ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk hält den deutschen Grand Prix für sicher

Formel 1 2010

— 05.12.2010

Tomczyk-Interview: "Mache mir keine Sorgen um Deutschland"

ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk im Exklusivinterview: Die Folgen des Vettel-Titels, das neue Motorenreglement und der deutsche Grand Prix

Hermann Tomczyk hat zwar seit rund einem Jahr kein Stimmrecht im FIA-Weltrat mehr, aber dennoch hat der ADAC-Sportpräsident die Entwicklung der Königsklasse noch genauestens im Blick. Der Bayer stellte sich 2009 bei der Neuwahl des FIA-Präsidenten auf die Seite des finnischen Kandidaten Ari Vatanen, spricht aber nun von einer "sehr guten" Zusammenarbeit mit dessen Gegner Jean Todt. Tomczyk berichtet im Interview mit 'Motorsport-Total.com' über den Vettel-Effekt und die Zukunft des Grand Prix von Deutschland.

Frage: "Hermann Tomczyk, welche Auswirkungen hat der Formel-1-Titel von Sebastian Vettel? Oder ist Deutschland ohnehin schon gesättigt gewesen?"
Hermann Tomczyk: "Man sollte sich nie zurücklehnen und mit etwas zufrieden sein. Wir haben unsere intensive Nachwuchsarbeit begonnen als Michael Schumacher am Zenit war. Wir dürfen nun erfreulicherweise die Früchte ernten, während andere Nationen gemerkt haben, dass sie vielleicht ein paar Jahre verschlafen haben."

"Nachwuchsförderung ist nichts, wo ich heute anfange und schon morgen Ergebnisse habe. Es muss nachhaltig sein. Wir schauen jetzt schon wieder in die Zukunft. Vettels Titel - und überhaupt die Person Vettel - wird wieder ein Impulsgeber sein, damit es in Zukunft vorwärts geht. Er ist ein klassischer Vertreter der gemeinsamen Nachwuchsarbeit. Das beanspruche ich nicht allein für den ADAC, sondern auch die Industrie macht mit."

Frage: "Also kommt der gerade zum perfekten Zeitpunkt?"
Tomczyk: "Ja, wobei auch für ihn selbst der Titel zum rechten Zeitpunkt kommt."

Lob für die neuen Teams

Frage: "Wie haben sie die Formel-1-Saison insgesamt empfunden?"
Tomczyk: "Man muss sagen, dass die neue Punkteregelung und die neuen Teams anfangs etwas skeptisch verfolgt wurden. Im Endeffekt war es eine spannende Saison. Die Teams, die am Anfang mit großem Abstand dabei waren, haben sich sehr angenähert."

"Die neuen Teams hatten unwahrscheinlich gute Trainingsergebnisse, bezüglich der Abstände. Dass neue Teams noch eine große Aufgabe vor sich haben, ist doch klar. Insgesamt war es eine gute Formel-1-Saison. Dass es letztlich noch so spannend, die Titelkandidaten durch so wenige Punkte getrennt und ein solches Ergebnis noch möglich war, hat es interessant gemacht."

Frage: "Es gab zwar in dieser Saison etwas Streit um technische Feinheiten, aber es gab in diesem Jahr weniger politische Auseinandersetzungen. Tat dies der Formel 1 gut?"
Tomczyk: "Das tat nicht nur der Formel 1, sondern dem gesamten Motorsport gut. Wenn der Sport in den Vordergrund und die Politik wieder etwas in den Hintergrund rückt, dann ist das eine Entwicklung, die ich persönlich hundertprozentig begrüße."

Frage: "Gestritten wird immer noch um das künftige Motorenreglement, dessen Einführung mindestens ein Hersteller aufgeschoben haben möchte. Wie ist ihre Haltung dazu?"
Tomczyk: "Das ist Thema der FIA, Jean Todt hat seine Meinung dazu. Die FIA war immer straff geführt. Er bringt zwar einen anderen Führungsstil herein, aber deswegen wir er dennoch seine Ziele durchsetzen. Das ist sicherlich kein Thema, das man jetzt zerreden sollte. Das muss unter Führung des Präsidenten in der Formel-1-Kommission entschieden und eine vernünftige Lösung gefunden werden."

Neuer Motor kommt 2013

Frage: "Es gab Kritik daran, dass die FIA die normalen Entscheidungswege (über Technische Arbeitsgruppe, Formel-1-Kommission, FIA-Weltrat; Anm. d. Red.) aus Zeitgründen womöglich kaum noch einhalten kann. Stimmt der Eindruck, dass Teams und Verbände möglicherweise von der FIA überrumpelt werden?"
Tomczyk: "Nein, das ist mit Sicherheit nicht so. Speziell in der Formel 1 hat sich an der Struktur mit der Formel-1-Kommission und dem Weltrat nichts geändert. Dort wird die Entscheidungsfindung bestimmt weiter so laufen wie es bisher der Fall war, gerade in technischen Dingen - da sorgt schon das Concorde-Agreement dafür. In den anderen Sportarten sind schon mit neuen Kommissionen Impulse gesetzt worden, die anders strukturiert und zusammengesetzt sind. Das geht in die richtige Richtung."

Frage: "Sind sie sicher, dass 2013 ein neuer Motor kommt?"
Tomczyk: "Sicher? Was ist schon sicher? (lacht) Ich denke aber schon, dass es in dieser Richtung bleiben wird."

Frage: "Das könnte Bedeutung für den deutschen Motorsport haben, wenn es um das Interesse eines deutschen Herstellers geht, sich womöglich auf höchster Ebene zu engagieren. Ist es im Interesse des ADAC, mehr Hersteller aus Deutschland zu sehen?"
Tomczyk: "Man sollte als Verband nicht versuchen, einen Hersteller irgendwo hinzubringen, zu helfen, zu schieben oder eine Politik zu ergreifen. Die Verbände - ob FIA, DMSB, oder die Mitgliedsverbände wie der ADAC - haben alle die Aufgabe, eine Bühne zu definieren und zu bauen."

"Die Hersteller haben immer schon selbst entschieden, ob sie gut ist, ob man sich es leisten kann und ob es zum Marketingkonzept passt. Es wäre der falsche Ansatz, dort auf einen einzelnen Hersteller zu schauen und zu sagen: Jetzt helfen wir Deutschen den deutschen Herstellern und die Franzosen haben einen französischen Hersteller. Da würden wir auch nicht weiterkommen."

USA, Russland, Rom: Deutschland nicht gefährdet

Frage: "Im kommenden Jahr gibt es erstmals 20 Rennen - eine große Zahl. Im Hintergrund warten noch Russland, USA und zum Beispiel Rom. Muss sich Deutschland eventuell Sorgen machen? Könnte der deutsche Grand Prix wackeln?"
Tomczyk: "Ich mache mir keine Sorgen. Und zwar deshalb nicht: Deutschland ist Kernmarkt in Mitteleuropa, außerdem sind wir nicht nur mit Herstellern, sondern auch mit Fahrern kräftig vertreten. Zusätzlich hat die Formel 1 ihre Wurzeln in Europa. Ein alter Baum behält seine Wurzeln immer dort, wo er stand. Man kann nicht nur weltweit fahren und das Zentrum, wo alles entstanden ist, vergessen. Ich mache mir aus deutscher Sicht keine Sorgen."

Frage: "Müssen sich eher die Belgier Sorgen machen?"
Tomczyk: "Ob jetzt mal der eine in Europa mal herausfällt oder nicht, das mag schon sein. Das ist Bernies Thema mit seinen Promoterverträgen. Man muss mal sehen."

Fotoquelle: xpb.cc

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