Mercedes-Teamchef Ross Brawn hat stets an Michael Schumacher geglaubt

Formel 1 2011

— 21.06.2011

Brawn: Schumacher war "sehr enttäuscht"

Ross Brawn erklärt, warum er Michael Schumachers Galavorstellung in Montreal nicht als "Durchbruch" sieht und wieso er nicht beantworten kann, wie gut Nico Rosberg ist

So groß die Verwunderung über Michael Schumachers schwache Leistungen nach dem Comeback war, so überraschend kam das plötzliche Aufbäumen des Rekord-Weltmeisters beim Grand Prix von Kanada. Es ist zwar bekannt, dass der Mercedes-Pilot bei wechselhaften Bedingungen stets zu den Besten gezählt hatte, doch im Vorjahr wusste er auch auf nasser Strecke nicht zu überzeugen - man erinnere sich nur an den Regen-Grand-Prix in China, als er offensichtlich große Mühe mit seinem Boliden hatte.

Doch war Kanada, wo Schumacher lange Zeit auf Platz zwei lag und auch in Zweikämpfen überzeugte, eine Eintagsfliege oder ist der einstige Ferrari-Superstar nach seiner Pause endlich in der Formel 1 angekommen? Teamchef Ross Brawn, der an der Seite Schumachers seine größten Erfolge in der Formel 1 feierte, winkt ab und meint gegenüber der 'BBC', dass er "immer daran geglaubt" habe, dass Schumacher wieder erfolgreich sein wird.

Doch war Kanada nun der Durchbruch? "Durchbruch würde ich nicht sagen, denn das ist ein zu starkes Wort", so Brawn, der meint, dass die Öffentlichkeit in den vergangenen eineinhalb Jahren zu kritisch mit Schumacher umgegangen ist. "Es gab immer ein paar hartnäckige Gründe, warum Michael nicht die besten Möglichkeiten hatte, um zu demonstrieren was er kann. Er hatte diese typischen Alptraum-Rennen, die jeder Fahrer hat, aber wenn er eines hat, dann steht das besonders im Mittelpunkt."

Schumacher nach Kanada "sehr frustriert"

Laut Schumachers Langzeit-Weggefährten war es nur das Pech, das ihn bisher daran hinderte, mit Teamkollegen Nico Rosberg auf Augenhöhe zu sein. "Es gab viele Rennen, bei denen seine Zeiten im Rennen mit Nicos Zeiten ziemlich vergleichbar waren, das hat sich dann aber nicht im endgültigen Resultat gezeigt", verteidigt er Schumacher.

Er geht sogar noch weiter: Teilweise sei Schumacher sogar besser als in seiner erfolgreichsten Zeit. "Er ist zum Teil besser als früher, denn wenn man sich durchkämpfen und im Feld durchsetzen muss, dann hat man mehr Gelegenheiten, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren", argumentiert Brawn. "Seine Manöver beim Start oder die Augenblicke, in denen er seine Fähigkeiten auf der Strecke zeigt, waren dieses Jahr sehr unterhaltsam."

Brawn fühlte sich in Montreal an die großen Zeiten erinnert: "Das war der alte Michael, vor allem sein Handwerk auf der Strecke und seine Überholmanöver während des Rennens haben das gezeigt." Dass er gegen Ende von Jenson Button und Mark Webber auf Platz vier verdrängt wurde, sorgte bei dieser Galavorstellungen für einen Schönheitsfehler, schließlich scheiterte Schumacher einmal mehr, nach seinem Comeback einen Podestplatz einzufahren. Laut Brawn war Schumacher daher "sehr, sehr frustriert."

Knoten nicht geplatzt?

Allgemein überwog in Montreal jedoch ganz klar das Positive - ist bei Schumacher jetzt der Knoten geplatzt? "Er ist ein sehr erfahrener, selbstbewusster Kerl", sagt Brawn, "daher glaube ich nicht, dass das einen dramatischen Unterschied machen wird, was sein Selbstbewusstsein oder seinen Glauben an seine Fähigkeiten anbelangt. Natürlich ist das ein nützlicher Aufwind, aber ich denke nicht, dass er einen Umbruch nötig hatte. Ich denke nicht, dass er vorher in einer schlechten Position war und jetzt ein gutes Resultat benötigte, damit er in einer guten Position ist. Er war immer in einer ziemlich guten Position."

Die Schwachstelle ist laut Brawn also nicht Schumacher, sondern ganz klar der MGP W02. Das gehe auch aus dem Rennen in Kanada als wichtigste Erkenntnis hervor. Bei Regen "war das Auto so gut wie das der Besten und da war er der Schnellste. Wenn wir ihm das Material geben, dann kann er es mit jedem aufnehmen, das hat er demonstriert."

Wie stark ist Rosberg?

Auch mit Rosberg? Die Leistung des Wiesbadeners sind es, durch die Schumachers Image bisher die meisten Kratzer abbekam. Im Vorjahr hatte der Altstar keine Chance gegen seinen jungen Teamkollegen, auch dieses Jahr führt Rosberg im Qualifying-Stallduell mit 6:1 - in WM-Punkten ist die Bilanz nach Schumachers toller Montreal-Leistung hingegen ausgeglichen.

Dennoch gehen die Meinungen auseinander, ob Rosberg ein "Überflieger" ist, oder bloß zum erweiterten Kreis der Toppiloten zählt. "Das ist immer eine interessante Diskussion, denn Nico befindet sich als Referenz in einem gewissen Vakuum, denn er ist in der Vergangenheit nicht regelmäßig gegen die stärksten Fahrer gefahren", weiß Brawn. Ursache war aber, dass der Sohn vom Weltmeister Keke Rosberg mit dem Williams meist nicht über das Material verfügte, um ganz vorne mitzumischen.

Brawn spricht seinem jüngeren Fahrer aber ein Kompliment aus: "Er ist reifer geworden und hat sich in den vergangenen paar Jahren deutlich verbessert - daher ist er eine sehr starke Referenz." Ob sich daraus ergibt, wie stark Schumacher dieser Tage wirklich fährt, ist jedoch fraglich. "Man kann dieses Vergleichsspiel unendlich weiterspielen", grinst Brawn, der sich regelmäßig mit diesen Fragen kontrontiert sieht. "Wie gut ist Michael im Vergleich zu früher? Ist die Tatsache, dass Nico im Qualifying stärker ist, nicht ein Beweis, dass Michael etwas langsamer ist als früher, oder dass Nico ein außergewöhnlich schneller fahren ist?"

Brawn: Alle Wege führen zum Auto

Er selbst weiß keine Antwort: "Wer weiß? Ich finde keinen Weg, um diese Gleichung zu lösen. Es ist ein Vergleich in einem Vakuum." Dies spielt für den Mercedes-Teamchef aber auch keine große Rolle. "Ich weiß nur, dass wir zwei Fahrer haben, die Ergebnisse einfahren können, wenn wir ihnen ein besseres Auto geben. Also liegt es an uns, das Auto zu verbessern, und ihnen die Möglichkeit zu geben."

Fakt ist aber, dass Brawn mit Schumachers Leistungen zufrieden ist. "Jedes Team wünscht sich den unfairen Vorteil, dass man es sich leisten kann, ein durchschnittliches Auto zu haben, und der Fahrer kümmert sich um den Rest", so der Brite. "Vielleicht ist unser Auto schlechter als wir denken und wir haben die zwei schnellsten Fahrer der Formel 1, wer weiß? Wir wissen nur, dass wir derzeit keine Rennen gewinnen, und wir müssen die Fahrer dafür nicht austauschen. Alles, was wir brauchen, ist ein schnelleres Auto."

Fotoquelle: xpb.cc

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