Bernie Ecclestone muss seine "Schäfchen" mal wieder gut zusammenhalten...

Formel 1 2011

— 13.04.2011

Concorde-Agreement: Verbotenes Wort "Piratenserie"

Von "Piratenserie" und Co.: Warum der Streit um das neue Concorde-Agreement sogar noch intensiver werden könnte als vor drei Jahren

Ende 2012 läuft das aktuelle Concorde-Agreement aus, doch bisher wurde darüber (zumindest öffentlich) wenig gesprochen. Dabei herrscht "Einigkeit darüber, dass das eines der wichtigsten Themen ist, die wir im Laufe dieses Jahres erledigen müssen", unterstreicht Sauber-Geschäftsführerin Monisha Kaltenborn und ergänzt: "Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass es vielleicht nicht klappen könnte."

Doch das ist bei genauerer Betrachtung wohl eine optimistische Einschätzung. Denn hinter den Kulissen herrscht nicht nur zwischen FIA-Präsident Jean Todt und Bernie Ecclestone als Vertreter der Inhaber der kommerziellen Rechte ein Machtgerangel, sondern auch die Teams positionieren sich nach und nach. Zwar wurde ihre Beteiligung an den Formel-1-Einnahmen bei den letzten Verhandlungen auf 50 Prozent erhöht und damit fast verdoppelt, doch ab 2013 wollen sie ein noch größeres Stück vom Kuchen.

Laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' gab es schon zur Zeit der Barcelona-Wintertests ein Treffen zwischen Ecclestone und fünf Teams. Man munkelt, dass es sich dabei neben den beiden Topteams Ferrari und McLaren um Williams, Force India und HRT gehandelt haben soll. Williams, weil man schon 2009 einen Vorschuss von Ecclestone erhalten hat, um das Concorde-Agreement frühzeitig zu unterscheiden, und Force India, weil Vijay Mallyas Team mit ständigen Geldsorgen zu kämpfen hat.

Alleingang von HRT?

HRT ist ein Sonderfall: Die vom deutschen Teamchef Colin Kolles geführte Truppe ist aus der Teamvereinigung FOTA ausgetreten und hat offenbar vor, im Alleingang mit Ecclestone zu verhandeln. Ähnlich wie Williams vor zwei Jahren könnte der spanisch-deutsche Rennstall einen Vorschuss gut gebrauchen. Ecclestone hätte dann immerhin mal ein Team sicher auf seiner Seite, wenn auch das kleinste. Allerdings besagt ein Passus im Concorde-Agreement, dass Ecclestone alle anderen Teams über solche Exklusivverhandlungen informieren muss.

Hinter den Kulissen wird gemunkelt, dass die FOTA ihren Mitgliedern empfohlen hat, ab einer Einnahmenbeteiligung in der Höhe von 70 statt 50 Prozent zu akzeptieren. Tatsächlich anvisiert werden sogar 75 bis 80 Prozent. Die Inhaber der kommerziellen Rechte, allen voran die Investmentgesellschaft CVC, würden jedoch am liebsten weiterhin mindestens 50 Prozent für sich einstreifen, um ihr beim Formel-1-Einstieg getätigtes Investment zu refinanzieren. Hier gibt es also potenziell großes Konfliktpotenzial.

"Nach meinen Informationen ist es so, dass die Teams nun zunächst gemeinsam eine Verständigung über das Concorde-Agreement suchen", erklärt Sauber-Geschäftsführerin Kaltenborn im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com'. "Beim letzten Mal war es von großem Vorteil, in diesen Verhandlungen geschlossen aufzutreten. Alle Verhandlungsparteien sind sich einig, dass man nicht den Weg gehen darf wie 2007/2008, der dann erst 2009 endete. Dieser zähe Prozess hat damals niemandem geholfen, denn die Reputation der Formel 1 hat darunter gelitten."

Wo man sich umhört, bemüht man sich darum, die Friedenspfeife zu rauchen und das Thema Concorde-Agreement 2013 herunterzuspielen - zumindest öffentlich. Denn im schlimmsten Fall könnte diesmal sogar für drei "Piratenserien" die Säbel gerasselt werden. Wie vor drei Jahren wäre eine Abspaltung der FOTA-Teams, die am liebsten 100 Prozent der Einnahmen einheimsen würden, die logischste Variante. Doch auch zwei andere Parteien könnten sich theoretisch "selbstständig" machen.

"Piratenserie" bis 2012 ein verbotenes Wort

So zum Beispiel auch Ecclestone, falls ihm Todts Ansprüche auf die FIA-Formel-1-Weltmeisterschaft zu bunt werden. Der Formel-1-Zampano würde wohl versuchen, einige große Namen auf seine Seite zu ziehen und dann sein eigenes Ding zu machen. Umgekehrt könnte aber auch die FIA einen Alleingang ohne Ecclestone in die Wege leiten. Der Automobil-Weltverband hat mit der Formel 2 erst kürzlich eine neue Rennserie gegründet. Ob es zu solchen Abspaltungen kommen wird, ist fraglich, aber als Drohgebärde in den Verhandlungen dienen die drei Szenarien allemal.

Dass die Teams das Thema "Piratenserie" im Moment totschweigen, muss nichts bedeuten. Denn nach den Drohungen während der letzten Verhandlungen vor drei Jahren haben sich die unterschreibenden Parteien des aktuellen Concorde-Agreements darauf geeinigt, dass vor 1. Januar 2012 keine Abspaltung einer Partei vorbereitet werden und auch nicht öffentlich darüber gesprochen werden darf, weil das dem Sport schaden würde. Geregelt ist das in Artikel 4.5 von Kapitel neun des aktuellen Concorde-Agreements.

Der Kompromissvorschlag, dass die Teams Anteile an der kommerziellen Rechten erwerben könnten, um ihnen mehr Macht zu geben und sie gleichzeitig längerfristig zu binden, ist eher kein realistisches Szenario. "Dieses Thema gibt es immer wieder", bestätigt Kaltenborn. "Schon vor Jahren gab es den Vorschlag, dass Team Beteiligungen erwerben sollten. Einige Hersteller hatten intensives Interesse daran." Nur: Die großen Werke wie BMW, Honda, Toyota und Co., die das am meisten gereizt hätte, sind inzwischen weg.

Außerdem fragt sich Kaltenborn, "ob so etwas wirklich notwendig ist. Wir hatten beim Abschluss des bisherigen Concorde-Agreements Probleme und schlugen einen gewissen Weg ein. Dort wollen wir wieder ansetzen. Aber Beteiligungen halte ich nicht für sinnvoll. Das sage ich jedenfalls aus Sauber-Sicht", so die Österreicherin. "Dieses Thema kommt immer wieder hoch, ist anscheinend zwangsläufig immer Teil der Verhandlungen um ein neues Concorde-Agreement - wie auch die Androhung einer eigenen Rennserie. Solche Dinge kommen immer wieder auf den Tisch."

Motorenstreit nur ein Nebengeplänkel?

Solange das Wort "Piratenserie" nicht in den Mund genommen werden darf, suchen sich die Streitparteien eben andere Mittel, um ihre Muskeln spielen zu lassen. So hat die FIA für 2013 den Umstieg auf umweltfreundlichere Vierzylinder-Turbomotoren mit stärkerem Hybridantrieb verabschiedet, was Ecclestone ein Dorn im Auge ist. Der 80-jährige Brite möchte die Entscheidung kippen - und wird dabei angeblich von Mercedes und Ferrari unterstützt, die aus Kostengründen ebenfalls am V8 festhalten wollen.

Am Freitag in Sepang trommelte Ecclestone daher die Teamchefs zusammen, um die Motorenfrage zu diskutieren und auszuloten, wer auf seiner Seite steht. "Das ist eine komplexe Debatte, die sich da entwickelt", erklärt Renault-Teamchef Eric Boullier gegenüber 'Motorsport-Total.com'. "Die Formel 1 hat globale Interessen und involviert die Präsenz von großen Automobilherstellern. Die wollen wir nicht verlieren." Doch auch er kann dem V8 durchaus etwas abgewinnen, denn: "Auf Teamebene müssen wir auf die Kostenkontrolle achten."

Das bedeutet auch, dass die FOTA nicht zwangsläufig weiterhin den Turbo unterstützen wird: "Die FOTA muss die Interessen der Teams wiedergeben", deutet Boullier an. "Es ist die Formel-1-Teamvereinigung. Ganz eindeutig müssen wir alles unterstützen, was im Interesse der Teams liegt. Die FOTA wurde von Teams gegründet, aber damals waren das noch hauptsächlich Werksteams. Innerhalb von ein paar Jahren hat sich das drastisch geändert, sodass die meisten Teams nun Privatteams mit Kundenmotoren sind."

Und die würden wohl mehr als bisher für ihre Motorendeals zahlen müssen, wenn die anbietenden Hersteller dazu gezwungen wären, bis 2013 völlig neue Triebwerke zu entwickeln. Einigkeit herrscht aber darüber, dass die FOTA im eigenen Interesse an einem Strang ziehen sollte: "Wir sind Teil der Show", weiß Boullier. "Ganz unabhängig von allen politischen Spielchen bin ich der Meinung, dass wir viel mehr machen könnten, wenn wir zusammenhalten, um die besten Interessen der Teams zu vertreten."

Fotoquelle: xpb.cc

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