Fairer Verlierer: Sebastian Vettel gratuliert Jenson Button zum Sieg

Formel 1 2011

— 12.06.2011

Vier Stunden, fünf Stopps: Button fightet Vettel nieder!

Drama in Montreal: In einem der spannendsten Autorennen der Geschichte bezwingt Jenson Button erst in der allerletzten Runde Sebastian Vettel

Viele TV-Zuschauer in Europa sind möglicherweise schon eingeschlafen, als der Grand Prix von Kanada heute wegen Regens für zwei Stunden unterbrochen war, doch diejenigen, die durchgehalten haben, wurden doppelt und dreifach entschädigt. Denn das elektrisierende Hochdrama-Finish von Montreal wird mit Sicherheit in die Geschichte der Formel 1 eingehen.

Für Jenson Button war das Rennen eine unglaubliche Achterbahnfahrt: Kollision mit Teamkollege Lewis Hamilton, Kollision mit Fernando Alonso, Reifenschaden, Durchfahrstrafe, insgesamt fünf Boxenstopps - und am Ende doch Sieger im Grand Prix! "Ich weiß nicht, was ich sagen soll - ich bin sehr gerührt", ist der McLaren-Pilot sprachlos. "Selbst wenn ich nicht gewonnen hätte, hätte ich dieses Rennen sehr genossen. Das war wahrscheinlich mein größter Sieg."

Button schien schon aussichtslos zurückzuliegen, doch gut 15 Runden vor Schluss war er der mit Abstand schnellste Fahrer im Feld. Dann half Glücksgöttin Fortuna ein bisschen nach, als das Safety-Car noch einmal auf die Strecke kam und alles zusammenrückte. Vettel führte vor Michael Schumacher (Mercedes), Mark Webber (Red Bull) und Button. Allerdings durfte in den ersten zwei Runden wie im Reglement vorgesehen kein DRS eingesetzt werden.

Unglaubliche Dramatik im Finish

Als DRS dann endlich freigegeben war, fuhr Webber schon an Schumacher vorbei, ließ den Deutschen aber wieder durch, weil er nach dem Manöver die Zielschikane abkürzen musste. In der Runde darauf verschätzte sich Webber an der gleichen Stelle wieder, sodass Button (gerade noch ohne Berührung) durchschlüpfte. Wenig später war dann auch Schumacher leichte Beute. Vor den letzten fünf Runden fehlten allerdings rund vier Sekunden auf Spitzenreiter Vettel.

Doch bei freier Fahrt konnte Button genau dort anknüpfen, wo er vor der Safety-Car-Phase aufgehört hatte, und er verkürzte den Rückstand gleich in der ersten Runde um eineinhalb Sekunden. Anschließend legte auch Vettel ein wenig zu, doch der Abstand schrumpfte weiter. Dann eine entscheidende Szene, als Button in der vorletzten Runde endlich innerhalb der DRS-Sekunde war - und mit 0,9 Sekunden Rückstand in die dramatische letzte Runde ging.

Button erhöhte die Schlagzahl weiter, arbeitete sich dank des hohen Anpressdrucks seines MP4-26 im ersten Sektor an Vettel heran. Der Druck war greifbar, alles rechnete schon mit einem Showdown in der DRS-Zone vor Start und Ziel - doch dann fiel die Entscheidung früher, als alle erwartet hätten: Vettel hielt dem immensen Druck nicht mehr stand, rutschte von der Ideallinie und öffnete somit die Tür für seinen Gegner, an ihm vorbei zum Sieg zu fahren!

"Es tut schon weh, wenn nur noch zwei Kilometer fehlen", seufzt Teamchef Christian Horner, der gar nicht fassen konnte, was sich auf dem Monitor abspielte. Genau entgegengesetzt die Stimmung bei McLaren: Buttons Freundin Jessica sprang völlig losgelöst in der Box herum, Vater John riss lachend die Hände in die Höhe - und sogar "Mister McLaren" Ron Dennis sprach seiner Ex-Truppe ein Kompliment aus: "Ein wirklich außergewöhnliches Rennen!"

Vettel am Ende "zu konservativ"?

Vettel glaubt im Nachhinein, dass er "zu konservativ" war, als das Safety-Car von der Strecke ging und er freie Fahrt hatte: "Vielleicht habe ich da nicht genug Vorsprung herausgeholt. Ich wollte den Abstand nach hinten kontrollieren, aber dann sah ich Jenson und ich musste pushen. Ich glaube, es hätte gereicht, wenn ich nicht einen Fehler gemacht hätte. Ich habe die Hinterräder blockiert, musste dann die Lenkung aufmachen, kam ins Nasse und damit von der Strecke ab."

Besonders bitter: Der Seriensieger hatte vom Start weg geführt, schien nie wirklich ernsthaft in Gefahr zu sein. Trösten kann er sich damit, den Vorsprung in der Weltmeisterschaft auf 60 Punkte ausgebaut zu haben. "Viele Autos sind nicht ins Ziel gekommen. Platz zwei sind auch gute Punkte, aber wenn du es selbst in der Hand hast und es herschenkst, dann ist Platz zwei halt nicht das, was du haben willst", sagt Vettel zerknirscht.

Der Grand Prix hatte schon turbulent angefangen, denn wie befürchtet kam am Sonntag jener Regen, der Montreal noch am Samstag gnädig verschont hatte - und das dafür umso heftiger! Gestartet wurde hinter dem Safety-Car mit Fahrer Bernd Mayländer, der heute nach Vettel die meisten Führungsrunden sammelte. In der fünften Runde wurde endlich freigegeben - und zwischen Webber und Lewis Hamilton (McLaren) kam es im Senna-S prompt zur Kollision.

Whitmarshs Albtraum: Kollision bei McLaren

Hamilton fiel dadurch zurück und fuhr plötzlich hinter seinem Teamkollegen Button, der in den ersten zwei Runden bei unglaublich rutschigen Verhältnissen mehr geeiert als gefahren war. Button leistete sich beim Herausbeschleunigen aus der Zielschikane einen kleinen Fehler, Hamilton hatte Geschwindigkeitsüberschuss, setzte sich neben seinen Landsmann - der aber zog nach innen in Richtung Boxenmauer und schlug die Tür zu! Crash!

"Ich konnte nichts sehen, als er neben mir war, auch nicht im Spiegel. Ich habe mich aber schon bei ihm entschuldigt", so Button nach dem Rennen. Auch Hamilton gibt sich diplomatisch: "Jenson hat in der letzten Kurve zu spät gebremst. Ich kam besser durch, konnte mich seitlich neben ihn setzen. Ich konnte dann nichts mehr machen, konnte in dieser Situation auch nicht mehr ausweichen oder vorbeikommen. Aber das war sicher keine Absicht."

Martin Whitmarsh freut sich, dass die FIA-Kommissare die Situation nicht mit einer zusätzlichen Strafe ahndeten, und betont: "Das Wichtigste ist heute, dass die Stimmung zwischen den Jungs nicht vergiftet ist. Es war einfach unglücklich, würde ich sagen. Jenson hat Lewis nicht gesehen und Lewis weiß, dass Jenson das nicht gemacht hätte, wenn er gewusst hätte, dass Lewis da ist. Sollte nicht passieren, kann aber", erklärt der McLaren-Teamchef.

Während Hamilton noch in der achten Runde austrudelte, machte Button das Beste aus der Situation, indem er die zweite Safety-Car-Phase nutzte, um als Erster auf Intermediates zu wechseln. Tatsächlich war er damit auf einmal der schnellste Mann im Feld - aber die Freude war nur von kurzer Dauer, denn wegen einer Geschwindigkeitsüberschreitung hinter dem Safety-Car warf ihn eine Durchfahrstrafe auf Platz 15 zurück.

Monte-Carlo-Regel wieder in Gebrauch

Binnen weniger Runden arbeitete sich Button wieder auf den siebten, Kamui Kobayashi (Sauber) sogar fast unbemerkt auf den zweiten Platz nach vorne. Dann plötzlich monsunartige Regenschauer - und eine weitere Safety-Car-Phase! Wer hinter Mayländers Mercedes-Sportwagen wieder von Intermediates auf Full-Wets zurückwechselte, hatte Pech, denn in der 25. Runde wurde ohnehin mit der roten Flagge abgebrochen.

Zuletzt hatte es einen Rennabbruch vor zwei Wochen in Monte Carlo gegeben. Damals sorgte die Regel für Diskussionen, wonach während der Unterbrechung an den Autos gearbeitet werden darf, weil dadurch alle Reifen wechseln konnten und die Fans so um ein spannendes Finish gebracht wurden. "Es kann ewig dauern, bis es wieder zu so einer Situation kommt", meinte Williams-Technikchef am Freitag in Montreal. So kann man sich irren...

Es dauerte rund zwei Stunden, bis es (wieder hinter dem Safety-Car) weiterging. Vettel führte das Rennen vor Kobayashi, Felipe Massa (Ferrari), Nick Heidfeld, Witali Petrow (beide Renault) und Paul di Resta (Force India) an. Button war vor den beiden Silberpfeilen Zehnter. Sensationsmann di Resta eliminierte sich wenig später selbst, als er seinen Frontflügel am Heidfeld-Renault abrasierte. Am Ende des Rennens crashte er noch ganz in die Mauer.

Für Button ging es turbulent weiter, denn erst beförderte er Fernando Alonso (Ferrari) aus dem Rennen, als er in Kurve vier die Nase etwas zu weit reinsteckte, und anschließend musste er einen aufgeschlitzten Reifen wechseln lassen - übrigens wieder während einer Safety-Car-Phase. Bei blieb das Rennen munter und unterhaltsam, nur Spitzenreiter Vettel ließ sich von nichts aus der Ruhe bringen und erledigte eiskalt seinen Job.

Starke Performance von Schumacher

Dann schlug die Stunde des Michael Schumacher (Mercedes): Der Montreal-Rekordsieger, dank cleverer Fahrt an vierter Stelle, nutzte einen Fahrfehler von Kobayashi, der auch Massa kostete, und schnappte sich beide auf einen Schlag! Als er beim Restart nach der letzten Safety-Car-Phase kurz neben Vettel auftauchte, witterten einige schon die ganz große Sensation, letztendlich wurde es im dramatischen Finish aber nur der vierte Platz.

"Heute war viel Erfahrung notwendig, um im richtigen Moment schnell zu sein und auf der Strecke zu bleiben", analysiert der 42-Jährige und findet es "natürlich ein bisschen schade, wenn einem das zum Schluss weggenommen wird". Das "Sorry" bei Sportchef Norbert Haug nach dem Rennen hätte er sich aber sparen können, denn nicht nur 'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer findet: "Das war die beste Vorstellung seit seinem Comeback!"

In der 56. Runde entschieden Kobayashi und Heidfeld unfreiwillig den Grand Prix: Der Sauber-Pilot kam im Senna-S auf die nasse Linie und musste abbremsen, um nicht von der Strecke zu fliegen, sodass ihm der von hinten drückende Heidfeld ins Heck fuhr. Bei "Quick Nick" löste sich ein paar Meter weiter der Frontflügel und er crashte vor Kurve vier in den Notausgang - zum Glück ohne einen nennenswerten Einschlag.

Kobayashi-Missgeschick hilft Button

Trotzdem kam erneut das Safety-Car auf die Strecke, sodass aus 13,3 Sekunden Rückstand des zu jenem Zeitpunkt viertplatzierten Button plötzlich greifbare Schlagdistanz wurde. Den Rest der Geschichte haben wir bereits zu Beginn dieses Artikels erzählt. Am Ende fuhr Button nach 4:04:39.537 Stunden 2,7 Sekunden vor Vettel über die Ziellinie - und Webber gewann das Duell mit Schumacher um Platz drei um gerade mal drei Zehntelsekunden.

Petrow sicherte sich Rang fünf, noch vor Massa, der einen möglichen Podestplatz wegwarf, als er beim Überrunden eines HRT in die Mauer krachte und sich die Nase abfuhr. "Typisch Massa", kritisiert Experte Surer. Immerhin beendete der Brasilianer seinen Arbeitstag mit einem brillanten Fotofinish gegen Kobayashi. Abstand: 0,0 Sekunden - aber der Ferrari-Pilot hatte auf der Ziellinie die Zentimeter auf seiner Seite.

Peter Sauber hätte im Nachhinein wohl doch lieber den zweiten Platz zum Zeitpunkt des Abbruchs lieber genommen als Rang sieben für Kobayashi nach voller Distanz. Punkte gab es außerdem für Jaime Alguersuari (Toro Rosso), Rubens Barrichello (Williams) und Sebastien Buemi (Toro Rosso). Rosberg wurde Elfter, Perez-Ersatzmann Pedro de la Rosa (Sauber) nach einer unauffälligen und fehlerfreien Darbietung Zwölfter.

In der Fahrer-WM läuft weiterhin alles für Vettel (161 Punkte), der nun Button (101) als ersten Verfolger im Nacken hat. Webber (94), Hamilton (85) und Alonso (69) dürfen sich ebenfalls noch kleine Titelchancen ausrechnen. Bei den Konstrukteuren hat Red Bull (255) die Nase vor McLaren (186) und Ferrari (101). Neues Schlusslicht: Marussia-Virgin. Weiter geht es am 26. Juni mit dem Grand Prix von Europa in Valencia.

Fotoquelle: xpb.cc

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