FIA-Präsident Jean Todt sagt man nach, unbedingt nach Bahrain zu wollen

Formel 1 2011

— 27.05.2011

Bahrain: Auf der Suche nach einem Absagegrund?

Die Hintergründe zu den Bahrain-Diskussionen: Warum die Teams nicht wollen, Bernie Ecclestone alles egal ist und welche Motivation die FIA haben könnte

Dass der Grand Prix von Bahrain, der eigentlich am 13. März als Saisonauftakt hätte stattfinden sollen, noch dieses Jahr nachgeholt wird, kann sich inzwischen kaum noch jemand vorstellen. Doch derzeit wird hinter den Kulissen nach einer plausiblen Begründung für eine etwaige Absage gesucht, die alle Beteiligten zufriedenstellen würde.

Da ist zunächst mal das Königshaus von Bahrain, das einen reibungslosen Grand Prix gut gebrauchen könnte, um das Land auf internationaler Bühne als friedlich und modern zu präsentieren. Bekanntlich hatte die sunnitische Regierung den Volksaufstand der Schiiten mit militärischer Hilfe aus Saudi-Arabien brutal niedergeschlagen. Zwar endet der Ausnahmezustand am 1. Juni, doch das Auswärtige Amt empfiehlt Bahrain-Reisenden weiterhin, "sich umsichtig zu verhalten und eventuelle Menschenansammlungen und Demonstrationen weiträumig zu meiden".

Teams gegen eine zu lange Saison

Angesichts solcher Warnungen der internationalen Diplomatie hält sich die Freude im Fahrerlager über einen möglichen Nachholtermin in Grenzen. Doch weil niemand den Verantwortlichen in Bahrain zu nahe treten will, müssen andere Argumente gefunden werden. Etwa die Tatsache, dass das Saisonfinale erst spät am 4. Dezember in Indien stattfinden würde, sollte Bahrain tatsächlich wie von Bernie Ecclestone angedacht den ursprünglichen Indien-Termin am 30. Oktober erhalten.

"Das wäre für das Team sehr hart", spricht sich McLaren-Boss und FOTA-Chef Martin Whitmarsh gegen diese Variante aus, signalisiert aber Gesprächsbereitschaft: "Ich denke, die Teams werden zu jenen Rennen kommen, die Teil des Kalenders sind, klar, aber es wäre eine wirklich sehr lange Saison. Die Jungs arbeiten seit Mitte Januar richtig hart, haben Autos gebaut und getestet, daher wäre das eine Menge, was wir ihnen zumuten würden."

"Ich stimme Martin zu", nickt Marussia-Virgin-Geschäftsführer Graeme Lowdon und nennt einen höchst ungewöhnlichen Grund, der gegen einen Bahrain-Nachholtermin und eine in den Dezember verlängerte Saison spricht: "Einer unserer Jungs heiratet am 4. Dezember. Da hätten wir ein Problem." In Indien wiederum hätte man keine Einwände, das Saisonfinale auszutragen: "Im Dezember ist es in Delhi kühler", sagt Force-India-Teamchef Vijay Mallya. "Für Indien wäre keiner der möglichen Termine ein Problem."

Doch während McLaren effektiv zur Hälfte von Bahrains Regierung kontrolliert wird (über die Anteile der Bahrain Mumtalakat Holding Company) und in der Angelegenheit dementsprechend diplomatisch agieren muss, deuten andere Teams zumindest hinter vorgehaltener Hand an, dass sie Bahrain auch aus kommerziellen Gründen meiden wollen. Schließlich könnte es das Image einiger Sponsoren verunglimpfen, ein Rennen in einem von einem Regime unterdrückten Land zu fahren.

Eher verwunderlich sind die jüngsten Signale, dass angeblich die FIA großes Interesse daran hat, Bahrain noch dieses Jahr nachzuholen. Im Gegensatz zu Ecclestone und den Teams würde der Automobil-Weltverband nicht an den Grand-Prix-Gebühren mitnaschen, weshalb über die Motivation für diesen Standpunkt nur spekuliert werden kann. Vielleicht will Präsident Jean Todt seinem Kollegen Scheich Abdullah Isa bin Al Chalifa einem Gefallen tun, dem Chef des internationalen Kartsportverbandes FIA-CIK.

Die FIA und die arabischen Verbände

Ebenfalls interessant in diesem Zusammenhang: Bei der Vertrauensabstimmung nach seiner Sadomaso-Affäre im Jahr 2008 blieb Max Mosley unter anderem dank vieler Stimmen aus dem arabischen Raum im Amt des FIA-Präsidenten. Mosley war es, der später Todt zu seinem Nachfolger gemacht hat, weshalb dieser nun ein Interesse daran haben könnte, den arabischen Verbänden und insbesondere Bahrain in der Grand-Prix-Frage nicht in den Rücken zu fallen.

Wichtig ist der FIA vor allem, kein politisches Statement abzugeben, aber das wäre eine Zu- genau wie eine Absage. Lediglich Ecclestone geht die Sache rein pragmatisch an, wenn er sagt: "Es gibt ein Problem mit dem Datum, mehr nicht. Die Teams wollen darüber erst mit all ihren Angestellten sprechen, um ein Meinungsbild zu haben." Auch moralische Bedenken hinsichtlich der internationalen Meinung zu den politischen Unruhen in Bahrain hat er nicht, denn: "Es gibt dort viele nette Leute. Wir hätten keine Schwierigkeiten."

Klar ist für ihn nur: "Wir müssen eine Entscheidung treffen, denn die Teams wollen wissen, was Sache ist." Wie diese Entscheidung ausfallen wird, ist für den Formel-1-Geschäftsführer nicht mehr so wichtig wie noch vor ein paar Wochen. Denn jetzt, wo eine Absage des Japan-Grand-Prix wegen der Folgen der Atomkatastrophe von Fukushima als ausgeschlossen gilt, weiß er zumindest diese umgerechnet 30 Millionen Euro sicher in seiner Tasche. Der Verzicht auf die 25 Millionen aus Bahrain würde dann etwas leichter fallen.

Nun gilt es einen Absagegrund zu finden, mit dem niemand sein Gesicht verliert - einerseits vor den treuen Partnern in Bahrain, andererseits vor der internationalen Gesellschaft, für die Bahrain im Moment ein rotes Tuch ist. Gut möglich, dass sich Todt, Ecclestone und die Teams darauf verständigen werden, nur bei Einstimmigkeit nach Bahrain zu gehen. Dann könnte man leicht fehlende Einstimmigkeit als Grund vorschieben, ohne konkret Namen zu nennen...

Fotoquelle: xpb.cc

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