In dieser Situation dürften mindestens zwei Fahrer den Abtrieb senken

Formel 1 2011

— 20.01.2011

Heckflügel: Ein Knopf und viele Fragezeichen

Der verstellbare Heckflügel und seine Auswirkungen auf die Rennen sind bislang kaum einzuschätzen: In der neuen Saison ist Fingerfertigkeit gefragt

Adrian Sutil geht die neue Saison unter den besten Voraussetzungen an. Der deutsche Formel-1-Pilot, der in den kommenden Tagen wohl für eine weitere Saison bei Force India bestätigt wird, ist ein anerkannt guter Pianist. Genau diese Fingerfertigkeit ist in der Königsklasse des Jahrgangs 2011 gefragt - Sutil könnte sich auf der "Lenkrad-Klaviatur" zu Erfolgen klimpern.

Ab der neuen Saison wird KERS wieder in den Autos sein, zusätzlich wird es den neuen verstellbaren Heckflügel geben - zwei Knöpfe mehr an den ohnehin schon recht überladenen Lenkrädern. Mit dem neuen Heckflügel soll die Formel 1 bald mehr Überholmanöver erleben - ganz im Sinne einer guten Show. Den verstellbaren Frontflügel, der erst zum Saisonstart 2010 eingeführt worden war, mottet man ein.

"Ohne Zweifel hat der Heckflügel viel mehr Einfluss", sagt McLaren-Chefingenieur Paddy Lowe über den Abschied vom bisherigen Konzept. Lowe ist Mitglied der "Arbeitsgruppe Überholen", die mit dem verstellbaren Frontflügel auf dem Holzweg war. "Keiner hat den Frontflügel zu diesem Zweck benutzt, sondern alle haben wir im Rennen die Balance damit korrigiert."

"Also haben wir uns darauf geeinigt, den verstellbaren Frontflügel wieder abzuschaffen", sagt der Brite, der sich innerhalb der Arbeitsgruppe schnell für das neue Heckflügelkonzept begeisterte. Die Idee löst nicht nur Jubelstürme aus. Von Seiten vieler Teamchefs gibt es Skepsis, von einigen hört man sogar erhebliche Vorbehalte.

"Wenn es dann zu solchen Windschattenspielchen wie in der NASCAR kommt, dann gefällt mir das nicht mehr", sagt beispielsweise Red-Bull-Designer Adrian Newey, der befürchtet, dass Überholmanöver in der Formel 1 viel zu einfach werden könnten. Auch Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali ist dieser Ansicht. Die Show in der Königsklasse wird damit zu künstlich, so der Tenor der Skeptiker.

McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh appelliert an alle Beteiligten, dem neuen System wenigstens eine Chance zu geben. Man könne die Auswirkungen zwar noch nicht recht einschätzen, hoffe aber auf die geplante Wirkung. "Der Wunsch nach so etwas war zweifellos da", sagt Whitmarsh, der sich als Vorsitzender der Teamvereinigung FOTA ohnehin eine Verbesserung der Show zum Ziel gesetzt hat.

Dass Überholen in der Formel 1 dermaßen schwierig sei, dürfe man insgesamt nicht überbewerten, meint der Brite. "In allen Serien ist es in engen Zweikämpfen schwierig", erklärt Whitmarsh. Wer ein ausgeglichenes Feld erwarte, der dürfe nicht mit ständigen Positionswechseln rechnen. "In den meisten Kategorien bilden Fehler des Vordermanns die Grundlage für ein Überholmanöver. Nur in der Formel 1 passieren eben sehr wenige Fehler."

"Wir haben nun ein Hilfsmittel zur Verfügung", meint der McLaren-Teamchef und verteidigt die Einführung des neuen Elements. "Sollte es ein Desaster werden, dann ist es kein Problem, im Reglement etwas zu ändern, oder es ganz wieder abzuschaffen. Überholen wird aus meiner Sicht nicht zu einfach. Man hat auch noch KERS. Es werden bestimmt einige drohende Positionsverluste durch den klugen Einsatz von KERS abwendbar sein."

"Wir müssen einfach einen Weg finden, um es zielgerichtet und sensibel einsetzen zu können", sagt Whitmarsh. Das Regelwerk der FIA sieht vor, dass Anbtrieb am Heck in den Trainings und im Qualifying jederzeit reduziert werden darf, nur im Rennen gelten verschäfte Regeln für den Einsatz. Erst wenn ein Pilot weniger als eine Sekunde hinter dem Vordermann liegt, signalisiert eine Lampe im Cockpit, dass der Heckflügel verstellt werden darf.

Ab der dritten Rennrunde - oder der dritten Runde nach dem Ende einer Safety-Car-Phase - nimmt die FIA Abstandsmessungen an bestimmten Punkten der Strecke vor, die als Grundlage für die Freigabe des Heckflügels gelten. Auf Knopfdruck kann der Pilot dann den Abstand zwischen zwei Heckflügelblättern auf 50 Millimeter erhöhen, der Abtrieb nimmt ab und der Topspeed wird höher.

"Ich hoffe, dass es perfekt funktioniert. Wenn nicht, dann ist es keine gute Idee", gibt Felipe Massa seine Zweifel zu Protokoll. Aus Sicht des Ferrari-Piloten erhöht das System zwar die Chancen auf Überholmanöver, aber sorgt gleichzeitig auch für Schwerstarbeit im Cockpit. "Wir müssen alle Knöpfe bedienen und auch noch das Auto fahren. Für uns Piloten ist das nicht allzu toll. Man muss ständig drei, vier Knöpfe bedienen. Es wird ein bisschen zu viel, aber wir müssen uns wohl darauf einstellen."

"Wir arbeiten schon seit Mitte der vergangenen Saison an optimalen Positionen für die Knöpfe, damit alles etwas automatischer von der Hand gehen kann", erklärt der Brasilianer die Herangehensweise bei seinem Team. Sein Teamkollege Fernando Alonso fügt hinzu: "Im Simulator ist der Effekt nicht simuliert. Wir bedienen zwar den Knopf, um uns daran zu gewöhnen, aber er hat keine spürbare Wirkung. Den realen Effekt können wir also nicht abschätzen."

"Für die Zuschauer ist sicherlich so etwas wie der verstellbare Heckflügel wichtig, weil die Show besser werden soll", meint der Spanier verständnisvoll. Aber der zweimalige Weltmeister kümmert sich im Vorfeld der Saison weniger um das System. "Für Fahrer und Teams sind abseits von KERS und Heckflügel vor allem die Änderungen bezüglich der Reifen am allerwichtigsten", meint Alonso. Tatsache ist: Den verstellbaren Heckflügel - der etwa 15 km/h mehr Topspeed bringen soll - hat jeder, einen gut funktionierenden Reifen vielleicht nicht.

Fotoquelle: xpb.cc

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