Giorgio Ascanelli hat in seiner Karriere das Glück, mit den Besten zu arbeiten

Formel 1 2011

— 20.04.2011

Ascanelli: Vettel ist besser als Schumacher

Wer ist der beste Rennfahrer aller Zeiten? Das kann nur einer beurteilen, der die Größten aus der Nähe beobachtet hat: Toro-Rosso-Technikchef Ascanelli

Wie gut ist Sebastian Vettel wirklich? Mit 23 hat er sämtliche Altersrekorde der Formel 1 geknackt - ist jüngster Weltmeister, Grand-Prix-Sieger, Punktesammler und Polesetter. Doch kann man ihn nach seinem Weltmeisterjahr, in dem er auch einige Fahrfehler begangen hat, wirklich schon mit den ganz Großen vergleichen?

Der normale Formel-1-Fan oder Fahrerlager-Kenner tut sich wahrscheinlich schwer, dies einzuschätzen. Doch es gibt Menschen, die in ihrer Karriere mit den Größten der Königsklasse - oder zumindest mit einigen davon - zusammengearbeitet haben. Sie haben einen anderen Zugang zu diesem Thema, einen erweiterten Blickwinkel.

Was Vettel Senna voraus hat

Einer dieser Menschen ist Giorgio Asanelli. Der Italiener ist derzeit Toro-Rosso-Technikchef und erlebte damit die "Geburtsstunde" Vettels in der Formel 1 mit. Doch Anfang der 1990er Jahre kreuzten andere Hochkaräter seinen Weg: 1991 arbeitete er bei Benetton als Renningenieur und erlebte damit Nelson Piquet und Michael Schumacher aus der Nähe. 1992 wechselte er zu McLaren und damit zu Ayrton Senna.

"Ich kann mich sehr glücklich schätzen", ist Ascanelli im Gespräch mit 'Sport Bild' bewusst, welche Kaliber er aus der Nähe beobachten durfte. Sein Fazit: "Zweimal in meinem Leben habe ich Perfektion erlebt. Einmal mit Senna. Das andere Mal mit Vettel." Doch warum spart er den erfolgreichsten Formel-1-Piloten aller Zeiten aus? "Weil Michael in einem Punkt anders war", holt er aus. "Er musste für seinen Erfolg härter arbeiten als Senna und Vettel. Die beiden haben etwas Naturgegebenes."

Doch Ascanelli findet einen Punkt, in dem sich Vettel sogar von Senna abhebt: "Er braucht keinen Teamkollegen, an dem er sich messen, von dem er lernen muss. Daher ist er für mich ein Wunder. Er setzt sich seine eigenen Ziele." Dabei wächst selbst ein Supertalent normalerweise an seinem Stallrivalen, wenn dieser ein Guter ist: "Ein exzellenter Fahrer kann dir als Teamkollege mehr beibringen als ein Ingenieur. Prost hatte Lauda. Schumacher Piquet. Häkkinen Senna. Senna Prost."

Vettel kein Drecksack?

Der Toro-Rosso-Mann schreibt den Erfolg seines Rennstalls - gemeinsam mit Vettel holte er 2008 sensationell den Sieg in Monza - ausschließlich dem Heppenheimer zu: "Jedes Team, in dem Sebastian bisher gefahren ist, wurde mit ihm zum Siegerteam. Erst Toro Rosso, jetzt Red Bull. Das liegt allein an ihm. 2008 waren wir besser als Red Bull, weil Vettel besser als Coulthard und Webber war. Toro Rosso verdankt seinen Erfolg nur Vettel."

Für Vettels Ex-Teamchef Gerhard Berger, der Ascanelli aus Ferrari- und McLaren-Zeiten gut kennt, ist Senna zwar charismatischer als Vettel, trotzdem sieht er den Red-Bull-Piloten gegenüber der verstorbenen Formel-1-Legende sogar in zwei Punkten im Vorteil: Der Tiroler meint gegenüber 'Sport Bild', dass mit 23 noch kein Fahrer so weit wie Vettel war, und "irgendwie kriegt der Bub es hin, die größte Erfolgsregel früherer Jahre außer Kraft zu setzen: Er ist auf der Piste nämlich kein Drecksack, wie wir alle das waren. Und er gewinnt trotzdem."

Genau diese widersprüchliche Persönlichkeit fasziniert nach wie vor Millionen von Menschen an Senna. Der Brasilianer schwankte oft in atemberaubendem Tempo zwischen Moralapostel und unfairem Vollgastier. Das weiß auch Ascanelli: "Er konnte auf der Strecke zwar ein Bastard sein. Was du sein musst, wenn du gewinnen willst. Aber er war ein guter Mensch. Fair. So ist Sebastian auch."

Alonso nicht mehr der Beste?

Doch wo reiht sich der spanischen Doppelweltmeister Fernando Alonso in dieser Liste ein? Es ist nicht lange her, da galt der Spanier beim Großteil des Formel-1-Fahrerlagers als derzeit bester Rennfahrer. Auch bei Berger: "Vor der Saison hielt ich Alonso noch für den Vollkommensten aller Fahrer, doch vielleicht ist Sebastian jetzt schon der Beste. Wie er die ersten Rennen meisterte, war noch mal ein Entwicklungsschritt."

Alonso beginne hingegen laut Berger an der Fähigkeit, das Unmögliche möglich zu machen, zu zweifeln. "Ich kenne das aus meiner Ferrari-Zeit", erinnert er sich. "Du hast dann als Fahrer das Gefühl, dass das Potenzial im Team nicht reicht, mit den Besten mithalten zu können. In meinem Fall war das McLaren, bei Alonso ist es jetzt Red Bull. Vettel aber glaubt an sich und das Team. Genau das macht den Unterschied."

Dieser Meinung will sich einer freilich nicht anschließen: Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali. Für den Italiener bleibt Alonso in der aktuellen Formel 1 die Nummer eins. "Sebastian ist ein sehr guter Fahrer, verstehen Sie mich nicht falsch", sagt er gegenüber 'Sport Bild'. "Aber er hat das beste Auto. Seine Stärke ist, alles aus dem Auto herauszuholen. Wie gut der Fahrer wirklich ist, sieht man aber erst, wenn er auch in einem unterlegenen Auto seine Klasse zeigt."

Domenicali bricht Lanze für Alonso

Der 23-Jährige müsse nun "auf dem Boden bleiben, dann hat er eine großartige Zukunft." Wertet Alonsos Teamchef den Hauptrivalen ab, weil dieser bis 2014 an Red Bull gebunden ist? "Sebastian ist ein extrem talentierter, junger Fahrer", beschwichtigt Domenicali. "Aber im Moment haben wir andere Probleme, als uns um zukünftige Piloten zu kümmern. Wenn wir endlich wieder ein siegfähiges Auto haben, werden wir uns darüber Gedanken machen. Außerdem: Alonso und Ferrari ist ein Langzeitprojekt."

Ganz ausschließen will er eine zukünftige Zusammenarbeit mit Vettel nicht, auch wenn dieser vorerst bei Red Bull bleibt: "Er weiß, dass er dort ein gutes Team hat. Und er ist noch so jung. Deshalb glaube ich, dass er erst einmal das Maximum aus Red Bull herausholen will. Danach wird er sein Glück woanders versuchen."

Fotoquelle: xpb.cc

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