Erstmals seit blieb Michael Schumacher ohne einen einzigen Podestplatz

Formel 1 2010

— 11.11.2010

Bilanz: "Nicht der Schumacher, den wir kennen"

Experte Marc Surer analysiert das Comeback von Michael Schumacher, der von sich selbst sagt: "Wenn ich auf einige Ereignisse zurückblicke, habe ich keinen Grund, mich zu freuen"

Vor Saisonbeginn hätte wohl kaum jemand darauf gewettet, dass Nico Rosberg seinen Teamkollegen Michael Schumacher regelrecht deklassieren würde, doch der Blick auf die nackten Zahlen bestätigt genau das: 4:14 unterlag der siebenfache Weltmeister im Mercedes-Qualifyingduell, während er nach Punkten sogar mit 72:130 unterlegen ist.

Die tendenziell schwache Vorderachse der Formel-1-Generation 2010 hat Schumacher, der einen eher übersteuernden Fahrstil bevorzugt, eher nicht geholfen, weshalb viele seiner Fans große Hoffnungen in den Wechsel von Bridgestone- auf Pirelli-Reifen setzen. Außerdem betrachtet der 41-Jährige seine Comeback-Saison als Lehrjahr, das vor allem der Vorbereitung auf 2011 und 2012 diente - speziell seit dem holprigen Beginn.

2010 abhaken, 2011 ins Visier nehmen

Zuletzt lief es etwas besser: "Ich freue mich, dass ich jetzt Leistungen zeige, mit denen ich einigermaßen zufrieden sein kann. Von hier aus schauen wir weiter", sagt Schumacher und fügt optimistisch an: "Seit einigen Rennen gelingt es uns besser, das Potenzial des Autos zu nutzen. Das war ein interessanter Lernprozess für das gesamte Team, der uns dabei hilft, besser zu verstehen, wie wir in Zukunft vorgehen müssen."

Doch Marc Surer hat so seine Probleme damit, einem Superstar wie Schumacher eine derart lange Lehrzeit zuzugestehen: "Wenn einer mit sieben WM-Titeln ein Lehrjahr braucht, verstehe ich das nicht ganz", sagt der 'Motorsport-Total.com'-Experte, räumt aber ein: "Grundsätzlich hat er sich stabilisiert. Gegen Saisonmitte war er ein paar Mal wirklich weg vom Fenster. Jetzt sieht er besser aus, aber es ist noch nicht der Schumacher, den wir kennen."

"Keiner glaubt, dass wir alles gesehen haben, und jeder weiß, dass mehr in ihm steckt. Ob das nur die Reifen sind, werden wir sehen, aber grundsätzlich kann man nicht glauben, dass das der Michael ist, den wir von früher kannten. Zwischendurch sieht man, dass der Alte ein bisschen durchdrückt, aber es war bisher nicht überzeugend", analysiert er und betont, dass Mercedes etwa einen Nick Heidfeld bei gleichen Leistungen "natürlich" vorzeitig rausgeschmissen hätte.

Auch Schumacher selbst gibt sich erstmals selbstkritisch: "Wenn ich auf einige Ereignisse zurückblicke, habe ich keinen Grund, mich zu freuen", gesteht der Mercedes-Pilot vor dem Saisonfinale in Abu Dhabi und ergänzt: "Mercedes hat mich um ein Comeback gebeten, weil sie wissen, wer ich bin und welchen Beitrag ich leisten kann. Daher freuen wir uns sehr darauf, weiterhin zusammenzuarbeiten, vor allem ich selbst."

Surer glaubt nicht an Rücktritt

Sprich: Ein endgültiger Rücktritt nach dem Pirelli-Test in Abu Dhabi, sollten ihm die künftigen Formel-1-Reifen wieder nicht passen, ist unwahrscheinlich. Auch Surer kann sich das nicht vorstellen: "Ich glaube nicht, dass Michael mit dieser schlechten Saison aufhören kann. Er muss noch ein Highlight setzen, erst dann kann er abtreten. Daher glaube ich, dass er die nächste Saison auf jeden Fall fahren wird", so der 82-fache Grand-Prix-Teilnehmer.

"In letzter Zeit", wirft Schumacher ein, "kommen das Auto und ich etwas besser miteinander aus, daher sage ich sogar für dieses Rennen ein recht gutes Ergebnis voraus. Ich habe meine Freude wiedergewonnen, was gegen Saisonmitte manchmal schon recht schwierig war. Aber klar: Wenn ich mir anschaue, wo wir stehen und wo wir stehen wollen, dann freue ich mich natürlich darauf, so schnell wie möglich mit dem neuen Auto weitermachen zu können."

Auf den ersten Test im Februar in Valencia freut er sich schon: "Selbst nach drei Jahren Pause spürte ich Warnsignale bei den ersten Tests", erinnert sich Schumacher an den vergangenen Winter. "Ich hoffe, dass ich die nicht spüren werde, sondern dass wir ein Auto haben werden, das wir weiterentwickeln können. Viele Teams werden erst zwischen dem ersten Test und dem ersten Rennen Teile hinzufügen und planen dann noch einmal ein großes Update für das erste Rennen."

Frage an ihn: War deine erste Saison nach drei Jahren Pause wie die Saison eines Formel-1-Neulings? "Einerseits schon, andererseits sicher nicht", entgegnet der siebenfache Weltmeister. "Aber ist das wichtig? Wir haben sehr klare Ziele, die wir erreichen wollen. Dieses Jahr sind wir unter unseren Erwartungen geblieben, aber wir verstehen die Gründe dafür, also ist viel wichtiger, was nächstes Jahr passieren wird."

Offenerer Umgang mit den Medien

Eines steht fest: Im Gegensatz zu früher präsentiert sich der Superstar heute viel offener, was den Umgang mit den Medien angeht. Die standen während seiner ersten Karriere nur selten auf seiner Seite, was Schumacher oft damit erklärte, dass er sich aufgrund seiner weltweiten Bekanntheit einen Schutzschild aufbauen musste. Das kam nicht gut an. Heute sagt er: "Nach 2006 war ich einfach total leer und völlig überladen mit dem ganzen Business."

"Zu diesem Business gehören auch die Medientermine", erklärt der in der Schweiz lebende Deutsche. "Die machen manchmal mehr Spaß, manchmal weniger, aber generell fühle ich mich gut. Ich habe viel mehr Journalisten persönlich kennengelernt. Das hilft, denn dadurch versteht ihr mich und seht die Dinge aus anderen Blickwinkeln. Ich sehe nicht mehr überall Feinde, sondern ich sehe immer mehr Freunde. Das macht es mir einfacher, mein Leben hier zu genießen."

Für die meisten Experten steht nach der ersten vollen Saison seiner Karriere, in der er nicht ein einziges Mal auf dem Podium stand - vorbehaltlich des Rennens in Abu Dhabi am Sonntag -, fest, dass Schumachers Comeback gescheitert ist. Zumindest vorerst, denn 2011 hat der 41-Jährige dann endgültig alle Zutaten beisammen, sodass er sein wahres Potenzial entfalten können müsste. Spätestens dann gibt es jedoch keine Ausreden mehr.

"Er hat sich selbst keinen Gefallen getan", sagt Surer über das Comeback. "Früher war er der unantastbare Champion, aber mit dieser Saison hat er gezeigt, dass andere schneller fahren können und dass die Formel 1 der Jugend gehört. Man darf es nicht mit früher vergleichen. Damals ist er manchmal auf Befehl die schnellsten Runden gefahren. Irgendwas ist verloren gegangen von diesen Fähigkeiten. Ich denke aber, das steckt immer noch drin - er hat es nur noch nicht gezeigt."

Fotoquelle: xpb.cc

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