Mark Webber sieht sich nach der Saison 2011 keineswegs als Verlierer

Formel 1 2010

— 01.12.2010

Webbers Fazit: "Hätte gegen Vettel nie überleben sollen"

Mark Webbers ausführliche Saisonbilanz: Warum die Stallkollision wichtig war, was ihn am Monaco-Sieg stört und was er Kovalainen vorwirft

Mark Webber bewies in den bittersten Stunden des Jahres Größe: Als Sebastian Vettel von seinem Team in Salzburg als Weltmeister gefeiert, beglückwünscht und geehrt wurde, stand der 34-Jährige seinen Mann. Anstatt sich in Australien zurückzuziehen und nach dieser harten und am Ende so frustrierenden Saison seine Wunden zu lecken, begleitete er seinen Teamkollegen, Stardesigner Adrian Newey und Teamchef Christian Horner erhobenen Hauptes in den Hangar-7.

Dass Webber kein Mann des Rückzuges ist, hat er in der erfolgreichsten Saison seiner Karriere bewiesen. Und für Platz drei in einer der engsten Weltmeisterschaften in der Formel-1-Geschichte muss man sich wahrlich nicht schämen. Seine Bilanz: Zwölf Mal startete er aus der ersten Reihe, fünf Mal von der Pole, zehn Mal stand er auf dem Podest, vier Rennen beendete er als Sieger.

"Es war eine Saison, die sich unglaublich gelohnt hat", zieht Webber gegenüber 'Autosport' ein absolut positives Fazit. "Da waren viele einzigartige Rennen und außergewöhnliche Situationen." Auch wenn es am Ende nicht ganz gereicht hat, überwiegt die Zufriedenheit - er verweist auf seinen Vater: "Mein alter Mann sagt immer, dass dir das niemand mehr wegnehmen kann, du hast es geschafft - und es war anständig und ehrlich."

"Wichtiger" Albtraum für Red Bull

Vor der Saison hatte den Australier kaum jemand auf der Rechnung. Vettel hatte 2009 bewiesen, dass er meist der schnellere Red-Bull-Pilot ist - Webber hatte in der zweiten Saisonhälfte einen Durchhänger, seine Leistungen schwankten. "Eigentlich hätte ich gegen Sebastian nie überleben sollen, doch es ist mir recht gut gelungen", bilanziert der 34-Jährige.

Dass Webbers überraschendes Aufbäumen gegen Vettel für teaminternen Spannungen sorgte, darf nicht weiter verwundern. Die Stallkollision in Istanbul war der vielleicht prägendste Moment der gesamten Saison, die vom Red-Bull-Stallkrieg bestimmt war. "Ja, da gab es einige Zwischenfälle dieses Jahr, die man sich nie wünscht", spielt der Mann aus "Down Under" unter anderem auf den teaminternen Crash an. "Ich würde nicht sagen, dass es unausweichlich war, doch wenn du mit zwei Fahrern vorne liegst, die sich nicht viel schenken, dann kann so ein Zwischenfall vorkommen."

Und dennoch kann Webber dem Alptraum eines jeden Teamchefs etwas Positives abgewinnen: Er machte damit auf seine schwierige Situation im Red-Bull-Rennstall aufmerksam und zwang damit die Teamführung, ihn gegenüber Vettel nicht zu benachteiligen. "Hätte ich Seb in der Türkei einfach so vorbeigelassen, dann wäre die WM vielleicht ganz anders verlaufen und auch das Team hätte sich anders verhalten", glaubt er. "Doch so waren die Auswirkungen in Ordnung."

Enttäuschender Auftakt und Rücktrittgedanken

Dabei sah es zunächst in der Weltmeisterschaft für Webber gar nicht so gut aus. Beim Saisonstart in Bahrain verpatzte er das Qualifying, im Rennen wurde er unauffälliger Achter. Und bei seinem Heimrennen in Melbourne, bei dem er abgesehen von seinem Formel-1-Debüt 2002 meist vom Pech verfolgt war, donnerte er Lewis Hamilton ins Heck - der Lokalmatador rettete bloß Platz neun. "Es war noch rutschig", erinnert er sich. "Ich nehme den Unfall mit Lewis komplett auf meine Kappe."

Doch warum kam Webber zu Saisonbeginn 2010 so schlecht in die Gänge? "Zu Beginn der Weltmeisterschaft war das Auto sehr schwierig zu fahren", erklärt der Red-Bull-Pilot. "Weil wir keinen F-Schacht hatten, mangelte es uns an Höchstgeschwindigkeit. Man musste also in den Bremszonen mehr riskieren."

Nach eigenen Angaben dachte Webber nach dem völlig verpatzten Saisonstart sogar über einen möglichen Rücktritt nach. Gedanken, die ihn vielleicht sogar stärker gemacht haben. Mit der Entscheidung, weiter Formel 1 zu fahren, im Rücken, sicherte sich Webber die Pole-Position in Sepang und etwas später auch Pole-Position und Sieg beim Europaauftakt der Formel 1 in Barcelona. "Wenn man so will, war das ein recht geradliniges Rennen", kommentiert er seinen scheinbar mühelosen ersten Sieg 2010.

Was Webber am Monaco-Sieg auszusetzen hat

Was dann folgte, war sein Saisonhighlight: der Sieg im Fürstentum von Monaco. "Wenn ich dieses Rennen noch einmal fahren dürfte, dann wäre es schön, mit einem Vorsprung von über 25 Sekunden zu gewinnen, anstatt hinter dem Safety-Car ins Ziel zu kommen", sagt Webber und fügt an: "Das ist natürlich sehr unbescheiden." Doch tatsächlich war der Australier im Leitplankenkanal so überlegen, dass er das Rennen wohl souverän gewonnen hätte. So musste er nach jeder Safety-Car-Phase aufs Neue Druck machen.

Womöglich hat aber genau das die Konzentration Webbers gefördert. "Ich sage immer, dass Monaco keine Strecke ist, wo man gegen andere Menschen fährt", meint er. "Da bist nur du und die Strecke - du fährst gegen diese Strecke. Und es war ein unglaublich einzigartiger Tag, um diese Strecke zu zähmen und sich auf der Siegerliste einzutragen."

Vor seinem dritten Saisonsieg erlebte Webber die Schrecksekunde des Jahres: Nach einem verpatzten Start in den Grand Prix von Europa hatte er sich zu einem frühen Boxenstopp entschieden. Beim Versuch, das Feld von hinten aufzurollen, konnte er beim Überholversuch an Heikki Kovalainen nicht mehr ausweichen und donnerte dem Lotus-Piloten ins Heck. Webbers RB6 überschlug sich und rutschte in die Reifenstapel - wie durch ein Wunder kam er unverletzt davon.

Hat sich Kovalainen falsch verhalten?

"Ich kann mich glücklich schätzen, so davongekommen zu sein", weiß er. Und übt Kritik am Zweikampfverhalten von Kovalainen: "Schau, ich fuhr auch einmal für Minardi und ich war in einer Situation, als ein schneller Mann durchs Feld pflügt, weil er eine schlechte erste Runde hatte oder seinen Frontflügel verloren hat. Ich fand, dass es nichts bringt, gegen Michael, Rubens oder Montoya im Williams zu kämpfen, denn das wäre ein Ärgernis gewesen und sowas macht man nicht. Außerdem verliert man dabei selbst auch Zeit. Beide sind langsamer, was nichts bringt."

Doch der Finne entschied sich anders - womöglich weil er die seltene Chance sah, trotz seines Materialnachteils durch sein Kämpferherz aufzufallen. "Ich war etwas überrascht von dem, was er tat", erzählt Webber. "Vor allem, wenn man in Betracht zieht, was für ihn herausschaute. Ich hätte noch ein paar Punkte holen können, schließlich gab es noch diese Sache mit dem Safety-Car. Doch ich habe keine zweistelligen Punkte verloren."

Nach weiteren Siegen in Ungarn und Budapest geriet Webber gegen seinen Teamkollegen Vettel in der Endphase der WM ins Hintertreffen. Beim Nachtrennen in Singapur sah er gegen ihn kein Land, dennoch sagt er heute: "Das war vielleicht der beste dritte Platz, den ich je geholt habe." Red Bull hatte den "Aussie" früh an die Box beordert - der musste sich dann durchs Feld kämpfen und wehrte sich schließlich mit nachlassenden Reifen gegen einen kämpferischen Hamilton.

Der schönste dritte Platz in Webbers Karriere

"Wir wurden für unsere Strategie und für meine Aufholjagd belohnt", weiß er. "Ich hatte Lewis auf frischen harten Reifen hinter mir, als meine bereits 25 Runden auf dem Buckel hatten." Schließlich wehrte Webber einen Angriff des McLaren-Piloten ab - Hamilton rutschte dabei in die Mauer, beim Red-Bull-Boliden wurde der Hinterreifen in Mitleidenschaft gezogen.

"Ganz ehrlich - dieser Reifen hätte das Rennen nie beenden dürfen", so Webber. "Ich hätte einen Boxenstopp wegen des Reifenschadens machen müssen, doch das hätte mich wohl aus den Punkterängen gerissen. Doch all das ist nicht passiert. Ich beendete das Rennen mit enormen Vibrationen. Die Kommunikation mit dem Team war großartig - wir haben einfach gewusst, was wir zu tun hatten." Dass beim Reifen schließlich im Parc Fermé die Luft ausging, passte zusätzlich ins Bild.

All diese Erfahrungen stärken Webbers Zuversicht für die kommende Saison, auch wenn der 34-Jährige einige Enttäuschungen einstecken musste. "Wir haben uns in Sachen Zuverlässigkeit verbessert, wissen jetzt, welche Teile wann aufs Auto kommen, welche Arbeit wir wann machen - wir haben uns in vielen Bereichen weiterentwickelt. Wenn man als Team und als Einheit mehr Wissen hat, dann kann einem das helfen, zumal wir immer noch die gleichen Leute wie früher sind." Und auch in Sachen Gleichbehandlung hat der Rennstall laut Webber dazugelernt: "Sie wissen jetzt, wie man mit zwei Fahrern umgeht, die ständig an der Spitze fahren. Das ist ein großartiges Problem. Es gibt viele Teams, die dieses Problem gerne hätten."

Fotoquelle: xpb.cc

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