Namen sind Schall und Rauch: Mike Gascoyne will in fünf Jahren an die Spitze

Formel 1 2010

— 30.12.2010

Gascoyne: "Farbe drauf und auf die Strecke"

Lotus-Technikchef Mike Gascoyne über die Entwicklungen im Namensstreit, die Erwartungen für 2011 und den langen Weg an die Formel-1-Spitze

Als Letzter gekommen, aber als Erster etabliert - nach diesem Motto absolvierte das neue Lotus seine erste Saison in der Formel 1. Das Team um Boss Tony Fernandes und Technikchef Mike Gascoyne erhielt erst spät im Jahr 2009 die Zusage für einen Startplatz ab 2010. Dennoch konnte sich die britisch-malaysische Mannschaft schnell als bester der drei Neuzugänge etablieren - trotz vieler Sorgen mit der Zuverlässigkeit des T127.

"Man steigt nicht in die Formel 1 ein und nimmt es sofort mit den etablierten Teams auf", erklärt Gascoyne im Interview auf 'paultan.org'. Mit realistischen, aber ambitionierten Vorgaben sei man in die Debütsaison gegangen. "Wir wollten bestes neues Team sein, weil das unsere einzige Vergleichsmöglichkeit war. Das ist uns auf Anhieb gelungen", berichtet der Brite stolz. "Die wichtigste Entwicklung fand aber 2010 nicht auf, sondern abseits der Strecke statt."

"Es ging darum, das Team passend aufzustellen. Man ist nur ein Jahr lang ein neues Team, im kommenden Jahr sind wir schon etabliert. Wir müssen es dann also mit den anderen Teams aufnehmen und Punkte holen", sagt Gascoyne und macht damit die Ziele für das Jahr 2011 deutlich. Es muss voran gehen. Virgin und HRT sollen abgeschüttelt, die etablierten Teams sportlich auf der Strecke unter Druck gesetzt werden.

"Wenn man sich unsere Ankündigungen für das kommende Jahr anschaut, dann liegen enorm wichtige Entwicklungen vor uns: Motoren von Renault, Getriebepartner von Red Bull, der Bau eines neuen Windkanals und zum Beispiel die Verpflichtung von erfahrenen Leuten wie Mark Smith, der Technischer Direktor wird", beschreibt der Technikchef die kommenden Schritte im weiteren Aufbau des Teams.

Lotus-Weg als Herzensangelegenheit

"2010 war okay. Es war ein großer Schritt aus dem Nichts zum besten neuen Team. Aber der Schritt von einem neuen Team zu einem Herausforderer der etablierten Rennställe ist noch viel größer. Diesen Schritt haben wir uns dennoch für das kommende Jahr vorgenommen." Die Fortschritte von Lotus waren in der abgelaufenen Saison deutlich, schon früh konzentrierte man sich gleichzeitig auf die Entwicklung für 2011.

"Für mich ist Lotus natürlich etwas ganz Besonderes", sagt Gascoyne, für den der weitere Weg von Lotus in der Formel 1 nicht nur Job, sondern Herzensangelegenheit ist. "Ich bin ganz in der Nähe der Firma aufgewachsen und zur Schule gegangen. Ich habe damals die Erfolge von Lotus hautnah miterlebt. Dass ich nun Anteil daran hatte, den Namen Lotus wieder in die Formel 1 zu bringen, bedeutet mit persönlich sehr viel."

Der Schritt des berühmten Namens Lotus zurück in die Königsklasse ist getan. Die große Frage ist allerdings, wer den Namen im kommenden Jahr noch tragen darf, nachdem die Lotus-Gruppe als 50-Prozent-Teilhaber beim früheren Renault-Werksteam eingestiegen ist. Die Diskussionen und Streitereien um die künftigen Teambezeichnungen ziehen sich schon seit Wochen hin.

"Das ist alles sehr schade", winkt Gascoyne etwas genervt ab. "Für mich als Ingenieur ist es egal, ob ein Auto nun grün, schwarz, pink oder hellrot ist. Das spielt keine Rolle. Auch der Name hat keinen Einfluss darauf, wie schnell das Auto beim ersten Test läuft. Auf der anderen Seite sind wir alle stolz auf das, was wir mit Lotus in diesem Jahr geschafft haben, indem wir den Namen Lotus zurück in die Formel 1 gebracht haben. Das kann uns niemand mehr nehmen."

Der Namensstreit ändert nichts an der Leistung

"Hätten Colin Chapman und Lotus jemals ein französisches Auto mit dem Namen Lotus gebrandet? Ich glaube eher nicht", erklärt Gascoyne seine skeptische Haltung gegenüber der Lotus-Gruppe um Dany Bahar. "Wir wollen unseren Investoren das Engagement durch Leistung zurückzahlen, wollen ein schnelleres Auto bauen. Nennt es, wie ihr wollt: Wir lassen uns nicht davon abbringen."

"Die Fans verstehen die Streitereien um den Namen ohnehin nicht mehr", schüttelt Gascoyne angesichts der anhaltenden Zwistigkeiten den Kopf. "Ich persönlich verstehe überhaupt nicht, warum die Lotus-Gruppe dermaßen viel Geld investiert, um die Marke in der Formel 1 zu präsentieren, wenn sie das auf anderem Wege kostenlos haben könnten."

"Zum Glück muss ich mich nicht damit beschäftigen, denn das ist Sache der Marketingleute", sagt Gascoyne. "Ich kümmere mich lieber weiter darum, dass wir ein aus 4.000 Einzelteilen bestehendes Rennauto auf die Strecke bringen. Wenn man uns den Namen wegnimmt, dann schmerzt das vielleicht, aber es stachelt manchen bei uns sicherlich an, in irgendeiner Form Rache zu nehmen."

"Wir werden also kurz vor dem Start der Testfahrten im Februar irgendeine Farbe draufmachen und dann auf die Strecke fahren. Die Leistung des Fahrzeugs ändert sich dadurch nicht einmal im Tausendstelbereich", lacht der Brite. Die Diskussionen um die Namensrechte könnten ihn uns sein Technikerteam in Hingham nicht aus der Bahn werfen. Es gelte nun, mit voller Kraft an den von Tony Fernandes artikulierten Zielen zu arbeiten.

Aufstieg innerhalb von fünf Jahren geplant

"Tony setzt hohe Ziele - das ist gut und richtig", sagt der Lotus-Technikchef. "Im kommenden Jahr wollen wir die Teams auf den Plätzen sechs bis neun ins Visier nehmen: Williams, Force India, Toro Rosso und Sauber. Wir waren in diesem Jahr oft bis auf eine Sekunde dran, daher wollen wir nun in diese Gruppe vorstoßen. Wenn wir es am Ende auf Platz sieben oder acht der Konstrukteurswertung schaffen könnten, wäre das ein toller Erfolg."

"Nach 18 Monaten kann man nicht gegen Ferrari, Red Bull, McLaren oder Mercedes um Siege kämpfen. Das kommt in drei oder vier Jahren. In der kommenden Saison sind erst einmal regelmäßige Punkte das erklärte Ziel", beschreibt Gascoyne den Fahrplan von Lotus. "Alles braucht seine Zeit. Schaut mal Red Bull an, die jetzt gerade ihren ersten Titel gewonnen haben. Das hat sieben Jahre gedauert, obwohl sie ein bestehendes Team übernommen hatten. Vorher war es Jaguar, davor Stewart."

"Als ich zu Benetton ging, um Renault zurück in die Formel 1 zu bringen, da starteten wir auch mit einem bestehenden Team", blickt Gascoyne zurück. Der 47-Jährige erinnert sich an einen langen Weg zurück an die Spitze der Königsklasse: "2001 waren wir weit hinten, im Jahr darauf gab es Podestplätze, 2003 in Ungarn den ersten Sieg von Fernando Alonso und 2005 schließlich den Titel."

"Selbst mit einem etablierten Team, das schon Titel gewonnen hatte, dauerte dieser Aufbauprozess fünf Jahre. Einen solchen Zeitrahmen muss man im Blick haben", so Gascoyne. "Wir bauen in den kommenden 18 oder 24 Monaten unseren neuen Windkanal, es geht überall voran. Nicht zu vergessen ist das Resource-Restriction-Agreement (RRA), das bedeutet, dass die großen Rennställe mit 600 Leuten oder mehr auf eine Personalstärke von 300 zurückfahren müssen. Wir hingegen können weiter kontrolliert wachsen."

Fotoquelle: xpb.cc

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