Sebastian Vettel genießt die Freude nach dem Titelgewinn, braucht aber auch Ruhe

Formel 1 2010

— 14.12.2010

Vettel: "Unangenehm, wenn man sich beobachtet fühlt"

Vettel über hemmenden Voyeurismus, warum ihn seine Freunde manchmal langweilig finden und wieso er Webber wieder den Vogel zeigen würde

Die Welt des Sebastian Vettel steht Kopf. Seit dem WM-Titel in Abu Dhabi wird der 23-jährige Heppenheimer herumgereicht - wo er auftaucht, herrscht viel Rummel um seine Person. Anonymität? Damit ist es jetzt wohl endgültig vorbei. Der Red-Bull-Pilot steigt als Formel-1-Weltmeister in die Riege der absoluten Topstars auf, zumal er noch dazu mit zahlreichen Superlativen ausgestattet ist: jüngster Champion, jüngster Sieger, jüngster Pole-Setter, jüngster Punktesammler der Formel 1.

Doch wer Vettel kennt, der weiß auch, dass dieser kein Selbstdarsteller ist. Keiner, der die Bühne unbedingt braucht, um mit sich selbst im reinen zu sein. Stattdessen schirmt er sein Privatleben so gut es geht von der Öffentlichkeit ab. Ein Verhalten, das man in dieser Konsequenz bei anderen Spitzensportlern oft vergeblich sucht. Doch auch kaum jemand wirkt in der Öffentlichkeit so authentisch wie Vettel.

Im Interview mit der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' gesteht der Beatles-Fan nun, dass er sich von der Öffentlichkeit manchmal missverstanden fühlt: "Ich kann nicht mehr einfach so in die Stadt gehen. Viele sagen vielleicht: Was stellt der sich jetzt so an? Dann wird er vielleicht mal erkannt, schreibt zwei Autogramme und macht drei Bilder - und das Thema ist durch. Aber das ist gar nicht mal der Punkt."

Stattdessen ist es der Voyeurismus vieler Menschen, der ihm manchmal zu schaffen macht: "Unangenehm wird es, wenn man sich beobachtet fühlt. Dann bin ich nicht mehr ich selbst, dann bewege ich mich in gewisser Weise gehemmt, und das ist kein schönes Gefühl. Manche mögen das vielleicht gern. Ich nicht." Sein neues Leben will er aber nicht gegen das alte tauschen: "Auch damit lernt man umzugehen, und die Vorteile meines Lebens überwiegen. Etwas Besseres, als in der Formel 1 zu fahren, könnte ich mir gar nicht vorstellen."

Vettel sehnt sich nach Normalität

Das deutlich größer gewordene Interesse an seiner Person spürt Vettel vor allem durch die Themensetzung vieler Journalisten: Während sich früher die meisten Fragen um die Formel 1 drehten, sind es jetzt private Dinge, die oft im Vordergrund stehen: "Was zieht er an? Wie lange steht er morgens im Bad? Ich habe schon gemerkt, dass bei einem Weltmeister plötzlich auch andere Dinge wichtig sind."

Er hat aber einen Weg gefunden, sein Privatleben weiterhin zu schützen: "Man muss den Leuten erklären, warum man ihnen nicht alles erzählt. Das kann jeder dann verstehen. Wenn ich zu Hause bin, möchte ich einfach nur meine Ruhe haben. Ganz normal sein. Da gibt es dann kein Super-Essen und auch keinen Super-Champagner. Ich mache ganz normale Dinge."

Daran stößt sich teilweise auch Vettels Freundeskreis - was beweist, dass es der Red-Bull-Pilot vorzieht, seine Freizeit mit "einfachen" Leuten zu verbringen. "Ein Freund sagte mal zu mir: Mensch, jetzt hockst du wieder nur auf der Couch, willst du nicht mal was unternehmen?", erzählt Vettel. "Aber es ist immer das, was man gerade nicht hat, wonach man sich sehnt. Ich bin ständig unterwegs, wir hatten 19 Rennen in dieser Saison. Also sehne ich mich danach, einmal nicht im Flugzeug zu sitzen und einfach nur zu Hause zu sein."

Für seine Freunde hat der Glamour der Formel 1 einen Reiz, der für Vettel deutlich in den Hintergrund gerückt ist: "Manchmal nehme ich meine Kumpels mit zu einem Rennen. Für die ist es toll, in einem schönen Hotel abzusteigen. Die schauen dann, was da für Dinge im Badezimmer rumliegen. Man selbst sieht das gar nicht mehr, weil man das immer hat. Ich freue mich auf meine eigenen Sachen."

Warum Vettel gerne auf Geld verzichtet

Dass die eigenen Leistungen auf der Rennstrecke unter dem großen Rummel um seine Person leiden könnten, befürchtet er nicht: "Ich bin jetzt seit knapp vier Jahren in der Formel 1. Im Laufe der Zeit wurde mir dabei vor allem eines bewusst. Du brauchst Zeit für dich selbst, du musst dich körperlich vorbereiten und mental von den Belastungen erholen."

"Wenn ich jetzt jeden Vertrag, der mir vorgelegt wird, unterschreibe, dann habe ich am Ende des Jahres ganz sicher mehr Geld auf meinem Konto. Aber ich muss auch sehr viel meiner Zeit abgeben. Und das ist das Letzte, was ich will: Kompromisse eingehen, die irgendwann zu Lasten meiner Leistung gehen."

Daher gebe es laut Vettel nur "zwei Möglichkeiten. Entweder ich treffe mich mal mit Freunden und mache, was ich will. Oder ich lege Wert auf viele Sponsoren und weiß dann aber auch, dass ich zu Terminen muss, zehn Leuten die Hand schütteln und zwei Stunden reden muss."

"Man muss abwägen, was einem wichtiger erscheint. Mir ist die Leistung wichtig, und ich weiß genau, was ich machen muss. Ich habe keine Lust, am Ende der nächsten Saison nur Dritter zu sein und zu sagen: Okay, jetzt war das Drumherum vielleicht doch zu viel. So weit will ich es gar nicht erst kommen lassen."

Vom Vettel-Vogel zum Vettel-Finger

Auch wenn Vettel am Ende dieser Saison sein großes Ziel, Weltmeister zu werden, erreicht hat, so stand er zu Saisonmitte teils heftig unter Beschuss. Der Deutsche beging einige Fehler, machte sich nach der Stallkollision mit Mark Webber in Istanbul, als er seinem australischen Teamkollegen wütend den Vogel zeigte, nicht nur Freude.

Würde er heute noch einmal gleich handeln? Vettel bejaht: "Wenn man denkt, dass der andere spinnt, dann zeigt man ihm das. Wie auch immer. Ich stehe zu dem, was ich gemacht habe. Wenn ich irgendwann wieder einmal der gleichen Meinung bin, dann kommt so etwas vielleicht noch mal vor. Ich habe kein Problem damit."

Und auch der ausgestreckte Zeigefinger, den der Weltmeister nach jedem Erfolg stolz der Kamera präsentiert, wurde Vettel von Kritikern als Arroganz ausgelegt. Vor allem zahlreiche Webber-freundliche Journalisten hatten so einige Male Stimmung gegen den Schützling von Red-Bull-Motorsportkonsulent Dr. Helmut Marko gemacht. "Als ich 2008 in Monza mein erstes Rennen in der Formel 1 gewonnen habe, kam diese Bewegung zum ersten Mal. Ganz spontan", erzählt Vettel, wie es zum "Vettel-Finger" gekommen ist.

"Das war ein unglaublich schönes Gefühl, und immer, wenn es wieder in diese Richtung geht, kommt dieses Gefühl wieder hoch. Als ich in Heppenheim empfangen wurde, schrien die Leute: Zeig uns den Finger! Das war schon sehr lustig", bestätigt er, dass seine Fans den Fingerzeig längst als "Trademark" des Formel-1-Champions aufgenommen haben.

Fotoquelle: Red Bull/Getty

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