Toro-Rosso-Ersatzpilot Daniel Ricciardo hat ein Cockpit 2012 fest anvisiert

Formel 1 2011

— 15.05.2011

Ricciardo: "Ich bin bereit"

Interview: Toro-Rosso-Ersatzpilot Daniel Ricciardo wittert seine Chance auf ein festes Formel-1-Cockpit im nächsten Jahr

Das Konto an Vielflieger-Meilen dürfte bei Daniel Ricciardo gut gedeckt sein. Der Toro-Rosso-Pilot pendelt zwischen den Formel-1-Freitagtests und den Rennen der Renault-World-Series. Dadurch sammelt der Australier Formel-1-Erfahrung und kann dennoch Rennen bestreiten. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' spricht das Nachwuchstalent über seine bisherigen Erfahrungen und das, was kommt.

Frage: "Daniel, 2011 fährst du in der Renault-World-Series und bist im Freien Training in der Formel 1 dritter Fahrer bei Toro Rosso. Das ist eine große Herausforderung, nicht wahr?"
Daniel Ricciardo: "Ja, in diesem Jahr habe ich sehr viel zu tun. Ich habe einen sehr engen Terminplan und es wird sehr interessant, das alles unter einen Hut zu bringen. Aber jetzt, wo die Saison begonnen hat, gelingt mir das immer besser. Ich habe aber das Glück, über das Jahr hinweg viel zum Fahren zu kommen."

Reisemarathon zwischen den Rennserien

Frage: "Es ist aber sicher auch sehr stressig: An einem Tag fährst du in Europa, am nächsten in Asien - und obendrein in unterschiedlichen Autos."
Ricciardo: "Bisher ist mir die Umstellung zwischen den Autos gut gelungen. Ich benötige nicht viel Zeit, um mich vom World-Series-Auto auf den Toro Rosso umzustellen. Andere Dinge sind anstrengender: Ich bin recht oft erschöpft von den vielen Reisen. Daher ist es hart, genug zu schlafen und ganz normal zu trainieren. Das war zu Beginn des Jahres schwierig, aber je länger das Jahr dauert, desto besser sollte ich mich daran gewöhnen und stärker werden."

Frage: "Spürst du die positiven Seiten, dich an die Formel 1 gewöhnen zu können, und gleichzeitig eine normale Saison in einer starken Monoposto-Serie fahren zu dürfen?"
Ricciardo: "Ja, es ist wichtig, in der Formel 1 im Auto zu sitzen. Das Testverbot macht es aber sehr schwierig. Es ist toll, das erste Training am Freitag zur Verfügung zu haben und gleichzeitig Rennen zu fahren."

"Ich bin immer noch sehr jung und fahre schon seit ein paar Jahren Rennen. Man kann aber nie genug Rennen gefahren sein. Ich will mich auch auf der Strecke ständig verbessern, daher ist es großartig, in der Renault-World-Series zu fahren. Etwas über die Formel 1 zu lernen, ist ein Bonus."

Frage: "Du springst am Freitagmorgen ins Formel-1-Auto und bist nach 90 Minuten bereits fertig. Ist es da schwierig, den Schalter im Kopf für so einen kurzen Zeitraum umzulegen?"
Ricciardo: "Ja, es ist nicht einfach. Wenn ich ins Auto einsteige, haben wir ein festgelegtes Programm und ich habe keine Wahl. Ich muss sofort auf Tempo kommen. Es gibt keine Eingewöhnungszeit - man muss raus fahren und mit der Arbeit beginnen."

"Es ist beeindruckend, wie schnell 90 Minuten vergehen. Die Session vergeht so schnell und ich würde mir immer noch etwas mehr Zeit wünschen. Nach dem ersten Training bin ich daher immer etwas frustriert, dass ich nicht auch das restliche Wochenende bestreiten kann. Ich weiß aber, wie es ist - und so läuft es eben. Auch daran gewöhne ich mich. Das Gute ist aber, dass ich dadurch effizienter arbeite. Ich lerne einiges und das tut mir gut."

Stetiger Lernprozess

Frage: "Du hast selbst gesagt, dass du nicht nur die Strecke kennenlernst, sondern ein Programm abarbeiten musst. Es handelt sich um Teamarbeit, mit der du beauftragt wirst."
Ricciardo: "Ich muss versuchen, dem Team zu helfen. Gleichzeitig bin ich auf der Strecke und lerne dabei für mich selbst. Es geht aber nicht nur um mich. Wenn das Team etwas am Auto ausprobieren will oder ich etwas probieren möchte, dann haben wir genug Freiraum, um das zu tun."

"Es ist gut, dass wir alle etwas dabei lernen. Und je mehr Zeit ich im Auto sitze, ganz egal in welchem, desto besser ist es - das ist sehr wichtig und macht viel Spaß."

Frage: "In den Nachwuchsformeln gibt es Einheitsautos, in der Formel 1 darfst du jetzt neue Teile ausprobieren und mitentwickeln. Das muss für dich eine neue Erfahrung sein."
Ricciardo: "Ja, es ist schwierig, immer am Laufenden zu bleiben. Aber es gibt all die Briefings am Donnerstag, in denen die Änderungen besprochen werden. Was das Fahren angeht, versuche ich immer noch, gleich zu fahren, was hoffentlich schnell ist."

"Ich muss aber noch lernen, die Informationen besser an das Team weiterzugeben und gut auf die Änderungen zu reagieren. Es ist sehr wichtig, ihnen die richtigen Informationen zu geben. Sie erhalten zwar viele Daten, das Gefühl des Fahrers ist aber auch sehr wichtig. Meine Rückmeldungen mussten präziser werden, aber es geht gut voran."

Frage: "Du befindest dich in einem Lernjahr in der Formel 1. Wärst du auf der Stelle bereit, ins Renncockpit zu klettern, sollte dies erfordert werden?"
Ricciardo: "Diese Frage wird mir oft gestellt und die Antwort ist ja. Ich bin bereit. Bis zu deinem ersten Rennen weißt du zwar nie wirklich, wie es laufen wird, aber ich bin ziemlich zuversichtlich. Ich wäre mehr als glücklich und bereit, wenn ich einspringen müsste, weil ein Fahrer eine Lebensmittelvergiftung hätte oder was auch immer."

Frage: "Dieses Jahr gibt es neue Spielzeuge wie KERS und DRS, die der Fahrer aus dem Cockpit bedient. Wäre das ein Problem oder macht es dir nichts aus, weil du es ohnedies im Training benützt?
Ricciardo: "Ich verwende es und je öfter man es verwendet, desto natürlicher geht man damit um. Bei den ersten Tests in Jerez und Barcelona war es noch etwas schwierig, alles im Griff zu haben. Jetzt ist es aber bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Ich glaube also nicht, dass das ein Problem wäre."

2012 in der Formel 1?

Frage: "Was ist dein Ziel in dieser Saison?"
Ricciardo: "Ziel war es, die Renault-World-Series zu gewinnen, auch wenn ich zu Beginn etwas ins Hintertreffen geraten bin. Ich habe das erste Wochenende ausgelassen und in Spa ist es nicht sehr gut gelaufen. Es ist nicht einfach. Wir versuchen aber weiterhin zu gewinnen, oder zumindest Rennen zu gewinnen. Ich werde hart kämpfen, mehr lernen, einige Fehler aus dem Vorjahr ausmerzen und mich dann auf die Formel 1 konzentrieren und mich auf 2012 vorzubereiten, denn ich will nächstes Jahr in einem Renncockpit sitzen."

Frage: "Teamchef Franz Tost hat bereits gesagt, dass es dieses Jahr der Plan ist, zu lernen und die Freien Trainings zu bestreiten, um dann 2012 ins Renncockpit zu wechseln. Ist es schon fix, dass du 2012 Rennen fahren wirst?"
Ricciardo: "Nein, nein, nein. Nichts ist bestätigt. Franz hat diese Aussage gemacht und es ist gut für mich, das zu hören. Es ermutigt mich. Andererseits ist es nur offensichtlich, dass das der Plan für mich ist. Man will nicht zwei, drei Jahre lang das Freitagstraining bestreiten - ich will nicht mit 35 Jahren Informationen für das Team sammeln."

"Es ist der Plan, dass ich im Renncockpit sitze, wenn ich schnell genug bin. Da er das gesagt hat, scheint er mit meiner Arbeit ziemlich zufrieden zu sein. Wenn ich also so weiter mache und mich weiterhin verbessere, dann sollte das für nächstes Jahr in Ordnung gehen."

Frage: "Bei Toro Rosso gibt es mit Sebastien Buemi und Jaime Alguersuari zwei junge Teamkollegen, die beide darauf hoffen, eines Tages zu Red Bull aufzusteigen. Einer wird jedoch gehen müssen, um für dich Platz zu machen. Wie wirkt sich das auf die Atmosphäre aus?"
Ricciardo: "Ja, in der Formel 1 muss immer jemand Platz machen, wenn ein Neuer kommt. Als Fahrer hast du den Traum, Rennen zu fahren. Wenn du dafür jemanden hinausdrängen musst, dann wirst du es tun. Du wirst nicht der nette Kerl sein und sagen: Du kannst den Platz für das gesamte nächste Jahr haben. Wenn sich die Chance ergibt, dann nützt man sie."

"Das liegt aber nicht in meiner Hand. Ich kümmere mich nur um mich und wenn der Teamchef zu mir kommt und mir das Cockpit anbietet, dann werde ich einen Luftsprung machen und feiern."

Frage: "Du gehst im Grunde den gleichen Weg wie Sebastian Vettel: Er fuhr ebenfalls in der Renault-World-Series, ging dann zu Toro Rosso und hat mit Red Bull die Weltmeisterschaft gewonnen. Ist das dein Plan?
Ricciardo: "Das wäre schön. Er hat sich im Red-Bull-Juniorteam sehr gut geschlagen und gibt uns dadurch Hoffnung. Er hat uns gezeigt, dass es möglich ist und dass der Traum wahr werden kann. Wenn mir gelingt, was ihm gelungen ist, dann wäre ich sehr glücklich."

Frage: "Er ist nur zwei Jahre älter als du, stimmt das?"
Ricciardo: "Ja, unsere Geburtstage liegen nur ein paar Tage auseinander."

Frage: "Ist er trotz des geringen Altersunterschied ein Vorbild für dich?"
Ricciardo: "Mit anzusehen, was ihm gelungen ist, hat uns allen sehr geholfen. Ob er ein Vorbild ist? Ich weiß es nicht. Er ist immer noch jung. Wenn ich bald in der Formel 1 ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er mein Konkurrent ist. Ich würde also nicht soweit gehen, dass er ein Vorbild ist. Dennoch muss man Respekt vor ihm haben. Was er erreicht hat, ist unglaublich. Viele Kinder können von ihm lernen und nach dem streben, was ihm gelungen ist."

Mark Webber als Vorbild?

Frage: "Wie sieht es mit deinem Landsmann Mark Webber aus? Ist er ein Vorbild?"
Ricciardo: "Ja, das war er. Ich habe seine Karriere schon vor der Formel 1 verfolgt. Damals hieß es, dass es ein Australier ganz nach oben schaffen könnte. Es war für uns junge Rennfahrer aufregend, dass wir jemandem die Daumen drücken können. Ich glaube, dass er eher ein Vorbild ist, da ich ihn schon länger verfolge und er zudem ein Landsmann ist."

"Es war schön, Teil des gleichen Teams zu sein, und zuzuschauen, wie er an einem Rennwochenende arbeitet. Das ist etwas, das nicht viele Menschen sehen können. Das war vergangenes Jahr sehr interessant - und auch ein Teil von Red Bull zu sein und dadurch an allen Besprechungen teilzunehmen."

Frage: "Seine Karriere ist am Höhepunkt und er weiß selbst nicht genau, ob er nächstes Jahr weitermacht oder ob er das Team wechselt. Das sind doch gute Nachrichten für Nachwuchspiloten wie dich."
Ricciardo: "Ja, für mich ist es offensichtlich, dass einige Karrieren bald zu Ende gehen werden - zumindest in der Formel 1. Einige Fahrer befinden sich in ihren späten 30ern und nicht viele Fahrer setzen ihre Karrieren in diesem Alter fort. Ob nächstes Jahr oder in zwei Jahren - es wird auf jeden Fall bald passieren und dann werden ein paar Plätze frei werden. Ich wäre doch sehr überrascht, wenn einige Leute nach ihrem 40. Lebensjahr noch fahren. Sie sollten wirklich uns das Feld überlassen."

Frage: "Gibt es noch etwas, was du loswerden willst?"
Ricciardo: "Ja. Ich freue mich sehr auf Monaco, wo ich auch das erste Training bekommen sollte und gleichzeitig in der Renault-World-Series antreten werde. Das wird ganz schön stressig. Ich genieße die Straßenkurse aber sehr und kehre gerne dorthin zurück. Hoffentlich kann ich einen weiteren Sieg einfahren."

Fotoquelle: xpb.cc

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