Beeindruckende Karriere: Vom Sohn eines Fischers zum Formel-1-Boss

Formel 1 2011

— 04.03.2011

"Nur ein guter Deal" macht Ecclestone glücklich

Die Biographie "No Angel" beleuchtet Bernie Ecclestones Leben: Ist die trostlose Kindheit die Ursache für das unaufhaltsame Machtstreben?

Der Aufstieg Bernie Ecclestones vom Teamchef-Posten bei Brabham zum Formel-1-Boss ist gut dokumentiert. Abgesehen davon, dass er aus ärmlichen Verhältnissen kommt, ist über seine Kindheit aber nur wenig bekannt. Das ändert sich jetzt, denn der Journalist Tom Bower hat in der neuen, nicht authorisierten Ecclestone-Biographie "No Angel" auch die jungen Jahre des inzwischen 80-jährigen Briten beleuchtet.

Bernard Charles Ecclestone wurde am 28. Oktober 1930 in St. Peter South Elmham in der Gegend von Suffolk als Sohn von Sidney - ein 27-jährigen Fischkutter-Fahrer - und Bertha - eine 23-jährige Hausfrau - geboren. Im Haushalt hatte sein Vater nichts zu sagen, schreibt Bower: "Bertha war sehr dominant. Gemeinsam mit ihrer Mutter Rose Westley, die in der Nähe wohnte, verlangte die Hausfrau, dass Sidney seinen Erwerb am Zahltag übergibt."

Ecclestone verliert beinahe das Augenlicht

Das Ziel seines Vaters, der nach Makrelen und Heringen fischte, war es, dem Seefahrer-Leben zu entkommen. Als Bernie zwei Jahre alt war, nahm Vater Ecclestone einen Job als Betriebshelfer an. Damals erlitt die Familie einen Schock: Dem späteren Formel-1-Boss drohte der Verlust des Augenlichts. "Mit dem Baby auf dem Rücken fuhr die Mutter 20 Meilen (umgerechnet 32 Kilometer) auf dem Fahrrad in das Krankenhaus in Norwich", berichtet der Autor. "Die Diagnose war brutal. Ihr Sohn war auf dem rechten Auge beinahe blind und der Schaden konnte nicht behandelt werden."

Auch nach diesem Rückschlag erlebte Ecclestone keine glückliche Kindheit. "Er hasste die Schule", erzählt Bower gegenüber der 'Times'. "Er hat keine gute Erinnerung an die Schule - von Anfang bis zum Ende. Seiner Meinung nach war es vergeudete Zeit. Er erinnert sich nicht an seine Lehrer - nicht einmal an den Mathematik-Lehrer, obwohl ihm das lag."

Abseits der Schule hatte das Leben für den jungen Ecclestone wenig zu bieten. Er musste unter den strengen Augen seiner Mutter im Haushalt mithelfen und laut Bower sogar "Pferdemist für den Garten der Mutter sammeln." Sein Vater gab ihm bloß einen Tipp mit auf den Weg: "Verschwende nichts, aber kaufe immer das Beste, das du dir leisten kannst."

Kindheit ohne Freude

"Er war nur ein Fischer", erzählt Bower über Ecclestones Vater. "Es gab kein Geld und ein sehr verwahrlostes Heim. Ich stelle mir vor, dass die Strenge viel Frust nach sich zog. Soweit ich es beurteilen kann, haben seine Eltern nicht versucht, das durch das fehlende Geld entstandene Elend zu verringern. Es gab keine Freude."

Das werde dem Formel-1-Zampano aber erst jetzt so richtig bewusst: "Er spricht nicht schlecht über seine Familie, aber es gab keine Wärme. Er realisiert, dass es in seiner Kindheit kaum Leben gab. Seine Eltern haben kaum gesprochen, außer wenn seine Mutter wütend wurde, und sie fuhren nie auf Urlaub, nicht einmal zu den nahe gelegenen Stränden. Ecclestone hatte das Meer nur zweimal gesehen - dank einer Reise, die ein gütiger Nachbar organisiert hat."

Erste Geburtstags-Feier mit acht Jahren

1938 zog die Familie nach Datford in Kent, wo bereits die Schwester von Ecclestones Mutter mit ihrem Ehemann lebte. Dort mietete man ein Bungalow, Vater Sidney arbeitete fortan als Krahnfahrer. Es war für das einsame Kind eine Flucht aus der Einöde: Dank seiner Tante, die eine Torte gebacken hatte, feierte er mit acht Jahren zum ersten Mal seinen Geburtstag. Nach der Schulzeit werkte er zunächst bei den Stadtwerken, dann als Gebrauchtwagen-Händler. Der Rest ist Geschichte.

Doch zu seinen Wurzeln kehrte Ecclestone nie zurück. "Ich glaube, er geht dort nicht mehr hin, weil es dort keine Fröhlichkeit gab", meint Bower. Dennoch haben ihn die harten Jahre wohl für immer geprägt. Der Autor, der intime Einblicke in das Leben des Formel-1-Zampanos genossen hat, meint: "Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Sparsamkeit seiner Jugend immer noch da ist. Auch wenn er heute ein sehr reicher Mann ist, habe ich erfahren, dass er sehr bescheiden lebt. Er fährt sogar selbst zu seinem eigenen Flugplatz, zu seinem eigenen Jet."

Zwischen Reichtum und Bescheidenheit

Auch eine gemeinsame Flugreise nach Nizza in Ecclestones Jet war für Bower sehr aufschlussreich: "Wir flogen zu Mittag und da lag ein Päckchen Smarties. Es gab absolut kein Essen. Das liegt nicht daran, dass er fies ist, aber er will einfach nichts verschwenden. Die Ursache liegt in seiner Jugend, die finanziell sehr begrenzt war." Bower glaubt aber, dass die bitteren Erfahrungen der Kindheit auch eine kräftigende Auswirkung hatten: "Er musste sich um sich selbst kümmern, begann dadurch auch mit dem Handeln."

Die enorme Diskrepanz zwischen seiner ärmlichen Kindheit und dem späteren Reichtum bestimmt auch Ecclestones heutiges Leben. "Es gibt ein Kapitel im Buch", erzählt Bower, "da kommt er von einer Spielrunde zurück und seine Sekretärin Ann Jones muss nach einer Nacht im Londoner Casino Crockfords einen Scheck in Höhe eines mittelgroßen Hauses ausstellen. Im unteren Stockwerk hört sie Ecclestone um die fünf Pfund für das Auto diskutieren."

Unaufhaltsames Machtstreben

Ecclestone soll später erklärt haben, dass es ihm nicht um die fünf Pfund ging, sondern um den Deal. Doch ist der Brite wirklich glücklich mit seinem Leben? Bower glaubt, dass man diese Frage mit Ja beantworten kann: "Für einen Mann, der soviel erreicht hat - er hat ein unglaubliches Geschäft aufgebaut - bedeutet Glück etwas ganz anderes. Glück bedeutet für ihn, einen guten Deal zu machen. Die Erweiterung davon ist es, ein Spieler zu sein. Wenn du die Bank oder andere Spieler schlagen kannst, dann ist das ein Vergnügen. Du hast gewonnen. Die Herausforderung ist es, andere abzuzocken."

Auf dem Streben nach einem guten Deal beruht laut Bower seine gesamte Karriere: "Ihm ist es nicht um Liebe gegangen. Er hat es getan, weil mit dem Geld Macht kam - und er liebt Macht. Man darf nicht vergessen, dass es eine Diskrepanz zwischen seiner Körpergröße und seinem Machtstreben gibt. Es besteht kein Zweifel, dass er auf dem Spielplatz darunter gelitten hat und sich daher hervortun und beweisen musste."

Damit lässt sich durchaus begründen, warum Ecclestone auch mit 80 Jahren noch immer an den Reglern der Macht sitzt und keine Sekunde lang an Rücktritt denkt. Bower glaubt, dass man den Formel-1-Boss eines Tages im Sarg aus dem Fahrerlager tragen wird: "Absolut. Und das ist sagenhaft. Er ist 80, hat aber den Geist eines 50-Jährigen. Einfach phänomenal. Kein Mensch könnte seinen Job übernehmen, kein Mensch könnte alles mit so einer Autorität kommandieren wie er. Ich glaube, man überlegt, dass zwei oder drei Leute seine Aufgaben übernehmen, wenn es soweit ist."

Fotoquelle: xpb.cc

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