Riesenjubel bei Lewis Hamilton nach der Zieldurchfahrt in Schanghai

Formel 1 2011

— 17.04.2011

Falsch gepokert: Vettel verliert gegen Hamilton!

Sebastian Vettel und Nico Rosberg hätten in Schanghai gewinnen können, letztendlich setzte sich aber Lewis Hamilton durch - Tolle Aufholjagd von Mark Webber

203 Tage lang (Platz zwei in Singapur 2010) wurde Sebastian Vettel (Red Bull) nicht mehr aus eigener Kraft geschlagen, doch beim heutigen Grand Prix von China war es wieder einmal so weit: Lewis Hamilton setzte in einem von unzähligen Überholmanövern geprägten Rennen erst viereinhalb Runden vor Schluss das entscheidende Manöver und feierte damit seinen ersten Sieg seit Spa-Francorchamps im vergangenen August.

Dabei hatte der Tag für den McLaren-Piloten denkbar schlecht begonnen, denn wegen eines Benzinlecks musste ihn seine Crew zunächst ohne Motorenabdeckung in die Startaufstellung schicken! Gerade mal eine halbe Minute vor Schließung der Boxengasse schaffte es Hamilton noch auf die Strecke, ansonsten hätte er das Feld von ganz hinten aufrollen müssen - und wohl nicht die geringste Chance gehabt, den Grand Prix zu gewinnen.

"Es ist erstaunlich, dass ich den Sieg nach Hause gebracht habe", jubelt Hamilton, der das Beinahe-Drama während der Vorstartphase gar nicht so genau mitbekommen hatte: "Ich weiß nicht, was da los war. Wichtig war, cool zu bleiben und Ruhe auszustrahlen, denn sonst färbt das auf die Mechaniker ab. Sechs Minuten, dann nur noch zwei und immer weniger Zeit - aber zum Glück haben wir es noch rechtzeitig auf den Grid geschafft."

Webber vom 18. auf den dritten Platz

Eine tolle Aufholjagd zeigte heute übrigens Mark Webber, der vom Red-Bull-Kommandostand mit einer besseren Strategie als Vettel ausgestattet wurde und vom 18. noch auf den dritten Platz nach vorne fuhr, nur 2,3 Sekunden hinter dem Polesetter im gleichen Auto. Vierter wurde Jenson Button (McLaren), Fünfter Nico Rosberg (Mercedes) und Sechster Felipe Massa (Ferrari) - alle innerhalb von gut 15 Sekunden, bis auf Webber alle mit Führungsrunden!

Red Bull verlor den Grand Prix möglicherweise schon auf den ersten Metern, denn Vettel, im Qualifying noch um sieben Zehntelsekunden schneller als der Rest der Welt, musste vor der ersten Kurve Button und Hamilton passieren lassen - wegen eines nicht hundertprozentig funktionierenden KER-Systems, wie Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko behauptet. Beinahe wäre der WM-Leader in der Schneckenkurve sogar noch hinter Rosberg zurückgefallen.

"Der Start war nicht der beste, den wir dieses Jahr hatten", gesteht Vettel. "Außerdem scheint die linke Seite hier schlechter zu sein als die rechte - und die Tatsache, dass es dann nach rechts geht, hilft auch nicht." Relativ schnell bildeten sich zwei Gruppen: an der Spitze die beiden McLarens und Vettel, die innerhalb von zwei Sekunden lagen, und dahinter Rosberg und die beiden Ferraris, die den Anschluss nicht ganz, aber doch einigermaßen halten konnten.

Diese sechs Fahrer sollten dann auch den Sieg unter sich ausmachen - und zwar vor allem auf taktischer Ebene. Grundsatz war heute: Wer früher stoppt, gewinnt! "Ich hätte im ersten Stint länger draußen bleiben können, denn meine Reifen waren gut, aber was bringt das? Man will ja möglichst früh wechseln", erklärt Vettel. Denn der Vorteil der frischeren Reifen kann teilweise mehr als eine Sekunde pro Runde ausmachen und somit Positionsverschiebungen herbeiführen.

Wer früher stoppt, gewinnt

Davon profitierte Rosberg, der in der zwölften Runde als erster Topfahrer zum Service kam und von Option (weich) auf Option wechselte. Vettel überholte zwei Runden später Hamilton und kam ein paar Meter später schon an die Box, wo auch Spitzenreiter Button stand. Der hatte irrtümlich die Red-Bull-Box angesteuert, verlor dadurch die eine oder andere Sekunde und schenkte Vettel damit die Führung im Rennen - zumindest vermeintlich.

Denn Rosberg konnte in den zwei Runden so viel Zeit gutmachen, dass er plötzlich fünf Sekunden vor Vettel in Führung lag! Doch Mercedes blieb nicht bei der Strategie, jeweils am Beginn einer Serie reinzukommen, und so verlor er mit seinem Boxenstopp in der 39. Runde die Spitzenposition. Der Deutsche wurde erst von Hamilton überholt, hörte dann den Funkspruch "Fuel IS critical" (Benzin sparen) und fiel daher noch auf Rang fünf zurück.

Kein Wunder, dass er im Nachhinein betrachtet "sehr enttäuscht" ist: "Heute wäre sehr viel mehr drin gewesen", ärgert sich Rosberg. "Das Rennen war schlecht - von allen: mir, dem Team, allen, die daran gearbeitet haben. Extrem schade. Aber der Lichtblick ist, dass ich ein Rennen angeführt habe. Wer hätte das gedacht? Ich jedenfalls nicht." Fällt dein Fazit aber nach den schwierigen Auftaktrennen in Summe positiv aus, Nico? "Nein", entgegnet er trotzig.

"Ich kann Nico verstehen", erklärt Mercedes-Sportchef Norbert Haug. "Er war ganz klarer Podiumskandidat, aber wir mussten Sprit sparen, weil wir einen besseren Speed hatten als erwartet. Man kann den Spritverbrauch leider nur nach dem Training berechnen, nur waren wir heute viel schneller. Nico ist nach seinem letzten Stopp vor Sieger Hamilton gelegen. Natürlich ärgert man sich da. Der Speed von heute war bemerkenswert."

Kein Boxenfunk mehr bei Vettel

Als Button in Runde 24 die Serie der zweiten Boxenstopps eröffnete, führte Rosberg vor Vettel und Massa. Langsam zeichnete sich ab, dass Vettel und Massa auf zwei Stopps setzen würden, während alle anderen dreimal reinkommen wollen. In etwa zu jener Zeit fiel bei Vettel der Boxenfunk aus. "Das hat es nicht einfacher gemacht. Ich habe viele Fragen gestellt, bekam aber keine Antworten", schildert er. Teamchef Christian Horner ergänzt: "Er konnte uns hören, aber wir ihn nicht."

Der amtierende Weltmeister und WM-Leader wechselte in der 31. von 56 Runden von Option auf Prime und fuhr damit durch. Hamilton absolvierte seinen Reifenwechsel sieben Runden später - ein rennentscheidender Faktor, wie sich später herausstellen sollte. Denn der McLaren-Pilot legte eine tolle Schlussoffensive hin, schnappte sich erst Button, Rosberg und dann Massa und knabberte sekundenweise am Rückstand auf Vettel.

"Schon deine Reifen", wurde er mehrfach von seinem Renningenieur aufgefordert, aber Hamilton ignorierte dies und lag in der 50. Runde erstmals innerhalb des DRS-Maximalabstands. Nachdem er zweimal mit dem verstellbaren Heckflügel gescheitert war, lancierte er plötzlich in einer schnellen Linkskurve einen Überraschungsangriff! "In der Kurve hat noch nie jemand überholt", staunt 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer.

Experte Surer von Manöver begeistert

"Das ist eine Red-Bull-Kurve, da waren sie immer am schnellsten. Vettel hat mitgespielt, aber das ist schon eine heiße Stelle zum Überholen", applaudiert der ehemalige Formel-1-Pilot, der aber nicht glaubt, dass das Manöver in die Geschichte eingehen wird, "weil sie unterschiedliche Waffen hatten". Hamilton nämlich einen vier noch relativ frische Prime-Pirellis, Vettel hingegen schon einen etwas älteren Reifensatz. Das macht einen Riesenunterschied.

Den Grundstein für seine Schlussoffensive legte Hamilton schon gestern, als er sehr bedacht darauf war, im Qualifying nicht zu viele Reifen zu verbrauchen: "Die Strategie im Qualifying hat heute definitiv geholfen, aber es sind ein paar Sachen zusammengekommen", gibt der erstmalige Saisonsieger zu Protokoll. "Das Auto fühlte sich großartig an. Es war eines der besten Rennen, das ich je erlebt habe, mit vielen Überholmanövern."

"Vielleicht haben wir zu steif versucht, auf zwei Stopps zu bleiben. Das hat bei Felipe auch nicht geklappt", spekuliert der geschlagene Vettel, der eigentlich vorhatte, einen längeren Mittelstint zu fahren, aber wegen eines Bremsplattens früher reinkommen musste. Horner sieht die Sache etwas differenzierter: "Wir haben uns für die Zweistoppstrategie entschieden, um nicht das Gleiche wie McLaren zu machen und hinter ihnen festzustecken. Beinahe hätte es ja funktioniert."

Am Ende fehlten 5,1 Sekunden, aber Vettel hatte nur 2,3 Sekunden Vorsprung auf Dreistopper Webber im gleichen Auto, der vom 18. Platz losgefahren war. "Ich bin der Einzige mit zwei Stopps auf dem Podium. Das ist sicher etwas, was wir analysieren müssen", fordert der Deutsche. "Der Speed unseres Autos steht nicht in Frage, aber man muss auch alles richtig machen. Das fängt beim Start an und hört erst bei der Zielflagge auf."

Vettel gegen Hamilton ohne Chance

Dass seine Siegesserie heute im sonnigen Schanghai reißen würde, war ihm klar, als Hamilton in seinem Rückspiegel immer größer wurde: "Ich sah Lewis immer näher kommen. Ich sah keinen Sinn darin, mich groß zu verteidigen, denn von hinten wären sie sonst auch noch rangekommen. Aber ich bin mit dem zweiten Platz nicht unzufrieden", so der 23-Jährige, der in der Fahrer-WM nun 21 Punkte Vorsprung auf Hamilton hat.

Webber, der auf Pirelli-Primes ins Rennen gegangen war und am Ende in 1:38.993 Minuten auch die schnellste Runde für sich verbuchte, hatte im Finish den besten Speed und arbeitete sich noch auf den dritten Platz nach vorne. Dabei sah Button zu Beginn lange Zeit wie ein möglicher Sieger aus, aber: "Mein Tempo war unterm Strich nicht gut genug", sucht der entthronte Vorjahressieger gar nicht erst nach Ausreden.

Umso größer die Freude bei Webber, für den die heutige Performance ein kleiner Befreiungsschlag ist: "Wenn du nach 15 Runden immer noch P17 auf der Boxentafel siehst, verzweifelst du, aber dann ging es auf einmal ganz schnell", erinnert er sich an die schwierige Anfangsphase des Rennens. "Ich habe nie aufgegeben. Das heute war eine Fahrt für das Team, denn die Jungs haben fantastische Arbeit für mich geleistet."

Hinter Button, Rosberg (der übrigens schon in Runde 22 aufgefordert wurde, seine Bremsen zu schonen) und Massa wurde Alonso mit einer halben Minute Rückstand Siebter. Michael Schumacher (Mercedes), nach einem Raketenstart von 14 auf neun solide unterwegs, fehlten am Ende nur 0,4 Sekunden auf den Spanier im Ferrari. Bei Alonso fiel zwischendurch auf, dass sein Heckflügel nicht richtig abschloss - was die FIA möglicherweise noch untersuchen muss.

Surer findet: "Hat Spaß gemacht"

Bei all den Überholmanövern und unterschiedlichen Reifenstrategien war es denkbar schwierig, den Durchblick zu behalten. "Heute hat es Spaß gemacht. Es war ein abwechslungsreiches Rennen", findet Experte Surer. Eines, in dem neben der Spitzengruppe auch Witali Petrow (Renault) und Kamui Kobayashi (Sauber) mit Punkten belohnt wurden. Das gestrige Geburtstagskind Paul di Resta (Force India) landete auf Rang elf, aber wieder vor Teamkollege Adrian Sutil (15./Kollision mit Sergio Perez).

Nick Heidfeld (Renault) legte heute den schlechtesten Start der Saison hin und verbesserte sich "nur" von 16 auf 14. Mit seiner Zweistoppstrategie fand er nie zu einem überragenden Tempo, sodass er sich unterm Strich mit Platz zwölf begnügen musste. Timo Glock (Marussia-Virgin) wurde eine halbe Minute hinter Stallgefährte Jerome D'Ambrosio 21. Insgesamt sahen 23 Autos die Zielflagge. Einziger Ausfall: Toro-Rosso-Junior Jaime Alguersuari (loses Hinterrad nach dem Boxenstopp).

Glück im Unglück hatte Sutil, als er in der Schneckenkurve leicht nach außen kam, wieder auf die Ideallinie ziehen wollte und dabei von Perez touchiert wurde. Der Sauber-Rookie kassierte dafür eine Durchfahrstrafe. Am Ende krachten dann auch noch Heidfeld und di Resta beim Anbremsen der Haarnadel zusammen. Die Rennkommissare untersuchten den Zwischenfall, sprachen aber keine Strafen aus.

Geprägt war das Rennen von den vielen Überholmanövern, die allerdings überwiegend wegen unterschiedlicher Reifenstände zustande kamen. So ließ Rosberg in der Zielkurve erst Alonso und dann Massa alt aussehen, womit er sich Szenenapplaus verdiente. In der Weltmeisterschaft führt nun Vettel (68 Punkte) vor Hamilton (47), Button (38) und Webber (37). Bei den Konstrukteuren hat Red Bull (105) die Nase vor McLaren (85) und Ferrari (50).

Fotoquelle: xpb.cc

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