Giorgio Ascanelli muss notgedrungen hier und da Kompromisse eingehen

Formel 1 2011

— 01.02.2011

Ascanelli: "Das Beste ist manchmal nicht gut genug"

Giorgio Ascanelli über den Weg, der beim neuen Toro Rosso STR6 beschritten wurde und die Herausforderungen eines kleinen Teams

Giorgio Ascanelli arbeitete in der Vergangenheit unter anderem als Renningenieur für Gerhard Berger, Ayrton Senna und zuletzt Sebastian Vettel. Der heutige Technische Direktor bei Toro Rosso spricht im Interview über die fahrerische Entwicklung der beiden Toro-Rosso-Piloten Sebastien Buemi und Jaime Alguersuari und gibt zudem einen Einblick in die Problematik, mit begrenzten Mitteln dennoch das Maximale herausholen zu wollen.

Frage: "Die sechste Saison für Toro Rosso steht unmittelbar bevor. Wird es ein entscheidendes Jahr werden?"
Giorgio Ascanelli: "Abgesehen von der Tatsache, dass es eine weitere Saison ist, in der wir Erfolg haben müssen, bedeutet das gar nichts."

Frage: "Wie stehst du zu den neuen Regeln und deren Auswirkungen auf der Rennstrecke?"
Ascanelli: "Zunächst einmal gehen wir jetzt auf italienischen Reifen an den Start. Pirelli ist erstmals seit 1991 wieder im Grand-Prix-Sport aktiv. Wenn man sich die Veränderungen innerhalb der Formel 1 in den vergangenen 20 Jahren vor Augen führt, dann bedeutet das Comeback in diesem Jahr wahrscheinlich ein aufregenderes Szenario als damals. Die Regeländerungen haben insofern Einfluss auf die Reifen, da die Gewichtsverteilung inzwischen fest im Reglement verankert ist, um übermäßige Aufwendungen zu vermeiden. Es könnte also einige Überraschungen geben in Bezug auf das Verhalten der einzelnen Mischungen auf den jeweiligen Strecken."

"Die Regeländerungen betreffen drei Kategorien: Die eine ist wie immer die Verbesserung der Sicherheit, die zweite ist die Verringerung des Abtriebs, um das Überholen zu erleichtern und die dritte und tiefgreifendste ist die Rückkehr von KERS in Verbindung mit dem verstellbaren Heckflügel. Der dadurch hervorgerufene Geschwindigkeitsunterschied sollte es dem hinterherfahrenden Fahrer ermöglichen, einen Rückstand von eineinhalb Autolängen wettzumachen und den Vordermann leichter überholen zu können, allerdings auch nicht zu leicht. Wenngleich die Show in der Saison 2010 schon eine gut war, so glaube ich, dass sie im Jahr 2011 noch besser werden wird."

Risikofreudiger Weg beim neuen STR6

Frage: "Das letztjährige Fahrzeug war das erste, das komplett im eigenen Haus entstanden ist. Wart ihr im zweiten Jahr auf eigenen Beinen bezüglich des Designs experimentierfreudiger?"
Ascanelli: "Im vergangen Jahr hatten wir keinen Windkanal, und es gab auch noch keine hinreichenden CFD-Erkenntnisse (Flussdynamik; Anm. d. Red.), um das Auto entwerfen zu können. Demzufolge haben wir damals nicht viel verändert, abgesehen von den Elementen, die durch die Regeländerungen von 2009 auf 2010 verändert werden mussten. In diesem Jahr konnten wir den Windkanal und die CFD-Simulationen bereits weitaus besser einsetzen. Allerdings lernen wir auf diesen Gebieten nach wie vor ständig dazu. Die neuerlichen Regeländerungen haben wieder eine Reihe von Veränderungen mit sich gebracht. Alles in allem glaube ich sagen zu können, dass wir in diesem Jahr etwas ambitionierter an die Sache herangegangen sind als vor einem Jahr."

"Auf dem Papier sind wir jedoch nach wie vor an neunter Stelle unter den Konstrukteuren und nicht besser. In diesem Jahr ist unser Ziel der achte Platz. Ich glaube nicht, dass dies mit einem konventionellen Auto möglich wäre. Wir haben uns also für einen risikofreudigeren Weg entschieden. Für den Fall, dass dieser nicht aufgehen sollte, liegt die Verantwortung bei mir. Es jedoch auf der anderen Seite nicht meine Art und auch nicht die von Franz (Tost; Anm. d. Red.) beziehungsweise irgendjemand anderem bei Toro Rosso, einfach dazusitzen und unsere derzeitige Position zu akzeptieren."

Frage: "Das Sauber-Team, das genau wie ihr auch auf den Ferrari-Motor setzt, verwendet zudem das Ferrari-Getriebe. Was war der Grund, dass ihr euer eigenes Getriebe einsetzt?"
Ascanelli: "Zum einen der Kosten- und zum anderen der Zeitfaktor. Wir setzen unser Getriebe aus der vergangenen Saison ein. Wir haben auch den Doppeldiffusor erst sehr spät einsetzen können, und auch den F-Schacht nie richtig zum Arbeiten bringen können, da wir nicht über die Anzahl Mitarbeiter verfügen wie es bei den größeren Teams der Fall ist. Auch können wir nicht so viel Zeit im Windkanal und mit der CFD-Simulation verbringen wie andere. Wir können nicht mehr tun, als unser Bestes zu geben, aber selbst das genügt manchmal einfach nicht."

Die Red-Bull-Philosophie hat sich bewährt

Frage: "Die Fahrer haben nun mehr Erfahrung - gleichbedeutend mit höheren Erwartungen in diesem Jahr?"
Ascanelli: "Die Fahrer sind jung und enthusiastisch, auch wenn Erfahrung noch nicht ihre allergrößte Stärke ist. Sebastien geht in seine dritte Saison. Bei ihm ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, wo wir Resultate erwarten dürfen. Der Fortschritt von Jaime ist beeindruckend. Man muss sich vor Augen halten, dass er am Mittwoch in Melbourne gerade mal 21 Jahren alt werden wird. Dennoch ist auch er bereits in seiner dritten Saison. Es stimmt, dass die beiden im vergangenen Jahr aufgrund ihrer geringen Erfahrung nicht die allerbesten Chancen hatten, aber das Auto war auch nicht besser als die beiden."

"Ich denke, sie haben dieses Auto (den STR6; Anm. d. Red.) verdient und das Auto verdient diese beiden Piloten. Wenn wir den Wagen weiter verbessern können und die Fahrer sich gleichzeitig ihrerseits weiter steigern, dann werden wir für die Zukunft noch besser aufgestellt sein. Die Philosophie von Red Bull, junge Talente zu fördern und sie bis in die Formel 1 zu bringen, ist am Beispiel Sebastian Vettels eindrucksvoll bestätigt worden, der die Weltmeisterschaft gewonnen hat, nachdem er bei Toro Rosso angefangen hat. Ich hoffe, die beiden werden den gleichen Weg einschlagen können, aber dafür ist es im Moment noch zu früh."

Fotoquelle: Red Bull

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