Webber lacht nur etwas verkrampft, Vettel und Alonso aus vollem Herzen

Formel 1 2011

— 08.05.2011

Vettel dominiert Boxenstopp-Orgie in Istanbul

Sebastian Vettel zieht weiterhin Kreise um die Konkurrenz, aber die erlebte in Istanbul einen actionreichen Grand Prix - Webber Zweiter, Alonso Dritter

Wer hat gesagt, dass die Formel 1 nach Schanghai nicht noch mehr Action bieten kann? Heute in Istanbul traten die 24 PS-Matadoren den Gegenbeweis an! Denn beim Grand Prix der Türkei kam es zu über 80 Boxenstopps (im Durchschnitt 3,5 pro Fahrer) und wahrscheinlich noch mehr Überholmanövern - nur der Sieger hieß wieder wie immer: Sebastian Vettel.

Der Weltmeister feierte im vierten Saisonrennen bereits seinen dritten 25-Punkte-Erfolg und legte den Grundstein dafür bereits auf den ersten Metern: "Wir hatten ein reibungsloses Rennen nach einem reibungslosen Start. Ich fuhr gleich im ersten Stint einen Vorsprung heraus und konnte dann auf das reagieren, was die anderen machen. Die paar Sekunden Abstand haben mir später das Leben einfacher gemacht", analysiert der Red-Bull-Pilot.

Denn Vettel baute seinen Vorsprung auf die Verfolger von 3,0 (13. Runde) auf 8,5 Sekunden (27. Runde) aus und hatte somit genügend Puffer nach hinten, um keine strategischen Experimente wagen zu müssen. Denn den Durchblick haben beim vielleicht letzten Grand Prix der Türkei nicht nur die Fans, sondern sogar die Fahrer selbst verloren: "Ich weiß gar nicht, wie viele Boxenstopps ich heute gemacht habe", gesteht etwa Michael Schumacher.

Jede Menge Action gleich zu Beginn

Der Mercedes-Pilot kam viermal zum Service, genau wie neun andere Fahrer in den Top 12. "Ich glaube, dass fast alle eigentlich drei Stopps geplant hatten", vermutet Jenson Button (McLaren), der zwischendurch sogar in Führung lag, am Ende als Dreistopper aber nur Fünfter wurde. Auch Nico Rosberg (Mercedes) blickte "überhaupt nicht mehr durch" und mahnt zur Vorsicht: "Wir müssen aufpassen, dass es für die Zuschauer kein zu großes Durcheinander wird."

Doch zunächst einmal wurde sehenswerte Rennaction geboten: Vettel gewann den Start, Rosberg stach noch vor der ersten Kurve an Mark Webber (Red Bull) vorbei, der beinahe noch einen Platz an Lewis Hamilton (McLaren) verloren hätte. Aber Hamilton riskierte auf der Außenbahn im Infield zu viel, kam von der Ideallinie ab und büßte weitere Positionen ein, sodass er sich hinter seinem Teamkollegen Button zunächst an sechster Stelle einreihen musste.

Was die beiden McLaren-Piloten dann boten, übertraf sogar noch ihren Rad-an-Rad-Fight im Vorjahr: Hamilton machte sich im Rückspiegel mehrfach breit, ehe er in der sechsten Runde in der DRS-Zone aus dem Windschatten ausscherte und sich vor der letzten Kurvenkombination neben Button setzte. Der konterte, musste dann aber doch zurückstecken - fast eine 1:1-Wiederholung des rennentscheidenden Manövers vor einem Jahr an gleicher Stelle.

Doch Button gab noch nicht auf, setzte wenig später vor der ersten Kurve nach und brachte seine Nase tatsächlich wieder vor die von Hamilton. Teamchef Martin Whitmarsh erlitt indes am Kommandostand einen Herzinfarkt nach dem anderen: "Dass es bei uns keine Stallorder gibt, hat man heute wohl gesehen", grinst der Brite. Auch Button kam bei dem sensationell harten, aber dennoch fairen Zweikampf auf seine Kosten: "Wir hatten eine Menge Spaß!"

Nur Vettel von allem unbeeindruckt

Während der Boxenstopp-Orgie kristallisierte sich nur langsam eine Hackordnung heraus. Vettel stand relativ früh als wahrscheinlichster Sieger fest, konnte es sich sogar leisten, einen nicht geplanten vierten Boxenstopp einzulegen, um auf die vierten Stopps von Fernando Alonso (Ferrari) und Hamilton zu reagieren. Denn wäre das Safety-Car rausgekommen, hätte er zwar seine Führung behalten, sich aber mit alten Reifen gegen die neuen Pneus seiner Verfolger wehren müssen.

So hatte der 23-Jährige "alles unter Kontrolle" und er brachte nach 58 ereignisreichen Runden 8,8 Sekunden Vorsprung auf Webber über die Ziellinie. "Alles in allem bin ich sehr glücklich", strahlt Vettel, der sogar noch daran dachte, seiner Mutter via Fernsehen einen schönen Gruß zum Muttertag auszurichten und sich auch beim Team bedankte, "denn sie haben mein Auto nach dem Unfall am Freitag wieder gut hinbekommen".

Webber hatte erneut keine Chance, seinem Teamkollegen gefährlich zu werden: "Der Start war von der rechten Seite nicht so leicht, aber das war nicht das Ende der Welt. Doch Nico hat mich ein paar Runden lang aufgehalten, sodass sich Seb absetzen konnte. Von da an lief es nicht mehr so richtig für mich", seufzt er und fügt an: "Fernando ist heute fantastisch gefahren, aber am Ende hatte ich noch einen frischen Reifensatz vom Qualifying, daher konnte ich ihn überholen."

Denn in der 29. Runde hatte Webber keine Chance, als Alonso mit DRS-Boost an ihm vorbeizog und den zweiten Platz zunächst verteidigen konnte. Der Spanier fuhr ein überraschend starkes Rennen, genau wie auch sein Stallgefährte Felipe Massa - der fiel erst zurück, als die Ferrari-Crew einen Boxenstopp verpatzte, und wurde nur Elfter. Aber in der 51. Runde konnte Alonso den immer stärker aufkommenden Webber dann doch nicht mehr hinter sich halten.

Alonso hat wieder Freude am Fahren

Trotzdem stand ihm während der Siegerehrung ein breites Grinsen ins Gesicht geschrieben: Er sei "absolut" glücklich, strahlt der Ferrari-Pilot nach dem ersten Ferrari-Podestplatz dieser Saison, denn "das Auto war ein bisschen besser als in den ersten drei Rennen. So macht das Rennfahren wieder Spaß. Mit Red Bull zu kämpfen, ist derzeit sehr schwierig, aber wir waren nahe dran. Beim nächsten Mal probieren wir es wieder."

Das würde genau rechtzeitig kommen, nämlich zum Heimrennen in Barcelona. Aber bis dahin hat Ferrari noch eine Menge Arbeit vor sich, wie Teamchef Stefano Domenicali weiß: "Ich würde nicht sagen, dass wir schon feiern dürfen, aber wir sind zufrieden. Wir waren auf weichen Reifen sehr gut und ein bisschen langsamer als Red Bull auf den harten. Das war positiv. Aber im Qualifying müssen wir noch aufholen", weiß der Italiener.

Genau umgekehrt ergeht es Mercedes: "Heute ging nichts", meint der fünftplatzierte Rosberg, der im Finish dank neuerer Reifen noch problemlos an Button vorbeiziehen konnte. Allerdings gibt der Deutsche zu, dass er sich nach dem dritten Startplatz und dem guten Start eigentlich viel mehr ausgerechnet hatte: "Jetzt müssen wir analysieren, warum wir im Qualifying besser sind als im Rennen. Aber der Aufwärtstrend ist da", sagt er.

7,3 Sekunden vor Rosberg kam Hamilton ins Ziel, bei dem die McLaren-Crew einen Boxenstopp verpatzt hat. Möglicherweise wäre er sonst etwas näher an Webber und Alonso dran gewesen, aber siegfähig war McLaren heute definitiv nicht. Ebenso wenig wie Mercedes-Superstar Schumacher, dessen Rennen schon nach einer Kollision in der ersten Runde mit Witali Petrow (Renault) de facto zerstört war: "Da ging der Vollblut-Racer in ihm durch", analysiert Mercedes-Sportchef Norbert Haug.

Schumacher zeigt sich einsichtig

Schumacher versucht daher gar nicht erst, die Schuld von sich zu schieben: "Ich würde mir die Situation gerne nochmal genauer anschauen, aber ich denke, dass ich wahrscheinlich eher selbst daran schuld bin. Es gibt ein paar Kampfspuren, aber wenn man von ganz hinten durchs Feld kommen will, bleibt nicht aus, dass es den einen oder anderen Kontakt gibt." Drei, um genau zu sein, darunter auch sein "alter Freund" Rubens Barrichello (Williams).

Dass ihm ein Podium durch die Lappen gegangen ist, glaubt der 42-Jährige nicht - bestenfalls wäre seiner Einschätzung nach ein sechster Platz möglich gewesen: "Wir sehen ja die Pace, die Nico hat fahren können. Meine Rennpace war nicht anders. Wahrscheinlich wären wir hintereinander ins Ziel gefahren", meint Schumacher. Stattdessen wurde er mit 1:25.4 Minuten Rückstand auf Sieger Vettel und 5,6 Sekunden hinter Massa Zwölfter.

Punkte für Deutschland holte Nick Heidfeld, aber der Renault-Pilot wusste nach dem Rennen nicht so recht, ob er sich freuen oder ärgern soll: "Von neun auf sieben ist nicht schlecht, aber es ist immer ärgerlich, wenn man die Rennpace nicht nutzen kann", gibt "Quick Nick" zu Protokoll und meint selbstkritisch: "Ich ärgere mich über das Qualifying, denn wenn es gestern besser gelaufen wäre, wäre ich heute nicht im Verkehr gehangen."

Und es wäre vielleicht auch nicht zur leichten Karambolage mit Petrow gekommen, über die er naturgemäß alles andere als glücklich ist: "Wäre ich ein bisschen einfacher an meinem Teamkollegen vorbeigekommen, wäre vielleicht auch mehr drin gewesen", sagt Heidfeld über seinen siebten Platz. Petrow legte er sich in der 51. Runde doch noch zurecht - und er fuhr in der Schlussphase sogar noch 7,3 Sekunden Vorsprung auf den Russen heraus.

Zwei "Schweizer" in den Punkten

Petrow ging seinerseits in der letzten Runde noch an Sebastien Buemi (Toro Rosso) vorbei, dessen Dreistoppstrategie gut aufging und der Schweiz zwei WM-Punkte bescherte. Einen weiteren konnte Kamui Kobayashi beisteuern: Gleich in Runde eins verbesserte sich der Sauber-Pilot vom 23. auf den 18. Platz, später sorgte er immer wieder für Überholaction. Als er dann ins vordere Mittelfeld vordrang, ging es jedoch nur noch langsamer vorwärts.

Pech hatte Timo Glock, denn der Marussia-Virgin-Pilot war zum Zuschauen verdammt und hätte sich den Flug nach Istanbul somit theoretisch schenken können: "Uns ist der fünfte Gang auf dem Weg in die Startaufstellung zerbrochen. Die Mechaniker haben versucht, innerhalb einer halben Stunde das Getriebe zu tauschen", doch das war unmöglich. "Es tut weh, aber wir sind ein Team. Wir müssen zusammenhalten und versuchen, gemeinsam da herauszukommen", seufzt Glock.

Was bleibt, ist der Eindruck, dass "einige der Überholmanöver zu leicht" gegangen sind, wie Force-India-Testfahrer Nico Hülkenberg kritisch anmerkt. Er scheint kein Fan der "neuen" Formel 1 zu sein: "Manchmal hat sich der Unterlegene gar nicht mehr gewehrt. Da geht das Racing ein bisschen verloren." Für Vettel und Red Bull sei 2011 bisher "eine Bilderbuch-Saison - für die läuft es wie am Schnürchen", findet Hülkenberg.

Nach vier von 19 (oder maximal 20, abhängig von der Bahrain-Situation) Rennen führt Vettel in der Fahrer-WM mit 93 von 100 möglichen Punkten vor Hamilton (59), Webber (55), Button (46) und Alonso (41). Das bedeutet, dass der Deutsche auf jeden Fall als WM-Leader nach Monte Carlo kommen wird. Bei den Konstrukteuren liegt Red Bull ebenfalls in Front - 43 Zähler vor McLaren und bereits 83 vor Ferrari. Nächste Station: Barcelona am 22. Mai.

Fotoquelle: xpb.cc

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