Endlich wird in der Formel 1 ständig überholt, doch die Kritik lässt nicht nach

Formel 1 2011

— 11.05.2011

Die neue Überhol-Formel: Fluch oder Segen?

Noch nie wurde in der Formel 1 so viel überholt, durch die vielen Stopps sind die Rennen aber komplex wie nie - Die neue Königsklasse am Fahrerlager-Prüfstand

Jahrelang operierte man am offenen Herzen der Formel 1, um für mehr Spannung zu sorgen, doch die Rechnung wollte einfach nicht aufgehen. Reifenwechsel wurden verboten, ein Einzel-Qualifying wurde eingeführt und wieder verworfen, KERS, breite, verstellbare Frontflügel und ein schmaler Heckflügel sollten die Überholmanöver erleichtern - der Formel-1-Fan musste sich jedes Jahr auf neue Gegebenheiten und Gesetzmäßigkeiten einstellen. Der wahre Durchbruch gelang allerdings nie - bis jetzt.

Erst der verstellbare Heckflügel, der dieses Jahr erstmals zum Einsatz kommt, und die neuen, unberechenbaren und schnell verschleißenden Pirelli-Reifen ermöglichten, woran man Jahr für Jahr gescheitert war: eine wahre Überholorgie. In den ersten drei Rennen der Saison 2011 zählte man 137 echte Überholmanöver. Allein 68 waren es in China, beim vierten Saisonrennen in der Türkei waren es mindestens ebensoviele. Damit hat man bereits jetzt ein Drittel der gesamten Überholmanöver 2010 erreicht, sogar rund 70 Prozent von 2009. Also alles eitel Wonne in der Formel 1?

Mitnichten, denn die Überholschlachten haben auch Schattenseiten. Eine Ursache für die vielen Positionsverschiebungen sind die unterschiedlichen Strategien der Piloten. Wer einen frischen Reifensatz aufziehen lässt, kann von einem Konkurrenten mit verbrauchen Gummis kaum aufgehalten werden - so stark ist der Verschleiß. Doch dadurch werden die Piloten gezwungen, viele Boxenstopps zu absolvieren - an die 80 sind es derzeit pro Rennen. Das stört den Fluss. Nicht nur für Außenstehende, sondern selbst für die Fahrer wird es schwierig, den Überblick zu wahren und das Rennen zu lesen.

Zuschauer: Ohne Videowand keine Chance

Ganz zu schweigen von den Zuschauern an der Rennstrecke. "Die Zuschauer auf den Tribünen haben es in meinen Augen am schwersten", findet auch Weltmeister Vettel. " Wenn sie eine Großleinwand vor sich haben, können sie das Rennen sicherlich gut verfolgen. Nach dem ersten Stint finden aber alle zehn bis 15 Runden weitere Boxenstopps statt. Das macht es schwierig für die Leute, an die Strecke zu kommen und einfach nur zuzuschauen."

Dies gilt vor allem für Fans von Fahrern, die mit ihren Boliden im Mittelfeld kämpfen: "Vielleicht versteht man die Reihenfolge der Top 5, vielleicht der Top 10. Nicht jeder interessiert sich aber für den Führenden oder die Jungs auf den Plätzen. Die Piloten auf den Rängen elf bis 24 fahren ebenfalls mit. Für die Zuschauer ist das nicht einfach." Die Formel 1 anno 2011 ist also nicht mehr die gemütliche Sonntagnachmittags-Unterhaltung, sondern erinnert eher an ein rasantes, unberechenbares Computerspiel, bei dem man auch als Zuschauer ständig hellwach sein muss.

Lauda nimmt TV-Kommentatoren in die Pflicht

Formel-1-Experte Niki Lauda, der in seiner aktiven Zeit noch Rennen gänzlich ohne Boxenstopps erlebte, nimmt die TV-Kommentatoren in die Pflicht: "Ihr Moderatoren seid wirklich gefordert, das den Zuschauern klarzumachen. Ich sehe ja immer, wer wie oft an der Box war und welche Rundenzeiten gefahren werden - da kann ich mir leicht ein Bild machen. Aber wenn der Zuschauer alleine die Informationen nicht kriegt, dann ist er ab drei Boxenstopps wirklich aufgeschmissen."


Das Hauptaugenmerk muss laut dem Österreicher weiterhin darauf liegen, den Sport für den Fernsehzuschauer interessant und verständlich zu präsentieren: "Der Sport muss im Fernsehen so gemacht werden, dass man mitfahren kann und weiß, was sich abspielt. Das können die Kommentatoren kompensieren, aber gescheiter wären drei Stopps statt vier Stopp, denn dann habt ihr weniger Arbeit und die Zuschauer verstehen es besser."

Auch die Fahrer blicken nicht durch

Doch auch die Fahrer haben große Mühe, die Übersicht zu bewahren. Nico Rosberg gibt nach dem Grand Prix der Türkei offen zu: "Für mich war es ein Durcheinander, es war ein Chaos da draußen. Da müssen wir einmal schauen, dass es für die Zuschauer nicht zu sehr drunter und drüber geht." Dennoch erweist sich der Mercedes-Star als Fan des neuen Reglements: "Ich wusste immer, wie viele Runden ich auf welchem Reifensatz fahren musste und konnte mir das Rennen gut einteilen. Ich war in so viele Zweikämpfe involviert, das war nicht mehr normal. So ist es halt jetzt. Es hat Spaß gemacht. Für die Zuschauer war das bestimmt recht unterhaltsam, denn Duelle sieht man sich ja gerne an."

Auch für Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug überwiegt das Positive: "Vier Stopps sind ungewöhnlich, doch es war wieder ein grandioses Rennen. Das kann man nicht anders sagen." Der Schwabe glaubt auch, dass die Fans auf ihre Kosten kommen: "Ich bin mir sicher: Die Zuschauer wurden blendend unterhalten." Einziger Schönheitsfehler: "Hätten wir noch ein bisschen weiter vorne mitgemischt, hätte es mir noch besser gefallen. Es war aber toll und es war großer Sport."

Domenicali ortet Sicherheitsproblem durch viele Stopps

Eine Box weiter bei Ferrari sieht man die Lage kritischer. Und dabei denkt man keineswegs nur an die Zuschauer. Teamchef Stefano Domenicali hatte mit dem ehemaligen Red-Bull-Strategen Neil Martin vor wenigen Monaten seine Mannschaft verstärkt, doch nicht nur die "Superhirne" an der Boxenmauer sind 2011 mehr gefordert als in der Vergangenheit, sondern auch die Boxencrews.

"Fest steht, dass es noch nie so viele Boxenstopps und so viele Überholmanöver gegeben hat", fällt dem Italiener auf. "Das ist manchmal schwer zu verstehen, aber es fällt manchmal auch unseren Jungs schwer, das zu meistern, denn wenn ein Team acht Boxenstopps absolvieren muss, ist das ziemlich heavy. Dadurch entsteht Druck und es werden Fehler gemacht, wie wir alle schon erlebt haben."

Domenicali ortet durch die vielen Boxenstopps ein mögliches Sicherheitsproblem: "Es könnte in bestimmten Situationen auch gefährlich sein. Dementsprechend ist da sicherlich ein diskussionswürdiger Punkt. Hier sind die Gefühle gemischt. Einige Leute sind sehr glücklich darüber, dass sich etwas tut, während andere konservativer sind und finden, dass es fast schon zu extrem ist. Ich stimme zu, dass es ein bisschen zu extrem ist, so viele Boxenstopps zu haben."

Türkei: Boxen-Crash gerade noch verhindert

Tatsächlich steigt die Gefahr an, wenn es an den Boxen rund geht: Das zeigte sich im Vorjahr beim Grand Prix von Ungarn, als das komplette Feld in der Safety-Car-Phase an die Box kam und Robert Kubica und Adrian Sutil kollidierten. Die Renault-Crew hatte dem Polen in der Hektik zu früh das Freizeichen gegeben - Kubica torpedierte den Force-India-Boliden.

Dass Domenicalis Angst berechtigt ist, beweist eine Szene beim Grand Prix der Türkei: Hätte McLaren-Lollipop-Mann Peter Vale Hamilton nach dem misslungenen Boxenstopp nicht gerade noch zurückgehalten, wäre auch er in einen vorbeifahrenden Konkurrenten geprallt. Durch den enormen Druck, der auf den Mechanikern lastet, war das Verhalten Vales besonders bemerkenswert - es brachte ihm sogar ein öffentliches Lob von Teamchef Martin Whitmarsh in der Team-Presseaussendung ein.

Schlechte Startplätze wurden deutlich aufgewertet

Für die Teams beginnt das Pokerspiel bereits am Samstag, denn durch den hohen Reifenverschleiß und die begrenzte Anzahl an Reifensätzen müssen die Strategen abwiegen, ob sie einen guten Startplatz frischen Reifensätzen im Rennen vorziehen. Erst der Zufall brachte die Taktiker auf diese Spur: Mark Webber verpatzte in China das Qualifying völlig und musste von Platz 18 losfahren, sparte aber somit zwangsläufig Reifensätze. Mit den frischen Gummis pflügte er dann am Rennsonntag durchs Feld und wurde noch großartiger Dritter. Während in der Vergangenheit die Pole-Position die halbe Miete zum Sieg war, liegt nun der Schwerpunkt ganz klar auf dem Rennen.

Diese Erkenntnis bestätigte sich für Strategie-Genie und Mercedes-Teamchef Ross Brawn auch in der Türkei: "Klar ist: Das Qualifying ist nicht so entscheidend. Das Rennsetup und die Anzahl der frischen Reifensätze sind das wirklich Wichtige." Dazu kommt, dass die Top-10 mit den bereits angefahrenen Reifen aus dem Qualifying starten müssen, während die Piloten dahinter frische Reifen aufziehen dürfen - ein weiterer Vorteil für die Hinterbänkler.

Sauber-Technikchef James Key will an dieser Regel auch in Zukunft festhalten, schließlich zählt sein Rennstall meist zu den Profiteuren: "Ich halte diese Regelung bezüglich der möglichen Strategien für gut. Der Unterschied zwischen harten und weichen Reifen ist teils erheblich. Das sieht man jeweils ab der zweiten Runde auf einem Reifensatz. Wenn die vorderen Autos mit schnell abbauenden weichen Reifen losfahren, dann kann man von hinten mit der harten Mischung manchmal etwas ausrichten."

Reifen als Hauptgrund für Überholmanöver

Genau diese enormen Schwankungen durch die unterschiedlichen Reifenmischungen und deren Beschaffenheit sorgen für die vielen Überholmanöver. Webber findet, dass diese dadurch nicht mehr den gleichen Stellenwert haben wie früher. "Viele Leute haben meine Fahrt in China wahrscheinlich mehr genossen als ich selbst", gibt der Red-Bull-Pilot zu. "Wenn man auf Leute wie Fernando, Jenson, Felipe oder Nico pro Runde 2,5 Sekunden aufholt, dann ist es schön, aber das Überholmanöver ist nicht sehr lohnend. Diese Kerle können sich nicht wehren."

Auch Fernando Alonso führt die vielen Überholmanöver gegenüber der 'BBC' hauptsächlich auf die Reifen zurück: "Die Überholmanöver, die wir gesehen haben, entstanden eher durch die Performance der Reifen, als durch den verstellbaren Heckflügel." Im Gegensatz zu Webber kann er dem aber einiges abgewinnen: "Ich mag es und wir gewöhnen uns daran. Es ist im Vergleich zum Vorjahr eine neue Formel 1."

Der Ferrari-Pilot erklärt, dass er in Istanbul zunächst Mühe hatte, Rosberg zu überholen. Als dessen Reifen plötzlich nachließen, "war es aber sehr einfach - es hängt also von den Reifen ab." Auf die Frage, ob der Einfluss der Reifen dieses Jahr zu groß ist, reagiert der Doppel-Weltmeister ungläubig. "Ich denke, das ist das, was die Leute im vergangenen Jahr haben wollten, oder?"

Formel 1, was nun?

Der Spanier verweist auf den Grand Prix von Kanada im Vorjahr, als die Reifen überraschend schnell verschlissen und ein spannendes, unberechenbares Rennen mit vielen Stopps zuließen: "Die Fans fanden es klasse, die Zuschauer, die Journalisten. Alle schrien nach einer besseren Show, wollten mehr Reifenwechsel sehen und mehr Spaß daran haben. All dies wurde nun umgesetzt. Wenn die Leute noch immer nicht zufrieden sind, müssen wir in Erfahrung bringen, was sie wollen."

Vettel empfiehlt, nun keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen, und noch ein paar Rennen abzuwarten: "Jedes Rennen ist anders und es ist schwierig, einen Reifen zu bauen, der überall eine Zweistopp-Strategie zur Folge hat. Noch ist es aber recht früh, eine Einschätzung zur Situation abzugeben, denn wir hatten erst vier Rennen. Einmal war eine Einstopp-Strategie möglich, hier ging es um vier Reifenwechsel. Warten wir einmal ab, was in den nächsten Rennen passiert."

Und abschließend bringt Lauda in seiner gewohnten Art die Stimmung in der Formel 1 auf den Punkt: "Überholmanöver wollen wir alle haben, Stopps brauchen wir weniger. Dann ist alles in Ordnung." Somit steht die Königsklasse des Motorsport vor einer beinahe unlösbaren Aufgabe, denn die vielen Überholmanöver hängen nach bisherigen Erkenntnissen untrennbar mit den vielen Stopps zusammen. Klar ist aber auch, dass man die aktuellen Herausforderungen noch vor ein paar Jahren, als es nicht gelingen wollte, für mehr Überholmanöver zu sorgen, als Luxusproblem bezeichnet hätte.

Fotoquelle: xpb.cc

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