Lewis Hamilton studiert auf dem Computer, was er wie besser machen kann

Formel 1 2011

— 11.04.2011

Für Denker statt Lenker: Formel 1 mit neuem Gesicht

In Sepang hat die neue Formel 1 erstmals ihr wahres Gesicht gezeigt und vor allem den Strategen alles abverlangt - Reaktionen der wichtigsten Beteiligten

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es in der Formel 1 keine Kosten- und Testbeschränkungen, kein Drehzahllimit, mehrere Reifenhersteller und ein technologisches Wettrüsten auf höchstem Niveau. Auch das Fahren der Autos war ein Ritt auf der Kanonenkugel, sozusagen ein permanentes Qualifying. Doch durch verschiedene Regeländerungen hat sich das Gesicht der Königsklasse erheblich verändert.

Anstatt wie im Vorjahr 20 gab es beim gestrigen Rennen in Sepang 59 Boxenstopps - Mark Webber setzte sogar auf eine geplante Vierstoppstrategie. Das ist eine Folge der schnell verschleißenden Pirelli-Reifen, die eingeführt wurden, um die Show zu verbessern. Zwischen Pole-Position-Zeit und schnellster Rennrunde lagen sechs Sekunden. Das bedeutet: Am wichtigsten ist nicht mehr, auf der letzten Rille zu attackieren, sondern mit dem Material richtig hauszuhalten.

"Der Rennsport hat sich verändert", nickt Weltmeister Sebastian Vettel, in dieser Saison noch ungeschlagen. Dementsprechend gehört er zu jenen, die sich mit am besten auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt haben. "Das große Geheimnis ist wohl, zu jeder Zeit die Reifen im Griff zu haben", erklärt er. "Wenn man uns in Runde elf oder neun gesagt hätte, möglichst schnell zu fahren, hätte das Ganze vermutlich ein bisschen anders ausgesehen."

Gratwanderung zwischen Attacke und Schonung

"Natürlich versucht man immer, so schnell wie möglich zu fahren, man muss aber gleichzeitig die Reifen schonen", weiß der Red-Bull-Pilot. "Man probiert ständig zu erahnen, was passieren wird. Den Strategieplan kennst du natürlich auch und du weißt genau, wie viele Runden du brauchst, um den Plan zu erfüllen. Es ist nun halt alles sehr taktisch geprägt. Manchmal nimmt man sich etwas zurück, zu anderen Zeitpunkten gibt man Vollgas."

"Die Abstände, das Tempo der einzelnen Autos und die Bestzeiten verändern sich nun schneller, als wir das gewohnt sind", gibt Vettel zu Protokoll. "Innerhalb eines Rennens kann man das Auto mit einem anderen Reifensatz feintunen. Das kann möglicherweise einen großen Unterschied ausmachen. Wenn man sich in einem Stint im Auto wohl fühlt und in einem anderen Stint nicht, kann das ebenfalls Auswirkungen haben."

Beispiel gefällig? Lewis Hamilton verkürzte im zweiten Stint seinen Rückstand auf Vettel, wechselte dann aber als einziger Topfahrer von weichen auf gebrauchte harte Pirellis. Von da an fiel der McLaren-Pilot zurück und spielte ganz vorne keine Rolle mehr. Indes war bei Red Bull am Boxenfunk ständig von einem Plan A und einem Plan B die Rede. Im Nachhinein stellte sich heraus: Vor dem Rennen hatte man sich sowohl die Tür zur Drei- wie auch zur Vierstoppstrategie offen gehalten.

"Du musst flexibel sein", unterstreicht Teamchef Christian Horner. "Wir wussten nicht, ob es drei, vier oder fünf Stopps braucht, um ganz ehrlich zu sein. Also musst du mit der Flexibilität ins Rennen gehen, jederzeit wechseln zu können." Da noch den Durchblick zu behalten, sei schwierig: "Ich weiß nicht, wie es nach außen rübergekommen ist, aber für uns war es ziemlich intensiv. An der Boxenmauer ist es jedenfalls kompliziert."

"Sogar für einen Fluglotsen wäre es ein Albtraum, wenn er sich in unseren Strategiekanal einklinken müsste, denn du musst darauf achten, wo du nach dem Stopp rauskommst, wie der Reifenverschleiß ist, welcher Reifen verwendet werden sollte - und das alles für zwei Autos", beschreibt Horner. "Die Arbeitslast ist kolossal. Das bringt eine aufregende neue Dimension ins Rennen, denn das heutige Rennen wurde dadurch viel strategischer."

Selbst Fernando Alonso, wegen seiner Cleverness oft mit "Professor" Alain Prost verglichen, hatte seine Mühe damit, den Rennverlauf zu verstehen: "Wir müssen uns an diese Reifen und diese Strategien gewöhnen. Einmal war ich Zweiter oder Dritter, dann habe ich Jenson überholt. Dann war Jenson sogar vor Lewis und er hat gegen Webber gekämpft, der dann zum Stopp hereinkam. Das ist nicht so leicht zu lesen", gibt er zu.

Positionen wechseln ständig

"Heidfeld war am Start sehr gut und Felipe hatte ein Problem beim Boxenstopp. Damit war der Sichtkontakt weg - und du kriegst nicht mehr mit, auf welcher Strategie sie sind", erinnert sich der Ferrari-Pilot. Daraus schließt er: "Du musst dein eigenes Rennen fahren. Manchmal bist du Zweiter oder Dritter, aber in Wahrheit liegst du eigentlich viel weiter hinten. Durch die Strategie bist du vielleicht nur Fünfter oder Sechster."

Alonso kann den Veränderungen aber durchaus etwas Positives abgewinnen: "Vergangenes Jahr waren die meisten Rennen nach dem ersten Boxenstopp entschieden, aber jetzt weißt du bis zu den letzten vier oder fünf Runden gar nichts. Das ist interessant", findet er. Auch Pirelli-Sportchef Paul Hembery ist naturgemäß ein Fan der neuen Formel 1: "Die Anzahl der Überholmanöver war klasse. Das sah im Fernsehen richtig gut aus!"

Diesbezüglich gehen die Meinungen freilich auseinander: "Für die Zuschauer ist es sicher nicht einfach, alles zu verstehen, was da vor sich geht, denn sogar die Teams haben damit Schwierigkeiten. Aber so ist es nun mal", vertritt Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali eher die Meinung der Skeptiker. "Das gehört dieses Jahr dazu, wir müssen das in Betracht ziehen. Es ist eine neue Situation, aber eine Entschuldigung darf das nicht sein."

Kollege Horner findet, er sei "nicht der Richtige, um das zu beurteilen, denn du konzentrierst dich so auf dein eigenes Rennen, dass du das Rennen als Ganzes gar nicht so mitbekommst. Aber es gibt Zweikämpfe: Alonso gegen Hamilton Rad an Rad oder Mark, der sich nach einer schlechten ersten Runde wieder nach vorne arbeitet. Ich finde, das ist positiv für die Formel 1, denn sonst wäre es ein sehr statisches Rennen gewesen."

"Ich glaube, es wird ein paar Rennen dauern, bis da wieder gewohnte Muster entstehen", bittet der Red-Bull-Teamchef um Geduld. Logische Folge: Auf den Kommandoständen kümmern sich nun mehr Leute als früher darum, das Rennen zu beobachten. "Wir haben einen Strategen, einen Chefrenningenieur, der die Entscheidungen trifft, und der Technische Direktor und ich selbst schauen natürlich auch mit und machen manchmal Vorschläge", erklärt Eric Boullier.

"Es war eine sehr eigenartige Strategie, denn wir mussten jedes Auto einzeln beobachten, um den Verschleiß zu verfolgen und das Tempo mit den anderen zu verfolgen", sagt der Renault-Teamchef. "Wenn dann ein Auto an die Box kam, war der Zeitunterschied so groß, dass du selbst auch die Strategie ändern musstest, um die Position abzusichern. Wir haben das Rennen hauptsächlich damit verbracht, unsere Positionen zu verteidigen."

Sepang wird sich wiederholen

Und Sepang war kein einmaliges Ereignis: "Es werden weitere Strecken kommen, wo es sich ganz ähnlich verhält. Wenn jetzt gesagt wird, Sepang sei das schlimmste Rennen, dann glaube ich das nicht", meint etwa Felipe Massa. "Wir werden auch auf anderen Kursen wie Istanbul oder Silverstone etwas Ähnliches sehen - auf Strecken, welche die Reifen sehr hart rannehmen. Nur ein kleiner Fehler bei der Taktik kann dich da leicht zwei bis drei Positionen kosten."

Das weiß der Brasilianer aus eigener Erfahrung, denn Ferrari patzte gestern bei einem seiner Boxenstopps, was ihn effektiv aus dem Rennen um einen Podestplatz warf. Auch McLaren und Renault verschenkten bei mindestens einem ihrer Boxenstopps etwas Zeit - Nick Heidfeld fiel dadurch vom zweiten auf den fünften Platz zurück. Aber kein Wunder: Wenn jedes Team nun sechs bis acht statt zwei Boxenstopps absolvieren muss, werden sich die Fehler häufen.

Für Domenicali ist das eine ganz einfache Wahrscheinlichkeitsrechnung: "Es stimmt, dass die Anzahl der Boxenstopps gestiegen ist. Damit steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem der Boxenstopps etwas schiefgeht - und damit wiederum steigt der Druck auf das Team, perfekt zu arbeiten. Leider hatten wir heute wirklich ein Problem beim Boxenstopp von Felipe, das viele Positionen gekostet hat", ärgert sich der Ferrari-Teamchef.

Aber Reifen und Strategie sind nicht die einzigen Neuerungen, auf die sich Fahrer, Teams und Zuschauer einstellen müssen. Durch das Hybridsystem KERS und den verstellbaren Heckflügel (Drag-Reduction-System oder DRS) sind ebenfalls neue Elemente hinzugekommen. Die Befürworter freuen sich über die gestiegene Anzahl an Überholmanövern, die Gegner finden, dass die Formel 1 dadurch zu künstlich geworden ist.

"Man kann das von zwei Standpunkten aus betrachten", zieht Domenicali nach dem Saisonauftakt in Melbourne und Sepang eine erste Zwischenbilanz. "Wir haben zwei Rennen gesehen, die diesbezüglich ziemlich unterschiedlich waren. Das ist eine neue Situation in der Formel 1, der wir uns stellen müssen. Wir müssen sicherstellen, dass wir am meisten davon profitieren. Die Absicht war, mehr Überholmanöver zu schaffen."

"Dann kam die Frage auf: Ist das noch die natürliche Formel 1 oder ist das künstlich? Aus Zuschauersicht glaube ich, dass viele gerne dabei zusehen, wie der Flügel auf- und zuklappt, wie die Fahrer miteinander fighten", so der Italiener. "Aus Teamsicht muss ich sicherstellen, dass die Systeme funktionieren, denn sonst haben wir beide Ziele nicht erreicht: keine Show und kein Vorteil durch dieses neue Element. Das ist für mich im Moment das Wichtigste."

Fotoquelle: McLaren

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