Mark Gallagher sieht Cosworth nach dem Comebackjahr auf einem guten Weg

Formel 1 2010

— 04.12.2010

Cosworth: Die Bilanz des Comebackjahres

Cosworth-Boss Mark Gallagher über die Entwicklung des CA2010, die Erfahrungen mit den Partnern und die Aussichten für das kommende Jahr

2010 bot in der Formel 1 nicht nur eine sensationell spannende Saison, sondern gleichzeitig auch zwei wichtige Comebacks. Michael Schumacher stand bei seiner Rückkehr in die Königsklasse jederzeit im Fokus, der Auftritt von Cosworth nach drei Jahren Formel-1-Pause fand deutlich weniger Beachtung. Als Highlight feierte man die Pole-Position von Williams-Pilot Nico Hülkenberg in Brasilien. Cosworth-Boss Mark Gallagher zieht im Interview Bilanz.

Frage: "Mark, wie bewertest du die Saison 2010 aus Cosworth-Sicht?"
Mark Gallagher: "Bezüglich der Belieferung mit Motoren haben wir all unsere Ziele erreicht. Wir haben vier Kunden - ein Drittel des gesamten Starterfeldes - mit einem konkurrenzfähigen, zuverlässigen und bezahlbaren Aggregat ausgestattet, haben die Teams mit Technikern gut unterstützt, und in unserer Firma in Northampton haben die Leute bezüglich Design, Bau, Test und Einsatz eine gute Leistung gezeigt."

"Aus wirtschaftlicher Sicht war das Jahr gut. Wir haben dort Geld ausgegeben, wo es sein musste. Wir haben die nötige Rentabilität erreicht, um weiterhin in das Projekt investieren zu können. Die Beziehungen zu unseren Kunden waren prima, haben sich sehr gut entwickelt. Wir können also mit einem guten Maß an Zufriedenheit in Richtung kommende Saison blicken."

Frage: "Hat der Motor die erwartete Leistung gezeigt?"
Gallagher: "Der CA2010 ist innerhalb weniger Monate auf Basis des CA2006 entstanden. Wir haben ihn verändert, um im Drehzahllimit von 18.000 Touren die maximale Leistung abrufen zu können. Auch die Anpassungen für die Mindestlaufzeit von drei Rennwochenenden und bezüglich des Benzinverbrauchs mussten wir machen, auch im Hinblick auf das hohe Fahrzeuggewicht zum Rennstart. Unsere Ingenieure haben da einen hervorragenden Job gemacht."

"Der Motor lief schon bei den Prüfstandtests vor Saisonstart sehr gut. Aber uns war klar, dass wir natürlich im Rennbetrieb weitere Optimierungen vornehmen müssen. Die Tatsache, dass die Wintertests oft verregnet waren und nur einer unserer Kunden an wirklichen allen Tests teilnahm, sorgte dafür, dass wir nur begrenzt Daten sammeln konnten. Wir mussten später Veränderungen am Ölkreislauf vornehmen, die sich auf die Leistung stärker auswirkten als erwartet."

Ich bin froh, dass wir die Probleme schnell lokalisieren und lösen konnten. Der erste Schwung von Triebwerken war damals bereits bei den jeweiligen Teams. Wir haben einige Zeit gebraucht, um alle nötigen Veränderungen im Rahmen von Revisionen an den Motoren vornehmen zu können. Aber das gesamte Programm hat darunter keineswegs gelitten. Der beste Hinweis darauf ist, dass wir eine hundertprozentige Zuverlässigkeit in den Grands Prix hatten."

Frage: "Wie wertest du die Ergebnisse und die reine Leistung?"
Gallagher: "Sobald du in einer wichtigen Rolle in der Formel 1 unterwegs bist - egal, ob im Team oder als wichtiger Zulieferer - und du nicht Siege als Ziel hast, dann kannst du gleich zu Hause bleiben. Als Partner für Motoren und Elektronik spielt Cosworth eine wichtige Rolle innerhalb eines Gesamtpakets. Gleichzeitig sind natürlich Dinge wie Chassis, Fahrzeugdynamik, Aerodynamik und andere Systeme außerhalb unseres Einflussbereichs."

"Wir können nur dafür sorgen, dass unser Teil bestmöglich funktioniert. Die Ergebnisse der neuen Teams waren genau den Erwartungen von denen und von Cosworth entsprechend. Es ist immer ein harter Kampf gegen erfahrene Mannschaften, die teils Hersteller im Rücken hatten, die perfekt ausgestattete Werkstätten und unglaublich erfahrenes Personal haben. Williams hat Cosworth die Gelegenheit geboten, die wahre Leistungsfähigkeit aufzuzeigen. Wir haben von Platz vier bis Platz zehn immer wieder Punkte geholt und hatten die Pole-Position in Brasilien - wenn auch wetterbedingt - als Meilenstein."

Frage: "Wie fällt das Fazit in Bezug auf Williams aus?"
Gallagher: "Williams ist eines der besten Teams in der Formel 1, mit großartigen Möglichkeiten und enormer Erfahrung. Wir haben versucht, die Maschine möglichst gut nach deren Bedürfnissen anzupassen. Williams hat stets Druck gemacht, damit wir immer mehr Leistung abrufen können. Damit hatten wir kein Problem. Wenn man die eigene Motivation mit den Forderungen seitens Williams paart, dann kommt der Erfolg irgendwann zwangsläufig."

"Zum Saisonstart hat das Team in allen Bereichen Steigerungen erwartet. Ab Valencia wurden die Ergebnisse immer besser, beide Autos schafften es regelmäßig in Q3, außerdem holten Rubens und Nico immer wieder Punkte. Letztlich landete man auf Platz sechs der Konstrukteursmeisterschaft, konnte bei einigen Gelegenheiten Mercedes im Qualifying schlagen und im Rennen auf dem Niveau von Renault fahren. Man darf sicher sein, dass wir nun eine gute Basis haben, auf der wir für die Zukunft aufbauen können."

Frage: "Lotus hat die Saison als bestes der neuen Teams abgeschlossen. Wie bewertest du deren Leistung?"
Gallagher: "Tony Fernandes und Mike Gascoyne hatten sich vor dem Saisonstart einige Ziele gesetzt und sie haben sie nun offenbar allesamt erreicht. Sie sind nicht nur bestes neues Team, sondern sie haben sich Respekt erarbeitet, den ihnen einige Kritiker sicherlich nicht zugetraut hatten. Wenn man bedenkt, dass sie erst ab September 2009 eine Startplatzzusage hatten, dann war das eine stolze Leistung. Wir konnten mit unserem Motor einen Beitrag dazu leisten, sodass die starten und regelmäßig gute Leistungen zeigen konnten."

"Leider hat deren schlechte Erfahrung mit dem Getriebe dafür gesorgt, dass sie sich für 2011 nach einer neuen Motor-Getriebe-Kombination umgeschaut haben. Die Gründe für einen Wechsel des Motorenpartners lagen jedoch keineswegs in mangelnder Leistung des Cosworth CA2010. Wir wünschen Lotus für die Zukunft alles Gute."

Frage: "Wie sieht du die Leistung von HRT?"
Gallagher: "Einer der großen Vorteile als Lieferant von Motoren und Elektroniklösungen ist es, dass man auch Einblick hinter die Kulissen hat. Auch wenn HRT für die Leistungen auf der Strecke viel Kritik hat einstecken müssen, so haben sie sich als Team jedoch aus meiner Sicht gut aufgestellt und einen soliden Job gemacht. Deren Zuverlässigkeit war beeindruckend. Man darf nicht vergessen, dass Colin Kolles die Rolle als Teamchef erst Mitte Februar eingenommen hat."

"Dass sie es überhaupt geschafft haben, die Autos zu bauen und trotz aller Kritik zu allen 19 Rennen zu bringen, verdient Respekt. Bruno Senna, Karun Chandhok, Sakon Yamamoto und Christian Klien haben ihr Bestes gegeben, haben sich im dichten Verkehr aus den Kämpfen der schnellen Autos herausgehalten. Sie haben den Zuschauern eine gewisse Show geboten, vor allem für jene Fans in den jeweiligen Heimatländern. Das Team verdient den Fortbestand."

Frage: "Wie kommentierst du Virgin und auch deren neuen Deal mit Marussia?"
Gallagher: "Virgin hat in diesem Jahr enorme Fortschritte gemacht. Zu Anfang hatten sie große Zuverlässigkeitsprobleme, haben dann aber immer mehr Performance geboten und sich so als Team eine gewisse Glaubwürdigkeit erarbeitet. John Booth hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass es ein Lehrjahr wird. Der per CFD entworfene VR-01 von Nick Wirth hat sich im Vergleich zum Lotus nicht schlecht geschlagen und bietet für 2011 eine gute Basis."

"Das Investment von Marussia ist für das Team eine tolle Nachricht - auch für Cosworth. Wir arbeiten schon seit einem Jahr erfolgreich mit Marussia zusammen, liefern den Antriebsstrang für den großartigen B1-Sportwagen nach Moskau. Dass nun zwei Partner in einem Formel-1-Team zusammenfinden ist etwas, auf das wir uns sehr freuen. Die Kombination von Virgin und Marussia wird zweifellos das Interesse an der Formel 1 in Russland weiter erhöhen, nachdem Vitaly Petrov den Grundstein gelegt hat und ein russischer Grand Prix 2014 vor der Tür steht."

Frage: "Es sind noch rund 100 Tage bis zum ersten Rennen des Jahres 2011. Wie laufen die Vorbereitungen?"
Gallagher: "Es ist eine arbeitsreiche Zeit. Die Vorbereitungen auf 2011 haben schon vor Monaten begonnen, beispielsweise mit dem Entwurf von KERS, das zurzeit getestet wird. Wir arbeiten eng mit Williams, Virgin und HRT zusammen, um deren Wintertests, Autopräsentationen und Aktionen zum Saisonstart vorzubereiten. Wir erwarten, dass im kommenden Jahr beide Versionen eingesetzt werden: der Motor mit KERS und jener ohne KERS. Wir verändern auch einige interne Abläufe im Rahmen von Optimierungen. Es sind hektische Wochen, aber wir freuen uns sehr auf 2011."

Frage: "Wie ist dein erstes Jahr an der Spitze von Cosworth aus ganz persönlicher Sicht gelaufen?"
Gallagher: "Als ich den Job annahm, war mir sofort klar, dass es eine große Aufgabe sein würde - gleichzeitig aber sehr befriedigend. Diese Erwartungen wurden in beiden Bereichen sogar übertroffen. Ich habe in meiner Zeit an der Spitze des A1GP-Siegerteams viel gelernt, was sehr wichtig war, damit die Ingenieure und Techniker ihre beste Leistung zeigen konnten. Ich habe auch gelernt, wie man Leute antreibt, wie man das Geschäft profitabel gestaltet und alle Verträge im Blick behält."

"Ich habe auch in diesem Jahr viel gelernt, was die Rolle jederzeit interessant macht. Vor allem habe ich aber viel darüber erfahren dürfen, wie breit die Cosworth-Gruppe mittlerweile aufgestellt ist. Es frustriert mich etwas, dass die Formel-1-Zuschauer Cosworth immer noch nur als 'Motorenlieferant' wahrnehmen. Wir sind heutzutage mehr als das. Die Entwicklungen in den Bereichen Elektronik, Luftfahrt, Verteidigung und Automotive sind erstaunlich, wenn auch zumeist geheim. Wir werden in Zukunft dafür sorgen, dass mehr solche Cosworth-Projekte anständig kommuniziert werden."

Fotoquelle: xpb.cc

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