Jean Todt versteht die Aufregung um die Entscheidung der FIA nicht

Formel 1 2011

— 07.06.2011

Todt lädt Webber nach Bahrain ein

Die Lage in Bahrain ist laut FIA "sehr stabil" und "sehr ruhig" und daher für die Formel 1 völlig unbedenklich - Jean Todt versteht Mark Webbers Protest nicht

Als bisher einziger Fahrer hat sich Mark Webber aus moralischen Gründen ganz klar gegen einen Nachholtermin für den Grand Prix von Bahrain deklariert. Doch aus Sicht der FIA, die das Rennen in der Nähe der Hauptstadt Manama auf den 30. Oktober angesetzt hat, sind derartige Sorgen (wie auch jene von zahlreichen Politikern und Menschenrechtlern) unbegründet.

FIA-Präsident Jean Todt verweist auf den Bericht seines Sonderbeauftragten Carlos Gracia, der vor kurzem in Bahrain war. Gracia sprach laut FIA-Angaben mit Mitarbeitern des Bahrain-International-Circuit (anscheinend nur jenen, die auf freiem Fuß sind), mit Menschenrechtlern (anscheinend nur mit denen, die dem Regime freundlich gesinnt sind) und besuchte auch die Vorstädte von Manama (anscheinend nicht jene, in denen Menschenansammlungen von der Polizei niedergeknüppelt werden).

Gracia habe insgesamt "eine sehr stabile, eine sehr ruhige Situation vorgefunden", versucht Todt im Interview mit der 'BBC' die internationale Empörung über die FIA-Entscheidung vom vergangenen Freitag zu relativieren. "Wir wurden sogar von der Opposition gebeten, den Event abzuhalten", unterstreicht der Franzose. In diesem Zusammenhang interessant: Oppositionelle Gruppen haben angekündigt, die Formel 1 am 30. Oktober für einen "Tag des Zorns" vor weltweitem Millionenpublikum zu nutzen.

Todt kann Webbers Protest nicht nachvollziehen

Trotzdem seien die Bedenken von Webber und weiteren Gegnern eines Bahrain-Nachholtermins unbegründet: "Ich weiß nicht, ob er das auch so gesagt hätte, wenn er selbst in Bahrain gewesen wäre", meint Todt und unterbreitet dem Red-Bull-Piloten aus Australien ein Angebot: "Ich lade ihn gerne nach Bahrain ein, damit er sich selbst ein Bild machen kann. Dann bin ich gespannt, was er zu sagen hat, wenn er einmal dort war."

Die FIA habe auf Basis von Gracias Bericht eine einstimmige Entscheidung (Todt: "Waren es 25 gehobene Hände? 27? Ich weiß es nicht mehr genau. Also einstimmig, denn niemand hat protestiert, als ich das festgehalten habe.") getroffen. Der Franzose vergleicht: "Was in Großbritannien so ist, kann in Frankreich oder Italien ganz anders sein. Erinnern Sie sich noch, als bin Laden umgebracht wurde? Große Story. Zwei Wochen später drehte sich alles um Strauss-Kahn. Die Welt dreht sich weiter."

Die internationalen Agenturmeldungen, die von einem möglichen "Tag des Zorns" oppositioneller Gruppen sprechen, scheinen die FIA nicht groß zu beeindrucken: "Man kann Menschen nicht davon abhalten, mit etwas zu drohen", räumt Todt ein, aber: "Müssen wir deswegen gleich fernbleiben? So etwas kann es auch in unseren Ländern geben. Wenn in einem europäischen Land eine Drohung existiert, bedeutet das dann, dass wir eine internationale Veranstaltung absagen müssen? Ich finde nicht."

"Wir sprechen vom 30. Oktober. Glauben Sie mir, wir werden die Situation genau beobachten. Wenn wir klare Beweise haben, dass die Situation riskant ist, dann werden wir das natürlich in Betracht ziehen. Aber die Entscheidung wurde auf Basis der aktuell verfügbaren Informationen getroffen", gibt der ehemalige Ferrari-Teamchef und Nachfolger von Max Mosley zu Protokoll und stellt ausdrücklich klar: "Wir würden nie zulassen, dass irgendein Mitglied unserer Gemeinschaft einem Risiko ausgesetzt wird."

Geld angeblich kein Argument

Den Vorwurf, dass es wie so oft hauptsächlich ums Geld geht und moralische Bedenken angesichts von Dollar-Millionen auf die leichte Schulter genommen werden, lässt Todt nicht auf dem Formel-1-Zirkus sitzen: "Die Entscheidung wurde nicht aus kommerziellen Gründen getroffen", sagt er und fügt im 'Telegraph' an: "Das ist keine angemessene Anschuldigung. Bernie hat mehr Kopfschmerzen damit, das Rennen zu organisieren und damit Geld zu verdienen als es nicht zu organisieren und Geld damit zu verdienen."

Möglicherweise ist das auch der Grund für die Kehrtwende des Formel-1-Geschäftsführers, denn laut 'Times'-Informationen soll Ecclestone schon am vergangenen Freitag gegen einen Nachholtermin für Bahrain gewesen sein, sich dann aber der Abstimmung entzogen haben. Nun plant er angeblich eine neue Faxabstimmung des FIA-Motorsport-Weltrats (in dem er einen Sitz bekleidet), um das Rennen am 30. Oktober aufgrund der weltweiten Proteste doch noch zu kippen.

Seitens der Teamvereinigung FOTA wird für heute eine Stellungnahme erwartet. Ein Boykott erscheint unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, doch Todt droht den elf Mitgliedern der Teamvereinigung, indem er sagt: "Das ist ihre Entscheidung. Sie haben alle eine Vereinbarung unterschrieben, wonach sie an allen Rennen teilnehmen müssen. Wenn sich jemand anders entscheiden will, soll er das tun. Anschließend werden wir uns ansehen, wie legitim diese Entscheidung war."

"Sport sollte sich nicht in Politik einmischen. Sport sollte eine Medizin sein, die die Menschen dazu bringt, für den guten Zweck und gute Werte zusammenzuarbeiten", appelliert er abschließend. "Viele Menschen in Bahrain haben zu uns gesagt: 'Bitte erlaubt uns, eine internationale Sportveranstaltung auszutragen, mit der wir demonstrieren können, dass der Friede zurück ist. Sport kann die Menschen wieder zusammenbringen.' Außerdem wurden wir auch von der Opposition gebeten, das Rennen dieses Jahr auszutragen."

Fotoquelle: xpb.cc

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