Kritischer Blick: Sir Stirling Moss (r.) mit Lotus-Technikchef Mike Cascoyne

Formel 1 2011

— 05.01.2011

Moss zum Lotus-Streit: "Gibt kein Herz mehr im Rennsport"

Stirling Moss über die übertriebene Bedeutung von Lotus, den humorlosen Colin Chapman und an wen dieser die Namensrechte heute verkaufen würde

Für viele Formel-1-Fans ist Lotus gleich nach Ferrari das legendärste Team der Formel 1. Das Design, die legendären Rennfahrer, die in Colin Chapmans grenzgenialen Boliden triumphierten oder Opfer von Tragödien wurden - all das trug zum Mythos Lotus bei. Doch für einen, der selbst einige Male in Chapmans umstrittenen Autos saß, zählt die britische Marke aus Hethel nicht zu den Hochkarätern der Formel 1: Stirling Moss.

Der erfolgreichste Nicht-Weltmeister der Geschichte sagt gegenüber 'ESPNF1.com': "Lotus ist ein wichtiger Name der Vergangenheit, doch für mich lässt es sich nicht mit Ferrari, Mercedes oder Alfa Romeo vergleichen. Mit Sicherheit wäre ich als Fahrer viel aufgeregter gewesen, wenn ich von Alfa oder Mercedes eingeladen worden wäre, als von Lotus - ein Team, das damals in der Formel 1 gerade begonnen hatte."

Der Brite fuhr 1960 und 1961 für das von Rob Walker betriebene Lotus-Privatteam - damals waren die Ferrari überlegen und Moss wurde zwei Mal WM-Dritter. Die Glanzzeiten von Chapmans Rennstall folgten Ende der 1960er und in den 1970er Jahren. Schon zu Moss' Zeiten galt der Lotus allerdings als äußerst defektanfälliges Auto: "Was bedeutet Lotus für mich?", überlegt er. "Um ehrlich zu sein, steht es für abbrechende Räder und überempfindliche Autos."

Colin Chapman: Unmenschlich und humorbefreit?

Genau diese Unmenschlichkeit, gefährliche Autos zu bauen, wirft er Chapman nachträglich vor: "Er ging über das Limit. Wenn ein Rad abbrach, dann war die schlechte Nachricht für ihn, dass das Auto nicht ins Ziel kommt und nicht, dass dem Fahrer etwas zugestoßen ist." Er erinnert sich an eine Anekdote: Zwei Monate, nachdem er wegen eines Aufhängungsbruchs beim Grand Prix von Belgien 1960 verletzt wurde, siegte er für Lotus in den USA.

Da er an diesem Wochenende auch Geburtstag hatte, schenkte ihm das Team eine Torte in Form eines Rennwagens. Moss' Reaktion: "Als erstes schnitt ich ein Rad ab und sagte: 'Gebt das Colin Chapman'. Er fand es nicht lustig. Ich amüsierte mich jedoch prächtig."

Der aktuelle Streit um die Namensrechte zwischen Dany Bahars Lotus Gruppe und Tony Fernandes' Lotus-Rennstall passt für die Legende hingegen perfekt ins Bild der aktuellen Formel 1: "Ich finde die Situation eher mühsam, doch leider ist sie für die Formel 1 von heute, die nur noch ein Geschäft ist, symptomatisch. In vielerlei Hinsicht war auch Colin ein Geschäftsmann - würde er noch leben und würde er den Namen verkaufen wollen, dann würde er den höchsten Bieter auswählen."

Moss über den Namenstreit

Dass sich nun zwei Rennställe um den Namen Lotus streiten, hat für Moss rein finanzielle Hintergründe: "Ich persönlich finde, dass ein Team unter eigenem Namen fahren und darauf stolz sein sollte, anstatt sich darüber zu sorgen, wie viel Geld man aus der alten Lotus-Marke herausholen kann. Sein eigenes Ding durchzuziehen, entspricht viel mehr dem ursprünglichen Geist der Formel 1."

Dieser wurde aber längst aus der "Königsklasse" vertrieben, glaubt der 80-Jährige: "Leider sind die Tage längst vorbei, als es noch ein Herz im Rennsport gab - sie werden nicht mehr kommen. Man kann so viel Geld verdienen, dass es kein Sport mehr ist. Sehr wenige Leute sind nur wegen des Vergnügens dabei. Ich schätze, dass diese Entwicklung unabwendbar war, als sich das Fernsehen und die Werbung einmischten."

Abschließend bringt er den Unterschied von heute zur guten alten Zeit mit etwas Augenzwinkern auf den Punkt: "Wenn Lewis Hamilton ein Rennen gewinnt, dann muss er Vodafone danken. Zu meiner Zeit war es üblich, den heißesten Feger abzuschleppen. Ich weiß genau, in welcher Ära ich fahren würde."

Fotoquelle: xpb.cc

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