Von den McLaren-Piloten flankiert feierte Sebastian Vettel auf dem Podium

Formel 1 2010

— 14.11.2010

Ferrari pokert falsch, Vettel Weltmeister!

Sechs Jahre nach Michael Schumacher hat Deutschland wieder einen Weltmeister: Sebastian Vettel gewinnt in Abu Dhabi, Fernando Alonso nur Siebter

Von wegen war es ein Fehler, dass Red Bull keine Stallorder zugunsten von Mark Webber ausgesprochen hat: In einem wenig actionreichen, aber dafür strategisch umso interessanteren Grand Prix von Abu Dhabi sicherte sich Sebastian Vettel heute nicht nur den Sieg, sondern auch den ersten deutschen Fahrer-WM-Titel seit Michael Schumacher im Jahr 2004!

"Danke, Jungs - das ist unglaublich! Ich liebe euch", schluchzte Vettel unter Tränen, als er nach genau 1:39:36.837 Stunden und 55 Runden die Ziellinie auf dem Yas-Marina-Circuit überquerte und sich damit seinen großen Lebenstraum erfüllte. Sprachlos auch Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz, der in der ersten Emotion gar nicht sprechen konnte und eine TV-Reporterin vertröstete: "Komm in fünf Minuten wieder!" So viel Gänsehaut gab es in der Formel 1 schon lange nicht mehr!

Überall Jubel und Tränen bei Red Bull

Für Mateschitz war die ganze Situation "zu aufregend", als er sich dann doch den TV-Reportern stellte: "Es ist wirklich gewaltig gewesen. Wahrscheinlich kommen wir erst morgen drauf, wie das war. Lasst's mich in Ruhe drüber nachdenken", stammelte der medienscheue Milliardär und betonte: "Sebastian ist unglaublich, er ist eine gewaltige Saison gefahren." Und auch Vater Norbert Vettel rang mit den Tränen: "Er hat's gepackt! Einfach super."

Nach einer Saison voller Pleiten, Pech und Pannen wurde der Wunsch von Vettel sen. erhört: "Irgendwann muss er doch auch mal Glück haben!" Diesbezüglich half Ferrari mit einer taktischen Fehlentscheidung ein wenig nach, aber Vettel lieferte seinen Part absolut makellos ab, dominierte Qualifying und Rennen von der ersten bis zur letzten Runde und holte sich bei der Siegerehrung gemeinsam mit seinem Förderer Helmut Marko die Pokale ab.

Der nunmehr jüngste Formel-1-Weltmeister aller Zeiten machte vom Start weg alles richtig: Als die Lichter der Ampel ausgingen, kam zwar Lewis Hamilton (McLaren) marginal besser von der Linie weg, aber Vettel zog von außen entschlossen in die erste Kurve hinein und verteidigte seine Pole-Position letztendlich doch souverän. Dahinter blieb zunächst alles ruhig, aber Fernando Alonso (Ferrari) büßte eine Position gegen Jenson Button (McLaren) ein.

Von Anfang an ein perfektes Rennen

Vettel und Hamilton setzten sich von Anfang an leicht von den Verfolgern ab, aber die WM-Entscheidung passierte dahinter. Denn Mark Webber (Red Bull) kam an fünfter Stelle liegend nicht einmal annähernd an Alonso vorbei und musste etwas ausprobieren, um seine Titelchancen zu wahren. Also holte ihn das Team schon in der elften Runde an die Box - was im Nachhinein betrachtet eine Kettenreaktion zu Vettels Gunsten auslöste.

Denn aus Angst, dass Webber mit frischen Bridgestone-Mediums die entscheidenden Sekunden gutmachen könnte, um an Alonso vorbeizukommen, reagierte Ferrari und stoppte in der 13. (Felipe Massa) beziehungsweise 15. Runde (Alonso) ebenfalls. "Wir haben uns entschieden, Webber zu covern", nimmt Alonso seinen Kommandostand, der mit dem frühen Boxenstopp die ausschlaggebende Fehlentscheidung getroffen hat, in Schutz.

Alonso ein fairer Verlierer

"Es war kein einfaches Rennen für uns, schon am Start habe ich eine Position gegen Button verloren", seufzt Alonso, der seine Crew aber in Schutz nimmt: "Wir haben uns halt entschieden, Webber zu covern." Das Problem daran: Alonso kam hinter Nico Rosberg (Mercedes) und vor allem Vitaly Petrov (Renault) wieder auf die Strecke, die ihren Reifenwechsel schon während der Safety-Car-Phase zu Beginn absolviert hatten und damit echte Positionsgegner waren.

"Ich kam nicht an Petrov vorbei, weil ich nicht genug Topspeed hatte", seufzt der Spanier. Alonso lag boxenstoppbereinigt an sechster Stelle im Rennen, später sogar nur noch an siebter, weil Robert Kubica (Renault) durch einen extrem langen ersten Stint Positionen gewann. Um Weltmeister zu werden, wäre aber Platz vier erforderlich gewesen! "Ich weiß, du gibst dein Bestes, aber es ist entscheidend, dass du überholst", funkte Alonso-Renningenieur Andrea Stella.

Es reichte nicht. "So ist der Sport. Ich gratuliere Sebastian zum WM-Titel", zeigt sich der Ferrari-Pilot aber als fairer Verlierer. Auch Webber, der hinter Alonso ein zahnloses Rennen fuhr, gesteht fair und sportlich: "Ich war in den entscheidenden Momenten nicht schnell genug. Nach dem Qualifying war es schwierig, aber was soll's? Die Weltmeisterschaft ist vorbei. Wir alle haben irgendwann geführt, aber Seb führt zum richtigen Zeitpunkt, nämlich am Ende."

WM-Führung im richtigen Moment

Unglaublich, aber wahr: Fünf Fahrer führten lagen in der Fahrer-WM 2010 in Führung, nur Vettel nicht - aber ausgerechnet beim Saisonfinale drehte er den Spieß um! "Ich habe diese Weltmeisterschaft nur einmal angeführt, aber genau jetzt zählt es", jubelt der 23-Jährige. "Ich bin ein bisschen sprachlos. Es war eine unglaubliche Saison für mich und uns alle, physisch wie mental. Wir haben immer an uns geglaubt, ich habe immer an mich geglaubt. Heute ist ein besonderer Tag!"

Vettel kam in Runde 24, einen Umlauf nach Verfolger Hamilton, an die Box - und hatte Riesenglück, dass er nicht nur vor dem Briten, sondern auch vor Kamui Kobayashi (Sauber) und Kubica auf die Strecke zurückkam. Der Red-Bull-Pilot vergrößerte seinen Vorsprung trotz Problemen mit dem Boxenfunk auf über zehn Sekunden und fuhr den Sieg anschließend sicher ins Ziel. Damit war sein Teil der Mission einmal erledigt.

Trotzdem stand er bei der Zieldurchfahrt noch nicht definitiv als Champion fest: "Die Zieldurchfahrt war der erste Schritt, aber erst als der Vierte durchgefahren ist, war ich erleichtert", berichtet Motorsportkonsulent Marko, und Vettel selbst bestätigt: "Das ganze Rennen lang wusste ich nicht, wo die anderen sind, und ich habe immer versucht, das komplett auszublenden. Ganz ehrlich: Erst als 'Rocky' nach der Zieldurchfahrt 'Weltmeister' gebrüllt hat, wusste ich Bescheid."

Clevere Strategie von Rosberg

Hinter Vettel kamen die beiden McLaren-Piloten auf den Plätzen zwei und drei ins Ziel, wobei Button einen langen ersten Stint fuhr und damit am Ende auf frischen Reifen glänzen konnte. Rosberg wurde dank des cleveren Boxenstopps während der Safety-Car-Phase Vierter, Kubica Fünfter, Petrov Sechster, Alonso Siebter und Webber Achter. Der Australier war im heutigen Saisonfinale von allen vier WM-Kandidaten am unauffälligsten.

Bereits in der achten Runde streifte Webber beim Yas-Hotel die Leitplanken, anschließend hatte er einfach nicht den Speed, um Alonso zu attackieren. Sein früher Boxenstopp hätte theoretisch aufgehen können, wurde aber ausgerechnet von Jaime Alguersuari im Toro Rosso zunichte gemacht, der ihn drei Runden lang aufhielt. Der junge Spanier profitierte davon freilich selbst und sammelte als Neunter zwei WM-Punkte. Massa wurde Zehnter.

Schumacher mit einem Schutzengel

Alles, was dahinter passierte, ging im taktisch spannenden WM-Kampf völlig unter. Die Zielflagge sahen 21 von 24 gestarteten Autos; Timo Glock (Virgin) rollte in der 44. Runde mit einem technischen Defekt aus, Schumacher und Vitantonio Liuzzi kollidierten in der ersten Runde: Schumacher drehte sich in Kurve sechs, als Rosberg gerade innen an ihm vorbeiziehen wollte, und anschließend konnte der völlig unschuldige Liuzzi nicht mehr ausweichen.

"Das war schon ein Moment, in dem man kurz in sich geht und versucht, sich so klein wie möglich zu machen. Aber wir haben uns ja nicht berührt, insofern ist alles okay", erklärt Schumacher, der genau wie viele Beobachter an den TV-Geräten zunächst angenommen hatte, dass er mit Rosberg kollidiert war: "War ich auch der Meinung, aber das war nicht der Fall. Also kann man niemandem die Schuld geben außer mir selbst."

In der bereits in São Paulo entschiedenen Konstrukteurs-WM gab es heute keine Verschiebungen mehr. Bei den Fahrern setzte sich Vettel mit 256 Punkten vor Alonso (252) und Webber (242) durch. "Es hat der würdigste Mann gewonnen", strahlt Vettel-Mentor Marko, der sich einen abschließenden Rundumschlag nicht verkneifen kann: "Und an all die Besserwisser wegen Stallregie: Das, was wir gemacht haben, ist aufgegangen!"

Fotoquelle: xpb.cc

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