Sebastian Vettel erlebte in Salzburg einen tosenden und zünftigen Empfang

Formel 1 2010

— 15.11.2010

Vettel: "Wie ein kleines Mädchen"

Die erfolgreiche Red-Bull-Mannschaft am Tag nach dem großen WM-Finale: Viel Jubel für Mark Webber, Emotionen von Sebastian Vettel

Am späten Sonntagnachmittag der Titelgewinn, anschließend Siegerehrung, Pressekonferenz, Party - an Schlaf war kaum zu denken. Dennoch zeigt sich der neue Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel am Montagabend frisch und gut gelaunt im Salzburger Hangar-7. Red Bull hat zur großen Formel-1-Party geladen und die Spitzenleute des Teams sind allesamt vor Ort: Vettel, Teamkollege Mark Webber, Teamchef Christian Horner und Fahrzeugdesigner Adrian Newey.

Bei der von 'Servus TV' live übertragenen Feier ernten die Red-Bull-Gladiatoren beim Einmarsch samt Partymusik viel Beifall von den anwesenden Fans. Vettel strahlt mit dem Pokal in der Hand ins Publikum, Webber kann den lauten Applaus kaum fassen, Horner und Newey huschen mit bescheidenem Lächeln auf ihre Plätze in der Talkrunde, der auch Niki Lauda, David Coulthard und Gerhard Berger beiwohnen.

"Im Flieger war sechs Stunden lang etwas Ruhe, da konnte ich etwas schlafen. Auch heute Nachmittag konnte ich etwas Schlaf nachholen", berichtet Vettel von den Ereignissen seit dem Sonntagabend. "Schlaf ist jetzt auch nicht so wichtig", lacht der 23-Jährige. "Das alles war der Hammer. Das kann man nur in ruhigen Moment etwas einsickern lassen. Es ist alles unglaublich, geht alles so schnell. Es waren so viele Leute da, als wir am Nachmittag hier ankamen."

Der Heppenheimer lässt die letzten Runden des entscheidenden Finales noch einmal Revue passieren: "Ich hatte meinem Ingenieur vor dem Rennen gesagt, dass er mir nichts sagen soll. Ich wollte mich nur auf mich konzentrieren. In den letzten zehn Runden war er aber sehr lebendig, deutete zaghaft etwas an. Erst war er zurückhaltend. Da dachte ich: 'Scheiße, das hat nicht gereicht'. Aber dann war alles klar. Ich fühlte mich leer."

"Als ich das Wort 'Weltmeister' hörte, habe ich einen Moment gebraucht, um das zu begreifen", beschreibt Vettel den Moment nach der Zieldurchfahrt. Zwischenzeitlich hatte er versucht, sich auf den Bildschirmen am Streckenrand über den Stand auf dem Laufenden zu halten. "Gut, dass ich den Helm aufhatte, denn da waren Tränen. Ich habe kaum etwas herausbekommen, das hörte sich an, wie bei einem kleinen Kind - einem kleinen Mädchen. Es war, als hätte in diesem Moment die Welt sich zu drehen aufgehört."

Der neue Formel-1-Weltmeister fühlte sich nach eigener Auskunft plötzlich völlig einsam. "Es gab nur noch das Cockpit, außern herum gar nichts mehr", beschreibt er. "Am Morgen, als ich ins Fahrerlager kam, musste ich mich etwas abschotten. Es war wie im Zoo. Es gab so viele Leute, die einem - sicherlich gut gemeinte - Ratschläge und Tipps geben wollten. Aber das war einfach zu viel." Vor dem Rennen erinnerte sich Vettel an den WM-Kampf von Kimi Räikkönen 2007. "Aber im Rennen habe ich daran nicht mehr gedacht."

In den vergangenen Stunden hat der neue Formel-1-Champion mit der Beantwortung der "150 bis 160 Nachrichten" begonnen, die auf seinem Handy eingegangen sind. "Ich möchte Sebastian hier noch einmal in aller Öffentlichkeit gratulieren", sagt Mark Webber, dem der Auftritt in Österreich sicherlich nicht leicht fiel. "Er hat Unglaubliches geleistet." Der Australier erntete für seine freundlichen Worte einmal mehr tosenden Applaus.

"Es war eine unglaubliche Saison mit tollen Fights", fasst Webber zusammen. "Dass wir beide Titel gewonnen haben, darf man bestimmt nicht als selbstverändlich ansehen. Eine WM wird über eine gesamte Saison entschieden und nicht in einem Rennen. Natürlich hätte ich nur zu gern in der berühmten Kurve von Südkorea noch eine zweite Chance bekommen. Aber Fehler passieren, denn es gibt im Verlauf einer Saison viele Chancen, mal daneben zu liegen. Letztlich hat nur ein Quentchen gefehlt."

"Mark wird nächstes Jahr stark zurückkommen", sagt Teamchef Christian Horner, der seinen erfahreneren Piloten schnell wieder aufbauen möchte. "Mark darf niemand vergessen. Er hat vier Grand-Prix-Siege geholt, die für das Team enorm wichtig waren", sagt der Brite - der gesamte Saal erhebt sich für einen erneuten Beifall für Webber. "Wir haben zwei populäre Piloten, zwei andere hätten wir niemals gewollt."

"Wir sind aus der Jaguar-Asche als Red-Bull-Phoenix auferstanden", erklärt Designer Adrian Newey, dem mit dem aktuellen RB6 einmal mehr ein extrem guter Wurf gelungen war. "2010 war etwas ganz Besonderes. In Abu Dhabi dauerten die letzten zehn Runden ewig. Wir haben mit Petrov und Kubica gefiebert. Im Training gab es Vibrationen, wir wollten den Motor schonen - es war viel los an der Boxenmauer. Nach dem Motorschaden von Südkorea sahen wir nichts mehr als selbstverständlich an."

Eine ganz besondere Sicht des teaminternen Duells gab David Coulthard preis. "Ohne den Durck, den die beiden sich gegenseitig machten, wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Der Druck war immens und Sebastian hat es verdient", meint der Schotte. "Ich war in meiner aktiven Karriere nie so nah dran wie Mark. Beide Red-Bull-Piloten sind zweifellos talentierter als ich es jemals war."

Das Talent war im Hause Red Bull früh erkannt worden. Nicht ohne Grund förderte man Vettel lange Zeit. "Wir waren damals bei Toro Rosso mit unserer Fahrerpaarung unzufrieden", erinnert sich Gerhard Berger an die Zeit vor dem Vettel-Aufstieg. "Wir hatten dann ein Gespräch mit Dietrich Mateschitz und er sagte, dass aus dem Nachwuchskader eigentlich nur Vettel in Betracht kommt. Nach dem zweiten Test war uns klar: Das ist ein Überflieger."

Im Jahr 2008 durfte der heutige Formel-1-Weltmeister seinen ersten Sieg gutschreiben lassen. In Italien fuhr Vettel mit dem Toro Rosso zum überraschenden Erfolg. "Monza war der Höhepunkt", so Berger. "Ab da war klar, wo der Weg hinführen wird. In der Formel 1 sind solch Erfolge dermaßen selten. So etwas muss man unbedingt genießen", fügt der Österreicher an.

"Der erste Titel ist immer der schwierigste", erklärt Niki Lauda mit der Erfahrung von drei Weltmeistertiteln. "Ab jetzt wird alles leichter. Allerdings muss er jetzt einiges über sich ergehen lassen. Aber da muss Sebastian nun durch. Toll ist, dass wir da jemanden haben, der mit den Füßen auf dem Boden ist, der kommunikativ und stets freundlich bleibt." In Richtung Ferrari fügt Lauda an: "Die haben nun drei Tage lang Trauer, dann essen alle wieder Spaghetti und dann ist die Niederlage vergessen."

Fotoquelle: xpb.cc

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