Hoffen auf ein besseres zweites Jahr bei Lotus: Trulli und Kovalainen

Formel 1 2010

— 30.12.2010

Lotus: Kovalainens Wiedergeburt, Trullis Tiefpunkt

Warum Lotus mit den Fahrern Jarno Trulli und Heikki Kovalainen ein großes Risiko einging und wie gegensätzlich sich die beiden entwickelt haben

Wäre da nicht der leidige Namensstreit, dann dürfte der Lotus-Rennstall nach dem Debütjahr in der Formel 1 zufrieden Bilanz ziehen. Man hat das Ziel, bester Neueinsteiger zu sein, klar erreicht - mehr war durch die extrem kurze Vorbereitungszeit auch nicht realistisch. Zur Erinnerung: FIA-Boss Max Mosley hatte Mitte 2009 drei Teamplätze in der Formel 1 ausgeschrieben - in nur einem halben Jahr musste man also einen Formel-1-Rennstall auf die Beine stellen.

Auch für die Piloten Heikki Kovalainen und Jarno Trulli barg der Wechsel von McLaren und Toyota zum Neuling Lotus ein großes Risiko. Vor allem, wenn man weiß, wie kurzfristig in Norfolk ein Formel-1-Team aus dem Boden gestampft wurde. Kovalainen erinnert sich im Interview auf 'paultan.org', dass der Bolide ursprünglich von Technikchef Gascoyne mit einer kleinen Technikertruppe in Köln konstruiert wurde: "Das Auto wurde in großer Eile gebaut - nicht von unseren Designern, sondern von anderen Leuten in Deutschland, als das Team noch gar nicht aufgestellt war." Ein Kulturschock für das Pilotenduo, dessen Vorgängerteams auf beinahe unerschöpfliche Ressourcen zurückgreifen konnten.

"Die Fahrer waren sehr mutig, da sie offensichtlich ans Ende der Startaufstellung zurückfallen würden", sagt Gascoyne. "Sie wussten das und es ist nicht einfach für einen erfahrenen Piloten, doch sie vertrauten dem Projekt, vertrauten Tony Fernandes und den Eigentümern, vertrauten mir und dem technischen Team. Jetzt wird es Zeit, dieses Vertrauten zurückzuzahlen."

Kovalainens Wiedergeburt

Doch nicht nur für die beiden Toppiloten war es ein Risiko, sich auf die Hinterbänkler einzulassen - das gleiche galt für die Eigentümer, wie Gascoyne schildert: "Sie waren wirklich mutig und haben eine Absichtserklärung abgegeben, indem sie zwei ehemalige Rennsieger verpflichteten - keine Paydriver. Wenn man das im ersten Jahr macht, dann wird das mit Sicherheit auch im zweiten und dritten Jahr passieren." Freilich kostet ein Rennsieger mehr als ein Rookie - der Brite ist sicher, dass sich die Investition in die Piloten dennoch lohnen wird: "Wenn wir ihnen nächstes Jahr ein Auto geben, mit dem sie etwas zeigen können, dann werden sie unsere Investition zurückzahlen."

Im Nachhinein ist Gascoyne froh, dass man schon im Debütjahr auf etablierte Rennfahrer gesetzt hat: "Sie haben großartige Arbeit geleistet. Wir waren immer Zehnter und wann immer es ein Resultat zu holen gab, dann haben es Heikki und Jarno geholt. Wenn wir ihnen das richtige Auto geben, dann machen sie den Unterschied - wenn es darum geht, in Q2 oder Q3 zu kommen, Punkte zu holen, wenn man auch Elfter werden könnte."

Der Brite erkennt die unterschiedliche Entwicklung seiner Schützlinge: "Heikki erlebte bei uns seine Wiedergeburt, ihm macht der Motorsport nach einigen schwierigen Saisonen bei McLaren als Teamkollege von Lewis Hamilton wieder Spaß. Jarno hatte weniger Glück im Rennen doch vor allem gegen Ende der Saison, bei den letzten sechs Rennen, haben wir im Qualifying wieder den alten Jarno gesehen, der fantastisch schnell war - und auch das Auto lag ihm besser."

Trullis Tiefpunkt

Davor passierte, was zu befürchten ist, wenn man ehemalige Grand-Prix-Sieger in ein Hinterbänkler-Auto setzt: Trulli wirkte im Fahrerlager oft lustlos und frustriert - in Anbetracht seiner Bilanz darf einen das auch nicht wundern, schließlich hatte keiner so viele technische Defekte wie er. "Die Zahlen sind wirklich beeindruckend", weiß der Mann aus Pecara. "Ich habe während der Saison nicht mitgezählt, weil es mich nicht interessiert hat, doch am Ende habe ich 15 Defekte in 19 Rennen gezählt. Das war meine bisher schlechteste Saison - in meinem gesamten Leben, in meiner ganzen Karriere."

Trulli führt die Defekte auf reines Pech zurück: "Heikki hatte nicht so viele Probleme, beendete Rennen in perfekter Verfassung. Doch es schien so, als müsste ich das ganze Pech abbekommen." Kovalainen ist der Ansicht, dass die Probleme nicht im Bereich von Lotus liegen: "Der Grund für die schlechte Zuverlässigkeit waren die Zulieferer, denn speziell das Hydrauliksystem war sehr schwach."

Abgesehen davon fehlte dem ersten Boliden von Fernandes' Rennstall vor allem eines: Grip. "Der Abtrieb war wirklich schwach", klagt Kovalainen. "Abgesehen davon war die Balance gut, das Auto fährt sich angenehm, doch der Grip fehlt einfach. Und die Rundenzeit - jedes Mal, wenn man bei Start-Ziel vorbeikommt, war es zu langsam. So einfach ist das."

Macht die Weltmeister-Technologie nun den Unterschied?

Die erfolgsverwöhnten Piloten setzen Lotus nun unter Druck, ihnen 2011 deutlich besseres Material zur Verfügung zu stellen. Dass Trulli 2010 so viele Defekte hatte, sei ihm "egal, denn ich wusste ja, dass es eine schwierige Saison werden würde. Ich sah es immer als Übergangssaison. Was wirklich zählt, ist 2011. Ich möchte 2010 vergessen und blicke nach vorne, denn jetzt können wir wirklich kämpfen. Das wird eine große Herausforderung."

Der Sieger des Grand Prix von Monaco 2004 bringt auf den Punkt, was ihm dieses Jahr abgegangen ist: "Jeder braucht Motivation - ein Team und ein Fahrer. Ich vermisse das Rennfahren, den Kampf, die Herausforderung. Und darauf freue ich mich jetzt." Seine Hoffnungen begründen sich vor allem darauf, dass man nächstes Jahr statt dem Cosworth-Motor das Weltmeisteraggregat von Renault benutzen darf, zudem stammt das Getriebe von Red Bull: "Fernandes hat ein sehr gutes Paket zusammen gestellt - der Motor und das Getriebe sollten uns sehr gut aussehen lassen."

Etwas anderer Meinung ist Kovalainen: Der Sieger des Grand Prix von Ungarn 2008 will den neuen Antriebsstrang nicht überbewerten. "Motor und Getriebe sind nicht der Schlüssel - wir werden unser eigenes Chassis haben, das leichter und viel moderner ist. Das Schlüsselelement ist die Aerodynamik. Wir wissen, dass unser Windkanal im Moment nicht der beste ist. Derzeit beginnen wir damit, unseren eigenen Windkanal zu bauen."

Warum Kovalainen bei Lotus aufblüht?

Erst in zwei bis vier Jahren könne man laut Kovalainen an der Spitze mitfahren. Dennoch genießt er die Arbeit mit dem Team mehr als in seiner Zeit bei McLaren. "Ich bin sehr motiviert, hier zu arbeiten", sagt er. "Dieses Jahr habe ich die Arbeit wahrscheinlich mehr genossen, als in den anderen Jahren in der Formel 1 - also freue ich mich auf das nächste Jahr. Heute bin ich mehr davon überzeugt, dass das hier der richtige Platz für mich ist, als vor einem Jahr."

Das liegt vor allem am Teamchef selbst: "Tony hat einen anderen Charakter in die Formel 1 gebracht, ein anderes Feeling. Er ist sehr demütig, sehr offen, hat keine Geheimnisse, er sagt den Menschen was er denkt, egal ob gut oder schlecht. So hat er seine Fluglinie Air Asia sehr erfolgreich gemacht und es funktioniert auch in der Formel 1. Wir sind kein Firmenteam voller Gesetze und Regeln, sondern eine Gruppe leidenschaftlicher Leute, die Rennfahren wollen und ans Limit gehen. Vielleicht ist es nicht so sauber wie irgendwo anders, doch es ist bekannt, dass wir es wissen wollen. Deshalb mögen uns die Leute."

Und noch etwas rechnet er Fernandes hoch an: "Er ist sehr überzeugend - er hat bisher jedes Versprechen gehalten, das er abgegeben hat." Vieles deutet also daraufhin, dass Kovalainen langfristig bei Lotus bleiben könnte. Ob Trulli noch die notwendige Motivation aufbringt, wenn es nicht läuft, wird sich zeigen. Gascoyne auf die Frage, ob man über 2011 hinaus mit der gleichen Fahrerpaarung plane: "Jetzt müssen wir einmal 2011 abwarten. Wir haben langfristige Verträge. Wir haben das GP2-Team und wir haben das Air-Asia-Nachwuchsprogramm - wir werden sehen, was in Zukunft passiert, doch wenn die Fahrer Topleistungen bringen, dann ist Stabilität immer gut."

Fotoquelle: Lotus

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