Webber glaubt nicht, dass ihn die Stallordererlaubnis in Bedrängnis bringt

Formel 1 2010

— 15.12.2010

Webber: "Kein Vertrauensbruch, eher wie im Boxring"

Warum Horner Mark Webber für die Verheimlichung der Verletzung dankbar sein sollte, ein Wechsel nie Thema war und welche Ehrung er für Newey fordert

Für Red-Bull-Teamchef Christian Horner erhielt die großartige Saison 2010 kürzlich einen bitteren Nachgeschmack. Pilot Mark Webber, der dem Briten nahe steht, hatte ihm verheimlicht, die letzten vier Rennen mit gebrochener Schulter gefahren zu sein. Webber hatte nach dem Rennen in Spa-Francorchamps die volle Konzentration auf seine Person gefordert, tatsächlich sah er zum Zeitpunkt des Mountainbike-Unfalls - sein zweiter in zwei Jahren - wie Red Bulls heißestes Eisen aus.

Auch wenn Horner seinem Ärger Luft machte, nachdem der "Aussie" seine Verletzung in seinem neuen Buch zugegeben hatte, steht Webber gegenüber 'BBC Radio 5 Live' zu seiner Entscheidung: "Das war absolut die richtige Entscheidung. In einer konkurrenzfähigen Umgebung ist das hart genug - und dann würden die Leute versuchen, zu verstehen warum es passiert ist, was er hat und was er durchmacht. Sie würden Fragen stellen, dabei gab es schon genug Fragen und Verhöre."

Zudem hielt Webber auch aus Rücksicht auf seinen Teamchef dicht: "Was Christian angeht... manchmal kann ein Stück Information gefährlich sein. Er hatte so schon viel um die Ohren - und ihm dann auch noch das aufzubürden? Heute sagt es sich leicht, dass ich es die Leute hätte wissen lassen sollen, doch die beste Taktik war es, sie nicht zu informieren."

Verheimlichung kein Vertrauensbruch

Webber glaubt nicht, dass die Verheimlichung einem Vertrauensbruch gleichkomme: "Es ist keine Frage des Vertrauens, es ist kein Vertrauensbruch wie in anderen Beziehungen. Es ist eher wie im Boxring - wenn du Schmerzen hast, warum solltest du es jemanden wissen lassen, dass du nicht ganz auf der Höhe bist? Was ich ja sogar war."

Dennoch gibt Webber zu, dass ihn die Situation zunächst etwas nervös gemacht hatte: "Bezüglich des Teams war ich nervös, ob es meine Leistungen beeinflussen würde, doch dann wäre es dem Team sowieso aufgefallen und dann hätte ich es ihnen gesagt." So erfuhren nur vier Menschen von der Beeinträchtigung - seine Eltern, seine Freundin und der Physiotherapeut: "Ich sagte zu meinen engsten Vertrauten, Mutter und Vater, Ann und Roger, dass sie es niemanden erzählen dürfen, denn wenn das jemand erfährt..."

Schließlich war Webbers Schulterverletzung nur eine weitere Episode in einer Saison, die von Spannungen zwischen ihm und seinem Rennstall gezeichnet wurde. Am besten brachte dies der Grand Prix von Großbritannien zum Ausdruck, als Webber siegte und dies mit dem zynischen Satz "Nicht schlecht für einen Nummer-zwei-Piloten" kommentierte - zu groß war ihm die teaminterne Unterstützung für Teamkollegen Sebastian Vettel geworden.

Verständnis für teaminterne Unruhe

Inzwischen sieht er die Situation nüchterner - und vergleicht die Geschehnisse bei Red Bull mit denen bei anderen Rennställen: "Ferrari und McLaren hatten auch schon ihre Probleme mit konkurrenzfähigen Fahrern und ich verweise damit nicht auf Lewis und Fernando vor ein paar Jahren. Ferrari ist schon seit 50 Jahren hier, Red Bull erst seit fünf Minuten, wir haben dieses Jahr viel gelernt. Und ich wusste, dass wir da als Team durchmüssen und dann voranschreiten werden."

Webber machte schnell allen klar, dass er keine Sekunde daran denken würde, für Vettel als Wasserträger zu fungieren. Sollte dies je ein Thema sein, hätte er kein Interesse mehr, für Red Bull zu fahren. Ob er je wirklich an einen Teamwechsel gedacht hat? "Es ist mir nie durch den Kopf gegangen, woanders hinzugehen", verneint Webber, obwohl sich vor allem Red-Bull-Konsulent Dr. Helmut Marko nach der Stallkollision klar auf die Seite Vettels gestellt hatte, auch wenn für die meisten eher der Deutsche am Crash schuld war.

"Die Reaktion des Teams war damals sehr scharf", erinnert er sich. "Es hat so gute Arbeit geleistet, um uns beiden die Chance zu geben, viel zu erreichen. Wenn dann so etwas passiert, was sehr sehr selten ist, dann fällt die Reaktion eben so aus. Ich wusste, dass ich die Situation mit meinem eigenen Team wieder in Ordnung bringen muss, dachte nie an einen Wechsel. Wie ich schon öfter gesagt habe: Das Team und ich - wir alle haben dieses Jahr viel darüber gelernt, wie man auf diesem Level konstant an der Spitze fährt."

Warum Webber für Stallorder Verständnis zeigt

Im Saison-Endspurt betonte Red Bull stets, dass man auf die verbotene Stallorder verzichtet und beide Fahrer frei fahren lässt. Ferrari hatte in Hockenheim gegen das Reglement verstoßen, dafür aber nur eine Geldstrafe erhalten. Nun hat die FIA reagiert und das seit 2002 gültige Stallorderverbot aufgehoben.

Ob Webber nun Angst habe, dass auch sein Red-Bull-Team auf Stallorder setzt? "Stallorder gibt es seit 1950er und 1960er Jahren, das hat es doch immer gegeben", hält er die Debatte für eine Farce. "Wenn zwei Fahrer für ein Team fahren und man das Resultat ab und an drehen kann, damit das Team ein besseres Resultat einfährt - das hat es früher gegeben, ganz egal ob im Vorderfeld oder hinten. Sogar ich habe es getan. Ich war dabei auf der Gewinnerseite. Früher gab es das noch öfter, als es mehr um die Strategie ging und sich die Gewichte der Autos überschnitten."

Dass die Rennen ab sofort von Entscheidungen am Kommandostand gezeichnet werden, glaubt der 34-Jährige nicht: "Die Leute sollten jetzt nicht nervös werden, sie werden es nicht an jedem Wochenende sehen." Auch Ferraris Verhalten in Hockenheim ist für Webber nachvollziehbar. Auch wenn er zunächst sagt: "Das war ziemlich brutal, schlimmer kann es nicht werden, im Kampf um die Führung. Fernando klebte an Felipes Heck und machte Druck. Und Ferrari dachte sich: Was machen wir jetzt? Lassen wir es zu, dass sich unsere Piloten gegenseitig abschießen? Dann wären sie dafür auch niedergemetzelt worden."

Schließlich entschied man rationell, weiß Webber: "Die andere Frage war: Tauschen wir einfach die Positionen? Felipe liegt in der Fahrer-WM 80 Punkte zurück, so haben wir eine Chance, am Ende den Titel zu holen. Und genau das passierte schließlich mit Fernando. Ich kann mich aber auch gut in die Lage der Fans hineinversetzen. Es ist nicht einfach."

Ritterschlag für Newey?

Das veränderte Regelwerk ändert aber nichts an seiner Ausgangslage: Webber will 2011 seinen Teamkollegen Vettel vom Formel-1-Thron stürzen. "Sebastian ist jetzt Weltmeister und ich muss mich jetzt in eine Position bringen, aus der ich gegen ihn fahren kann und ihn wieder so oft wie möglich schlagen kann. Und dann gibt es ja noch die anderen Verdächtigen: Jenson, Lewis, Fernando."

Webber glaubt nicht, dass ihn die Niederlage im Titelkampf für 2011 schwächt: "Der Reset-Knopf wurde gedrückt. Wir haben jetzt neue Regeln, die wir verstehen müssen. Ich war ganz klar in einer Position, wo ich etwas wirklich Einzigartiges schaffen hätte können. Doch das Märchen hat nicht stattgefunden. Es gibt aber viele positive Dinge, die ich in die neue Saison mitnehmen kann - ich bin neu aufgeladen und ich werde es wieder versuchen. Ich habe eine großartige Truppe um mich herum."

Einen ganz besonderen Stellwert nimmt darin freilich auch Stardesigner Adrian Newey ein. Auch für Webber ist er der Hauptverantwortliche für den wundersamen Aufstieg Red Bulls: "Adrian ist ein großes Mitglied unseres Teams und seine Genialität beim Bau von Rennwagen ist bekannt. Das ist ähnlich wie bei jemandem, der Flugzeuge oder Jachten designt. Er versteht, was das Auto benötigt, um Abtrieb zu erzeugen, was wiederum die Rundenzeit und schließlich Siege bringt. Das macht seine Autos so schnell."

Aus diesem Grund fordert er nun den Ritterschlag für Newey: "Wenn irgendwer zum Ritter geschlagen werden sollte, dann wäre Adrian dafür sicher ein Kandidat, auch wenn es viele besondere Leute da draußen gibt. Er hat eine phänomenale Bilanz vorzuweisen und schon über 100 Grands Prix gewonnen. Er holte mit drei verschiedenen Teams den Titel und wo auch immer er hinging, hat es funktioniert."

Fotoquelle: GEPA

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