Der starke Mann bei Ferrari greift hart durch: Stefano Domenicali

Formel 1 2011

— 27.05.2011

Domenicali: "Fry hat die richtige Mentalität und Erfahrung"

Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali im Interview: Warum Costa für Fry gehen musste, welche Rolle Alonso dabei spielte und ob sein Posten in Gefahr ist

Nach dem enttäuschenden Grand Prix von Spanien, als Fernando Alonso nach einer anfänglichen Führung von den Spitzenpiloten sogar überrundet wurde, gab Teamchef Stefano Domenicali personelle Konsequenzen bekannt: Der Italiener kündigte eine radikale Umstrukturierung der "Scuderia" an, prominentestes Opfer war Technikchef Aldo Costa, der fünf Jahre lang die Technikabteilung geleitet hatte.

Nachfolger ist der langjährige Ex-McLaren-Mann Pat Fry, der nun die Verantwortung für die Chassisabteilung trägt. Im ausführlichen Interview spricht der Teamchef über die Hintergründe der schweren Entscheidung, die neue Struktur und wieso er Fry nach nicht einmal einem Jahr mit dem Team bereits zu so einem hohen Posten verhilft.

Frage: "Stefano, wie schwer ist es dir gefallen, dich von Costa als Technikchef zu trennen?"
Stefano Domenicali: "Aus emotioneller Sicht war das eine sehr schwierige Entscheidung - wir haben ja über so viele Jahre hinweg zusammengearbeitet. Als Verantwortlicher für ein Team muss man diese Entscheidungen aber so rationell wie möglich zum Vorteil des Teams treffen. Es war aber nicht einfach."

"Die Ursache war auch nicht, dass wir in Spanien ein sehr schwieriges Rennen erlebten. Wenn man diese Art von Entscheidungen trifft, dann benötigt man einen etwas anderen Zeithorizont. Manchmal passiert es dann zufällig im dem Moment, in dem etwas schiefgeht. Wenn man aber so eine wichtige Entscheidung für die gesamte Firma trifft, dann macht man das nicht, weil man wegen eines schlechten Rennens in Spanien in der Kritik steht."

"Diese Entscheidung wurde mit einer anderen Perspektive getroffen und ging zum gleichen Zeitpunkt über die Bühne."

Domenicali das nächste Opfer?

Frage: "Das ist nicht die erste Personalentscheidung in diesem Jahr, denn zu Beginn des Jahres musste Chris Dyer gehen. Hast du Angst, dass du der nächste sein könntest, wenn ihr es diese Saison nicht hinbekommt?"
Domenicali: "Das bereitet mir keine Sorgen. Ich kann diese Frage nicht beantworten, das muss man die Leute fragen, die über mir sitzen. Ich kenne aber die Regeln in diesem Spiel so gut, dass ich mir darüber keine Sorgen machen. Ich bin ein unabhängiger Mensch, der alle Mühen für dieses Business aufbringt. Das ist mein Leben, wie man sich vorstellen kann, denn ich bin seit 20 Jahren bei Ferrari."

"Intern wissen das alle. In meinem Verantwortungsbereich werde ich so viel Druck wie möglich ausüben. Ich kenne die Regeln und wenn es nicht gut läuft, dann muss der Chef dafür bezahlen."

Frage: "Werdet ihr auch von außerhalb des Teams für die neuen Strukturen Leute rekrutieren? Dabei meine ich jetzt nicht nur in den nächsten paar Monaten, sondern auch für 2012."
Domenicali: "Natürlich ist es unser Priorität, dass die Strukturen stark sind. Wir wollen eine stabile Reorganisation und sprechen daher nicht von der ersten Reihe, aber natürlich schauen wir uns wie alle anderen um, um die unterschiedlichen Bereiche zu verstärken. Das ist Teil der ständigen Weiterentwicklung. Also allgemein ja, bei der ersten Reihe nein."

Frage: "Ergibt es Sinn, den Technikchef während der Saison auszutauschen? Wir sahen so etwas Ähnliches vor ein paar Wochen bei Williams. Von außen erinnert das an Fußball, dass der Trainer nach ein paar schlechten Ergebnissen ausgetauscht wird. Man darf außerdem nicht vergessen, dass das gleiche technische Team im Vorjahr beinahe Weltmeister geworden wäre."
Domenicali: "Das ist wahr. Aber ich habe vorhin schon gesagt, dass der Zeitpunkt bei so einer Entscheidung nichts mit den Grands Prix zu tun hat."

"Man muss immer in Betracht ziehen, welche Auswirkungen so ein Wechsel für die Zukunft haben wird. Was die Zukunft angeht, benötigt der Prozess der Organisation bei den Autos sehr lange. Man darf nicht davon ausgehen, dass so etwas in den nächsten zwei Tagen seine Wirkung zeigen wird. Es geht um einen Wechsel bei der Arbeitsmethodik. Das wollten wir verbessern - das ist das Ziel, sonst ändert man nichts."

"Wir wollten die Prioritäten bei der Entwicklung des Autos verändern, wollten ein anderes Konzept bei der Entwicklung des Autos einführen. Das passiert nicht am Tag danach, sondern benötigt eine längere Vorlaufzeit. Wenn man in der Zukunft effektiv sein will, dann muss man so etwas so rasch wie möglich durchführen. Sonst wird man auch in der kommenden Saison keine Auswirkungen bemerken."

Was die neue Struktur bringen soll

Frage: "Bei den Ferrari-Präsentationen in den vergangenen Jahren sagten die Leute meist 'Wow, das ist schön' und nicht 'Wow, das ist clever'. Wird diese Umstrukturierung Ferrari zurück zum Beginn dieses Jahrtausends bringen, als Ferrari sehr innovative Autos hatte?"
Domenicali: "Das ist die Zielvorgabe. Vielleicht erinnert ihr euch, dass ich das im Vorjahr zu meinen Leuten gesagt habe - es war 2010 in der Türkei. Ich möchte bei den Autos Innovationen sehen, die unsere Performance verbessern, denn wenn die Innovationen die Performance nicht verbessern, dann ist das nicht gut."

Frage: "Kannst du uns drei konkrete Gründe geben, warum du Costa ausgetauscht hast?"
Domenicali: "Es gibt interne Gründe, die ich nur mit meinen Leuten teile und nicht öffentlich sagen werde. Als Verantwortlicher fällt es mir nicht leicht, das zu sagen, aber wir brachten nicht die Leistungen, die wir uns erhofften. Damit will ich aber nicht seine Person in den Mittelpunkt stellen, denn das wäre nicht korrekt. Jeder von uns trägt die Verantwortung für das, was vor sich geht. Wir müssen aber die unterschiedlichen Bereiche voneinander abgrenzen."

Frage: "Was sind die Vorteile der neuen Struktur?"
Domenicali: "Ich hoffe, dass ich darüber bald etwas sagen kann. Ich kann sagen, was in meinem Kopf vorgeht."

Frage: "Du hattest sicher einen Plan."
Domenicali: "Ja, natürlich. Die Leute, die jetzt die Verantwortung tragen, haben eine andere Erfahrung, sie haben eine andere Herangehensweise an das Projekt. Ich bin sicher, dass das für die Struktur und für das Projekt des Autos, das wir entwickeln müssen, ein Vorteil sein wird."

Frage: "Hat der Zeitpunkt der Entscheidung etwas damit zu tun, dass die neuen Leute nun beim Design des nächstjährigen Autos ein leeres Feld vor sich haben? Wenn das der Fall ist: Wieviel Mühen steckt ihr bereits jetzt in das nächste Jahr?"
Domenicali: "Ja. Wir werden sehen, wie die Resultate bei den nächsten Grands Prix aussehen werden, aber dann werden wir beim neuen Auto mit den eben genannten Prinzipien Vollgas geben."

Frage: "Ross Brawn erzählte mir vor Jahren, dass es einen Nachfolge-Plan für das Dreamteam bestehend aus dir, Jean Todt, Luca Baldisserri und Aldo Costa gab. Ist er bereit und wo ist zum Beispiel der nächste Domenicali?"
Domenicali: "Einerseits gibt es ein paar Leute, die entschieden, das nicht weiterzumachen, denn der Druck war dafür zu groß. Ich kann bestätigen, dass er sehr groß ist. Manchmal stellt man sich die Frage, warum man das macht. Aus diesem Grund war das nicht möglich. Wer der nächste Domenicali ist? Da muss ich meinem Präsident einen Vorschlag machen oder er entscheidet es ganz alleine. Wir werden sehen."

Welche Rolle spielte Alonso bei Fry-Beförderung?

Frage: "Am Donnerstag habt ihr bekanntgegeben, dass Alonso bis 2016 bei Ferrari bleibt. Das impliziert, dass die Entscheidung der Restrukturierung bereits vor Spanien getroffen wurde. War Alonso bei seiner Unterzeichung bewusst, dass mit Pat Fry ein Mann, den er von McLaren kennt, in so einer wichtigen Rolle ist?"
Domenicali: "Seine Entscheidung war ein sehr wichtiger Teil beim Aufbau der Zukunft des Teams. Natürlich besprachen wir diese Dinge, aber das ist Teil der normalen Arbeit, wenn man so eng mit einem Menschen zusammenarbeitet, der Teil unseres Teams ist."

Frage: "Fry war noch nie zuvor Technikchef. Jetzt sitzt er auf dem heißesten Platz im Fahrerlager. Wie lange wird er brauchen, um sich in dieser Rolle einzufinden?"
Domenicali: "Pat ist nicht so emotionell, wie ihr es uns Italienern zuschreibt. Ich rechne damit, dass er damit sehr cool umgeht. Er hat die richtige Herangehensweise, die richtige Mentalität und viel Erfahrung in der Formel 1. Er arbeitete sehr eng mit vielen sehr wichtigen Leuten in der Formel 1 zusammen. Ich rechne damit, dass sich sein Input in unserem Gefüge bereits auswirkt."

"Das gilt auch für die Leute in Maranello, die stark pushen. Das ist sehr wichtig, denn in unserer Situation reagieren die Menschen auf zwei unterschiedliche Arten: Entweder sie zeigen keine Reaktion, oder sie geben Vollgas. In Maranello waren nach zwei Minuten alle voll am Gas - es war überhaupt kein Problem für sie, unter der neuen Struktur zu arbeiten."

Frage: "Da du Fry nach so einer so kurzen Situation zu so einem wichtigen Posten befördert hast, muss dich jemand auf seine Qualitäten hingewiesen haben. Welche Rolle spielte Alonso dabei und wer hat dich noch beraten?"
Domenicali: "Fernando verlässt sich auf dieses Team und auf sich selbst, aber natürlich war er dabei wichtig, Pats Rolle zu verstehen. Die endgültige Entscheidung fälle dann aber ich, würde ich sagen."

Frage: "Werden wir Adrian Newey bald bei Ferrari sehen?"
Domenicali: "Nun, ich glaube nicht in der sehr nahen Zukunft, zumindest nicht in dem Zeithorizont, den ich einsehen kann. (lacht)"

Frage: "Die Teams haben sich gestern mit Bernie Ecclestone getroffen, um die Verschiebung des Bahrain-Grand-Prix zu besprechen, schließlich soll am kommenden Freitag eine Entscheidung fallen. Die Teams wollen den Indien-Grand-Prix offenbar nicht in der ersten Dezember-Woche stattfinden lassen, um für Bahrain Ende Oktober Platz zu schaffen. Sind sich die Teams einig, dass man die Saison nicht um eine Woche verlängern möchte, weil das Personal schon so belastet ist?"
Domenicali: "Zuerst spreche ich für Ferrari: Ferrari will noch lange in Bahrain fahren. Für uns ist Bahrain ein großartiger Ort, wo die Formel 1 stattfinden muss."

"Wir müssen mit ihnen zusammenarbeiten, um herauszufinden, ob es diesem Plan zuträglich wäre, uns noch dieses Jahr für Bahrain zu entscheiden oder abzuwarten. Wir haben gestern über die Möglichkeit eines Kalenders gesprochen, den wir dem Weltrat am Freitag präsentieren werden, bei dem das letzte Rennen nicht in der ersten Dezemberwoche stattfindet, sondern in der zweiten Dezemberwoche."

"Das ist ein sehr kniffliger Kalender. Wir müssen nun schauen, ob wir das logistisch aussortieren können. Das wollte Bernie gestern wissen."

Fotoquelle: xpb.cc

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