Ferrari-Chefdesigner Tombazis arbeitet fieberhaft an der Lösung der Probleme

Formel 1 2011

— 04.05.2011

Wie Ferrari seine Probleme löst

Chefaerodynamiker Tombazis erklärt, dass der Windkanal nicht Ferraris einziges Problem war und wie man mit mutigen Innovationen zurückschlagen will

Die Ratlosigkeit war den Ferrari-Teammitgliedern bis hinauf zu Teamleader Fernando Alonso anzumerken. Niemand wusste so recht, warum man den hohen Ansprüchen bei den ersten drei Saisonrennen nicht gerecht werden konnte. Dabei war man als Siegkandidat zum Auftakt nach Melbourne gereist, um dann vor dem Europastart nicht einmal einen Podestplatz einzufahren.

"Wir hatten gehofft, dass wir weiter vorne liegen", gibt der griechische Chefdesigner der Roten, Nikolas Tombazis, zu. "Wir erleben eine schwierige Zeit und wir können nicht leugnen, dass unser Saisonstart enttäuschend war." Doch inzwischen scheint man den Problemen tatsächlich auf die Schliche gekommen zu sein.

Ferrari-Misere hat zwei Ursachen

Schuld ist nicht ausschließlich der Windkanal. Tombazis geht ins Detail: "Das Problem hängt mit der Aerodynamik zusammen und kann in zwei Teile geteilt werden. Erstens stimmen die Daten aus dem Windkanal und die von der Strecke nicht überein. Wir reagieren darauf und korrigieren das Problem. Zudem müssen wir zugeben, dass wir - selbst ohne dieses Problem - bei den ersten drei Rennen nicht um Siege gekämpft hätten."

Bereits bei der Präsentation des 150° Italia in Maranello machte der neue Hoffnungsträger von Ferrari einen äußerst konservativen Eindruck. War man in der Entwicklungsphase zu wenig mutig, um die Konkurrenz von Red Bull herausfordern zu können? "Wir haben untersucht, ob unsere Herangehensweise zu konservativ war", erklärt Tombazis.

"Aus unterschiedlichen Gründen waren wir in der Entwicklungsphase weder reagierend, noch aggressiv genug", gibt er das Ergebnis preis. "Wir haben einige Änderungen an unserer Arbeitsweise gemacht, um uns mehr auf die Leistung des Autos konzentrieren zu können. Wir haben die Arbeitsweise im Windkanal und auch bei der Entwicklung in der Aerodynamik-Design-Abteilung verändert. Die Ergebnisse dieser Änderungen sollten sich bei den kommenden Rennen zeigen."

Windkanal wird weiter untersucht

Nach einem guten Teststart war man mit dem Paket beim letzten Test vor dem Saisonauftakt in die Krise geschlittert. Tombazis klärt gegenüber der 'Gazzetta dello Sport' auf: "Die Aerodynamik eines modernen Formel-1-Autos hängt von einer Reihe von Lufstströmen ab, die mit dem Auto interagieren. Im Vergleich zu Vergangenheit sind sie am Limit viel heikler, dadurch kann es bei der Übertragung auf die Strecke zu Unregelmäßigkeiten kommen. Von den Tests zum ersten Rennen hat unser Paket nicht wie erhofft funktioniert. Daraufhin haben wir untersucht, warum uns der Windkanal genarrt hat. Diese Untersuchung hält teilweise immer noch an, aber den Großteil haben wir jetzt verstanden."

Ferrari hat seinen Windkanal vor einigen Monaten von 50-Prozent- auf 60-Prozent-Modelle umgestellt. Ist das die Ursache der Probleme? "Möglicherweise", gibt der Grieche zu. "In einer perfekten Welt würde man die Dimensionen des Bauwerks auch vergrößern, um den Einfluss der Wände zu reduzieren. Das ist aber nicht alles. Auf jedem Fall haben wir jetzt ein größeres Vertrauen in unsere Windkanal-Ergebnisse."

Bereits beim Grand Prix der Türkei wird Ferrari mit einem neuen Aerodynamikpaket ausrücken - den großen Sprung nach vorne erwartet Tombazis aber erst später: "Das Paket wurde vor dem chinesischen Grand Prix entwickelt. Aus diesem Grund konnten wir diesbezüglich in den vergangenen Wochen keine signifikanten Änderungen mehr machen. Wir werden vorne und hinten einen neuen Flügel und neue Bremsbelüftungen haben. Wir werden in der Türkei näher dran sein, aber ich bezweifle, dass wir dort sein werden, wo wir sein sollten."

Ferrari verspricht mutige Innovationen

Der Durchbruch gelang erst am vergangenen Donnerstag bei einem Geradeaustest im italienischen Vairano, bei dem man herausfand, dass die Daten des neu kalibrierten Windkanals nun realitätsnah sind. "Letzte Woche führten wir mit Jules Bianchi am Steuer einen Aerotest in Vairano durch", bestätigt Tombazis. Ich kann nicht genau sagen, ob dieser Schritt vorwärts ausreicht, aber ich rechne mit Konsequenzen der Änderung unserer Herangehensweise in den kommenden Rennen. Denn eines ist klar: Wenn wir die Lücke schließen wollen, müssen wir etwas von der Norm abweichendes machen. Wir müssen jetzt mutig sein."

Den Vorwurf, dass man bei der Entwicklung des 150° Italia vielleicht doch eine Spur zu konservativ zu Werke gegangen war, kann der Ferrari-Chefdesigner nicht abschmettern: "Derzeit haben wir kein siegfähiges Auto und an den Autos unserer Konkurrenten finden wir aggressivere Innovationen als bei uns. Vielleicht war unsere Herangehensweise etwas zu passiv: In einigen Entwicklungsbereichen haben wir nicht hart genug gepusht und leider beweisen das die Resultate auf der Strecke."

Nun will man bei Ferrari innovativer werden, auch wenn die Roten dies schon nach der vergangenen Saison angekündigt hatten. "Wir wollen den Geist der Innovation wieder entdecken", verspricht Tombazis. "Den haben wir in den vergangenen zwei Jahren vielleicht etwas verloren. Abgesehen davon bin ich überzeugt, dass Ferrari wieder konkurrenzfähig sein wird. Es ist wichtig, zu verstehen, welche Fehler man gemacht hat und wir haben das offen und ehrlich analysiert."

Leise Kritik an der FIA

Diesmal scheint es sich tatsächlich nicht um leere Worte zu handeln. Tombazis kündigt an: "Nach dieser kalten Dusche haben wir einen Gang hinauf geschalten und konzentrieren uns zu 1.000 Prozent auf die Dinge, die zählen. Wir arbeiten bereits an einigen sehr interessanten Projekten. Man muss demütig sein und es verstehen, warum ein anderes Auto besser ist. Während dieses Prozesses treiben wir einige Innovationen voran."

Er gibt zu, dass man das Regelwerk der FIA offenbar nicht ausreichend nach Grauzonen überprüft hatte: "Die FIA setzt nicht nur genaue Limits, sie kann die Regeln auch plötzlich verschärfen, wenn sie mitbekommt, dass sie zu dehnbar sind. Damit sage ich nicht, dass Red Bull schummelt, sondern dass wir zu vorsichtig waren. Ich bin allerdings auch der Meinung, dass die FIA die Limits strenger hätte ziehen können. Da sie dies aber nicht gemacht hat, müssen wir jetzt auf den Zug aufspringen."

Fotoquelle: Ferrari

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