Der Red Bull gilt als eines der schnellsten Autos, so genau weiß das aber niemand

Formel 1 2011

— 28.02.2011

Testfahrten: Nicht mehr als ein Ratespiel

Bei den Wintertests werden Zehntelsekunden-Abstände interpretiert, dabei ist das Fenster zwischen schnellster und langsamster Konfiguration acht Sekunden groß

Man merkt es an den Zugriffszahlen von 'Motorsport-Total.com': Kaum ein Thema interessiert die Formel-1-Fans so sehr wie die Wintertestfahrten mit den neuen Autos. Die Spekulationen über das künftige Kräfteverhältnis werden zahlreich gelesen und noch lieber in Diskussionsforen selbst hitzig diskutiert. Dabei handelt es sich beim Interpretieren der bisherigen Testergebnisse bestenfalls um ein Ratespiel mit einigen wenigen und schwierig zu lesenden Anhaltspunkten.

Denn die Zeitentabelle, die am Ende eines jeden Testtages veröffentlicht wird, ist einer der am wenigsten aussagekräftigen Referenzwerte über das wahre Kräfteverhältnis. Zwischen frischen Pirelli-Reifen des Typs Supersoft und gebrauchten des Typs Hard liegen teilweise bis zu drei Sekunden Unterschied. Hinzu kommt, dass die Benzinladungen um weit über 100 Kilogramm auseinanderliegen können. Das macht in der Theorie noch einmal ungefähr vier Sekunden aus.

Bis zu acht Sekunden Unterschied

"Der Unterschied zwischen der weichsten und einer härteren Reifenmischung ist enorm - mehr als eine Sekunde. Und der Verschleiß nach der ersten Runde ist auch hoch", erläutert McLaren-Geschäftsführer Jonathan Neale. "Jemand dreht mit frischen Reifen und viel Benzin eine schnelle Runde und sieht sehr schnell aus, aber die Runde drauf ist schon um eine Sekunde langsamer und die nächste Runde noch einmal um eine Sekunde."

In der Internet-TV-Show 'The Flying Lap' fügt er an: "Daher sind die Tagesklassements verwirrend und nicht aufschlussreich. Niemand weiß nämlich in dieser Phase, wie viel Benzin die anderen an Bord haben." Denn jeder kann sich ausrechnen: Wenn die Rundenzeiten aufgrund von Reifen und Benzinmengen um bis zu acht Sekunden streuen können, dann hat es nicht das Geringste zu bedeuten, wenn jemand an einem Tag um drei Zehntelsekunden schneller oder langsamer war.

"Es ist wahrscheinlich der am schwierigsten zu interpretierende Winter aller Zeiten", nickt Mark Webber gegenüber 'James Allen on F1'. "Wir hatten immer schwierige Winter mit neuen Regeln, aber diesmal ist das Kräfteverhältnis wegen der unterschiedlichen Benzinmengen, die verwendet werden, besonders schwierig einzuschätzen. Du kannst mit extrem viel Benzin fahren, mit mittlerem oder mit fast leerem Tank. Das hat auf die Rundenzeiten enorme Auswirkungen."

Hintergrund: Seit 2010 sind Tankstopps während des Rennens verboten, was bedeutet, dass die Autos zumindest am Start über 150 Kilogramm Benzin an Bord haben, bei der Zieldurchfahrt aber fast leer sind. Früher war dieses Benzinfenster mit null bis 50 Kilogramm wesentlich kleiner. Dementsprechend machte es damals keinen Sinn, mit mehr als 50 oder 60 Kilogramm Benzin an Bord zu testen - und die Testzeiten waren logischerweise viel aussagekräftiger.

Nur Longruns lassen Vergleiche zu

"Wir haben schon ein paar Runs im Renntrimm gesehen, die etwas bessere Anhaltspunkte hinsichtlich der Pace der einzelnen Leute liefern", sagt Webber, warnt aber davor, die bisherigen Testzeiten überzubewerten. Vergleichen kann man eigentlich nur die längeren Runs, die Red Bull und Ferrari bisher vermeintlich am besten gemeistert haben. Allerdings kann kein Außenstehender genau wissen, unter welchen Rahmenbedingungen die Teams gefahren sind.

Bei Red Bull ist man jedenfalls "ziemlich glücklich" darüber, wie es läuft, so Webber: "Natürlich wünscht man sich immer bessere Rundenzeiten, aber bisher hat sich das Auto als einigermaßen zuverlässig herausgestellt - abgesehen von den Kleinigkeiten, die bei allen auftreten. Wir haben viele Runden zurücklegen können, die zudem nicht allzu langsam waren. Wir lernen unglaublich viel, weil die Regeländerungen enorm sind. Ob Topteam oder kleines Team: Im Moment lernen alle."

Hinzu kommt: "Bis Bahrain werden die Autos noch massiv weiterentwickelt", liefert Neale ein weiteres Argument, weshalb man Testzeiten nicht überbewerten sollte. Und dann kommt da noch ein Faktor ins Spiel: "Die Favoriten werden das Qualifying mit weichen Reifen fahren, um möglichst auf Pole-Position zu stehen. Dahinter könnten einige mit härteren Reifen folgen, die dann im Rennen viel länger draußen bleiben können. Das wird interessante Rennen geben, schätze ich."

Seriös einschätzen kann man bisher also eigentlich nur die Zuverlässigkeit der neuen Autos - und es lassen sich leichte Tendenzen ablesen, denn dass zum Beispiel der neue Marussia-Virgin kein Siegerwagen ist, kann man sehr wohl in die bisherigen Vorstellungen hineininterpretieren. Also bleibt den Fans noch ein wenig Zeit, um mehr oder weniger fundiert zu diskutieren - aber wirklich runtergelassen werden die Hosen erst am 26. März im Qualifying in Melbourne...

Fotoquelle: pacepix.com

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