Dhabis Wirtschaft

Abu Dhabi ist das wohlhabendste Emirat der VAE, sowohl gemessen am Bruttonationaleinkommen als auch am Pro-Kopf-Einkommen. Das Emirat verfügt über zehn Prozent der weltweiten Erdölreserven. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 63.000 US-Dollar und ist damit das dritthöchste der Welt nach Luxemburg und Norwegen. Abu Dhabi plant 29 Prozent aller künftigen Projekte der Region des Golfkooperationsrates und spielt in der Weltwirtschaft eine zunehmend wichtige Rolle. Am 1. Januar 1974 führte Abu Dhabi eine Teilverstaatlichung der Ölwirtschaft durch. Der Staat Abu Dhabi beließ den produzierenden Gesellschaften 40 Prozent. Dies gilt als Grundlage des Reichtums.

Der staatliche Investmentfonds des Emirats, die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), ist mit einem Gesamtwert von 875 Milliarden US-Dollar der weltgrößte eigenständige Fonds gemessen am Gesamtinvestitionsvolumen. Hier werden fast alle Einnahmen aus den staatlichen Erdölvorkommen in einer Art Mega-Investmentfonds gesammelt und im In- und Ausland investiert. Die inzwischen aufgelaufenen Werte sind so groß, dass sich das Emirat Abu Dhabi mühelos in die internationalen Finanzströme einklinken kann.

Geleitet wird der einflussreiche ADIA-Rat von Scheich Khalifa bin Zayid Al Nahyan, dem Herrscher des Emirats Abu Dhabi und gleichzeitig Staatsoberhaupt der Vereinigten Arabischen Emirate. Darüber hinaus gibt es noch die eher themenorientierten Staatsfonds Mubadala Development Company (MDC) und International Petroleum Investment Company (IPIC) sowie Aabar Investments PJSC, dem größten Teilhaber des Daimler-Konzerns.

Nachhaltigkeit und Benimmregeln

In den vergangenen Jahren konzentriert sich das Emirat auf ein wirtschaftliches Diversifizierungsprogramm, um die Abhängigkeit von Öl und Erdgas zu reduzieren. Dieses konzentriert sich auf Industrie, Immobilien und Einzelhandel, vor allem aber auf den Tourismus. Ab 2008 wird westlich des internationalen Flughafens die Ökostadt Masdar gebaut. Die international geplante - möglichst autarke - Planstadt für 50.000 Bewohner wird vollständig auf erneuerbare Energien setzen und als Kern eine Universität beherbergen, die sich als erste Hochschule der Welt völlig dem Thema Nachhaltigkeit widmen soll.

Zu den lokalen Benimmregeln gehört in Abu Dhabi das Verbot des Austauschs von Zärtlichkeiten zwischen Erwachsenen in der Öffentlichkeit - Händchenhalten ist auch für Eheleute strafbar und kann sogar mit Inhaftierung enden. Die Lizenz zum Alkoholausschank ist Hotelrestaurants vorbehalten, Trunkenheit wird geahndet. Am Freitag, dem heiligen Tag, haben die Geschäfte eingeschränkte Öffnungszeiten. In Sachen Trinkgeld erwarten Taxifahrer, dass aufgerundet wird, Kellner rechnen mit zehn Prozent.

Das sagt Robert Kubica über die Strecke:

"Die Stadtrennstrecke von Abu Dhabi hat mich bei ihrem Debüt in der vergangenen Saison sehr fasziniert, auch auf den Fernsehbildschirmen sieht die Anlage mit ihrem farbenfroh angestrahlten Hotelkomplex toll aus - die Veranstalter haben offensichtlich viel Mühe und viel Geld in die Ausgestaltung dieses einzigartigen Kurses gesteckt. Als ich den gut 5,5 Kilometer langen Yas Marina Circuit im Vorjahr erstmals zu Fuß umrundet habe, war ich mir sicher, dass er viele Überholmöglichkeiten bieten würde. Tatsächlich aber verlief der Grand Prix dann viel unspektakulärer, als ich dies gedacht hatte."

"Ein großes Angebot an üppig bemessenen Auslaufzonen allein macht das Passieren eines Kontrahenten noch nicht einfacher, denn der Vorausfahrende kann seine Position leichter verteidigen - wenn er seinen Bremspunkt verpasst, kürzt er einfach über die Kurveninnenseite ab und bleibt trotzdem vorn. Das geht zwar nicht in jeder Runde, doch wenn an diesen Stellen Mauern, Kiesbetten oder Leitplanken die Strecke begrenzen würden, dann hätten solche Fehler Folgen und der Angreifer eine Chance zum Überholen. Anders herum funktioniert es allerdings auch: Wer beim Versuch, seinen Vordermann zu kassieren, zu spät bremst oder es schlicht übertreibt, findet immer einen Rettungsweg zurück auf die Strecke. Mit anderen Worten: Er kann höhere Risiken eingehen, ohne bestraft zu werden."

"Auch die verschiedenen nach außen hängenden Kurven wie etwa die Turns 16 und 17 gefallen mir nicht so gut - in diesen Passagen ist es für uns sehr verlockend, zu früh aufs Gas zu gehen und dann die Traktion zu verlieren. Die Folge ist ein Übersteuern: Das Heck des Fahrzeugs bricht aus und du verlierst viel Zeit. Diese Strecke hat es also durchaus in sich. Da das Rennen am frühen Abend startet, müssen wir die Visiere unsere Helme modifizieren, um auch bei Nacht noch genügend zu sehen."

"Eine andere Sache, die mir im Vorjahr aufgefallen ist: Alle drei Freien Trainingssitzungen finden bei Tageslicht statt, nur das Qualifying und der Grand Prix selbst gehen bei Dunkelheit über die Bühne. Das bringt einige Probleme mit sich, da mit dem dann abkühlenden Asphalt auch die Reifentemperaturen in den Keller gehen können - was sich massiv auf das Fahrverhalten und die Balance unserer Formel-1-Autos auswirkt. Mit den Erfahrungen, die wir in der vergangenen Saison hiermit gesammelt haben, sind wir jetzt auf diese Besonderheit vorbereitet."

"Auch wenn der Große Preis von Abu Dhabi das Finalrennen 2010 ist, so können wir nach der Zieldurchfahrt noch nicht in den Urlaub aufbrechen - direkt im Anschluss finden die ersten Testfahrten mit den neuen Formel-1-Pneus von Pirelli statt, im Hinblick auf die Vorbereitungen für 2011 ein für uns sehr wichtiger Termin."

Zeitraffer:

2009:
Lewis Hamilton (McLaren) hatte das erste Wochenende von Abu Dhabi zunächst sicher im Griff: In der Qualifikation sicherte sich der Weltmeister von 2008 die Pole-Position und münzte diese Ausgangslage auch in die Rennführung um. Sebastian Vettel (Red Bull) hing dem Spitzenreiter allerdings sofort im Heck und wich nicht aus dem Windschatten Hamiltons - bis zu dessen Boxenstopp in Runde 17. Vettel bog zwei Runden später ab zum Service und ging an Hamilton vorbei, der zu diesem Zeitpunkt schon Bremsprobleme hatte und kurz darauf ausschied.

Damit war der Weg endgültig frei für den Deutschen, der die Saison 2009 mit einem Sieg und WM-Platz zwei beschloss. Mark Webber (Red Bull) rang den neuen Titelträger Jenson Button (Brawn) in einem spektakulären Duell nieder und komplettierte den Red-Bull-Doppelsieg. Nick Heidfeld holte im letzten Rennen für das BMW Sauber F1 Team den fünften Platz hinter Rubens Barrichello (Brawn). Senkrechtstarter Kamui Kobayashi (Toyota) fuhr als Ersatzmann für Timo Glock auf den starken sechsten Platz.

Fotoquelle: ADMM

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