Pat Symonds fordert in puncto Überholen eine professionellere Herangehensweise

Formel 1 2011

— 26.01.2011

Symonds: "Das Reglement 2013 ist fahrlässig"

Ex-Renault-Technikchef Pat Symonds enthüllt, wie unprofessionell in der Formel 1 mit dem Thema Überholen umgegangen wird und ahnt 2013 ein böses Erwachen

Wenn es ums Überholen geht, dann scheiden sich in der Formel 1 die Geister: Viel wurde bereits diskutiert - manche wünschen sich Überholmanöver am laufenden Band, andere befürchten, dass durch die hohe Frequenz das Überholmanöver entwertet werden könnte. Doch nun bringt Ex-Renault-Technikchef Pat Symonds erschütternde Tatsachen ans Tageslicht: Trotz vieler Diskussionen wurde bisher kaum Geld investiert, um das Überholen in der Formel 1 zu erleichtern.

In einem Interview mit 'Autosport' sagt Symonds, der neben McLarens Paddy Lowe und Ferraris Rory Byrne ein Teil der sogenannten Überholkommission war: "In der Überholkommission verbrachten wir so viel Zeit im Windkanal wie ein Team in einer Woche - das war alles. Außerdem haben wir darunter gelitten, dass wir wegen der Größe des Windkanals nur mit 1:4-Modellen arbeiten konnten. Jemand muss das Geld aufbringen und sagen: 'Gehen wir zu Mercedes und verwenden wir einen der großen Windkanäle, die nicht in Verwendung sind, verwenden wir größere Modelle und machen wir die Arbeit auf eine ordentliche Weise.' Es wird Geld kosten, doch die Formel 1 hat das Geld. Es ist Zeit, die sie in sich selbst investiert."

Warum das Reglement 2013 ein Schuss ins Knie ist

Doch laut Symonds spart man an der falschen Stelle - da machen auch die neuen Regeln, die ab der Saison 2013 in Kraft treten sollen, keinen Unterschied. Statt 2,4-Liter-Achtzylinder-Motoren soll auf 1,6-Liter-Vierzylinder-Aggregate zurückgerüstet werden, der Abtrieb soll nicht mehr durch die Flügel, sondern hauptsächlich durch den Unterboden aufgebaut werden - die Rede ist vom sogenannten "Ground Effect". Auf den ersten Blick bringt dies in Sachen Überholen Vorteile: Die Luftverwirbelungen, die das Hinterherfahren erschweren, entstehen großteils durch die Flügel, baut man den Abtrieb jedoch über den Unterboden auf, sollte ein dichtes Auffahren auf den Vordermann möglich sein.

Doch Symonds hat daran ernste Zweifel: "Wenn du etwas oft genug wiederholst, dann glauben es irgendwann alle. Es gibt viele Leute, die sagen, dass der Ground-Effect das Überholen erleichtert. Ich würde aber gerne wissen, woher sie das wissen, denn bisher wurde das nie untersucht. Bisher wurde das Thema Überholen nur einmal von der Überholkommission und davor von der GPMA (Herstellerorganisation) bearbeitet. In beiden Fällen kam heraus, dass der Abtrieb durch den Unterboden durch die Verwirbelungen stark beeinträchtigt wird. Die geringen Anhaltspunkte sagen uns also, dass es keine so großartige Idee ist."

Die Urheber des neuen Reglements, das ab 2013 in Kraft treten soll, sind Byrne, mit dem Symonds bereits in der Überholkommission zusammengearbeitet hatte, und Williams-Technikchef Patrick Head. Doch warum sollen ausgerechnet sie einem Irrtum aufgesessen sein? Symonds glaubt, die Gründe zu kennen, und verweist auf seinen ursprünglichen Kritikpunkt: "Ich habe mit Rory stundenlang über die Arbeit gesprochen, die er und Patrick getan haben. Doch alles geschah über CFD (Computational Fluid Dynamics, Anm.) und es wurde überhaupt nicht am Thema Überholen gearbeitet. Das ist doch ziemlich besorgniserregend, oder nicht?"

Neues Reglement basiert nur auf Computer-Simulationen

Symonds ist der Meinung, dass man die Einführung des Reglements noch einmal gründlich überdenken sollte: "Meiner Meinung nach wäre es fahrlässig, dieses Reglement einzuführen, ohne zu überprüfen, wie es sich auf das Überholen auswirkt. Und das ist eine ziemliche Arbeit - das kann man nicht mit CFD machen, vor allem nicht, wenn es um ein Auto geht, das sich so stark unterscheidet."

Ganz allgemein erkennt der Brite trotz der geringen Investitionen leichte Fortschritte, was die Spannung der Rennen und die Menge der Überholmanöver angeht: "Ganz ehrlich: Wenn wir uns 2010 ansehen, dann war die Anzahl der Überholmanöver ziemlich in Ordnung. Es war eindeutig besser als früher. Wir brauchen nicht Tonnen von Überholmanövern - vielleicht ein bisschen mehr als jetzt. Das Überholen sollte dennoch eher wie ein Tor beim Fußball sein - und nicht wie ein Korb beim Basketball."

Um das Überholen weiter zu fördern, müsste man die Teams dazu zwingen, selbst Geld und Zeit in diesen Bereich zu investieren, meint Symonds. "Es ist schön und gut, wenn wir von der Überholkommission unsere paar Ergebnisse an die Team übergeben und dann sagen: 'Das ist es, was ihr tun müsst, um das Überholen zu erleichtern'. Die Arbeit wird getan, das Team bekommt die Resultate - doch die Teams haben doch ganz andere Sorgen", so der Ex-Renault-Technikchef. "Man muss also Regeln machen, die die Teams ermutigen, etwas zu tun. Ich garantiere euch, dass die Teams im Windkanal am Thema Überholen arbeiten würden, wenn wir die Startaufstellungen umdrehen."

Symonds wünscht sich umgedrehte Startaufstellungen

Symonds kann dem Plan, die Startaufstellung nach dem Qualifying umzudrehen und somit die besten Piloten von ganz hinten starten zu lassen, einiges abgewinnen: "Dann würde ein Teil deiner Performance vom Überholen kommen. Du würdest dafür sorgen müssen, dass dein Auto besser überholt als ein anderes. Natürlich würde man auch daran arbeiten, dass es für den Verfolger schwieriger wird, doch die Arbeit würde gemacht werden. Und wenn die Teams daran arbeiten, dann ist es fantastisch."

Zunächst wäre aber eine Reformierung der Überholkommission für Symonds wünschenswert. Auf die Frage, ob er als erfahrener, unabhängiger Ingenieur Interesse daran hätte, sich dem Thema anzunehmen, stimmte er zwar zu, der Idealzustand wäre aber eine Rückkehr zu den Wurzeln: "Ich mochte die Art und Weise, wie die Überholkommission funktioniert hat. Wir drei waren damals sehr eng verbunden. Keiner von uns war vorrangig ein Aerodynamiker, doch wir konnten jeden Tag mit sehr guten Aerodynamikern sprechen. Das war nicht schlecht. Vielleicht sollte ein unabhängiger Kerl die Leitung übernehmen, weil soviel Arbeit damit verbunden ist, doch es ist gut, Input von den Teams zu bekommen."

Fotoquelle: xpb.cc

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